ÜBER SCHREI­BEN­DE KÜNST­LER

Das Magazin - - Lenny Kravitz Hans Ulrich Obrist - HANS UL­RICH OBRIST ist künst­le­ri­scher Di­rek­tor der Ser­pen­ti­ne Gal­le­ries in Lon­don. Hans Ul­rich Obrist

Mein ers­ter Mu­se­ums­job über­haupt war es, ei­nen Text über Gi­a­co­met­ti zu schrei­ben. Su­zan­ne Pa­gé, die Di­rek­to­rin des Mu­sée d’art Mo­der­ne de la Vil­le de Pa­ris be­auf­trag­te mich An­fang der 90er-jah­re da­mit, und ich mach­te mich so­fort auf, mög­lichst je­den zeit­ge­nös­si­schen Künst­ler zu be­su­chen, der Gi­a­co­met­ti noch per­sön­lich ge­kannt hat­te. Ich traf Car­tier-bres­son, den Sur­rea­lis­ten Ro­ber­to Mat­ta und auch Franz West, den Bild­hau­er aus Ös­ter­reich, der der Gi­a­co­met­ti der Ge­gen­wart war. Ich frag­te ihn: «Was ist Ih­re ers­te As­so­zia­ti­on, wenn Sie den Na­men Gi­a­co­met­ti hö­ren?» Die Ant­wort war so la­ko­nisch wie tref­fend: «Lang und dünn.»

Dar­an muss­te ich den­ken, als ich die gros­se Franz-west-re­tro­spek­ti­ve im Cent­re Pom­pi­dou sah. Nicht oh­ne Grund. Ich ha­be ge­ra­de sei­ne Schrif­ten her­aus­ge­ge­ben und woll­te mir Wests Plas­ti­ken an­se­hen, so­lan­ge mir sei­ne No­ti­zen, Es­says und Ge­brauchs­an­lei­tun­gen noch sehr prä­sent sind.

Wenn man liest, was ein Künst­ler schreibt be­zie­hungs­wei­se ge­schrie­ben hat – West starb 2012 –, ver­steht man das Werk bes­ser. Da­von bin ich über­zeugt, al­len Ru­fen zum Trotz, man sol­le Kunst und Künst­ler so­wie des­sen Ge­dan­ken und Kun­st­ob­jek­te von­ein­an­der tren­nen. Na­tür­lich gibt es Künst­ler, die sich nicht oder nur sehr sel­ten schrift­lich äus­sern und nur ihr Werk spre­chen las­sen wol­len. Aber es gibt auch sehr vie­le an­de­re Künst­ler, die viel und re­gel­mäs­sig schrei­ben: was sie ge­ra­de be­wegt, woran sie ar­bei­ten, war­um sie et­was tun. Die Schrif­ten ei­nes Künst­lers zu le­sen, gleicht ei­nem Blick in sein Den­ken. Man kommt der Qu­el­le der Kunst so nah wie nir­gends sonst.

Das gilt ins­be­son­de­re für West. In vie­len Tex­ten setzt er sich mit sei­nem äl­te­ren Halb­bru­der aus­ein­an­der, dem Wie­ner Poe­ten und Kaf­fee­haus-ori­gi­nal Ot­to Ko­ba­lek, der zu der Schrift­stel­ler­ver­ei­ni­gung der Wie­ner Grup­pe ge­hör­te. Die stand in der Tra­di­ti­on von Da­da, hat Hap­pe­nings auf­ge­führt und mit Bild und Text ge­ar­bei­tet, sie zu Col­la­gen ver­bun­den und über­haupt ih­re Wer­ke als mo­bi­le Ver­satz­stü­cke be­trach­tet, die an vie­len Stel­len an­do­cken. Wenn man das weiss, ver­steht man plötz­lich ganz an­ders, was West mein­te, wenn er von sei­nen Skulp­tu­ren als «Pass­stü­cken» sprach, die so­wohl an­ein­an­der als auch an an­de­re Kör­per und Din­ge pas­sen. Wests Schrif­ten ge­ben nicht nur sei­nen Skulp­tu­ren ei­nen Kon­text, sie sind auch Kunst­wer­ke ei­ge­nen Rechts. Wie sein wun­der­ba­rer Apho­ris­mus aus dem Jahr 1975: «Kunst kann, muss aber nicht elek­trisch sein.»

«Pass­stü­cke» nann­te der Bild­hau­er Franz West vie­le sei­ner Plas­ti­ken. Und lie­fer­te manch­mal gleich auch noch ei­ne schrift­li­che Er­klä­rung mit.

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