Oh­ne Ver­trau­en läuft gar nichts. Ei­gent­lich selt­sam, dass das vie­le nicht wirk­lich ver­ste­hen.

Über­le­gun­gen zu ei­ner Hal­tung.

Das Magazin - - Contents - Von pe­ter HAFF­NER

Ich ha­be spät in mei­nem Le­ben Au­to fah­ren ge­lernt. Wenn man fünf­zig ist, wird es teu­er; ich wür­de eben­so vie­le Fahr­stun­den brau­chen, wie ich Jah­re alt sei, mein­te mei­ne Fahr­leh­re­rin be­geis­tert nach der ers­ten Lek­ti­on. Der Vor­teil ist, dass man sich über man­ches, was ei­nem in jun­gen Jah­ren selbst­ver­ständ­lich er­scheint, un­ver­se­hens wun­dern kann. So ist mir je­ner son­ni­ge Tag in fri­scher Er­in­ne­rung, als ich – ich hat­te erst den Lern­fahr­aus­weis – mit ei­nem Kol­le­gen über den Al­bis­pass fuhr. Auf der Land­stras­se herrsch­te kaum Ver­kehr, ab und zu tauch­te auf der Ge­gen­fahr­bahn ein Au­to auf, und ich fühl­te mich schon wie ein rou­ti­nier­ter For­mel-1-pi­lot, als mir ein Ge­dan­ke durch den Kopf schoss. «Ist es nicht un­glaub­lich», sag­te ich zu mei­nem Bei­fah­rer, «wel­ches Ver­trau­en man zu den an­de­ren Ver­kehrs­teil­neh­mern hat, die ei­nem doch al­le fremd sind? Was ga­ran­tiert mir, dass die jun­ge Frau in je­nem Vol­vo nicht an Nar­ko­lep­sie lei­det? Der for­sche Bmw-fah­rer nicht Selbst­mord­ge­dan­ken hat? Und un­ser Le­ben in ei­nem Fron­tal­zu­sam­men­stoss en­det, für den ich nichts kann?»

«Der Mensch», schrieb der So­zio­lo­ge Ni­k­las Luh­mann, «hat zwar in vie­len Si­tua­tio­nen die Wahl, ob er in be­stimm­ten Hin­sich­ten Ver­trau­en schen­ken will oder nicht. Oh­ne jeg­li­ches Ver­trau­en aber könn­te er mor­gens sein Bett nicht ver­las­sen. Un­be­stimm­te Angst, läh­men­des Ent­set­zen be­fie­len ihn.»

Ver­trau­en, sagt Luh­mann in sei­ner weg­wei­sen­den Mo­no­gra­fie zum The­ma, dient der «Re­duk­ti­on von Kom­ple­xi­tät»: Wür­den wir stets al­les in Er­wä­gung zie­hen, was schief­ge­hen könn­te, wür­den wir je­des Ri­si­ko ver­mei­den wol­len, wä­ren wir nicht hand­lungs­fä­hig.

Heu­te ist «Ver­trau­en» ein Wer­be­slo­gan. Au­to­händ­ler und Ärz­te, Staats­män­ner und Deo­do­rant-her­stel­ler, Ba­by­brei-pro­du­zen­ten und Hed­ge­fonds-ma­na­ger ver­spre­chen Ver­trau­en und for­dern es ein; ja, nicht nur Men­schen sol­len wir ver­trau­en, son­dern auch der Tech­nik, der Wis­sen­schaft, den Netz­wer­ken und Di­enst­leis­tern des In­ter­nets, der Re­gie­rung und den staat­li­chen In­sti­tu­tio­nen. Der Ver­dacht kommt auf, Ver­trau­en wer­de um­so mehr be­schwo­ren, je an­ge­schla­ge­ner es ist in­fol­ge der häu­fi­gen Skan­da­le in Po­li­tik, Wirt­schaft und Ge­sell­schaft.

Ein­an­der ver­traut ha­ben Men­schen wohl schon im­mer. Doch bis zum Be­ginn der Auf­klä­rung und der Mo­der­ne wird in un­se­rem Kul­tur­kreis dar­über kaum mehr ge­sagt, als was in der Bi­bel steht: «Es ist gut, auf den Herrn zu ver­trau­en und nicht sich ver­las­sen auf Men­schen.» (Psalm 118,8) We­der auf «Fürs­ten» noch auf den ei­ge­nen «Ver­stand», nur auf Gott ist Ver­lass, sagt das Buch der Bü­cher.

