Schwein ge­habt: Das Land­le­ben macht doch Freu­de.

Wie es ein jun­ges Paar aus der Stadt an­stell­te, zu Bau­ern zu wer­den.

Das Magazin - - N° 40 — 6. Oktober 2018 - Text han­nes gras­seg­ger Bil­der Lu­kas Wass­mann

Am 17. Sep­tem­ber 2010 sind Clau­dia und Ge­org, da­mals bei­de En­de zwan­zig, in Wi­en. Ein Sti­pen­di­um an der be­rühm­ten Kunst­aka­de­mie, ei­gent­lich ein Traum. Doch statt auf ei­ne der Par­tys zu ge­hen, statt im Ate­lier zu ar­bei­ten, in der Bi­b­lio­thek zu sit­zen oder zu­min­dest in ei­nem Kaf­fee­haus, hängt das Paar vor dem Fern­se­her und schaut SRF: « Ab auf die Alp!»

«Das ist schön», sagt Clau­dia in ih­rem hüb­schen Bünd­ner Ak­zent, «al­so nicht die Sen­dung, aber die Alp.» – «Alp­sum­mer», brummt Ge­org in sei­nem nu­sche­li­gen Bie­ler Sing­sang. «Wär das was für uns?»

Er greift sich das Te­le­fon und ruft sei­nen Va­ter an. Der ist über­rascht. Han­sul­rich Bl­unier ist als Bau­ern­sohn auf­ge­wach­sen, aber dann muss­ten sei­ne El­tern den Hof ab­ge­ben. Er wur­de Me­di­zi­ner. Und nun fragt sein fast dreis­sig­jäh­ri­ger Sohn, wie das Le­ben auf dem Hof sei. Und ob er schon mal «al­pen» ge­we­sen sei. «Wenn du wis­sen willst, wie Äp­fel schme­cken, musst du rein­beis­sen», ant­wor­tet der Va­ter.

Clau­dia Hani­mann ist Fo­to­gra­fin, ihr Freund Ge­org Bl­unier, den man Schorsch ruft, macht Skulp­tu­ren. Sie lern­ten sich in ei­nem Se­mi­nar an der Zürcher Hoch­schu­le der Küns­te ken­nen. Clau­dia ist vom Prät­ti­gau, wo sie auf­wuchs, dank ih­rer Kunst ziem­lich her­um­ge­kom­men: Auf­ent­hal­te in New York, Pa­ris und Wi­en; ers­te Aus­stel­lun­gen; ein As­sis­ten­tin­nen­job bei ei­nem be­kann­ten Künst­ler. Auch Ge­org hat schon aus­ge­stellt. Bei­de ma­chen ih­ren Weg, ha­ben die rich­ti­gen Freun­de. Das könn­te was wer­den.

Doch ins­ge­heim ist Clau­dia da­bei, die Lust an der Kunst zu ver­lie­ren: der stän­di­ge Zwei­fel am Sinn des ei­ge­nen Schaf­fens. Das Netz­wer­ken auf Par­tys. Die ewi­ge Selbst­ver­mark­tung. Das zehrt. «Ner­vo­si­tät», sagt Clau­dia, die Wort­kar­ge, wur­de das be­herr­schen­de Ge­fühl. Ge­org geht es ähn­lich. Er ist all­mäh­lich an­ge­ödet da­von, «stän­dig auf­ge­regt hin­ter je­der neu­en Mo­de hin­ter­her­zu­ren­nen».

Er hat Sehn­sucht nach ei­ner an­de­ren Le­bens­form. Des­we­gen war er einst zur Kunst ge­kom­men. Mehr und mehr aber zwei­fel­te er: Die­se «an­de­ren Wel­ten», die Kom­mu­nen und so – wa­ren die nicht al­le ge­schei­tert? Ge­org glaub­te nicht mehr dran. Die Alp auf SRF da­ge­gen war et­was an­de­res. Die war re­al.

Er ist kein Zö­ge­rer. In Biel hat Ge­org ein­mal ei­ne gan­ze Aus­stel­lung an ei­nem Tag auf die Bei­ne ge­stellt, sagt ein al­ter Freund – er sei ein An­pa­cker. So ein Land­le­ben reizt ihn jetzt, Clau­dia auch. Sie ist die Toch­ter ei­nes Tier­arz­tes, als Kind hat­te sie ei­ne ei­ge­ne Geiss. Wie­der Tie­re zu ha­ben, das wä­re schön.

An ei­nen ei­ge­nen Hof mit Land zu kom­men, ist in der Schweiz al­ler­dings fast un­mög­lich. Aus­ser man ist reich. Auch wenn sich die Zahl der Hö­fe seit 1980 hal­biert hat, auch wenn pro Tag drei Land­wir­te auf­hö­ren: Wer als Ein­stei­ger ei­nen Hof will, muss den Markt­preis zah­len, den «Ver­kehrs­wert», was je nach Land, Ge­bäu­den und Ma­schi­nen meh­re­re Mil­lio­nen be­deu­ten kann. Weil sich das in ei­nem gan­zen Bau­ern­le­ben nicht er­wirt­schaf­ten lässt, ge­ben Ban­ken kei­ne Kre­di­te. Ein land­wirt­schaft­li­ches Ein­kom­men in der Schweiz liegt laut dem neus­ten Grund­la­gen­be­richt bei et­was über 47 000 Fran­ken pro Kopf pro Jahr. Berg­bau­ern ver­die­nen nur 36 000 Fran­ken. Da­her brau­chen je­ne, die auf­hö­ren, auch das Geld. Falls sie den Hof al­so nicht in­ner­halb der Fa­mi­lie über­ge­ben, ist ih­re Lö­sung oft­mals, den Bo­den an Land­wir­te zu ver­pach­ten, die sich ver­grös­sern wol­len. Und sel­ber im Hof­haus zu blei­ben. Des­we­gen sind Hof­bau­ten noch schwe­rer zu fin­den als Land. und des­we­gen fah­ren üb­ri­gens so häu­fig Trak­to­ren auf den Stras­sen: pen­deln­de Bau­ern.

