Ei­ne Re­gis­seu­rin er­zählt

Das Magazin - - Contents - EIN tag Im le­ben

Zu der Zeit, als mir klar wur­de, dass ich mein Le­ben von Grund auf än­dern muss­te, schrieb ei­ne Zeit­schrift über mich: «In der Arzt­se­rie ver­dreht Li­sa Brühl­mann als Pra­xi­s­as­sis­ten­tin den Män­nern den Kopf. Jetzt darf man sich end­lich wie­der von ih­rem Au­gen­auf­schlag be­zir­zen las­sen.»

Wenn ich vor der Ka­me­ra stand, mit rot ge­schmink­ten Lip­pen, im Mi­ni­rock und mit tou­pier­ten Haa­ren, fühl­te ich mich nie ganz bei mir. Ich konn­te die Rol­len zwar spie­len, spür­te aber nicht viel da­bei. So blieb schluss­end­lich im­mer ei­ne Schei­be zwi­schen mir und der Welt.

Da­bei lief doch al­les so gut: der Ab­schluss an der Schau­spiel­schu­le in Ber­lin, der Rück­zug in mei­ne Hei­mat­stadt Zü­rich, Auf­trit­te in Fern­seh­fil­men, Se­ri­en. Ich war in ei­ner ernst­haf­ten Be­zie­hung. Klar, heu­te se­he ich auch, dass wir uns oft in das ver­lie­ben, was wir in ei­nem an­de­ren Men­schen se­hen. Und nicht in das, was er wirk­lich ist. Ei­ne Pro­jek­ti­on der ei­ge­nen Wün­sche, un­se­rer Vor­stel­lun­gen. Aber ei­gent­lich war es gut. Die Rich­tung, die Zu­kunft – al­les wä­re klar ge­we­sen. Ich hät­te es ein­fach lau­fen las­sen kön­nen. Wä­re da nicht die­ses Ge­fühl ge­we­sen. Ei­ne Lee­re, ein Hun­ger nach mehr.

Als Schau­spie­le­rin wirst du an­dau­ernd von aus­sen be­wer­tet, das hat mich zu sehr von der Kunst weg­ge­bracht. Und im Grun­de lieb­te ich am Schau­spie­lern ja die Ge­schich­ten und die Fi­gu­ren. Ich hat­te zwar et­was zu er­zäh­len, fand je­doch den Aus­druck da­für nicht. Die Per­spek­ti­ve stimm­te nicht. Ich hat­te schon frü­her mal da­mit be­gon­nen, Dreh­bü­cher zu schrei­ben. So Co­m­ing-of-age-sa­chen. Aber so rich­tig ver­folgt hat­te ich das nicht.

Dann kam die­ser Tag im Früh­ling. Ich sass beim Kaf­fee in der Bar 103 in Ber­lin. Draus­sen reg­ne­te es. Die Wol­ken, der Him­mel – al­les sah düs­ter aus. Ich un­ter­hielt mich mit ei­ner Freun­din, die mit mir auf der Schau­spiel­schu­le ge­we­sen war, dann aber ab­ge­bro­chen hat­te, um Ma­le­rei zu stu­die­ren. Und da wuss­te ich plötz­lich, was zu tun war. Durch das Ge­spräch wur­de mir klar, dass ich an­fan­gen muss­te, et­was von mir preis­zu­ge­ben. Plötz­lich hat­te ich die Idee für mei­nen ers­ten Kurz­film. Im sel­ben Jahr ha­be ich mich für das Re­gie­stu­di­um be­wor­ben.

Von aus­sen mag das viel­leicht dras­tisch aus­ge­se­hen ha­ben. Ich be­gann noch­mals zu stu­die­ren und trenn­te mich von mei­nem Freund. Ich ver­trau­te auf mei­ne in­tui­ti­ve Ent­schei­dung, sel­ber Fil­me zu ma­chen. Und dann ge­schah et­was Ma­gi­sches: Auf der an­de­ren Sei­te der Ka­me­ra wur­de ich voll­stän­dig. Ob­wohl die Dis­tanz zu den Ge­füh­len im Prin­zip grös­ser ist, ka­men sie ganz nah. Doch da­für muss­te ich al­les in­ves­tie­ren, auch wenn ich nicht wuss­te, was das ge­nau war. Rück­bli­ckend war das rich­tig. Weil ich den­ke, Re­gie ist mehr als ein Be­ruf – es ist ei­ne Art zu le­ben.

Zur Schau­spie­le­rei bin ich ge­kom­men, weil ich Spreiz­senk­füs­se hat­te. Der Kin­der­arzt emp­fahl Be­we­gung, Tanz. So kam ich zum Zürcher Kin­der- und Ju­gend­thea­ter Metz­ent­hin. Bald or­ga­ni­sier­te ich sel­ber Stü­cke mit mei­nen Freun­den. Schrieb Dia­lo­ge, steck­te die Schau­spie­ler in Ko­s­tü­me aus al­ten Klei­dern und mal­te die Ein­tritts­kar­ten.

Dar­an er­in­ne­re ich mich heu­te manch­mal, wenn mei­ne Toch­ter für mich tanzt. Mitt­ler­wei­le bin ich zwei­fa­che Mut­ter. Denn mit der Re­gie kam auch ei­ne neue Lie­be. Mein Mann Do­mi­nik und ich ha­ben uns im Stu­di­um ken­nen ge­lernt. Er hat mich be­ein­druckt, und sei­ne wil­de, kom­pro­miss­lo­se Art, Thea­ter und Fil­me zu ma­chen, hat mich sehr in­spi­riert. Durch ihn wur­de mir klar, wel­che Art Fil­me ich ma­chen will. Mu­tig, wild, ei­gen­stän­dig.

Letz­tes Jahr ka­men dann un­se­re bei­den Ab­schluss­fil­me ins Ki­no. Bei­de spiel­ten auf in­ter­na­tio­na­len A-fes­ti­vals. Auf ein­mal wa­ren wir da, wo wir die gan­ze Zeit hin­woll­ten.

LI­SA BRÜHL­MANN (37) war Schau­spie­le­rin, er­kann­te aber: Das ist es nicht. Die­ses Jahr ge­wann sie für ih­re ers­te Re­gie­ar­beit «Blue My Mind» den Schwei­zer Film­preis.

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