Düs­sel ...

Ei­ne Ge­schich­te dar­über, wie die Lie­be ein­mal sein könn­te.

Das Magazin - - News - VON IAN MCEWAN

Wie es für mich war, fragst du. Um dir ant­wor­ten zu kön­nen, muss ich fast fünf­zig Jah­re zu­rück­ge­hen, zu ei­ner war­men Frei­tag­nacht und je­nem Mo­ment, in dem ich mei­ner neu­en Freun­din ver­schämt die so scham­lo­se Fra­ge ins Ohr flüs­ter­te. Ich lag da, sie über mir in all ih­rer Pracht, nackt bis auf ein Nie­ten­hals­band aus Gold und La­pis­la­zu­li. Selbst im Bern­stein­licht der Nacht­tisch­lam­pe schim­mer­te die Haut noch weiss. Ih­re Au­gen wa­ren ge­schlos­sen, wäh­rend sie sich auf mir wieg­te; zwi­schen den Lip­pen, leicht ge­öff­net, blitz­ten ih­re schö­nen Zäh­ne. Ih­re rech­te Hand ruh­te lie­be­voll auf mei­ner lin­ken Schul­ter, und sie duf­te­te leicht – nein, nicht nach Par­füm – nach San­del­holz­sei­fe. Die Sei­fen­rie­gel mit dem ein­ge­präg­ten al­ten Se­gel­schiff, die in Sei­den­pa­pier ge­wi­ckelt in der läng­li­chen Bal­sa­holz­schach­tel la­gen, ge­hör­ten ei­gent­lich mir. Sie lieb­te sie seit dem Mo­ment, da sie zum ers­ten Mal mein Bad be­trat. Und ich hat­te nichts da­ge­gen.

Als wir ein­mal in un­se­rem Lie­bes­spiel in­ne­hiel­ten und sie sich vor­beug­te, brach­te ich mei­nen Mund dicht an ihr Ohr­läpp­chen, leck­te es und sprach in den Ge­gen­wind sinn­li­cher Lust, der mir die Wor­te von den Lip­pen zu reis­sen schien: «Liebs­te, ich weiss, ich soll­te nicht, aber ich muss es wis­sen. Na­tür­lich steht es mir nicht zu, dich das zu fra­gen, aber nach die­sen bei­den herr­li­chen Wo­chen … ha­be ich das Ge­fühl … Lieb­ling, Jen­ny … ver­zeih mir, ich lie­be dich und wer­de dich im­mer lie­ben … aber bit­te, sag mir die Wahr­heit: Bist du echt?»

Ehe ich ih­re Re­ak­ti­on be­schrei­be, soll­te ich für jün­ge­re Le­ser er­klä­ren, wie es um die Welt in je­nem be­son­de­ren Mo­ment be­stellt war. Wir hat­ten ge­ra­de ei­ne so­zia­le Re­vo­lu­ti­on hin­ter uns, de­ren Fol­gen in­zwi­schen für völ­lig selbst­ver­ständ­lich ge­hal­ten wer­den. Die Jün­ge­ren be­neh­men sich, wie mir oft auf­fällt, als wä­re über­haupt nichts ge­sche­hen. Für Ge­schich­te ha­ben sie nur we­nig oder gar kei­nen Sinn. Die von frü­he­ren Ge­ne­ra­tio­nen voll­brach­ten Wun­der – sie sind heu­te so ge­wöhn­lich wie das Le­ben selbst. Wie aber je­der In­ter­es­sier­te weiss, be­gann die De­bat­te schon un­zäh­li­ge Jahr­hun­der­te zu­vor, viel­leicht be­reits mit Pla­ton oder auch mit Ma­ry Shel­leys Fran­ken­stein, mit Charles Bab­ba­ge und Ada Lo­ve­lace, den Spe­ku­la­tio­nen von Alan Tu­ring oder zu Be­ginn des drit­ten Jahr­tau­sends, als ein Com­pu­ter­pro­gramm, das mit­tels tie­fer neu­ro­na­ler Net­ze und self-play aus ei­ge­nen Feh­lern lern­te, im ur­al­ten chi­ne­si­schen Spiel Go ei­nen Gross­meis­ter be­sieg­te. Oder aber – wohl der be­deut­sams­te Mo­ment – als ein An­dro­id von ei­nem Men­schen ge­schwän­gert und das ers­te le­bens­fä­hi­ge Koh­len­stoff-si­li­zi­um-ba­by ge­bo­ren wur­de. Nur drei Stras­sen von mei­ner Woh­nung ent­fernt steht auf ei­nem rei­zen­den klei­nen, von Ca­fés ge­säum­ten Platz im Schat­ten ge­stutz­ter Pla­ta­nen ei­ne Sta­tue zu Mol­lys Eh­ren. Kein un­ge­wöhn­li­cher Ort für ein Denk­mal, doch ist es ein hüb­sches acht­jäh­ri­ges Mäd­chen mit T-shirt und Je­ans, das keck, Hän­de in den Hüf­ten, statt ei­nes Ge­ne­rals, Dich­ters oder ei­ner As­tro­nau­tin auf dem Pie­des­tal steht.