Oh­ne je­de Er­fah­rung

Clau­dia und Ge­org ge­hen im Som­mer 2011, ein Drei­vier­tel­jahr nach dem Fern­seh­abend in Wi­en, zur Pro­be zu­sam­men auf die Alp. Sie ha­ben sich für die här­tes­te Va­ri­an­te ent­schie­den: ei­ne Hoch­alp im Wal­lis, in­klu­si­ve Kä­se­rei. Die Alp liegt sehr ab­ge­schie­den: oh­ne Strom, nur kal­tes Was­ser. Clau­dia hat ei­nen Schnell­kurs als Kä­se­rin ge­macht, an­sons­ten ha­ben die bei­den null Er­fah­rung. Es wird ein Kampf.

Ge­org muss das Vieh zur Wei­de füh­ren, je­den Tag, im Son­nen­schein wie im Re­gen, und auf den stei­len Pfa­den ver­hin­dern, dass die Kü­he ab­stür­zen. Auf dem Hin­ und auf dem Rück­weg. Zwei­mal am Tag muss er zwei Dut­zend Tie­re mel­ken. Clau­dia feu­ert den Kes­sel mit Holz, rührt Milch ein, setzt Lab an. Doch sie schaf­fen es. Zu­min­dest die Tie­re blei­ben ge­sund. «Wie Ma­ger­süch­ti­ge sa­hen wir schliess­lich aus», sagt Clau­dia. Un­ter nor­ma­len Um­stän­den hät­te der Alp­hor­ror wohl da­zu ge­führt, dass sie es sein las­sen mit der Land­wirt­schaft. Wä­re Clau­dia nicht

auf der Alp schwan­ger ge­wor­den. So aber stand oh­ne­hin ei­ne gros­se Ent­schei­dung dar­über an, wie sie le­ben woll­ten.

Und die fällt recht schnell. Ali­na Cla­vuot, die Clau­dia noch aus Grau­bün­den kann­te, die dann auch an der ZHDK lan­de­te und mit der sie auf all die Ver­nis­sa­gen ging, er­in­nert sich an die­se Zeit: «Auf ei­nen Schlag de­bat­tier­ten Clau­dia und ich über den Preis von Kü­hen. Den Un­ter­schied zwi­schen Kuhras­sen. Die Kos­ten ei­nes Trak­tors.» Clau­dia ha­be ei­ne Wei­le dar­über nach­ge­dacht, wie sie die Kunst und die Land­wirt­schaft ver­bin­den kön­ne. «Aber da hat sie dann bald ent­schie­den, dass nur das ei­ne geht.» Clau­dia stürzt sich in ei­ne Nach­hol­bil­dung für Er­wach­se­ne, am Plan­tahof in Land­quart. Der Ab­schluss, ei­ne Art Schnell­blei­che, bringt die be­rühm­te Dz-be­rech­ti­gung – die Li­zenz für die Di­rekt­zah­lun­gen, die Bau­ern jähr­lich auf ih­re Kon­ten be­kom­men. Oh­ne kann man zwar theo­re­tisch auch ei­nen Hof über­neh­men, doch kaum über­le­ben.

Ge­org wie­der­um in­ter­es­siert die Theo­rie: War­um, fragt er sich, muss man Alp­kü­he ei­gent­lich zwei­mal am Tag mel­ken? Er hat ge­le­sen, dass in Neu­see­land nur ein­mal täg­lich ge­mol­ken wird. War­um nicht auch hier? Er be­ginnt Stu­di­en zu le­sen. Goo­gelt, bis er auf Beat Reidy stösst, ei­nen Do­zen­ten an der land­ wirt­schaft­li­chen Hoch­schu­le in Zol­lik­ofen, spe­zia­li­siert auf «Wie­der­käu­er­sys­te­me». Ei­nes Ta­ges klopft es bei Reidy an der Tür. «Da kommt bei mir so ein jun­ger Mann an. Gross ge­wach­sen, ver­fleck­te en­ge Ho­sen, ganz weit hoch­ge­zo­gen. So ein Künst­ler­typ.»

Der Schorsch von der Alp. «Der woll­te an sei­nen Kunst­ba­che­lor ei­nen Mas­ter in Agro­no­mie an­hän­gen.» Zu­vor hat­te er Reidy mit Mails bom­bar­diert, Fra­gen zum Mel­ken. Der Do­zent merkt: Der meint es ernst. Reidy hat ein Herz für Leu­te wie Schorsch. Er hat­te frü­her selbst mit der Kunst­ge­wer­be­schu­le ge­lieb­äu­gelt. Auch ihn treibt die Pas­si­on. Er nimmt den jun­gen Bl­unier un­ter sei­ne Fit­ti­che und un­ter­stützt ihn mit sei­nem Kol­le­gen Pe­ter Tho­met bei den Auf­nah­me­prü­fun­gen. Ge­org hat ei­nen un­ge­heu­ren Wis­sens­drang und steigt spä­ter zum As­sis­ten­ten auf.

2012 ge­hen Clau­dia und Ge­org wie­der auf ei­ne Alp, dies­mal in Küblis. Zwei­ter Ver­such. Oh­ne Kä­se­rei, da­für mit Mut­ter­kü­hen – und ei­nem Säug­ling, dem ge­ra­de mal sechs Wo­chen al­ten Sohn, den sie Men ge­tauft ha­ben. Und sie stel­len fest: Ja, das ist es. So be­ginnt ih­re Su­che nach ei­nem Hof.

