Ein Tref­fen mit der nie­der­län­di­schen De­si­gne­rin Pe­tra Blais­se.

Wer ist die Frau, die ge­gen­wär­tig die Haupt­hal­le der ETH Zü­rich ver­wan­delt hat?

Das Magazin - - Contents - Von SU­SAN­NE Ko­eber­le

Ih­re Räu­me flies­sen, ih­re Land­schaf­ten sind mä­an­drie­ren­de, of­fe­ne Zo­nen, al­les ist in Be­we­gung und regt zu Be­we­gung an: Die Ka­te­go­ri­en In­nen und Aus­sen lö­sen sich auf, es ent­steht ein Spiel zwi­schen Ver­schwin­den und Er­schei­nen, Sicht­bar­keit und Un­sicht­bar­keit. Das klingt zu­nächst pa­ra­dox, ist aber ge­nau die Es­senz der Ar­beit von Pe­tra Blais­se und ih­res Bü­ros In­si­de Outs­ide. Land­schaf­ten, In­nen­räu­me, Aus­stel­lungs­szeno­gra­fie: Die drei Tä­tig­keits­be­rei­che des nie­der­län­di­schen Bü­ros ge­hen häu­fig in­ein­an­der über. «Wir sind wohl welt­weit die Ein­zi­gen, die all die­se Be­rei­che gleich­zei­tig ab­de­cken», sagt Blais­se bei un­se­rer Be­geg­nung nicht oh­ne Stolz. Das über­schau­ba­re Team um­fasst ne­ben Pe­tra Blais­se zwei Part­ne­rin­nen (Ja­na Cre­pon und Au­ra Luz Me­lis) so­wie ein Dut­zend Mit­ar­bei­ter. Vor kur­zem ist das Bü­ro an den Stadt­rand von Ams­ter­dam um­ge­zo­gen. Zu­vor war In­si­de Outs­ide in ei­ner ehe­ma­li­gen Schu­le do­mi­zi­liert, die jetzt wie­der in ei­ne Schu­le zu­rück­ver­wan­delt wur­de, al­so muss­te sich das Team auf die Su­che nach ei­nem neu­en Zu­hau­se ma­chen. Im Zen­trum von Ams­ter­dam ei­ne be­zahl­ba­re Lo­ca­ti­on zu fin­den, die vie­le ho­he Räu­me bie­tet, ist mitt­ler­wei­le ein Ding der Un­mög­lich­keit. Ei­ne sol­che Raum­hö­he braucht In­si­de Outs­ide aber, denn die me­ter­ho­hen Vor­hän­ge, wel­che ei­ne der Spe­zia­li­tä­ten des Bü­ros sind, müs­sen vor Ort ge­tes­tet wer­den.

Pe­tra Blais­se – gross ge­wach­sen, kur­ze graue Haa­re, stil­be­wusst ge­klei­det – führt mich durch die neu­en Rä­um­lich­kei­ten. Sie hat et­was von ei­ner El­fe, sanft und kämp­fe­risch zu­gleich, ih­re Stim­me ist weich, aber de­zi­diert.

Der Rund­gang durch das Bü­ro macht die Fül­le der Ak­ti­vi­tä­ten von In­si­de Outs­ide deut­lich. Man be­tritt den Be­trieb über den obe­ren Stock, wo Pe­tra Blais­se ihr se­pa­ra­tes Bü­ro hat. Der rest­li­che Teil ist ein gros­ser of­fe­ner Raum. Hier wird ge­mein­sam ge­ges­sen, es gibt ei­ne gros­se Bi­b­lio­thek und ei­ne be­grün­te Ter­ras­se. Der Blick auf das in­dus­tri­el­le Nie­mands­land ist kein schö­ner, aber das stört hier nie­man­den. An die­sem un­schein­ba­ren Ort wird an gros­sen und klei­nen Pro­jek­ten auf der gan­zen Welt ge­ar­bei­tet: et­wa in Chi­na, Ka­tar, Tai­wan, den USA, Ita­li­en, Spa­ni­en oder Is­ra­el – meist lau­fen zehn bis fünf­zehn Pro­jek­te gleich­zei­tig. Die un­te­ren Rä­um­lich­kei­ten glei­chen eher ei­nem Ate­lier. An ei­ner ho­hen Fens­ter­front hängt ei­ne der Vor­hang­krea­tio­nen von In­si­de Outs­ide und fil­tert das her­ein­fal­len­de Licht. Auf dem Bo­den bil­den sich Licht­krei­se – Pe­tra Blais­se weist mich dar­auf hin, sie freut sich wie ein Kind über das wun­der­sa­me Schat­ten­spiel. In der Mit­te des Rau­mes hän­gen die Vor­hän­ge, die ge­gen­wär­tig in der Aus­stel­lung in der Sem­per­hal­le der ETH Zü­rich zu se­hen sind. Da­vor be­fin­den sich die Ar­beits­plät­ze des Teams, da­hin­ter tür­men sich in den Re­ga­len Tex­til­mus­ter in al­len mög­li­chen Far­ben und Ma­te­ria­li­en. Auf ei­nem Tisch ste­hen Ar­chi­tek­tur­mo­del­le ak­tu­el­ler Pro­jek­te. Blais­se er­klärt an­hand ei­nes Mo­dells, was