Der Bruch im eu­ro­päi­schen Den­ken, was das Gott- und Welt­ver­trau­en an­be­langt, er­folg­te 1755 mit der Ka­ta­stro­phe von Lis­s­a­bon. Sie wur­de zum Mahn­mal der Mo­der­ne, wie der Un­ter­gang der Ti­ta­nic zum Mahn­mal der Tech­nik wur­de. Ein Erd­be­ben, ein Gross­brand, ein Tsu­na­mi; in Lis­s­a­bon, ei­ner Blü­te der Zi­vi­li­sa­ti­on, wur­de da­mals deut­lich, dass die Ge­walt der Na­tur nicht den mo­ra­li­schen Prin­zi­pi­en des Men­schen ge­horcht, son­dern un­ter­schieds­los Sün­der und Tu­gend­haf­te trifft.

Die Ba­sis der Ge­sell­schaft

Der Psy­cho­ana­ly­ti­ker Erik Erik­son hat dann 1950 das Gott­ver­trau­en als «Ur­ver­trau­en» zwi­schen Mut­ter und Säug­ling sä­ku­la­ri­siert. Wie je­nes mit der Er­schaf­fung des ers­ten Men­schen, kommt die­ses mit der Ge­burt ei­nes je­den zur Welt und bil­det das Fun­da­ment für Ver­trau­en jed­we­der Art.

Der Be­deu­tungs­wan­del des Be­grif­fes durch die Jahr­hun­der­te lässt sich an­hand der De­fi­ni­tio­nen in Wör­ter­bü­chern ver­fol­gen. Gibt Jo­hann Hein­rich Zed­lers «Gros­ses voll­stän­di­ges Uni­ver­sal-le­xi­con Al­ler Wis­sen­schaff­ten und Küns­te» (1732–1750) noch zu be­den­ken, dass es si­che­res Ver­trau­en nur un­ter «wah­ren Chris­ten» in ih­rem Ver­hält­nis zu Gott ge­be, de­fi­niert 1801 Jo­hann Chris­toph Ade­lungs Wör­ter­buch Ver­trau­en als «ein Ding dem an­dern mit zu­ver­sicht­li­cher Er­war­tung der Si­cher­heit des­sel­ben über­tra­gen». Die­ses «Ding» kann auch die ei­ge­ne Per­son sein: «So ver­traut sich ein Kran­ker dem Arz­te», steht als Bei­spiel. Zehn Jah­re spä­ter er­wähnt Joa­chim Hein­rich Cam­pe in sei­nem fünf­bän­di­gen «Wör­ter­buch der deut­schen Spra­che» ne­ben dem Arzt auch den Kauf­mann: «Ein Kauf­mann hat Ver­trau­en, wenn man ihm sein Geld und Gel­des Werth in ge­wis­ser Hoff­nung, dass es si­cher bei ihm sein wer­de, über­giebt oder über­lässt (er hat Cre­dit).» Das «Deut­sche Wör­ter­buch» von Ja­cob und Wil­helm Grimm bringt es 1956 auf den Punkt: «Man traut ei­nem Men­schen, wenn man ihm nichts Bö­ses zu­traut – man ver­traut ihm, wenn man mit Si­cher­heit Gu­tes von ihm er­war­tet.» Wie die Spra­che uns er­laubt, über Din­ge zu re­den, die es nicht oder noch nicht gibt, so nimmt auch das Ver­trau­en Zu­kunft vor­weg. Wäh­rend in der Ko­lo­ni­al­zeit Han­dels­schif­fe an fer­ne Ge­sta­de ge­schickt wur­den in der Er­war­tung, der Ka­pi­tän brin­ge sie mit Schät­zen be­frach­tet zu­rück, wer­den heu­te In­ter­net-start-ups von Ri­si­ko­ka­pi­ta­lis­ten fi­nan­ziert in der Er­war­tung, aus der Ga­ra­gen­tüf­te­lei wer­de et­was, wo­mög­lich ein Gi­gant wie App­le, Goog­le oder Face­book. Ein Ri­si­ko in der Tat; zum Ver­trau­en ge­hört die Ent­täu­schung.

