über ih­re «Bra­vo»-lek­tü­re

Das Magazin - - Contents - NI­NA KUNZ

Ich kann mich noch ge­nau an den Mo­ment er­in­nern, als mein Hirn kor­rum­piert wur­de. Ich war elf Jah­re alt und schau­te mir die «Bra­vo Girl» an. Ich blät­ter­te durch die Sei­ten und blieb bei ei­nem Spe­zi­al zur Ba­de­sai­son hän­gen. Da gab es Shop­ping­tipps und ei­ne An­lei­tung, wie man die Haa­re zu Zöp­fen flech­tet. Nor­ma­les «Mäd­chen­zeug» halt. Doch da wa­ren auch Fo­tos von ei­ner 15-Jäh­ri­gen ab­ge­druckt, die im Bi­ki­ni zeig­te, wie man sich vor­teil­haft auf dem Strand­tuch dra­piert. Zu­erst ver­stand ich nicht. Wie jetzt vor­teil­haft? Heisst das: mög­lichst be­quem? So, dass kein Va­nil­le­eis kle­ckert?

Doch lang­sam ver­stand ich. Aha! Mit «vor­teil­haft» mei­nen die, dass

man dünn aus­sieht. Klar hat­te ich zu­vor schon die Frau­en­hef­te mei­ner Mut­ter stu­diert und wuss­te, dass die her­aus­ste­hen­den Hüft­kno­chen von Lin­da Evan­ge­lis­ta als schön gal­ten. Aber das hat­te ir­gend­wie nichts mit mir zu tun. Das war die Welt der Er­wach­se­nen. Doch «Bra­vo Girl» – das war mei­ne Welt. Schliess­lich lieb­te ich es, ins Frei­bad zu ge­hen! Plötz­lich war die­ses Ide­al vom Dünn­sein ganz nah, und zum ers­ten Mal be­schlich mich das Ge­fühl, mit mei­nem Kör­per – mei­nem Bauch, mei­nem Hin­tern – könn­te et­was nicht stim­men.

Im Nach­hin­ein ha­be ich mich oft ge­fragt, was in die­sem Mo­ment ge­nau pas­siert ist, wel­che Sy­nap­sen neu zu­sam­men­ge­schweisst wur­den – in­zwi­schen kann ich es recht gut er­klä­ren: In die­sem Mo­ment lern­te ich, wie man sich selbst von aus­sen be­trach­tet. Zu mei­ner In­nen-wahr­neh­mung ge­sell­te sich ei­ne zwei­te Stim­me, die mich seit­her kri­tisch be­äugt, als wä­re ich ein Stück be­schä­dig­te Wa­re. Es war der Be­ginn ei­ner Ent­frem­dung und ei­ner Per­for­mance, die das Frau­sein im 21. Jahr­hun­dert lei­der zu ei­nem gros­sen Teil aus­ma­chen. In an­dern Wor­ten: Mir wur­de be­wusst, dass «Weib­lich­keit» gar nicht so ea­sy und na­tür­lich ist, wie ich an­ge­nom­men hat­te – son­dern har­te Ar­beit. Man muss im­mer­zu den Bauch ein­zie­hen, ir­gend­wel­che Haa­re mit Heiss­wachs weg­ma­chen und sich sanf­ter ge­ben, als man ist, wenn man als «rich­ti­ge» Frau durch­ge­hen will. Das ist an­stren­gend und auf die Dau­er schmerz­haft, weil man das Ge­fühl hat, sich und sei­ne Be­dürf­nis­se zu ver­ra­ten.

Spä­ter fand ich her­aus, dass der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Je­an Baudril­lard be­reits vor dreis­sig Jah­ren über die­ses Ge­fühl ge­schrie­ben hat­te. Er be­nutz­te da­für das Bild des «frag­men­tier­ten» Kör­pers. Da­mit mein­te er, dass wir in un­se­rer me­di­al ge­präg­ten Welt stän­dig mit Kör­pern kon­fron­tiert sind, die vor al­lem da­zu da sind, gut aus­zu­se­hen und Din­ge zu ver­kau­fen.

Als Fol­ge wür­den wir uns im­mer mehr an ei­nem ab­surd per­fek­ten 2Dkör­per ori­en­tie­ren und da­bei ei­ne Ab­nei­gung ge­gen den ei­ge­nen ent­wi­ckeln. Ge­nau das ist mir da­mals pas­siert. Ich ha­be mich zum ers­ten Mal mit der Per­fek­ti­on ver­gli­chen; und bei die­sem Ver­gleich kannst du als Mensch nur ver­lie­ren.

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