Der Vor­hang ist wei­che, be­weg­li­che Ar­chi­tek­tur.

In­si­de Outs­ide bei die­sem Pro­jekt tut. Hier kom­men schon ers­te Fra­gen auf: Ist das jetzt De­sign oder Ar­chi­tek­tur? Oder et­was da­zwi­schen?

Wie kann man ei­ne solch viel­schich­ti­ge Ar­beit in ei­ner Aus­stel­lung zei­gen? Wie bringt man dreis­sig Jah­re Ar­beit auf den Punkt? Die­se Fra­gen muss­ten sich auch Niels Ol­sen und Fre­di Fisch­li stel­len, die Lei­ter von gta ex­hi­bi­ti­ons. Sie ha­ben Blais­se für ei­ne Re­tro­spek­ti­ve nach Zü­rich ein­ge­la­den. Sie hät­ten viel dis­ku­tiert, er­zählt Blais­se, aber das ist sich das Team ge­wohnt, schliess­lich rea­li­siert es auch gros­se Pro­jek­te, die sich in der Re­gel über meh­re­re Jah­re hin­zie­hen. Man ei­nig­te sich dar­auf, die Schau auf zwei Pro­jek­te zu fo­kus­sie­ren, die dem­nächst fer­tig­ge­stellt wer­den. Das ei­ne ist ein Park in Mai­land, das an­de­re ein In­nen­raum­pro­jekt in ei­ner al­ten Zug­fa­brik in den Nie­der­lan­den, das tex­ti­le und pflanz­li­che Ein­grif­fe ver­eint.

Pe­tra Blais­se be­gann ih­re Kar­rie­re vor mehr als dreis­sig Jah­ren. Sie be­zeich­net ih­re An­fän­ge als ty­pisch Sieb­zi­ger­jah­re, «viel­leicht war ich auch ei­ne Träu­me­rin», sagt sie. Sie bricht das Kunst­stu­di­um ab, lernt vie­le Krea­ti­ve ken­nen, man ar­bei­tet zu­sam­men, al­les ist sehr flies­send und frei. Heu­te un­vor­stell­bar, da muss al­les in ge­re­gel­ten Bah­nen ab­lau­fen. Je­den­falls be­kommt sie da­mals ei­ne Stel­le als Aus­stel­lungs­szeno­gra­fin beim Ste­de­li­jk Mu­se­um in Ams­ter­dam: «Ich ha­be dort un­glaub­lich viel ge­lernt», er­in­nert sie sich. Je­des De­tail sei wich­tig ge­we­sen: Licht, Klang, Far­be, Ma­te­ria­li­en. 1980/81 macht sie ei­ne Aus­stel­lung über das nie­der­län­di­sche Ar­chi­tek­tur­bü­ro OMA. Die Be­geg­nung mit Rem Kool­haas ist wich­tig und prägt auch ihr Pri­vat­le­ben. Be­vor sie sich 1991 als In­si­de Outs­ide selbst­stän­dig macht, ar­bei­tet sie für OMA. Sie ent­wi­ckelt schon früh ei­ne ganz ei­ge­ne Form der Prä­sen­ta­ti­on, in der sie als Stil­mit­tel die Col­la­ge ein­setzt, das gleich­zei­ti­ge Zei­gen meh­re­rer In­spi­ra­ti­ons­strän­ge. Al­les ist wich­tig, sie will nicht ein­fach ir­gend­wel­che Mo­del­le auf So­ckel stel­len. Auch die 1:1-Mass­stäb­lich­keit spielt da­bei ei­ne Rol­le, Ar­chi­tek­tur soll für sie an­schau­lich er­fahr­bar sein, greif­bar wer­den. Das ist auch in Zü­rich so, sie möch­te die Be­su­cher in ih­re Pro­jek­te ein­tau­chen las­sen, sie über ein Netz von We­gen, wie sie es im Mai­län­der Park rea­li­siert hat, durch die Aus­stel­lung füh­ren. Mit sol­chen Ins­ze­nie­run­gen ha­be sie ein ei­ge­nes Gen­re der Aus­stel­lungs­szeno­gra­fie ge­schaf­fen, fin­den Fre­di Fisch­li und Niels Ol­sen.