Über ein Jahr spä­ter, En­de 2013, wäh­rend ih­rer Aus­bil­dung in Land­quart, ent­deckt Clau­dia ein in­ter­es­san­tes In­se­rat: ei­ne neun­jäh­ri­ge Pacht, in Pas­pels, zwan­zig Au­to­mi­nu­ten hin­ter Chur. Berg­land mit Hof­haus und Stall, Süd­hang. 28 Hekt­aren Land. Be­geis­tert ruft sie Ge­org an der Uni in Zol­lik­ofen an.

Süs­se Äp­fel

So­bald man, von Chur kom­mend, nach links ins Dom­leschg ab­biegt, er­trinkt man fast in Schön­heit. Die Ge­mein­de um­fasst ein weit­läu­fi­ges grü­nes Tal, auf je­der zwei­ten Hü­gel­kup­pe steht ei­ne Burg­rui­ne oder ein Schlöss­chen, mehr als zwan­zig im Gan­zen. Mit run­den Burg­tür­men, ecki­gen, brei­ten, schlan­ken. Die auf­säs­si­gen Ein­woh­ner zer­trüm­mer­ten sie al­le, als sie sich 1451 ge­gen ih­re Her­ren auf­lehn­ten. Die Rui­nen lies­sen sie ste­hen, Mahn­mal für je­den, der ver­su­chen soll­te, Dom­leschg er­neut zu un­ter­wer­fen.

Die Son­ne scheint hier be­son­ders viel, des­we­gen lie­fer­te man schon vor Jahr­hun­der­ten süs­se Äp­fel bis nach Russ­land. Der aus­ge­schrie­be­ne Hof liegt hin­ter Pas­pels. Das Dorf hat rund 500 Ein­woh­ner und ist we­gen sei­ner al­ten St­ein­bau­ten und der La­ge im Bun­des­in­ven­tar der schüt­zens­wer­ten Orts­bil­der als «Spe­zi­al­fall» auf der Kar­te ein­ge­tra­gen. Ein Schild zeigt zum «Hof Dusch».

Clau­dia und Ge­org bie­gen am Orts­rand in ei­ne Schot­ter­stras­se ein, fol­gen ih­rem sanf­ten Links­bo­gen durch die Wei­zen­fel­der. Die weis­se Pis­te ist ge­säumt von Mau­ern aus ge­sta­pel­ten St­ei­nen, längs des We­ges rei­hen sich Obst­bäum­chen, und nach zwei gros­sen Lin­den lin­ker Hand kommt die Hof­ein­fahrt. Links liegt ein hüb­scher klei­ner Stall, Holz und St­ein, rechts füh­ren ein paar Stu­fen hoch zum Wohn­haus. Es ist weiss und sieht aus wie ein Schul­haus aus dem 19. Jahr­hun­dert. Drei­stö­ckig, hell, in­nen holz­ver­ver­

tä­fel­te Wän­de und vie­le Fens­ter, die ei­nen um­wer­fen­den Blick bie­ten, links auf den spit­zen Piz Be­ve­rin und rechts auf den mäch­ti­gen Flim­ser­stein.

Doch als die bei­den die Kon­kur­renz be­mer­ken, schwin­den ih­re Hoff­nun­gen. Es gibt zwei Be­sich­ti­gun­gen mit je zwan­zig In­ter­es­sen­ten. Al­le schei­nen Voll­pro­fis zu sein, ih­nen haus­hoch über­le­gen.

Et­wa ein Zehn­tel der Hö­fe in der Schweiz sind Pacht­be­trie­be. Aus­schrei­bun­gen sei­en um­kämpft wie Woh­nun­gen in der Gen­fer In­nen­stadt, sagt Jung­bau­er Se­bas­ti­an Ha­gen­buch. Er führt ei­ne Ko­lum­ne über den Ein­stieg ins Bau­ern­le­ben für das Fach­ma­ga­zin «die grü­ne». Mit Pacht ver­such­ten es je­ne, die sich kei­nen Hof leis­ten könn­ten. Vier­zig bis sech­zig Be­wer­ber pro Hof sei­en der Nor­mal­fall.

Vom Screen zum Acker

Es klingt ir­re – aber trotz der mi­se­ra­blen fi­nan­zi­el­len Be­din­gun­gen träu­men vie­le vom Hof­le­ben. Oft hört man, das lie­ge an der zu­neh­men­den Dis­tanz un­se­res durch­tech­no­lo­gi­sier­ten Le­bens zur Welt der ur­sprüng­li­chen Din­ge. Das mag so sein, aber zur Wahr­heit ge­hört auch, dass uns die Di­gi­ta­li­sie­rung das Land­le­ben erst na­he bringt – von Far­ming Ga­mes zu Land­lie­be-blogs auf Face­book. Auf Ins­ta­gram fol­gen Ge­org und Clau­dia dem rap­pen­den deut­schen Bio­far­mer «Hof­huhn», der in al­len De­tails be­schreibt, wie er glück­li­che Kü­ken päp­pelt. Es scheint, als müss­te man nur noch durch den Bild­schirm grei­fen, um die Er­de zu füh­len.

Ei­ne gan­ze Ge­ne­ra­ti­on neu­er Far­mer kam vom Screen zum Acker. «Je­der zwei­te Hips­ter, der To­ma­ten auf dem Bal­kon an­baut, träumt doch heu­te vom ei­ge­nen Hof», ver­mu­tet Ha­gen­buch. Doch dar­aus wer­de meis­tens nichts. Ein­stei­ger hät­ten kaum ei­ne Chan­ce. Vie­le, die nicht aus der Land­wirt­schaft kom­men, kei­ne Be­zie­hun­gen ha­ben, ver­su­chen es oft über Jah­re, manch­mal ein Jahr­zehnt lang, ma­chen Prak­ti­ka und Land­wirt­schafts­jobs, bis sie auf­ge­ben. Al­le su­chen das Glei­che, sagt Ha­gen­buch: «Süd­hang mit dreis­sig Hekt­aren, Wohn­haus mit Zen­tral­hei­zung, in Stadt­nä­he, um abends aus­ge­hen zu kön­nen.»