Kann ei­ne Ma­schi­ne Be­wusst­sein ha­ben? Oder, an­ders ge­fragt, sind Men­schen bloss bio­lo­gi­sche Ma­schi­nen? Bis zur po­si­ti­ven Ant­wort auf bei­de Fra­gen ver­stri­chen vie­le Jahr­zehn­te in­ter­na­tio­na­len Hick­hacks zwi­schen Neu­ro­wis­sen­schaft­lern, Bi­schö­fen, Phi­lo­so­phen, Po­li­ti­kern und der brei­ten Öf­fent­lich­keit. Erst als es längst über­fäl­lig war, wur­de künst­li­chen Men­schen der vol­le Schutz di­ver­ser Men­schen­rechts­kon­ven­tio­nen ge­währt. Eben­so ih­ren Nach­kom­men ge­misch­ter Her­kunft. An­de­re Rech­te folg­ten dar­aus, dar­un­ter die mit ei­ner Ehe­schlies­sung ver­bun­de­nen Vor­tei­le, das Recht auf Be­sitz, auf ei­nen Pass, auf Ar­beit­neh­mer­schutz so­wie das Stimm­recht. Seit­her kann ein An­dro­id ein Un­ter­neh­men grün­den, reich

wer­den, bank­rott­ge­hen, an­ge­klagt und auch er­mor­det wer­den, nicht bloss zer­stört. Über­all auf der Welt er­liess man «Au­to­no­mie­ge­set­ze«, wo­nach es il­le­gal wur­de, ei­ne künst­lich her­ge­stell­te Per­son zu kau­fen oder zu be­sit­zen. Die ju­ris­ti­sche Spra­che ori­en­tier­te sich da­bei be­wusst an den Ge­set­zen zur Ab­schaf­fung der Skla­ve­rei aus dem neun­zehn­ten Jahr­hun­dert. Und mit den Rech­ten ka­men die Pflich­ten – beim Mi­li­tär­dienst et­wa gab es gar kei­ne Dis­kus­si­on, der Ge­dan­ke war zu ein­leuch­tend. Und in An­be­tracht der vie­len ko­gni­ti­ven De­fek­te des Men­schen und sei­nes un­zu­ver­läs­si­gen, all­zu be­ein­fluss­ba­ren Er­in­ne­rungs­ver­mö­gens wa­ren An­dro­iden als Ge­schwo­re­ne ei­ne höchst nütz­li­che Er­gän­zung.

Un­se­re Ge­ne­ra­ti­on wur­de in den Nach­we­hen die­ser Re­vo­lu­ti­on er­wach­sen – tur­bu­len­te Jah­re vol­ler Lei­den­schaft und be­sorg­ter De­bat­ten. Was heisst es, ein Mensch zu sein? Un­ser Be­griff da­von wur­de auf in­ter­es­san­te oder auch tra­gi­sche Wei­se er­wei­tert. Die wis­sen­schaft­li­che Eli­te war sich ei­nig, dass un­se­re neu ge­schaf­fe­nen Freun­de Schmerz, Freu­de und Reue emp­fin­den konn­ten, nur: Wie liess sich das be­wei­sen? Seit An­be­ginn des phi­lo­so­phi­schen Den­kens hat­ten wir uns die­sel­be Fra­ge über un­se­re Mit­men­schen ge­stellt. Soll­te es uns nun be­un­ru­hi­gen oder freu­en, dass An­dro­iden im Gros­sen und Gan­zen klü­ger wa­ren als wir, lie­bens­wür­di­ger, schö­ner? Und hat­ten die Re­li­giö­sen un­ter uns un­recht, die ih­nen ei­ne See­le ab­spra­chen?