Seit dem spä­ten 18. Jahr­hun­dert wer­den in den mo­der­nen Ge­sell­schaf­ten Eu­ro­pas und Ame­ri­kas Ver­trau­ens­fra­gen zu ei­nem Leit­mo­tiv des Han­delns. Dem vor­an­ge­gan­gen war ein neu­es Ver­ständ­nis des po­li­ti­schen Ver­trau­ens, das sei­ne Pre­mie­re in En­g­land hat­te. An­ders als in Kon­ti­nen­tal­eu­ro­pa hat­ten sich im In­sel­reich ab­so­lu­tis­ti­sche Re­gie­rungs­for­men nicht durch­set­zen kön­nen. Als es im Macht­kampf zwi­schen Par­la­ment und Kro­ne 1649 zum Show­down kam, stand die Fra­ge im Zen­trum, an wes­sen Ver­trau­en der Kö­nig ge­bun­den ist – an das Got­tes, des Par­la­men­tes oder des Vol­kes? Charles I. be­rief sich auf das Gott­ver­trau­en, wur­de an­ge­klagt, das Ver­trau­en von Par­la­ment und Volk ent­täuscht bzw. ge­bro­chen zu ha­ben, we­gen Hoch­ver­rats ver­ur­teilt und ge­köpft. Fort­an stand nicht mehr das Ver­trau­ens­ver­hält­nis der Un­ter­ta­nen zum Kö­nig im Mit­tel­punkt, son­dern das zwi­schen Par­la­ment und Wäh­lern.

Vor die­sem Hin­ter­grund ist der Phi­lo­so­phen­streit zwi­schen John Lo­cke und Tho­mas Hob­bes ent­stan­den; ein Streit, der zwei po­li­ti­sche La­ger bis heu­te trennt. Mit sei­nen 1689 an­onym pu­bli­zier­ten «Trea­ti­ses of Go­vern­ment» leg­te Lo­cke das theo­re­ti­sche Fun­da­ment der mo­der­nen bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft; ein Zu­sam­men­schluss von In­di­vi­du­en im In­ter­es­se der Wah­rung von Frei­heit und Ei­gen­tum. Die­ser Akt des Ver­trau­ens, mein­te Lo­cke, be­en­de das im Na­tur­zu­stand herr­schen­de Miss­trau­en ei­nes je­den ge­gen­über je­dem. Ver­trau­en schenkt man auch den Ge­setz­ge­bern, die man als – wie­der ab­wähl­ba­re – Re­prä­sen­tan­ten be­stimmt.

Hob­bes da­ge­gen, der Ver­fas­ser des «Le­via­than» von 1651, moch­te den Men­schen, die er prin­zi­pi­ell für un­be­re­chen­bar hielt, nicht trau­en. Er sieht den Na­tur­zu­stand als Krieg al­ler ge­gen al­le, den nur die Un­ter­wer­fung durch den Staat be­en­den kann. In sei­nem So­zi­al­kon­trakt hält nicht das Ver­trau­en, son­dern der «Schre­cken» die Men­schen im Zaum.

Wer von bei­den hat recht – Lo­cke, der Vor­den­ker der Auf­klä­rung, oder Hob­bes, der Be­grün­der ei­nes auf­ge­klär­ten Ab­so­lu­tis­mus? Pro­gres­si­ve nei­gen Lo­cke zu, Kon­ser­va­ti­ve Hob­bes. Jan Phil­ipp Reemts­ma, der Ham­bur­ger Mä­zen und Pu­bli­zist, der 1996 ent­führt und 33 Ta­ge in ei­nem Kel­ler ge­fan­gen ge­hal­ten wur­de, lädt in sei­nem Buch «Ver­trau­en und Ge­walt» zu ei­nem Ge­dan­ken­ex­pe­ri­ment. Was wür­de ge­sche­hen, wenn die Re­gie­rung er­klär­te, die Staats­ge­walt sei für zwei Wo­chen aus­ser Kraft ge­setzt, so­dass je­der straf­los tun dürf­te, was im­mer er möch­te? Selbst wer an die Fried­fer­tig­keit sei­ner Mit­men­schen glaubt, wür­de kaum die Hand da­für ins Feu­er le­gen, al­les wür­de wei­ter­ge­hen wie ge­wohnt. Wer wür­de noch im Ver­trau­en, nicht aus­ge­raubt oder um­ge­bracht zu wer­den, aus dem Haus ge­hen? Was wür­de pas­sie­ren, wenn es zu ge­walt­sa­men Aus­ein­an­der­set­zun­gen kä­me? Wür­de man sich ver­tei­di­gen kön­nen, und wer wür­de ei­nem hel­fen?

Auch in der De­mo­kra­tie ruht un­ser Ver­trau­en auf­ein­an­der auf dem Fun­da­ment ei­ner uns sel­ten be­wuss­ten, meist un­sicht­ba­ren, aber mäch­ti­gen Ge­walt – der des Staa­tes. Wir ha­ben ihm das Mo­no­pol dar­auf ge­ge­ben und ihn ver­pflich­tet, da­von Ge­brauch zu ma­chen. Die Aus­ein­an­der­set­zung über das Ver­hält­nis von Frei­heit und Si­cher­heit, die Hob­bes und Lo­cke er­öff­net ha­ben, hat Sig­mund Freud als Ge­gen­satz von Kul­tur und Trieb­re­gun­gen neu the­ma­ti­siert. In sei­nem Es­say «Das Un­be­ha­gen in der Kul­tur» be­schreibt er ihn als Tausch­ge­schäft – je mehr man vom ei­nen will, des­to we­ni­ger hat man vom an­de­ren. Freud mein­te 1930, wir hät­ten zu viel von un­se­rer per­sön­li­chen Frei­heit der Si­cher­heit ge­op­fert.