Ge­nau dar­um geht es jetzt auch hier in Pas­pels, bei der Hof­be­ge­hung. Und dem­ent­spre­chend hef­tig wird die Be­sit­ze­rin von den Be­wer­bern um­garnt.

Doch Ni­na von Al­ber­ti­ni, ei­ne Da­me in den Fünf­zi­gern, ist ei­ne an­spruchs­vol­le Ver­päch­te­rin. Sie kommt aus ei­nem be­kann­ten Bünd­ner Ge­schlecht und lebt nur zwei­hun­dert Me­ter wei­ter oben im his­to­ri­schen Fa­mi­li­en­sitz. Sie stre­be bei der Ver­pach­tung von Hof Dusch nicht nach Pro­fit, sagt sie, das Mensch­li­che sol­le stim­men und wie der Päch­ter mit der Na­tur um­geht. Wich­tig sei ihr das kul­tu­rel­le Er­be und die Wah­rung die­ses idyl­li­schen Wei­lers – was selbst­ver­ständ­lich gros­se Neu­bau­ten aus­schliesst. Schon ihr Va­ter ha­be dem Sied­lungs­bau hier ge­trotzt. Sie selbst ist ak­tiv im Ver­ein Do­mus An­ti­qua Hel­ve­ti­ca, dem Ver­bund der Ei­gen­tü­mer his­to­ri­scher Wohn­bau­ten. Vom Fach ist sie auch. Als an der ETH di­plo­mier­te In­ge­nieur-agro­no­min liess sie den Hof En­de der 1980er-jah­re als ei­nen der ers­ten in Grau­bün­den als Bio­hof zer­ti­fi­zie­ren. Ei­gent­lich woll­te sie ihn selbst füh­ren, doch we­gen des be­trächt­li­chen Er­bes war sie zu wohl­ha­bend für Di­rekt­zah­lun­gen. Da­her sucht sie nun die rich­ti­gen Päch­ter und küm­mert sich um das Ge­samt­bild des Wei­lers. Die schö­ne Na­tur­stras­se hat sie zum Teil auf ei­ge­ne Kos­ten re­stau­riert.

Üb­ri­gens: Die Ma­schi­nen müs­se man kom­plett neu an­schaf­fen, sagt Al­ber­ti­ni den Be­wer­bern. Der Vor­gän­ger ha­be na­tür­lich al­les mit­ge­nom­men. Wäh­rend Ge­org und Clau­dia durch das Pa­ra­dies lau­fen, scheint es ih­nen plötz­lich wie hin­ter Glas­mau­ern. Sie brin­gen gar nichts mit. Kein Er­spar­tes. Kei­ne Ah­nung da­von, wie man ei­nen Hof führt.

Je­der Be­wer­ber muss bei Al­ber­ti­ni ein Kon­zept ein­rei­chen, wie er den Hof zu be­trei­ben plant. Bio ist Be­din­gung. So ein Kon­zept ist wie ein Bu­si­ness­plan. Man be­schreibt, wie man die Fel­der und Stall­an­la­gen fül­len will im ers­ten, zwei­ten und drit­ten Jahr; wo­her das Fut­ter für die Tie­re kommt; wel­ches Equip­ment man ein­setzt, wel­che Um­bau­ten man plant; und na­tür­lich, wie man Geld ver­die­nen will.

Clau­dia und Ge­org er­rech­nen, dass sie et­wa ei­ne hal­be Mil­li­on Fran­ken in­ves­tie­ren müs­sen. Die zwei

gros­sen Pos­ten sind der Trak­tor und ei­ne Her­de von et­wa zwan­zig Kü­hen, je­der Pos­ten rund 65 000 Fran­ken. Der Kan­ton gä­be wohl ein zins­lo­ses Dar­le­hen für Jung­bau­ern von et­wa 130 000 Fran­ken. Für den Rest rei­chen ih­re Er­spar­nis­se nicht an­satz­wei­se. Doch als Ge­orgs Va­ter von dem Plan hört, ist er be­geis­tert. Ins­ge­heim träumt er schon lan­ge von Heu­ge­ruch und Tier­schnau­ben im Stall. Er hat den Mo­ment nie ver­ges­sen, da war er et­wa acht und hielt die Hand sei­ner Mut­ter, als die Nach­ba­rin frag­te: «Wann ist die Ver­stei­ge­rung?» Jetzt, nach Jahr­zehn­ten, kann er sei­nem Sohn er­mög­li­chen, was ihm selbst ge­nom­men wur­de. Das Geld hät­ten sie dem­nach bei­sam­men.