Kaum aber war die Sa­che aus­dis­ku­tiert und die Ge­set­zes­la­ge an­ge­passt, ging das Le­ben – wie so oft bei kon­tro­ver­sen ge­sell­schaft­li­chen Um­wäl­zun­gen – ein­fach wei­ter, und schon bald konn­te sich nie­mand mehr er­in­nern, wor­über man sich ei­gent­lich so auf­ge­regt hat­te. Es heisst ja, die gros­sen Fra­gen der Phi­lo­so­phie wer­den nie­mals be­ant­wor­tet, sie ver­san­den ein­fach ir­gend­wann. All die Pro­test­mär­sche, Pam­phle­te, Re­den, Kon­fe­ren­zen und Un­heils­pro­phe­zei­un­gen ver­lie­fen im Nichts. Die neu­en Freun­de wa­ren uns schliess­lich sehr ähn­lich; nur ein we­nig sym­pa­thi­scher. Man konn­te ih­nen ver­trau­en, wes­halb so vie­le von ih­nen Ju­ra stu­dier-

ten, ins Bank­ge­schäft oder in die Po­li­tik gin­gen und dort not­wen­di­ge, längst über­fäl­li­ge Re­for­men auf den Weg brach­ten. Sie wa­ren ih­rem We­sen nach für­sorg­lich, al­so wur­den vie­le Ärz­te oder Kran­ken­pfle­ger. Sie wa­ren stark und schnell und stell­ten bald zwei Drit­tel un­se­res olym­pi­schen Leicht­ath­le­tik­teams, auch wenn es wei­te­re fünf­zehn Jah­re dau­er­te, bis sie den Hür­den­lauf meis­ter­ten. In der Mu­sik er­wie­sen sie sich be­kannt­lich in je­der Spar­te als bril­lan­te In­stru­men­ta­lis­ten und Kom­po­nis­ten. Und wenn es uns wurm­te, dass sie in al­lem viel­leicht ein biss­chen zu gut wa­ren, konn­ten wir uns im­mer noch da­zu be­glück­wün­schen, dass sie un­se­re Schöp­fung wa­ren, ge­schaf­fen nach un­se­rem Bild, die letz­te voll­ende­te Blü­te un­se­res künst­le­ri­schen wie tech­ni­schen Ge­nies. Sie wa­ren, wie wir oft sag­ten, die bes­se­ren En­gel un­se­rer Na­tur.

In ei­ner Ab­fol­ge von klei­nen, al­ler­dings aus­gie­big kom­men­tier­ten Schrit­ten, die Aus­wir­kun­gen auf das So­zi­al­le­ben eben­so wie auf die Recht­spre­chung hat­ten, ge­lang­ten wir schliess­lich zu der Ein­sicht und der all­ge­mein ak­zep­tier­ten Auf­fas­sung, dass auch die von uns ge­fer­tig­ten Art­ge­nos­sen un­ein­ge­schränk­te Wür­de be­sit­zen und ih­re Pri­vat­sphä­re ge­ach­tet wer­den muss. Soll heis­sen, in nur we­ni­gen Jah­ren wur­de es ge­sell­schaft­lich ver­pönt – ganz an­ders als noch in un­se­rer Ju­gend – zu fra­gen.

So konn­te man sich bei­spiels­wei­se bei ei­nem Ga­lad­in­ner an­läss­lich ei­nes be­deu­ten­den Li­te­ra­tur­prei­ses auf die über­aus cle­ve­re Be­mer­kung des char­man­ten Ti­sch­nach­barn hin nicht mehr er­kun­di­gen, ob er, ein höchst an­ge­se­he­ner Ver­le­ger, wo­mög­lich ein bio­si­li­kat­ba­sier­tes, re­gio­nal her­ge­stell­tes Ar­te­fakt sei. Zwan­zig Jah­re zu­vor wä­re das durch­aus noch mög­lich ge­we­sen – ja, es wä­re so­gar das Ers­te ge­we­sen, was man hät­te wis­sen wol­len, und man hät­te dar­in kaum mehr als ei­nen bei­läu­fi­gen Ge­sprächs­auf­takt ge­se­hen. Fast so, als wür­de man sa­gen: «Mir ist zu Oh­ren ge­kom­men, dass Sie ein Fe­ri­en­haus in Thü­rin­gen ha­ben. Ich auch!» So­bald das letz­te starr­sin­ni­ge Mur­ren über po­li­ti­cal cor­rect­ness zu­sam­men mit die­sen dum­men al­ten «Sie-le­ben-un­ter-uns»-hor­ror­ge­schich­ten ver­stummt war, fand man es be­lei­di­gend, wenn nicht gar or­di­när, die Fra­ge zu stel­len, ziel­te sie doch auf et­was rein Kör­per­li­ches, zu­mal die De­bat­te um das Be­wusst­sein längst ge­klärt war. Es war eben­so un­an­ge­mes­sen, wie je­man­den bei ei­ner Por­ti­on Scho­ko­la­den­mous­se zu fra­gen: «Stimmt es wirk­lich? Al­le Welt be­haup­tet, Sie hät­ten ei­nen künst­li­chen Darm­aus­gang.»

