Ja­kob tan­ner

Über Ri­si­ko­rhe­to­rik

Das Magazin - - N° 40 — 6. Oktober 2018 - Ja­kob Tan­ner

Der Ka­pi­ta­lis­mus sieht sich sel­ber dy­na­misch. Mu­ti­ge Un­ter­neh­mer ge­hen das Wag­nis der «schöp­fe­ri­schen Zer­stö­rung» ein und er­öff­nen lau­fend neue Wachs­tums­chan­cen. Pri­vat­wirt­schaft­li­che Ri­si­ko­be­reit­schaft paart sich mit In­no­va­ti­ons­fä­hig­keit, zum Vor­teil al­ler. Die­se Ideo­lo­gie kol­li­diert mit Stu­di­en, die nach­wei­sen, dass zen­tra­le In­no­va­tio­nen durch den Staat oder zu­min­dest mit staat­li­cher Hil­fe er­zielt wur­den und dass die In­ves­to­ren das Ri­si­ko, von dem sie dau­ernd re­den, längst nicht mehr tra­gen.

Vor zwei­hun­dert Jah­ren sah das noch an­ders aus. In den An­fän­gen der ka­pi­ta­lis­ti­schen In­dus­tria­li­sie­rung wa­ren un­ter­neh­me­ri­scher Er­folg und ge­schäft­li­ches Schei­tern die zwei Sei­ten der­sel­ben Ver­ant­wor­tungs­lo­gik.

Ein Bei­spiel war der spek­ta­ku­lä­re «Ban­quer­ott» des Bank- und Han­dels­hau­ses Fins­ler & Comp. von 1829 in Zü­rich. Va­ter und Sohn Fins­ler (bei­de mit Na­men Hans Ja­cob) und der aus Re­pu­ta­ti­ons­grün­den eben­falls für das Bank­haus zeich­nen­de Staats­rat und Tag­sat­zungs­ab­ge­ord­ne­te Hans Con­rad Fins­ler stan­den in höchs­ten Eh­ren und re­prä­sen­tier­ten wie kei­ne an­de­re Fa­mi­lie das kon­ser­va­ti­ve Re­gime des Kan­tons.

Plötz­lich ka­men Ge­rüch­te über ei­ne be­vor­ste­hen­de In­sol­venz auf. Als ver­streu­te In­di­zi­en sich zur Ge­wiss­heit ver­dich­te­ten, war fer­tig lus­tig. Die Fins­lers, die «reich ge­hei­ra­tet» hat­ten, setz­ten das Geld ih­rer Ehe­frau­en ein, um auf­ge­brach­te Gläu­bi­ger mit ei­nem «güt­li­chen Ac­com­mo­de­ment» von Kla­gen ab­zu­hal­ten. Das nütz­te nichts, weil auch staat­li­ches Ver­mö­gen in­vol­viert war. Sie ka­men vor Ge­richt und mach­ten Kon­kurs. Der Skan­dal wi­der­hall­te in der gan­zen Eid­ge­nos­sen­schaft. Hans Con­rad Fins­ler ver­lor den Re­gie­rungs­pos­ten und das Bür­ger­recht und floh nach Bern. Nach ei­ner wei­te­ren per­sön­li­chen Tra­gö­die war die Zürcher Re­stau­ra­ti­ons­re­gie­rung der­mas­sen ge­schwächt, dass der li­be­ra­le Um­schwung nicht mehr auf­zu­hal­ten war.

Gut hun­dert Jah­re spä­ter hat­te der Bank­sek­tor Gross­ri­si­ken an die Po­li­tik aus­ge­la­gert. 1934 stell­te der Bun­des­rat fest, die Bank­tä­tig­keit sei «ei­ne Art öf­fent­li­cher Di­enst» ge­wor­den. Des­halb muss­ten in der da­ma­li­gen Kri­sen­zeit wich­ti­ge Ban­ken mit Steu­er­gel­dern sa­niert wer­den. Als 1977 der Chi­as­soskan­dal – die im gros­sen Stil grob fahr­läs­sig durch­ge­führ­te Geld­wä­sche­rei der Kre­dit­an­stalt-fi­lia­le in Chi­as­so – die in­ter­na­tio­na­len Me­di­en er­schüt­ter­te, of­fe­rier­te die Schwei­ze­ri­sche Na­tio­nal­bank ei­nen Ret­tungs­schirm von drei Mil­li­ar­den Fran­ken. Die­ser kam zwar nicht zum Zu­ge, doch die «im­pli­zi­te Staats­ga­ran­tie» für «Sys­tem­ri­si­ken» war da­mit ge­setzt.

Trotz ver­schie­de­ner Vor­stös­se ver­pass­te es der Ge­setz­ge­ber in den dar­auf­fol­gen­den Jahr­zehn­ten, po­li­ti­sche Kon­se­quen­zen aus die­ser Ent­wick­lung zu zie­hen. Mit dem Re­sul­tat, dass seit den 1980er-jah­ren Ak­ti­en­ge­sell­schaf­ten (weit über Fi­nanz­in­sti­tu­te hin­aus) ex­or­bi­tan­te Ma­na­ger­löh­ne, «gol­de­ne Fall­schir­me» so­wie Kurs­ge­win­ne für Ak­ti­en mit ei­ner hoh­len Ri­si­ko-rhe­to­rik recht­fer­ti­gen konn­ten. Das Nach­se­hen hat­ten die Ar­beit­neh­mer/in­nen, die an­geb­lich kein Ri­si­ko tra­gen. Wie sehr Haf­tung und Ri­si­ko in der Pri­vat­wirt­schaft ent­kop­pelt wur­den, de­mons­trier­te im Herbst 2008 die Ubs-ret­tung. Das Ri­si­ko lag nun bei Bund und Na­tio­nal­bank, die zu­sam­men mit 66 Mil­li­ar­den Fran­ken dar­auf wet­te­ten, dass ei­ne ex­trem ex­po­nier­te Gross­bank vor dem To­tal­ab­sturz be­wahrt wer­den kann.

Die ris­kan­te Rech­nung ging auf, der Wett­ein­satz zahl­te sich aus. Ver­lie­re­rin war die De­mo­kra­tie, denn die in al­ler Heim­lich­keit ge­plan­te Über­ra­schungs­ope­ra­ti­on schal­te­te die in­sti­tu­tio­nel­len Ent­schei­dungs­me­cha­nis­men aus. Bei der dar­auf­fol­gen­den Too­big-to-fail-ge­setz­ge­bung hat es die Po­li­tik ver­passt, sich mit ei­ner ef­fek­ti­ven Re­form wie­der ein­zu­schal­ten.

Heu­te for­dern die Ban­ken, dass sie die Bus­sen, die sie auf­grund von Re­gel­ver­let­zun­gen zah­len müs­sen, von den Steu­ern ab­set­zen kön­nen. Dass der Na­tio­nal­rat hier mit­macht, zeigt, dass die Ma­xi­me «So­zia­li­sie­rung des Ri­si­kos, Pri­va­ti­sie­rung der Ren­di­te» wei­ter­hin zieht. So ver­stärkt der Mat­thä­us-ef­fekt («Wer hat, dem wird ge­ge­ben») über al­le Kri­sen­ein­brü­che hin­weg die so­zia­le Un­gleich­heit. Dar­an wird sich erst et­was än­dern, wenn ei­ne «Ca­ta­stro­phe» wie­der wie an­no 1829 die Rich­ti­gen trifft.

JA­KOB TAN­NER ist eme­ri­tier­ter Pro­fes­sor für Ge­schich­te an der Uni­ver­si­tät Zü­rich.

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