Auf ih­rem Hof soll es Tie­re, Wei­den und Fel­der ge­ben, schrei­ben Ge­org und Clau­dia ins Kon­zept. Grau­vieh wol­len sie – ei­ne einst fast ver­lo­ren ge­gan­ge­ne ein­hei­mi­sche Rin­der­ras­se. Sie set­zen auf Mut­ter­k­uh­hal­tung. Kein Mel­ken al­so. Spä­ter sol­len Scha­fe, Zie­gen, Schwei­ne und Hüh­ner fol­gen. Auf die Fel­der sol­len Buch­wei­zen und Em­mer, ei­ne Art Ur­wei­zen. We­ni­ger Mais­an­bau, er be­las­tet die Bö­den, und man braucht ihn nicht als Fut­ter, wenn man auf Milch­pro­duk­ti­on ver­zich­tet. Es ist ein Neu­be­ginn für den Hof. Kon­zep­te schrei­ben, das lernt man auf der Kun­st­uni. Was zu ab­ge­ho­ben klingt, strei­chen sie. Die bei­den Neu­lin­ge ver­su­chen, al­les rein­zu­pa­cken, was sie in den letz­ten zwei Jah­ren ge­lernt ha­ben. Da­zu gibt es noch ei­nen hüb­schen Schrift­typ, ein sau­be­res Lay­out. So was kön­nen sie. Auf die Front­sei­te des Kon­zepts set­zen die bei­den das Fo­to ei­nes vier­blätt­ri­gen Klee­blatts, das sie bei der Be­sich­ti­gung ge­fun­den ha­ben.

Es bringt ih­nen tat­säch­lich Glück: Ni­na von Al­ber­ti­ni lädt das Paar zur End­run­de. Von den über dreis­sig Be­wer­bern blei­ben nun noch sechs. Die jun­ge Fa­mi­lie Bl­unier-hani­mann ge­fällt. Es stellt sich her­aus, dass Al­ber­ti­ni sich vor ih­rem Eth-stu­di­um als Künst­le­rin ver­sucht hat­te. Man hat ge­mein­sa­me Be­kann­te. Als die Be­wer­ber sich mit den Wor­ten ver­ab­schie­den, so et­was Schö­nes wür­den sie wohl nie wie­der fin­den, fühlt Al­ber­ti­ni sich ver­stan­den. Doch trotz al­ler Sym­pa­thie zö­gert sie. Freun­de war­nen, je­der un­er­fah­re­ne Päch­ter sei ein Ri­si­ko für den Bo­den. Ei­nen Hof zu be­trei­ben er­for­dert viel Wis­sen und Er­fah­rung in ganz ver­schie­de­nen Be­rei­chen. Von der Bo­den­che­mie bis zur Ver­mark­tung. Des­halb, sagt Al­ber­ti­ni, ha­be sie noch mal ge­nau nach­ge­prüft. Sie ruft al­le Re­fe­ren­zen an, so­gar im Wal­lis, beim Be­sit­zer der Alp, wo al­les an­fing. Der sagt ihr, er hät­te Clau­dia und Ge­org am liebs­ten be­hal­ten.

Am En­de, als die Al­ber­ti­nis in ih­rem schi­cken Al­fa Ro­meo 1300 GT Ju­ni­or im Prät­ti­gau noch bei Clau­di­as Fa­mi­lie vor­bei­kom­men, hilft den Be­wer­bern das Schick­sal. Als der Flit­zer bei der Ab­fahrt nicht an­springt, kommt Ge­org mit dem Su­ba­ru Fo­res­ter 4x4, dem Klas­si­ker der Schwei­zer Berg­bau­ern, und packt das Star­ter­ka­bel aus. Der Al­fa springt an, und als die Al­ber­ti­nis los­fah­ren, hat Ge­org ein gu­tes Ge­fühl. Und wirk­lich: Im April 2014, drei­ein­halb Jah­re nach­dem die bei­den zu­sam­men «Ab auf die Alp!» sa­hen, über­neh­men sie den «Hof Dusch». Am Ho­ri­zont giesst die Abend­son­ne vom ge­wal­ti­gen Pla­teau des Flim­ser­steins aus Gold über die Fel­der, die Fens­ter des drei­stö­cki­gen weis­sen Hau­ses leuch­ten zart­ro­sa, die Gera­ni­en in den Blu­men­käs­ten knall­rot. An der klei­nen Stras­se am Dor­f­rand steht jetzt ein neu­es Schild: «Bio Hof Dusch», in hand­ge­mal­ter Schnür­lischrift. Wenn man hoch­fährt, dre­hen un­ter den Lin­den vor der Hof­ein­fahrt drei graue Kü­he rou­ti­niert ih­re Köp­fe. Es ist, als ob die Fa­mi­lie in ein Bil­der­buch von Al­bert Man­ser ein­ge­zo­gen wä­re.

An die­sem Jul­isonn­tag im Jahr fünf schiebt Ge­org mit der Schuh­spit­ze den Gum­mi­sch­lauch in Po­si­ti­on und ver­sucht, ihn auf­zu­dre­hen, um die Fel­der vor der sich an­bah­nen­den Tro­cken­heit zu schüt­zen, die bald Eu­ro­pa pla­gen wird. Das Was­ser will wie­der nicht rich­tig kom­men, zu we­nig Druck. Er ist zu weit oben am Berg. Die an­de­ren wei­ter un­ten sind wohl wie­der am Ab­sau­gen. Es sei fas­zi­nie­rend zu er­le­ben, sagt Ge­org, wie stark al­les Le­ben vom Was­ser ab­hän­ge. Von hier aus ver­ste­he er end­lich, was das heis­se: Kli­ma­wan­del und Dür­ren, nicht nur in Afri­ka.

Un­ge­heu­res Glück

Clau­dia ist schwan­ger mit dem drit­ten Kind, und jetzt im sieb­ten Mo­nat fällt ihr die Feld­ar­beit lang­sam schwer. Zum Glück ist der Gross­teil der Her­de seit ein paar Ta­gen auf der Alp in Rhä­züns. 67 Stun­den be­trägt die Wo­chen­ar­beits­zeit ei­nes Land­wirts im Schnitt, über neun Stun­den am Tag, aber Ge­org ar­bei­tet von früh um sie­ben bis abends ge­gen neun. Ihm ge­fällts. Und es geht kör­per­lich. Es sei ganz an­ders als in der Kunst, sagt er. Hier er­ge­be al­les Sinn. «Du musst dir kei­ne Auf­ga­ben schaf­fen, kei­ne Er­klä­run­gen bau­en für das, was du tust. Es kommt zu dir wie die Kir­schen, die du pflü­cken musst, wenn sie reif sind.» Nichts hat sei­ne Neu­gier je so ge­füt­tert wie das Hof­le­ben. Da­rin steckt al­les: Ma­schi­nen re­pa­rie­ren, nach den Zie­gen schau­en oben im Wald, das Heu rich­tig ein­la­gern. Mar­ke­ting, der Stick­stoff­ge­halt der Bö­den. Den er üb­ri­gens ver­bes­sern will.