Noch ein Bei­spiel. Als Mrs. Ta­b­i­tha Rap­t­ing mit ei­ner Mehr­heit von zwei Ab­ge­ord­ne­ten Pre­mier­mi­nis­te­rin wur­de, ka­men Zwei­fel auf, ob sie «echt» sei – noch so ein ver­let­zen­des Wort, das nicht mehr be­nutzt wird. Mir geht es je­doch um Fol­gen­des: Ge­sell­schaft­lich hat­ten wir schon ei­ne rie­si­ge Kluft über­wun­den, denn man äus­ser­te sol­che Zwei­fel nicht mehr in der Öf­fent­lich­keit. Höchs­tens am Tre­sen im Golf­klub oder auf Pro­test­de­mos mar­gi­na­ler, ra­di­ka­ler Grup­pie­run­gen. Man hät­te es un­an­stän­dig ge­fun­den, ob­szön, fast so et­was wie ras­sis­tisch und folg­lich auch wohl il­le­gal. All das ist lan­ge her, und bis heu­te wis­sen wir nicht ge­nau, wann zum ers­ten Mal ein An­dro­id Pre­mier­mi­nis­ter wur­de. Oder ob dies je der Fall ge­we­sen ist. Oder ob wir nicht in un­un­ter­bro­che­ner Fol­ge von An­dro­iden re­giert wer­den. Ge­nau­so we­nig wie wir wis­sen, ob je­mals ein An­dro­id in Wim­ble­don ge­wann, sei es im Da­men- oder Her­ren­ein­zel. Oder ob in den letz­ten zwan­zig Jah­ren über­haupt je ein Mensch ge­won­nen hat.

Falls jün­ge­re Le­ser mei­ne Fra­ge an Jen­ny in je­ner schwü­len Ju­li­n­acht al­so ab­scheu­lich fin­den, möch­te ich sie dar­an er­in­nern, dass ich der Ge­ne­ra­ti­on an­ge­hö­re, die den Über­gang mit­er­leb­te. Als fle­gel­haf­te Te­enager mit dem un­ver­zeih­li­chen Hob­by, in Ein­kaufs­zen­tren Pas­san­tin­nen hin­ter­her­zu­ru­fen, wa­ren wir fest da­von über­zeugt, den Un­ter­schied an ei­nem Dut­zend An­zei­chen er­ken­nen zu kön­nen. Das war na­tür­lich Un­sinn – auch wenn uns das kaum be­irrt hät­te. Aus­ser durch ei­ne Dna-ana­ly­se oder ei­nen tie­fen mi­kro­chir­ur­gi­schen Ein­griff lässt sich das nicht fest­stel­len. Al­ler­dings wuss­ten wir auch, dass wir von den Op­fern un­se­rer Pö­be­lei­en stets ei­ne Ant­wort ver­lan­gen konn­ten, schliess­lich wa­ren An­dro­iden dar­auf pro­gram­miert, im­mer die Wahr­heit zu sa­gen – bis auch das ge­än­dert wur­de.

Mit Stolz den­ke ich dar­an zu­rück, dass Jen­ny nicht be­lei­digt war. Sie rück­te nä­her an mich her­an. Die Au­gen nun of­fen, dun­kel und schwarz, blick­te sie mich an. Sie fühl­te sich – Wor­te ver­sa­gen hier kläg­lich – flüs­sig an, weich, warm, all­um­fas­send. Sen­si­bel und sinn­lich. Ach, was für ei­ne lie­bens­wer­te Per­son. Ein Don­ner­keil aus Lust und Lie­be mach­te mich fast taub, doch war mei­ne Neu­gier­de über­gross, ich hör­te je­des Wort, das sie sag­te. Mo­men­te wie die­se blei­ben uns bis an den Rand des Gr­a­bes in Er­in­ne­rung. Un­ser Kuss, ehe sie sprach, war zärt­lich, stür­misch. Ih­re Lip­pen, ih­re Zun­ge – ein Wun­der, wer oder was auch im­mer sie ge­formt ha­ben moch­te. Und noch ehe ich mei­ne Ant­wort be­kam, wuss­te ich, ich wür­de mei­ne Ge­lieb­te nie­mals ver­las­sen. War­um al­so soll­te es wich­tig sein, wor­aus sie be­stand?

