Les­ben su­chen Auf­merk­sam­keit

Schwu­le sind in der Schwei­zer Öf­fent­lich­keit viel prä­sen­ter als Les­ben. Les­bi­sche Ver­bän­de und Po­li­ti­ke­rin­nen wol­len das än­dern. Sie be­trach­ten Schwu­len­ver­bän­de mitt­ler­wei­le aber mehr als Part­ner denn als Kon­kur­ren­ten.

Der Bund - - BERN - Fa­bi­an Christl

«Schwul, arm, fremd», ti­tel­te ges­tern der «Ta­ges-an­zei­ger» auf der Front­sei­te. Im Text geht es um Ge­nos­sen­schafts­sied­lun­gen, die ei­nen Teil der Woh­nun­gen et­wa an Ho­mo­se­xu­el­le, al­so Schwu­le und Les­ben, ver­ge­ben möch­ten. Dass Ho­mo­se­xua­li­tät auf män­ner­lie­ben­de Män­ner re­du­ziert wird und Les­ben ein­fach aus­ge­klam­mert wer­den, ist kein Ein­zel­fall. Die les­bi­sche Stadt­rä­tin Ta­bea Rai (AL) hält das für pro­ble­ma­tisch. Die ge­rin­ge Prä­senz von Les­ben be­schrän­ke sich aber nicht auf die me­dia­le Dar­stel­lung, sagt sie. Ob in der Po­li­tik, der Wirt­schaft oder der Kul­tur: Es mang­le auch an be­kann­ten Les­ben, die of­fen­siv mit ih­rer se­xu­el­len Ori­en­tie­rung um­gin­gen.

Zu­sam­men mit dem Ver­ein «Tag der les­bi­schen Sicht­bar­keit Schweiz» or­ga­ni­siert Rai die «Les­ben*de­mo», wel­che am Sams­tag in Bern statt­fin­det (Text rechts). «Es hät­te mein Co­m­ing-out ex­trem er­leich­tert, wenn da­mals mehr les­bi­sche Frau­en in der Öf­fent­lich­keit ge­stan­den wä­ren», sagt Rai. Die De­mo soll des­halb nicht zu­letzt Frau­en Mut ma­chen, zu ih­rer Se­xua­li­tät zu ste­hen. «Wir wol­len aber auch die Viel­falt les­bi­scher Le­bens­wei­sen auf­zei­gen.» So ge­be es fe­mi­ni­ne und mas­ku­li­ne Les­ben, ase­xu­el­le Les­ben, quee­re Pun­ker-les­ben, So­cie­ty-les­ben, sol­che, die sich sel­ber kei­nem Ge­schlecht zu­ord­nen, und ganz vie­le ganz ge­wöhn­li­che Frau­en, die auf Frau­en stün­den. «Die Viel­falt un­ter Les­ben ist so gross wie bei den He­te­ro­se­xu­el­len auch.»

«Die Viel­falt der Les­ben ist so gross wie bei den He­te­ro­se­xu­el­len.» Ta­bea Rai, De­mo-or­ga­ni­sa­to­rin

«Dop­pel­te Dis­kri­mi­nie­rung»

Die be­schei­de­ne Prä­senz von Les­ben er­schwert aber nicht nur jun­gen Frau­en das Co­m­ing-out, son­dern hat auch auf an­de­ren Ebe­nen ne­ga­ti­ve Aus­wir­kun­gen. Les­ben sei­en et­wa kaum je Ziel­schei­be von Sa­fer-sex-kam­pa­gnen, ob­wohl vie­le Krank­hei­ten auch bei Ge­schlechts­ver­kehr zwi­schen Frau­en über­tra­gen wer­den kön­nen, wie Rai aus­führt. Eben­so fän­den po­li­ti­sche For­de­run­gen von Les­ben, wie et­wa die nach ei­ner Wit­wen­ren­te, kaum Ge­hör. Noch im­mer müss­ten sich les­bi­sche Frau­en mit ei­ner «Wit­wer­ren­te» be­gnü­gen. «Ei­ne bes­se­re Sicht­bar­keit wür­de hel­fen, un­se­re For­de­run­gen ein­fa­cher durch­zu­brin­gen», sagt Rai.

Die Grün­de für die ge­rin­ge Sicht­bar­keit von Les­ben zu fin­den, ist nicht ganz ein­fach. An­na Ro­sen­was­ser, die Ge­schäfts­lei­te­rin der Les­ben­or­ga­ni­sa­ti­on Schweiz (LOS), ver­weist auf das pa­tri­ar­chal ge­präg­te Ge­schlech­ter­ver­hält­nis. Ge­ne­rell sei­en Frau­en we­ni­ger sicht­bar als Män­ner, sagt sie. Bei Les­ben ver­stär­ke sich der Ef­fekt auf­grund der «dop­pel­ten Dis­kri­mi­nie­rung» als Frau­en und Ho­mo­se­xu­el­le noch.

Ge­ra­de im Ver­gleich zur Sicht­bar­keit von Schwu­len wird häu­fig noch ein an­de­rer Grund an­ge­führt: So füh­len sich ins­be­son­de­re he­te­ro­se­xu­el­le Män­ner von Schwu­len viel stär­ker be­droht als von Les­ben. Da­von zeugt et­wa, dass schwul auf den Schul­hö­fen ein po­pu­lä­res Schimpf­wort dar­stellt. Und auch mit Blick auf die letz­ten hun­dert Jah­re lässt sich kon­sta­tie­ren, dass Schwu­le mit grös­se­rer Lei­den­schaft ver­folgt wur­den als Les­ben. Ro­sen­was­ser wi­der­spricht nicht völ­lig. Sie wen­det aber ein, dass auch die Ver­fol­gung von Les­ben häu­fig un­sicht­ba­rer ver­läuft als die von Schwu­len. Es sei aber schon so, dass les­bi­sche Be­zie­hun­gen we­ni­ger ernst ge­nom­men wür­den. «Frau­en wird kei­ne von Män­nern un­ab­hän­gi­ge Se­xua­li­tät zu­ge­spro­chen.»