Wenn er ei­nen Mo­ment für sich hat, setzt er sich auf die Stu­fen vorm Haus und schaut über die Fel­der. Wie ge­plant ha­ben sie 12 der 28 Hekt­aren mitt­ler­wei­le be­pflanzt. Al­les fühlt sich im­mer noch so neu an. Er kann es noch kaum be­grei­fen. All­mäh­lich erst wird bei­den klar, was für ein un­ge­heu­res Glück sie hat­ten. Den Hof be­kom­men zu ha­ben. Und mor­gens, vor ih­ren Fens­tern, vom Tisch mit den Kin­dern aus, ih­re gan­ze Welt, ihr gan­zes ge­mein­sa­mes Werk se­hen zu kön­nen und wie es wächst. Weil al­le Fel­der rund um den Hof lie­gen. Und heu­er, in ih­rer fünf­ten Sai­son, ha­ben die bei­den so weit al­les im Griff, dass sie sich so­gar ih­re al­ler­ers­te Wo­che Fe­ri­en gön­nen kön­nen.

So hart der An­fang war, als sie ler­nen muss­ten, die Gül­le aus­zu­brin­gen, die Heuga­bel rich­tig zu schwin­gen; als Ge­org so­gar ein­mal mit dem Trak­tor um­kipp­te – das Kon­zept, das Clau­dia und er ge­schrie­ben ha­ben, scheint auf­zu­ge­hen.

Ge­org schlägt sich noch mal durch zum Boh­nen­feld, wei­ter hin­ten Rich­tung Bach. Mit den Fin­gern

streicht er über die rot-weis­sen Scho­ten der Bor­lot­ti­boh­nen. Bis heu­te staunt er dar­über, dass man et­was sät und es dann ein­fach ir­gend­wann aus der Er­de spriesst. Die Bor­lot­tis kom­men ei­gent­lich ganz gut, fin­det er. Da­ne­ben gibt es ein paar Rei­hen schwar­ze Boh­nen, das neu­es­te Ex­pe­ri­ment der bei­den. Sie sind nicht die Ein­zi­gen, die in der Schweiz wie­der al­te Ar­ten aus­sä­en. Es ist ei­ne gan­ze Be­we­gung, ge­tra­gen von meist jün­ge­ren Neu­bau­ern, die sel­ten den Dy­nas­ti­en eta­blier­ter Land­wir­te ent­stam­men und den Ver­such lie­ben, oh­ne das Schei­tern zu fürch­ten.

Das Ar­bei­ten mit of­fe­nem Aus­gang liegt auch in der Na­tur der Din­ge: Je­der Fleck Bo­den ist an­ders, er­for­dert un­ter­schied­li­che Mass­nah­men und zei­tigt an­de­re Er­geb­nis­se – die dann auch noch vom Wet­ter ab­hän­gen. Land­wirt­schaft ist ein ewi­ges Ex­pe­ri­ment. Auf ei­ne Wei­se sei das ein Vor­teil für Neu­lin­ge, meint Beat Reidy, Ge­orgs Hoch­schul­leh­rer aus Zol­lik­ofen: Sie wüss­ten nicht, «wie man es so macht». Sie müss­ten al­les neu er­fin­den. Ge­nau das brau­che die Schwei­zer Land­wirt­schaft heu­te, sagt Reidy, denn die müs­se drin­gend neu er­fun­den wer­den.

Ei­ne ge­wal­ti­ge Ener­gie­ver­schwen­dung

Kühl be­trach­tet, ist Land­wirt­schaft in der Schweiz näm­lich kom­plett un­ver­nünf­tig: Um ei­ne Ka­lo­rie Nah­rungs­mit­tel­ener­gie aus dem Bo­den zu be­kom­men, muss die Schwei­zer Land­wirt­schaft 2,5 Ka­lo­ri­en in Form von Treib­stoff, Dün­ger in ihn hin­ein­ste­cken – wie das bun­des­ei­ge­ne For­schungs­in­sti­tut Agro­scope er­mit­tel­te. Schwei­zer Land­wirt­schaft ist ei­ne ge­wal­ti­ge Ener­gie­ver­schwen­dung. Um die­se zu kom­pen­sie­ren, hat die Schweiz ei­nen Rie­sen­zaun aus Zöl­len ge­baut und ver­sucht, mit För­de­run­gen und Richt­li­ni­en vor­der­hand ein vi­ta­les «Bau­ern­tum» her­vor­zu­brin­gen. Die­ses wird hin­ten­rum aber gleich­zei­tig ab­ge­schafft, mit Re­geln, die da­für sor­gen, dass nur je­ne Far­mer über­le­ben, die stän­dig ver­grös­sern. Die Schwei­zer Bau­ern wer­den durch ein Rat­ten­la­by­rinth aus Ge­set­zen und Sub­ven­tio­nen ge­hetzt – das der Staat dann auch noch un­ab­läs­sig um­baut.