Der 2007 ver­stor­be­ne pol­nisch­bri­ti­sche So­zio­lo­ge Zyg­munt Bau­man, der ein­fluss­rei­che Theo­re­ti­ker der «flüs­si­gen» Mo­der­ne, sah es um­ge­kehrt: Heu­te, mein­te er, rühr­ten die psy­chi­schen Krank­hei­ten nicht mehr wie zu Freuds Zei­ten da­her, dass wir zu viel von un­se­rer Frei­heit, son­dern da­her, dass wir zu viel von un­se­rer Si­cher­heit auf­ge­ge­ben hät­ten. Dies, weil je­der nun sel­ber da­für ver­ant­wort­lich sei, die Pro­ble­me zu lö­sen, die nicht er, son­dern die Ge­sell­schaft ge­schaf­fen ha­be.

Dem Ruf nach ei­nem «star­ken Mann» sei­en ge­nau des­halb in man­chen Län­dern vie­le Wäh­ler ge­folgt. Ihr Ver­trau­en in Staat und Po­li­tik ist er­schüt­tert. Nicht we­gen der Mi­gra­ti­on, von der im­mer ge­re­det wird, son­dern we­gen der fun­da­men­ta­len Ve­rän­de­rung im Ver­hält­nis von Ka­pi­tal und Ar­beit. Das klas­si­sche Mo­dell die­ses Ver­hält­nis­ses war die Ford-fa­b­rik. Die Ar­bei­ter wa­ren ab­hän­gig von Hen­ry Ford, in des­sen Un­ter­neh­men sie ih­ren Le­bens­un­ter­halt ver­dien­ten, er war ab­hän­gig von ih­nen, die ihn reich und mäch­tig mach­ten. Bei­de wuss­ten, dass sie zum Zu­sam­men­le­ben ver­ur­teilt sind; ein, wenn man so will, sym­bio­ti­sches Ver­hält­nis ha­ben.

Das ist heu­te nicht mehr so. Ein Ar­bei­ter oder An­ge­stell­ter muss je­der­zeit da­mit rech­nen, dass der Un­ter­neh­mer sein Ka­pi­tal ir­gend­wo­hin ver­la­gert, wo es Ar­beits­kräf­te gibt, die sich mit zwei Dol­lar Ta­ges­lohn zu­frie­den­ge­ben und nie strei­ken. «Der un­ge­schrie­be­ne Ver­trag zwi­schen Ka­pi­ta­list und Ar­bei­ter», so Bau­man, «ist ein­sei­tig ge­bro­chen wor­den. Die Ar­beit­ge­ber kön­nen hin­ge­hen, wo sie wol­len, aber die Ar­beit­neh­mer sind im­mer noch orts­ge­bun­den.»

Luh­mann le­sen!

Da­mit ist nicht nur das Ver­trau­en der Be­leg­schaft in ih­ren Be­trieb und sei­nen Be­sit­zer lä­diert, son­dern auch das Ver­trau­en un­ter­ein­an­der. Je­der Mit­ar­bei­ter wird zum po­ten­zi­el­len Feind des an­de­ren, da er hofft, die nächs­te Run­de der Ra­tio­na­li­sie­rung, des Down­si­zing und Out­sour­cing wer­de nicht ihn, son­dern den Kol­le­gen tref­fen. «Frü­her», sagt Bau­man, «pro­du­zier­te ei­ne Fa­b­rik im Stil von Ford, was im­mer sie her­stell­te, auch So­li­da­ri­tät. Die heu­ti­ge Fa­b­rik da­ge­gen pro­du­ziert, was im­mer sie auch her­stellt, Ri­va­li­tät.» Der Na­tio­nal­staat hat nicht die Macht, die­ses Pro­blem zu lö­sen. Des­halb buh­len die «star­ken Män­ner» in Ost und West nicht mit ei­nem po­li­ti­schen Pro­gramm um die Gunst der Wäh­ler, son­dern mit ih­rer Per­son: «Ver­traue mir, und al­les wird wie­der gut.»