«Du bist mein.» Sie sag­te es ganz sach­lich. Bei un­se­rem Lie­bes­spiel hat­te sie die­se Wor­te schon ab und zu ge­spro­chen, und sie hat­ten mich je­des Mal glück­lich ge­macht. «Und ich ge­hö­re dir. Al­les an­de­re ist Schall und Rauch.»

Da sie nun schwieg, frag­te ich mich ket­ze­risch, ob die­se Lie­bes­schwü­re, al­ler Auf­rich­tig­keit zum Trotz, nicht gleich­sam Aus­flüch­te wa­ren. Nur wie konn­te ich an ihr zwei­feln?

«Ich dach­te, du wüss­test es längst. Ich wur­de in Düs­sel­dorf in Gross­frank­reich her­ge­stellt. Ge­nau wie mei­ne El­tern und die Tan­ten, zu de­nen du so nett bist. Mein Vet­ter aber, den wir im Re­stau­rant ge­trof­fen ha­ben und den du beim Squash zu schla­gen ver­such­test, der ist aus Tai­wan.»

«Düs­sel­dorf !» Das war al­les, was ich her­aus­brach­te, und selbst da­von ver­schluck­te ich die letz­te Sil­be, über­wäl­tigt wie ich war. So mäch­ti­ge Ge­füh­le hat­te ich bis­lang nicht ge­kannt, sie ge­hör­ten zur Welt der Din­ge, zur Lee­re zwi­schen ih­nen, zum We­sen von Ma­te­rie und Raum. Um die­se bei­den En­ti­tä­ten schwoll nun ei­ne al­les ver­schlin­gen­de Flut der Ek­s­ta­se an. Die­se Be­stä­ti­gung ih­rer frem­den, schö­nen An­ders­ar­tig­keit er­reg­te die Welt, die mich ein­schloss, bis zum selbst­ver­ges­se­nen Null­punkt je­der Sin­gu­la­ri­tät. In­ner­halb von Se­kun­den hat­te ich mich, um es in der bild­haf­ten Spra­che mei­ner Ein­kaufs­zen­trumju­gend aus­zu­drü­cken, «ins Wel­tall ka­ta­pul­tiert». Matt griff ich mir ans Herz und ver­lor kurz die Be­sin­nung. Wie ich mich schäm­te, ein der­art ego­is­ti­scher Lieb­ha­ber zu sein – was ich ihr auch ge­stand, so­bald ich ins Hier und Jetzt zu­rück­ge­kehrt war. Na­tür­lich lag es in ih­rer Na­tur, mir zu ver­ge­ben.

Ich war ver­liebt, und es gab kein Zu­rück. Jetzt aber wuss­te ich et­was über sie, das ich stets im Hin­ter­kopf be­hal­ten muss­te. Sie ver­ar­bei­te­te Da­ten mit hal­ber Licht­ge­schwin­dig­keit und konn­te mil­lio­nen­mal schnel­ler den­ken als ich. Aus Takt und Rück­sicht­nah­me wür­de sie es mich nie mer­ken las­sen, doch soll­ten wir ein­mal zu­sam­men­le­ben, muss­te ich mir im Kla­ren dar­über sein, dass es schwer sein dürf­te, im Streit die bes­se­ren Ar­gu­men­te vor­zu­brin­gen oder ei­ne ih­rer Ent­schei­dun­gen in­fra­ge zu stel­len. Noch wäh­rend ich die Ach­sel zuck­te und den Blick von ihr ab­wand­te, um mei­ne Ge­dan­ken zu sam­meln, könn­te sie in stil­ler Re­fle­xi­on na­he­zu al­les re­ka­pi­tu­lie­ren, was uns über die mensch­li­che Na­tur und die Ge­schich­te der Zi­vi­li­sa­ti­on be­kannt war.

Nun, da hast dus, so war es für mich. Mei­ne Ge­ne­ra­ti­on steht mit je ei­nem Bein auf bei­den Sei­ten ei­ner Kluft, ei­ner der tiefs­ten Sen­ken in je­nem ste­tig sich ver­län­gern­den Ge­birgs­zug, den wir die Ge­schich­te der Mo­der­ne nen­nen. Glau­be mir, wenn du dich nie bei ei­ner Ma­schi­ne da­für ent­schul­di­gen muss­test, dass du ihr die scham­lo­se Fra­ge ge­stellt hast, hast du auch kei­ne Vor­stel­lung von der his­to­ri­schen Dis­tanz, die mei­ne Ge­ne­ra­ti­on und ich über­brückt ha­ben.

«Bist du echt?»

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