Denn wenn es um Schwei­zer Bo­den geht, re­den al­le mit. Je we­ni­ger die Mehr­heit im Land mit dem Land­le­ben re­al zu tun hat, des­to stär­ker will sie ein­grei­fen. Die Land­wirt­schaft ist ei­ne kol­lek­ti­ve Ma­nie ge­wor­den. Hier­zu­lan­de ar­bei­ten mehr als vier­mal so vie­le Men­schen im Kraft­fahr­zeug­be­reich wie in der Forst- und Land­wirt­schaft, aber die stärks­te Par­tei ist die Bau­ern­par­tei. Für die In­te­gra­ti­on von mehr als zwei Mil­lio­nen Aus­län­dern in­ves­tiert der Bund zwei Mil­li­ar­den, aber den et­was über 50 000 Land­wirt­schafts­be­trie­ben gibt er im Jah­res­bud­get für 2019 rund 3,7 Mil­li­ar­den Fran­ken. Fünf, und falls die Initia­ti­ve «Kei­ne Mas­sen­tier­hal­tung» an die Ur­ne kommt, so­gar sechs Initia­ti­ven der jüngs­ten Zeit dre­hen sich um die Land­wirt­schaft, von der Initia­ti­ve für Er­näh­rungs­sou­ve­rä­ni­tät über die Fair-food- bis zur Horn­kuh-initia­ti­ve, wel­che die Hal­ter be­hörn­ter Kü­he be­loh­nen will. Es ist schi­zo­phren: Die Schwei­zer Kon­su­men­ten for­dern Ur­sprüng­lich­keit, dies aber mit Hy­gie­ne­stan­dards und zu Prei­sen, die nur dank High-tech mög­lich sind. Al­so dis­ku­tiert das Land über ur­sprüng­li­ches Horn­vieh, wäh­rend im Stall die Melk­ro­bo­ter war­ten. Und so pro­du­ziert die Schwei­zer Land­wirt­schaft ne­ben Ge­trei­de, Milch und Fleisch auch vie­le un­glück­li­che Bau­ern.

Dau­er­aus­stel­lung von Fel­dern

Clau­dia und Ge­org ge­hö­ren nicht zu ih­nen. Sie su­chen aber auch nicht den Pro­fit, son­dern be­geis­tern sich für die Ver­suchs­an­ord­nung. Das ken­nen sie aus der Kunst, un­kom­mer­zi­el­le Ar­beit. Im Ver­gleich zur Kunst­welt aber gibt es in der Land­wirt­schaft im­mer­hin ei­ne rea­le Nach­fra­ge, sagt Ge­org. Und noch mehr. «In der Land­wirt­schaft gibt es ein fast be­din­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men.» Zah­lun­gen di­rekt aufs Kon­to, die im Schnitt schon sech­zig Pro­zent der Aus­ga­ben ei­nes Land­wirts de­cken.

Viel­leicht ist das Be­stel­len ei­nes Ho­fes für die bei­den wirk­lich wie das Ma­len ei­nes hekt­ar­gros­sen Bil­des. Die Tier­ras­sen such­ten Clau­dia und Ge­org nach ei­nem Farb­kon­zept aus, «al­les grau». Und auch bei der Be­pflan­zung der Fel­der zähl­te die Äs­t­he­tik. Be­son­ders freut sich Ge­org schon auf den Schwar­zen Em­mer, die al­te Ge­trei­de­sor­te, de­ren fet­te Äh­ren schwarz wer­den wie po­lier­tes Kar­bon, wenn sie reif sind. Dass die bei­den da­bei nicht drauf­zah­len, liegt viel­leicht dar­an, dass Ge­org al­les ge­nau aus­rech­net, die Prei­se – und wel­che För­der­gel­der es noch so gibt aus ir­gend­wel­chen Spe­zi­al­töp­fen. «Ge­org ist da pe­ni­bel», sagt Clau­dia. Oben im Bü­ro sta­peln sich die Ak­ten­ord­ner.

Hier im Feld aber drü­cken Senf­stau­den durch, hoch und satt­gelb. Spa­zier­gän­ger fin­den das viel­leicht schön, aber man­cher Pro­fi aus Pas­pels lacht si­cher über das Un­kraut. Je­der Land­wirt schaut sich die Fel­der der an­de­ren an. Es ist wie ei­ne Dau­er­aus­stel­lung. Je­der be­ob­ach­tet, was der an­de­re hat und was ge­deiht. Man lernt und ko­piert oh­ne Scheu. Ganz an­ders als in der Kunst. Ge­org ge­fällt das.

Ei­ne Ga­le­rie ha­ben die bei­den auch. Das ist der hell ver­putz­te klei­ne Hof­la­den am Stall. Da zei­gen sie ihr gan­zes Werk. Das Lein­dot­t­e­r­öl. Die Buch­wei­zen­pas­ta. Das Em­mer­mehl. Dort ste­hen auch drei gros­se Kühl­schrän­ke.

Denn der gröss­te Er­folg der bei­den ist das Fleisch. Das be­zie­hen mitt­ler­wei­le Spit­zen­re­stau­rants wie das von An­dre­as Ca­min­a­das ehe­ma­li­gem Sous­chef Sil­vio Ger­mann, das Re­stau­rant «Spitz» im Zürcher Lan­des­mu­se­um und die an der Lang­stras­se ge­le­ge­ne Tip-to-tail-metz­ge­rei «Metzg». Die wür­zi­ge Sal­siz, ge­fer­tigt von ei­nem ver­schwie­ge­nen al­ten Nach­barn, der sein Re­zept hü­tet wie ei­nen Schatz, kauft der Bünd­ner Star­koch Ca­mina­da am «Bio Hof Dusch».