Luh­manns Buch «Ver­trau­en» er­schien 1968, dem Jahr, das im Wes­ten für die Re­bel­li­on der stu­den­ti­schen Ju­gend ge­gen die bür­ger­li­che Ge­sell­schaft steht und im Os­ten für die Nie­der­schla­gung des Ver­suchs ei­nes «hu­ma­nen So­zia­lis­mus». «Trau kei­nem über dreis­sig» war der Slo­gan in Ber­ke­ley, Ber­lin und Pa­ris – ge­meint wa­ren da­mit nicht die Ge­ron­to­kra­ten im Kreml, die Pan­zer nach Prag schick­ten.

Schen­ken Sie ei­nem Men­schen, der sagt, er ha­be nie im Ge­fäng­nis ge­ses­sen, des­halb Ver­trau­en? Wohl nicht. Und ei­nem, der sagt, er sei im Ge­fäng­nis ge­we­sen? Un­ter Um­stän­den soll­ten Sie es, ge­ra­de des­halb. Stammt er aus ei­nem Land, in dem Op­po­si­tio­nel­le ein­ge­ker­kert, ge­fol­tert und er­mor­det wur­den, hat er sein Le­ben ris­kiert, um der Wahr­heit und der Men­schen­wür­de wil­len – et­was, was wir uns sel­ber nicht un­be­dingt zu­trau­en.

Tho­mas Hob­bes moch­te den Men­schen, die er prin­zi­pi­ell für un­be­re­chen­bar hielt, nicht trau­en.

Wem man ver­traut, ist bis heu­te ei­ne Fra­ge, wo man lebt. Nach der Re­vo­lu­ti­on von 1989, dem Fall der Mau­er, hat­te ich oft Be­such aus Ost­eu­ro­pa. Vom Fens­ter mei­ner Woh­nung in Zü­rich sah man auf das Dach ei­nes Al­ters­heims, wo ge­ra­de ein Auf­bau er­rich­tet wur­de. Als ei­ne Freun­din aus War­schau frag­te, was da ge­baut wer­de, mein­te sie auf mein Schul­ter­zu­cken, es sei be­stimmt ei­ne Lei­chen­ver­bren­nungs­an­la­ge. Ich dach­te, sie scher­ze, aber ihr war ernst – wer in ei­nem Po­li­zei­und Will­kürstaat auf­ge­wach­sen ist, hat das Miss­trau­en ge­gen­über of­fi­zi­el­len Ver­laut­ba­run­gen im Blut. (Es han­del­te sich um ei­ne Kli­ma­an­la­ge, wie ich dann in Er­fah­rung brach­te.)

Ein Rechts­staat hin­ge­gen, der auf der Ge­wal­ten­tei­lung ba­siert mit ei­ner un­ab­hän­gi­gen Jus­tiz, setzt Ver­trau­en vor­aus und schafft es zu­gleich. «In Wahr­heit», sagt Luh­mann, «fun­diert der Ver­trau­ens­ge­dan­ke das ge­sam­te Recht, das Sich­ein­las­sen auf an­de­re Men­schen, so wie um­ge­kehrt Ver­trau­enser­wei­se nur auf­grund ei­ner Ri­si­kom­in­de­rung durch das Recht zu­stan­de kom­men kön­nen.»

In ein­fa­chen, klei­nen So­zi­al­sys­te­men ist zwi­schen Ver­trau­en und Recht kaum zu un­ter­schei­den; Ver­trau­en wird er­war­tet, Miss­trau­en ist ein Af­front, und ein Ver­trau­ens­bruch wird als Un­recht ge­ahn­det. Ei­ne Tren­nung von Ver­trau­en und Recht wird je­doch un­um­gäng­lich, wenn vie­le Ak­teu­re im Spiel sind; Ver­trä­ge müs­sen ab­ge­schlos­sen wer­den kön­nen, un­ab­hän­gig da­von, ob und wer wem fak­tisch ver­traut. Dass das Per­sön­li­che da­bei nicht ganz un­ter den Tisch fällt, zeigt sich in der Kör­per­spra­che. Ob­schon al­les schrift­lich ge­re­gelt ist und die Part­ner bei Ver­trags­ver­let­zun­gen kla­gen könn­ten, be­sie­geln sie die Un­ter­zeich­nung mit ei­nem Blick in die Au­gen und ei­nem Hand­schlag; ein Ri­tu­al zur Be­kräf­ti­gung, dass man auch als Per­son da­hin­ter­steht. In der heu­ti­gen Welt müs­sen wir vie­len und auf vie­les ver­trau­en; doch in den Wohl­stands­ge­sell­schaf­ten des Wes­tens kön­nen wir uns auch auf vie­les ver­las­sen. Wir ver­trau­en nicht nur un­se­rer Fa­mi­lie und un­se­ren Freun­den, son­dern auch den In­sti­tu­tio­nen von Staat und Ge­sell­schaft. Wir ver­trau­en dar­auf, dass sie funk­tio­nie­ren, dass Recht und Ord­nung herr­schen und dass all­fäl­li­ge Ver­stös­se sank­tio­niert wer­den.