Tex­ti­li­en als Ar­chi­tek­tu­ren

Teil ei­nes ih­rer ers­ten In­nen­raum­ge­stal­tungs­pro­jek­te ist ein rie­si­ger Vor­hang für das neue Ne­der­lands Dans Thea­ter, ei­nen Bau von OMA. «Li­quid Gold» heisst das mit gros­sen gol­de­nen Punk­ten ver­se­he­ne tex­ti­le Ge­bil­de. Wir mei­nen, wir wüss­ten, was ein Vor­hang macht. Aber bei nä­he­rer Be­trach­tung der In­si­de-outs­ide-vor­hän­ge er­öff­nen sich ganz neue Aspek­te. Der Vor­hang ist ei­ne Art wei­che, be­weg­li­che Ar­chi­tek­tur. Er schafft ei­ge­ne Räu­me, un­ter­schied­li-

che At­mo­sphä­ren. Durch sei­ne Wan­del­bar­keit rhyth­mi­siert er In­nen­räu­me, er hat qua­si cho­reo­gra­fi­sche Qua­li­tä­ten. Be­we­gung ist seit «Li­quid Gold» ein wich­ti­ges Ele­ment in der Ar­beit von Pe­tra Blais­se. Und der Vor­hang als Mit­tel, um Räu­me zu ver­än­dern, wird zu ih­rem Mar­ken­zei­chen. Das ist bis heu­te nicht an­ders. «Vie­le Kun­den wol­len ei­nen Pe­tra-vor­hang. Doch wir kön­nen nicht ein­fach nur ei­nen Vor­hang ma­chen und die­ses Kli­schee be­die­nen», sagt sie. In­si­de Outs­ide geht be­züg­lich Tex­ti­li­en näm­lich viel wei­ter, lo­tet ih­re un­end­li­chen Mög­lich­kei­ten aus, forscht, ex­pe­ri­men­tiert und er­fin­det. Tex­ti­li­en sind Al­les­kön­ner, aber es braucht Zeit, um die pas­sen­de Lö­sung zu er­ar­bei­ten. Man muss ge­nau ana­ly­sie­ren, wel­chen Zweck ein Vor­hang er­fül­len, wel­che Rol­le er in der Ar­chi­tek­tur spie­len soll.

Das The­ma Tex­ti­li­en ist tra­di­tio­nell ei­ne weib­li­che Do­mä­ne und wird des­halb häu­fig als rei­ne De­ko­ra­ti­on ab­ge­tan. Dass man da­mit auch ar­chi­tek­to­ni­sche Pro­ble­me lö­sen kann, wird viel­fach aus­ge­blen­det. Eben­so die Tat­sa­che, dass Tex­ti­li­en oft ei­nen we­sent­li­chen Teil des Aus­drucks von Ar­chi­tek­tur aus­ma­chen. Am deut­lichs­ten sieht man das bei den Pro­jek­ten, die In­si­de Outs­ide in Kol­la­bo­ra­ti­on mit OMA rea­li­siert hat. Rem Kool­haas’ Ar­chi­tek­tur­bü­ro ist nur ei­nes von vie­len, mit de­nen Pe­tra Blais­se und ihr Team heu­te zu­sam­men­ar­bei­ten.