Clau­dia hat ei­ne klu­ge Wahl ge­trof­fen bei den Tie­ren. Das Le­ben draus­sen auf den Wei­den und mit ih­rem Nach­wuchs tut ih­nen gut. Die­sen März trau­te sich die Fa­mi­lie Bl­unier erst­mals an ei­nen Schön­heits­wett­be­werb. Auf An­hieb ge­wann man im na­he ge­le­ge­nen Ca­zis den Preis für die schöns­te Mut­ter-

kuh mit Kalb: Prä­miert wur­den ih­re Kuh Sis­sy-ar­tan und de­ren Toch­ter Su­ni.

Das Ge­heim­nis des gu­ten Flei­sches je­doch liegt we­ni­ger im schö­nen Le­ben der Kuh als viel­mehr in ih­rem schnel­len Tod, in der spe­zi­el­len Schlach­tung, die Clau­dia und Ge­org bei sich ein­ge­führt ha­ben. Sie konn­ten nicht er­tra­gen, was doch al­le rou­ti­nier­ten Land­wir­te als Nor­ma­li­tät zu ak­zep­tie­ren ge­lernt ha­ben: wie die Tie­re vor der Schlach­tung in Last­wa­gen ge­trie­ben wer­den, wie sie da­bei in Pa­nik ge­ra­ten und dann in der un­ge­wohn­ten Um­ge­bung des Schlacht­hofs se­ri­ell ge­tö­tet wer­den. Es ist die viel­leicht gröss­te Lü­cke im Schwei­zer Bio­sys­tem, das sonst so viel Wert auf das Tier­wohl legt: Egal ob ein Tier bio oder kon­ven­tio­nell auf­ge­zo­gen wird, das En­de ist bis­lang für al­le gleich.

Die­ser Stress bleibt im Fleisch, glau­ben Ge­org und Clau­dia. Die kon­ven­tio­nel­le Schlach­tung ver­miest viel­leicht al­le an­de­ren gu­ten Be­mü­hun­gen ums Tier. Da­her ha­ben die bei­den ei­ne Be­wil­li­gung be­an­tragt für ein im gan­zen Kan­ton bis­her ein­zig­ar­ti­ges Ver­fah­ren. Bei ih­nen kommt der Schlach­ter auf den Hof und tö­tet die Tie­re vor dem Trans­port. Im bes­ten Fall, ver­mu­tet man, merkt das Tier da­von gar nichts. Die Fach­pres­se hat be­reits aus­gie­big be­rich­tet über die in­no­va­ti­ve Hof­schlach­tung, auch der Schwei­zer Rund­funk war vor Ort. Der Bio­hof Dusch ist da­bei, be­kannt zu wer­den.

Al­ler­dings hat­ten Ge­org und Clau­dia beim Bau des spe­zi­el­len Be­täu­bungs­gat­ters, das für ih­re spe­zi­el­le Schlach­tung er­for­der­lich ist, nicht dar­an ge­dacht, dass man es vom Kin­der­zim­mer aus sieht. Als die Kin­der die­sen Früh­ling beim ers­ten Mal al­les vom Fens­ter aus mit­be­ka­men, wa­ren sie ge­schockt.

Vor­wurf des Es­ka­pis­mus

Am Mon­tag­mor­gen wer­den die bei­den Bu­ben noch schla­fen, wenn um sechs Uhr mor­gens die Tier­ärz­tin kommt, um die Kuh Ka­thi zu be­gut­ach­ten. Kurz vor acht, be­vor der Schlach­ter ein­trifft, bringt Ge­org die Kin­der in die Ki­ta. Er wird dann Ka­thi in das Gat­ter füh­ren, ihr ein biss­chen Heu hin­le­gen, und wäh­rend sie mampft, wird der Schlach­ter sie ein letz­tes Mal strei­cheln, ihr die silb­ri­ge di­cke Röh­re, das Bol­zen­schuss­ge­rät, zwi­schen die Hör­ner le­gen und ab­drü­cken. Wäh­rend sie zu­sam­men­sinkt, wird Ge­org in den Trak­tor sprin­gen, das be­täub­te Tier schnell nach oben zie­hen, und dann wird der Schlach­ter mit dem Mes­ser den Hals auf­schlit­zen, und das Blut wird in Strö­men flies­sen. Kein schö­nes Bild im neu­en Hof­pa­ra­dies. Aber ein bes­se­res En­de.

Vor ein paar Mo­na­ten hat Ge­org ei­nen al­ten Künst­ler­freund in Zü­rich ge­trof­fen. Der sag­te, das Le­ben auf dem Land, das sei doch Es­ka­pis­mus. Da hat Ge­org sich ge­fragt, wer hier ei­gent­lich vor et­was ab­haut. Manch­mal, wenn die al­ten Freun­de auf Ins­ta­gram wie­der Par­ty­pics oder Aus­stel­lungs­bil­der pos­ten, dann sä­en Clau­dia und Ge­org Clips vom Bio­hof Dusch. Und ern­ten Li­kes von ih­ren Freun­den aus der Stadt. Am Mit­tag macht Ge­org ein klei­nes Feu­er, vor dem Haus, ne­ben dem Hüh­ner­stall, und Clau­dia holt ein paar Stü­cke Fleisch vom ei­ge­nen Hof. Ge­org legt die­se un­ge­würzt auf den Grill. Clau­dia gibt je­dem Tier ei­nen Na­men «Das hier ist von De­ni­se. So heisst üb­ri­gens auch mei­ne Mut­ter», sagt sie und lä­chelt. Und De­ni­se schmeckt ge­nau­so, wie es hier aus­sieht. Zart und ein we­nig nach Grä­sern.

Clau­dia Hani­mann und Ge­org Bl­unier mit den Söh­nen Men und Lu­zi­us auf dem «Bio Hof Dusch».

Ge­org Bl­unier mit sei­nem zwei­ten Sohn Lu­zi­us.

Das Spek­ta­kel der Re­vo­lu­ti­on 14.9.2018 – 20.1.2019

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