Et­was an­ders ist es mit der Wirt­schaft. Wir dür­fen uns zwar dar­auf ver­las­sen, dass der Mo­tor un­se­res Au­tos am Mor­gen an­springt, doch das Ver­trau­en in sei­nen re­nom­mier­ten Her­stel­ler ist seit «Die­sel­ga­te», dem Ab­gas­skan­dal, nicht mehr das bes­te. Die Be­reit­wil­lig­keit, un­se­re Da­ten Face­book und an­de­ren so­zia­len Netz­wer­ken an­zu­ver­trau­en, war wohl na­iv. Doch in­dem die­se be­teu­ern, sie hät­ten nichts an­de­res im Sinn, als Men­schen aus al­ler Welt ein­an­der nä­her­zu­brin­gen, re­den sie schön, was ein Ver­trau­ens­miss­brauch war und ist.

Auch die tra­di­tio­nel­len Me­di­en ha­ben ei­nen Ver­trau­ens­ver­lust er­lit­ten. Wie so et­was ei­nen ver­un­si­chern kann, er­leb­te ich, als ich et­wa zehn Jah­re alt war und mein Va­ter mir ei­nen Sach­ver­halt der As­tro­no­mie er­klär­te. Ich weiss nicht mehr, wo­rum es ging, doch wie es mein Ver­trau­en er­schüt­ter­te, weiss ich noch ganz ge­nau. Um mir den Sach­ver­halt zu ver­deut­li­chen, schlug ich im Le­xi­kon nach, wo das Ge­gen­teil von dem stand, was mein Va­ter ge­sagt hat­te. Ich war zu jung, sei­ne Au­to­ri­tät in­fra­ge zu stel­len, aber zu alt, um am Wahr­heits­ge­halt ei­nes Le­xi­kons zu zwei­feln. Als ich ihn dar­auf an­sprach, mein­te er un­ge­rührt, was im Le­xi­kon ste­he – es war im Üb­ri­gen sei­nes – sei falsch.

Ich war ver­zwei­felt. Wel­chen Quel­len ver­trau­en wir, und wes­halb tun wir das bzw. eben nicht? Die heu­ti­ge Ju­gend in­for­miert sich fast aus­schliess­lich on­line; Wi­ki­pe­dia, Youtube, Blogs und der Feed aus so­zia­len Netz­wer­ken sind die Au­to­ri­tä­ten, de­nen sie ver­traut. Im Zeit­al­ter der «al­ter­na­ti­ven Fak­ten», der Fa­ke News und des World Wi­de Web herrscht kein Man­gel an Bull­s­hit, Ho­kus­po­kus und ab­stru­sen Ver­schwö­rungs­theo­ri­en. Der al­te Rat, «Trau, schau, wem», ist nicht leicht zu be­fol­gen.

Was ist Treue wert?

Was tun? Wenn ich ins Flug­zeug stei­ge, ver­traue ich den be­ruf­li­chen Fä­hig­kei­ten der Pi­lo­tin, je­doch nicht ihr als Mensch; dass sie ver­hei­ra­tet ist und ei­nen Ge­lieb­ten hat, soll mich nicht küm­mern, so­lan­ge nicht ich ihr Mann bin. Eben­so gel­ten fach­li­che Kri­te­ri­en, um ei­ne Quel­le, ei­ne Per­son oder In­sti­tu­ti­on ein­zu­schät­zen: Sta­tus, Re­pu­ta­ti­on, Kom­pe­tenz, In­te­gri­tät, Re­fe­ren­zen, Plau­si­bi­li­tät und, last but not least, das Mo­tiv: Ist die Quel­le, Per­son oder In­sti­tu­ti­on in­ter­es­siert, mir die Wahr­heit zu sa­gen oder dar­an, mich zu täu­schen?

«Trau, schau, wem und wo­rin», muss es heu­te heis­sen. Nicht nur in den Me­di­en ist ein Ver­gleich mit an­de­ren Quel­len zum sel­ben The­ma rat­sam. Und über­dies gilt es auch die Fol­gen zu be­den­ken, wenn man der Quel­le ver­traut. Ein Lehr­bei­spiel ist der Irak­krieg. Es wird oft ge­sagt, die Re­gie­rung von Ge­or­ge W. Bush ha­be ge­lo­gen, um die In­ter­ven­ti­on zu le­gi­ti­mie­ren. Lü­gen kann je­doch nur, wer die Wahr­heit kennt. Doch am meis­ten über­rascht da­von, dass kei­ne Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen ge­fun­den wur­den, war die Bush-re­gie­rung. Was nicht heisst, dass sie das vom Kon­gress in sie ge­setz­te Ver­trau­en ver­dient hät­te. Sie hat die Quel­len, de­nen ih­re Ge­heim­diens­te ver­trau­ten, kei­ner kri­ti­schen Prü­fung un­ter­zo­gen.