Bau­ten wie die Seattle Cen­tral Li­bra­ry (2004), die Ca­sa da Mú­si­ca in Por­to (2005), die Chi­na Cen­tral Te­le­vi­si­on Head­quar­ters (2011) in Peking oder die Mai­son Bor­deaux (1998) sind nicht nur Ar­chi­tek­tur­ken­nern ein Be­griff. Al­les Pro­jek­te, bei de­nen In­si­de Outs­ide mit­ge­wirkt hat, und zwar im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes so­wohl «in­si­de» wie auch «outs­ide». Die In­ter­ven­tio­nen im In­nen- und Aus­sen­raum neh­men den Bau­ten das Sta­ti­sche. Denn die Ar­chi­tek­tur von OMA ist zwar durch Schrä­gen und ex­pres­si­ve For­men ge­kenn­zeich­net, ihr haf­tet aber zu­gleich et­was Wuch­ti­ges an. Die­sen Bau­ten kön­nen Brü­che, die star­re Gren­zen auf­lö­sen oder zu­min­dest mil­dern, nur gut­tun. Pe­tra Blais­se schätzt die Zu­sam­men­ar­beit mit OMA, «weil Rem Kool­haas es schon im­mer ver­stan­den hat, Spe­zia­lis­ten aus an­de­ren Dis­zi­pli­nen ein­zu­la­den und die­se von An­fang an in den Ent­wurfs­pro­zess mit ein­zu­be­zie­hen», er­klärt sie. Neh­men wir die Seattle Cen­tral Li­bra­ry: Ih­re In­nen­welt glie­dert In­si­de Outs­ide durch un­ter­schied­li­che Farb­codes und Tex­til­mus­ter, gleich­zei­tig dringt das Kon­zept der Aus­sen­raum­ge­stal­tung bis ins In­ne­re. Der Pro­jekt­na­me «Un­do­ing Boun­da­ries» ist da­bei Pro­gramm. Un­ter­schied­li­che Pflan­zen prä­gen so­wohl die Um­ge­bung des gi­gan­ti­schen Baus wie auch ver­schie­de­ne In­nen­räu­me. Pflan­zen fin­den sich so­gar auf Tep­pi­chen wie­der, sie trän­ken den Bau gleich­sam von aus­sen und in­nen mit Grün. Wie Rhi­zo­me in­fil­trie­ren die pflanz­li­chen Ele­men­te die Bö­den, sie brin­gen wohl­tu­en­des Le­ben ins Gan­ze. Ein na­tür­li­ches Ele­ment, das gleich­zei­tig struk­tu­riert, Ru­he er­zeugt und Ori­en­tie­rung bie­tet – ei­ne neue Rau­mer­fah­rung er­mög­licht. Über­haupt sind pflanz­li­che Struk­tu­ren ei­ne pas­sen­de Me­ta­pher für das Wir­ken von In­si­de Outs­ide. Zell­mem­bra­nen kom­mu­ni­zie­ren se­lek­tiv zwi­schen In­nen und Aus­sen, sie re­gu­lie­ren den Trans­port von Mo­le­kü­len und über­mit­teln In­for­ma­tio­nen. Eben­so könn­te man die Vor­hän­ge oder Land­schaf­ten von In­si­de Outs­ide als ei­ne Art In­ter­face zu Ar­chi­tek­tur und zum ur­ba­nen Ge­fü­ge le­sen. Die­se Funk­ti­on führt das Pro­jekt «Bi­b­lio­te­ca de­gli Al­be­ri», der ur­ba­ne Park bei der Por­ta No­va in Mai­land, sehr gut vor. Dar­an ar­bei­tet In­si­de Outs­ide seit 2003 (!), als das Bü­ro den von der Ge­mein­de Mi­la­no aus­ge­schrie­be­nen Wett­be­werb für sich ent­schei­den konn­te. In der Zwi­schen­zeit muss­te das Team den Ent­wurf an­pas­sen, Land zu­rück­er­obern, das man dem Pro­jekt wie­der ab­zwa­cken woll­te. Ei­ne kom­pli­zier­te und ty­pisch ita­lie­ni­sche Ge­schich­te. En­de Ok­to­ber soll der Park nun end­lich er­öff­net wer­den. Das Grund­kon­zept be­steht da­rin, ein nach aus­sen of­fe­nes Netz von We­gen zu schaf­fen. In ers­ter Li­nie soll das Stück Land als öf­fent­li­cher Raum zu­gäng­lich ge­macht wer­den, als grü­ne Lun­ge, wel­che in der smog­ge­plag­ten Stadt Mai­land drin­gend not­tut. Zu­dem sol­len im Park kul­tu­rel­le Events statt­fin­den kön­nen.