Ver­söhn­li­che Tö­ne

Es gibt auch Stim­men, die Schwu­len ei­ne Mit­schuld für die feh­len­de Re­prä­sen­ta­ti­on der Les­ben un­ter­stel­len. Vor zwei Jah­ren, im Zu­ge der Auf­schrei-de­bat­te, ver­öf­fent­lich­te die LOS et­wa ei­ne lan­ge Stel­lung­nah­me. Dar­in kri­ti­sier­te die Or­ga­ni­sa­ti­on ei­ner­seits Les­ben- und Frau­en­feind­lich­keit bei Schwu­len, an­de­rer­seits aber auch die zah­len­mäs­si­ge Do­mi­nanz von schwu­len Män­nern in Ho­mo­grup­pie­run­gen, was ei­ne Sen­si­bi­li­sie­rung für les­bi­sche The­men er­schwe­re. Schliess­lich räum­te die LOS ihr Bü­ro in den Rä­um­lich­kei­ten von Pink Cross, dem «Schwei­zer Dach­ver­band der schwu­len und bi Män­ner*».

Mitt­ler­wei­le ha­ben sich die Wo­gen aber wie­der ge­glät­tet. We­der Rai noch Ro­sen­was­ser se­hen die Ver­ant­wor­tung für die Si­tua­ti­on der Les­ben bei den Schwu­len. «Wir wol­len mehr Sicht­bar­keit, aber nicht auf Kos­ten der Schwu­len», sagt Ro­sen­was­ser. Seit sie die Ge­schäfts­lei­tung über­nom­men hat, teilt die LOS auch wie­der das Bü­ro mit Pink Cross. «Es hat sich viel be­wegt, vie­le Schwu­len­und Ho­mo­ver­bän­de ver­su­chen, den Les­ben mehr Raum zu­zu­ge­ste­hen.»

Al­ler­dings scheint ih­nen das nicht im­mer zu ge­lin­gen. Die Ho­mo­se­xu­el­le Ar­beits­grup­pe Bern (HAB) en­ga­giert sich et­wa für die Gleich­stel­lung von Schwu­len, Les­ben, Bise­xu­el­len und Trans­men­schen. Im Ge­schäfts­füh­ren­den Aus­schuss sit­zen aber vier Män­ner. Für Max Krieg, der sich bei Pink Cross und der HAB en­ga­giert, ist dies nicht ge­wollt. «Es ist ein­fach schwie­rig, Frau­en zu fin­den, die sich en­ga­gie­ren», sagt er. Dass es auch in Lgbt-grup­pen männ­li­ches Do­mi­nanz­ge­ba­ren ge­be, das die Mit­ar­beit für Frau­en un­an­ge­nehm ge­stal­te, sei lei­der aber auch nicht ganz von der Hand zu wei­sen. «Auch Schwu­le sind nicht ge­feit von ste­reo­ty­pem Den­ken und Han­deln.»

Schwu­le so­li­da­ri­sie­ren sich

In jüngs­ter Ver­gan­gen­heit kam es nicht nur zu ei­ner An­nä­he­rung von Schwu­len­und Les­ben­ver­bän­den; die ein­zel­nen Ver­bän­de öff­ne­ten sich auch stär­ker für Bise­xu­el­le und Trans­men­schen. Wort­füh­re­rin­nen und Wort­füh­rer der quee­ren Sze­ne for­dern bis­wei­len gar ei­ne Art Al­li­anz der Un­ter­drück­ten, wel­che auch Mi­gran­ten oder Be­hin­der­te ein­schliesst. Da stellt sich die Fra­ge, ob ge­trenn­te Ver­bän­de und De­mons­tra­tio­nen über­haupt noch zeit­ge­mäss sind.

Rai, Ro­sen­was­ser und Krieg tei­len die An­sicht, dass die Zu­sam­men­ar­beit mög­lichst weit­rei­chend ge­stal­tet wer­den soll. «Das schliesst aber ge­trenn­te Ak­tio­nen nicht aus», sagt Ro­sen­was­ser. Schliess­lich ge­be es Pro­ble­me, die spe­zi­fisch ei­ne Grup­pe be­trä­fen. Selbst­ver­ständ­lich sei­en aber die an­de­ren Grup­pen ein­ge­la­den, sich zu so­li­da­ri­sie­ren. Das Stern­chen in «Les­ben*de­mo» si­gna­li­sie­re, dass auch Schwu­le, Bise­xu­el­le, Trans­men­schen, Ase­xu­el­le und letzt­lich auch sich so­li­da­ri­sie­ren­de he­te­ro­se­xu­el­le Män­ner an der Ver­an­stal­tung will­kom­men sei­en.

Krieg lässt sich nicht zwei­mal bit­ten. Er wird mit sei­nen Mit­strei­tern von Pink Cross und der HAB an der De­mons­tra­ti­on teil­neh­men.

Fo­to: Franziska Ro­then­büh­ler

Ta­bea Rai darf nicht vor dem Bun­des­haus für «les­bi­sche Sicht­bar­keit» de­mons­trie­ren.

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