Bis­wei­len ist es mit dem Ver­trau­en wie mit den gu­ten Vor­sät­zen, mit de­nen be­kannt­lich der Weg zur Höl­le ge­pflas­tert ist. So hat­te der bri­ti­sche Pre­mier Ne­vil­le Cham­ber­lain 1938 nach der Un­ter­zeich­nung des Münch­ner Ab­kom­mens, das Hit­ler den Weg zum Krieg eb­ne­te, der Welt «pe­ace for our ti­me» ver­kün­det – im Ver­trau­en, «Herr Hit­ler», wie er ihn nann­te, spie­le nach den Re­geln wie er sel­ber, der Gen­tle­man. Wins­ton Chur­chill, sein Nach­fol­ger, hat­te das «Un­ge­heu­er», dem die Deut­schen ihr Schick­sal an­ver­trau­ten, schon An­fang der Dreis­si­ger­jah­re durch­schaut. Er hat nicht ihm, son­dern sich sel­ber ver­traut, sei­ner Men­schen­ und Ge­schichts­kennt­nis.

Wie das in­sti­tu­tio­nel­le, ist auch das per­sön­li­che Ver­trau­en in der Fa­mi­lie, un­ter Freun­den, in Ver­ei­nen und In­ter­es­sen­ge­mein­schaf­ten ge­schicht­lich ge­prägt. Im 19. Jahr­hun­dert be­kommt es ei­nen ho­hen Stel­len­wert, was die His­to­ri­ke­rin Ute Fre­vert mit der In­di­vi­dua­li­sie­rung der mo­der­nen bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft er­klärt. Die Kehr­sei­te der Frei­heit von Zwän­gen des Stan­des ist die Ver­ein­ze­lung und die Ein­sam­keit, die man mit der Su­che nach neu­en Bin­dun­gen zu über­win­den hofft. Im ra­schen, vom tech­ni­schen Fort­schritt be­stimm­ten Wan­del, wer­den Oa­sen der Sta­bi­li­tät ge­schaf­fen. Die Ehe ist nun nicht mehr ei­ne Sa­che blos­ser Ver­nunft mit dem Ziel, die Ar­beit zu tei­len, das Ver­mö­gen zu ver­meh­ren, den Be­sitz zu ver­er­ben und re­li­giö­se Vor­schrif­ten zu be­fol­gen. Sie wird jetzt zu ei­ner Lie­be­san­ge­le­gen­heit, zur in­tims­ten Bin­dung ne­ben der zwi­schen Mut­ter und Kind.

Gilt das auch im der­zei­ti­gen be­schleu­nig­ten Wan­del, wo im­mer we­ni­ger ei­nen Job fürs Le­ben ha­ben, mo­bil blei­ben wol­len oder müs­sen und sich Be­zie­hun­gen vir­tu­ell leicht knüp­fen, aber re­al schwer hal­ten las­sen? Kann man un­ter die­sen Um­stän­den noch auf Treue bau­en, ein­an­der ver­trau­en?

Das Fe­lix-krull-pro­blem

Zyg­munt Bau­man ver­nein­te es und kam gar zum Schluss, wir sei­en da­bei, das Lie­ben zu ver­ler­nen. Wäh­rend man in tur­bu­len­ten Zei­ten wie heu­te Freun­de und Part­ner be­nö­ti­ge, die ei­nen nicht hän­gen lies­sen, scheue man die Ver­pflich­tung ei­ner Bin­dung in der Furcht, et­was zu ver­pas­sen. Der Trend, ei­nen Part­ner im In­ter­net zu su­chen, meint Bau­man, fol­ge dem Trend zum In­ter­net­shop­ping; die Be­zie­hun­gen zwi­schen Men­schen wür­den wie die Be­zie­hun­gen zwi­schen Kun­den und Wa­ren. «Es ist kein be­wuss­ter Pro­zess», sagt er, «aber es ist die Art, in der wir ler­nen, die Welt und die Men­schen zu se­hen.»