Gren­zen auf­he­ben

Das wei­te, un­re­gel­mäs­sig ge­form­te Ge­län­de zwi­schen der Sta­zio­ne di Por­ta Ga­ri­bal­di und der Sta­zio­ne Cen­tra­le wur­de durch ein Netz aus We­gen struk­tu­riert, das wie­der­um un­ter­schied­lich gros­se Zo­nen für Gär­ten schuf. Dar­über «streu­te» In­si­de Outs­ide kreis­för­mi­ge Grup­pen (sie nen­nen die­se «Kon­fet­ti») mit je­weils un­ter­schied­li­chen Baum­ty­pen. Dies dient durch­aus auch der di­dak­ti­schen Ver­mitt­lung der bo­ta­ni­schen Di­ver­si­tät – da­her auch der Na­me «Bi­b­lio­te­ca». Man kann die­sen Park als ei­gen­wil­li­ge In­ter­pre­ta­ti­on ei­nes bo­ta­ni­schen Gar­tens ver­ste­hen. Ein Team, be­ste­hend aus Ur­ba­nis­ten, Land­schafts­ar­chi­tek­ten, Bo­ta­ni­kern, Tech­ni­kern und ei­ner Gra­fi­ke­rin nahm sich die­ser Auf­ga­be an. Un­ter dem Park be­fin­det sich näm­lich ei­ne gan­ze ver­steck­te Un­ter­welt mit ver­schie­de­nen Schäch­ten und Tun­nels, zu de­nen man nach wie vor Zu­gang ha­ben muss, was die Be­pflan­zung nicht ge­ra­de ver­ein­fach­te. Der Park löst zu­gleich ge­nau das Pro­blem der Zu­gäng­lich­keit zu den dar­un­ter­lie­gen­den In­fra­struk­tu­ren; die­se wä­re bei ei­ner Be­bau­ung des Ge­län­des nicht ge­währ­leis­tet. Aus­blen­den woll­te das In­si­de-outs­ide-team die­sen spe­zi­el­len Kon­text nicht, es schuf im Park ein­zel­ne Guck­lö­cher in die Tie­fe. Der Park ist Na­tur, aber eben ei­ne künst­lich ge­schaf­fe­ne Na­tur.

Die «Gi­ar­di­ni di Por­ta No­va» funk­tio­nie­ren als Ver­bin­dung zwi­schen un­ter­schied­li­chen Vier­teln, als grü­ner Kno­ten­punkt, der sich end­los in den städ­ti­schen Raum aus­deh­nen könn­te. Die mit Baum­na­men ver­se­he­nen We­ge be­sit­zen wie­der die­ses cho­reo­gra­fi­sche Ele­ment, sie re­gen zum Spa­zie­ren und Fla­nie­ren an. «Ich mag kei­ne Gren­zen», sagt die De­si­gne­rin mit Be­stimmt­heit. Das war mit­un­ter ein Grund, wes­halb sie dem The­ma Zaun be­son­de­re Auf­merk-

Über­haupt sind pflanz­li­che Struk­tu­ren ei­ne pas­sen­de Me­ta­pher für das Wir­ken von In­si­de Outs­ide.

sam­keit wid­me­te. Ein­zel­ne Ge­bie­te muss­ten aus ver­schie­de­nen Grün­den den­noch ab­ge­grenzt wer­den. Ih­re Lö­sung: ein mä­an­drie­ren­der Zaun mit Aus­buch­tun­gen, in die man sich set­zen kann! Die­ses sub­ti­le Un­ter­wan­dern eng­ma­schi­ger Vor­ga­ben ist ty­pisch für die Ar­beit des Bü­ros.

Wenn Pe­tra Blais­se von ih­ren Be­su­chen auf dem Ge­län­de er­zählt, spürt man ih­re Lei­den­schaft für die Na­tur, nicht nur für die Pflan­zen, son­dern auch für die Fau­na, die im lang­sam her­an­wach­sen­den Park ein neu­es Zu­hau­se ge­fun­den hat. Dass sie selbst ei­nen Garten be­sitzt und re­gel­mäs­sig gärt­nert, er­staunt da­her kaum. «Falls Sie ei­nen Garten ha­ben, der Pfle­ge braucht, ru­fen Sie mich an», bie­tet sie an. Pflan­zen brau­chen Pfle­ge, vor al­lem im ur­ba­nen Kon­text, wo der Bo­den schnel­ler aus­trock­net. «Es ist trau­rig zu se­hen, wenn Pflan­zen ster­ben, man muss je­man­den fin­den, der die­se grü­nen Or­te ad­op­tiert, sonst kann man sol­che Pär­ke ver­ges­sen», so die Na­tur­freun­din.