Be­ding­te Treue und Loya­li­tät auf Zeit be­gren­zen auch die Dau­er von Ge­mein­schaf­ten wie Ver­ei­nen und In­ter­es­sen­grup­pen; die Ge­mein­schaft wird er­setzt durch das Netz­werk. Die­ses macht den Ein­ und Aus­tritt leicht, im Un­ter­schied zum tra­di­tio­nel­len Ver­ein, der Wert auf mensch­li­che Bin­dun­gen legt und de­ren Be­en­dung als Ver­trau­ens­bruch ta­xiert. Heu­te ver­langt kaum ei­ne Ge­mein­schaft noch den gan­zen Men­schen, und es gilt nicht mehr als Ver­rat, sei­ne Loya­li­tät à la car­te zu ge­wäh­ren. Sta­bi­le Ge­mein­schaf­ten fin­den wir fast nur noch auf den un­te­ren Spros­sen der so­zio­kul­tu­rel­len Lei­ter, vom Ka­nin­chen­züch­ter­ver­ein bis zu den Hells An­gels.

Und doch ver­trau­en wir im­mer noch selbst Frem­den, auch wenn wir es nicht un­be­dingt müss­ten. Am Bahn­hof oder im Flug­ha­fen bit­tet man an­de­re Rei­sen­de, auf den Kof­fer acht­zu­ge­ben, weil man im Pres­se­shop noch ei­ne Zei­tung ho­len will. Je­den der War­ten­den? Oder nur den ge­setz­ten Herrn mit An­zug und Kra­wat­te, nicht aber den dun­kel­häu­ti­gen jun­gen Mann mit Bart? Ist man ein Ras­sist, wenn man dies­be­züg­lich wäh­le­risch ist? Las­sen wir es da­hin­ge­stellt.

Ver­trau­en ist im­mer, wie Luh­mann sagt, ei­ne «ris­kan­te Vor­leis­tung». Ei­ne Mut­ter, die ihr Kind abends ei­nem Ba­by­sit­ter über­lässt, ver­traut dar­auf, dass nichts Schlim­mes pas­siert und sie ih­ren Ent­schluss nicht be­reu­en muss, sich ei­nen schö­nen Abend ge­macht zu ha­ben. Ei­ne Ga­ran­tie hat sie nicht. Wie Ver­trau­ens­bil­dung funk­tio­niert, leh­ren uns je­ne, die sie miss­brau­chen – die Hoch­stap­ler. Sie sind Meis­ter da­rin, das Ver­trau­en ih­rer Op­fer zu ge­win­nen, was das Eng­li­sche, das im Un­ter­schied zum Deut­schen zwei Wör­ter für Ver­trau­en hat – trust und con­fi­dence – sich zu­nut­ze macht. Ein con­fi­dence man oder con­man ist, wie die eng­li­sche Fas­sung von Tho­mas Manns «Be­kennt­nis­sen des Hoch­stap­lers Fe­lix Krull» deut­lich macht, kein Mann des Ver­trau­ens: «Con­fes­si­ons of Fe­lix Krull, Con­fi­dence Man», ist der Ti­tel der Über­set­zung.

Ver­trau­en zu er­schlei­chen ver­langt, wo es um ho­he Geld­sum­men oder ho­hes An­se­hen geht, be­trächt­li­che Fä­hig­kei­ten. Ein Hoch­stap­ler muss das, wor­auf wir Wert le­gen bei der Fra­ge, ob wir je­man­dem ver­trau­en kön­nen, per­fekt vor­täu­schen: Kom­pe­tenz, In­te­gri­tät, Re­pu­ta­ti­on. Und sich erst noch dar­auf ver­ste­hen, Sym­pa­thie zu we­cken, die je­den Rest von Miss­trau­en zer­streut.

Hoch­stap­ler ge­ben et­wa vor, von ad­li­ger Ab­stam­mung zu sein, aka­de­mi­sche Ti­tel zu tra­gen, über ein gros­ses Ver­mö­gen zu ver­fü­gen, ei­nen an­ge­se­he­nen Be­ruf in lei­ten­der Po­si­ti­on aus­zu­üben. Dass al­lein ei­ne Uni­form Ver­trau­en weckt, nutz­te der Schus­ter Wil­helm Voigt, der 1906, als Haupt­mann ver­klei­det, ei­ne Ab­tei­lung Sol­da­ten zum Kö­pe­ni­cker Rat­haus führ­te, den Bür­ger­meis­ter ver­haf­ten liess, die Ge­mein­de­kas­se leer­te und in ei­ner Drosch­ke von dan­nen fuhr. Carl Zuck­may­ers Thea­ter­stück «Der Haupt­mann von Kö­pe­nick» so­wie meh­re­re Ver­fil­mun­gen ha­ben den Stoff po­pu­lär ge­macht.

Ver­trau­en ist im­mer, wie der So­zio­lo­ge Ni­k­las Luh­mann sagt, ei­ne «ris­kan­te Vor­leis­tung».

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