Öf­fent­li­che Räu­me ha­ben ei­ne ei­ge­ne Dy­na­mik, die schwer zu kon­trol­lie­ren ist, das muss man auch ak­zep­tie­ren kön­nen. Ein gu­tes Bei­spiel für ei­nen län­ge­ren, im­mer noch lau­fen­den Pro­zess ist ein Pro­jekt im öf­fent­li­chen Raum Ams­ter­dams. Ja­na Cre­pon, die für Land­schafts­ar­chi­tek­tur zu­stän­di­ge Part­ne­rin, führt mich zum Uni­ver­si­täts­cam­pus Roe­ter­sei­land, der sich im Zen­trum am En­de ei­nes Grach­ten­ka­nals be­fin­det. Hier nah­men die De­si­gne­rin­nen ge­schickt auf Ei­gen­hei­ten Ams­ter­dams Be­zug und ver­wen­de­ten als Ma­te­ri­al für ih­ren Ein­griff den ty­pi­schen ro­ten Back­stein. Die neue Gestal­tung des Ge­län­des hat­te ei­ne Öff­nung des Cam­pus zur Stadt zum Ziel. In­si­de Outs­ide kre­ierte neue We­ge und Über­gän­ge und be­ton­te die­se durch ei­ne hel­le, schlan­gen­för­mi­ge Zeich­nung, de­ren fei­ne Strei­fen aus weis­sen Back­stei­nen erst beim Nä­her­kom­men er­kenn­bar sind. Ja­na Cre­pon ver­gleicht die­se Weg­zeich­nung mit dem Stu­di­um selbst, das ja auch oft auf Um­we­ge füh­re, aber dann doch ir­gend­wie an ein Ziel. Bei un­se­rem Be­such zeigt sich, dass vie­les nicht im Sin­ne des ur­sprüng­li­chen Ent­wurfs ge­än­dert wur­de. So stell­te man zum Bei­spiel an­de­re Bän­ke auf, ob­wohl In­si­de Outs­ide auch ei­ge­ne Sitz­bän­ke aus Holz ent­wor­fen hat­te, wel­che die Form des Ban­des wie­der­auf­neh­men. Dies­be­züg­lich gel­te es, dran­zu­blei­ben und stän­dig neu zu ver­han­deln, so Cre­pon. Die Land­schafts­ge­stal­tung und die Be­grü­nung wir­ken so selbst­ver­ständ­lich, als sei­en sie schon im­mer Teil des Cam­pus ge­we­sen. Die­ses In-den-hin­ter­grund-tre­ten der In­ter­ven­tio­nen kommt dem Pro­jekt zu­gu­te. Kaum merk­lich er­zeugt das weis­se Band ei­ne Art «Dé­ri­ve», wie die Künst­ler­grup­pe der Si­tua­tio­nis­ten in den Sech­zi­ger­jah­ren das plan­lo­se Na­vi­gie­ren durch Städ­te nann­te. Sol­che leich­ten Ver-rü­ckun­gen sind ein Merk­mal vie­ler Pro­jek­te, die des­we­gen fast sub­ver­si­ven Cha­rak­ter ha­ben. Die Pro­jek­te von In­si­de Outs­ide zei­gen, wie man Räu­me und Ter­ri­to­ri­en ver­än­dern und öff­nen kann. Sie sind Set­zun­gen oh­ne Al­lü­ren, sicht­ba­re oder un­sicht­ba­re In­ter­ven­tio­nen, die nichts­des­to­trotz viel be­wir­ken. Flies­send eben, of­fen, ins Un­end­li­che wei­send, aber nicht für die Ewig­keit ge­dacht. Die Aus­stel­lung «In­si­de Outs­ide/pe­tra Blais­se: A Re­tro­s­pec­tive» ist noch bis 19. Ok­to­ber im Eth-zen­trum in Zü­rich zu se­hen.

SU­SAN­NA KO­EBER­LE ist freie Jour­na­lis­tin; sie schreibt öf­ter über Kunst, De­sign und Ar­chi­tek­tur. sk@su­san­na­ko­eber­le.ch

Un­ten: Die leich­ten Vor­hän­ge in der Mai­son à Bor­deaux von OMA be­we­gen sich im Wind und be­rei­chern den Bau um ein cho­reo­gra­fi­sches Ele­ment.

Mit­te: Für ei­ne Pa­ri­ser Fir­ma schuf In­si­de Outs­ide netz­ar­ti­ge Vor­hän­ge als Licht­fil­ter. Ver­schie­den ge­form­te Guck­lö­cher bie­ten Aus­bli­cke auf die Stadt. Rechts: Der Vor­hang im Cha­zen Mu­se­um of Art in Wis­con­sin, USA, bil­det, zur Sei­te ge­zo­gen, ei­ne von in­nen be­leuch­te­te Säu­le.

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