Stei­ge­mer wol­len ih­ren 11er zu­rück

In knapp zwei Mo­na­ten gel­ten die neu­en Fahr­plä­ne. Die meis­ten Quar­tie­re in der Stadt pro­fi­tie­ren. Das Quar­tier Steig da­ge­gen ver­liert fast die Hälf­te der Ver­bin­dun­gen, weil Stadt­bus die Li­nie 11 streicht. Doch der Pro­test da­ge­gen kommt zu spät.

Der Landbote - - WINTERTHUR - Till Hir­se­korn

Wer im Stadt­rand­quar­tier Steig den 11er-bus ver­passt, hat ge­ra­de noch­mals Glück ge­habt. We­ni­ge Mi­nu­ten spä­ter folgt von Brüt­ten her der 660er, der eben­falls ins Zen­trum fährt. Mit dem Fahr­plan­wech­sel per 9. De­zem­ber fällt die­se Op­ti­on nun weg. Stadt­bus Win­ter­thur streicht den 11er und «in­te­griert» ihn in die 660er-li­nie, wie es of­fi­zi­ell heisst. Die gu­te Nach­richt: Neu fährt der 660er am Sonn­tag häu­fi­ger. Den­noch be­die­nen de fac­to künf­tig nur noch et­wa halb so vie­le Bus­se die Sta­ti­on Steig. Werk­tags än­dert sich am Takt kaum et­was (Stoss­zei­ten vier­tel­stünd­lich, aus­ser­halb ge­ne­rell halb­stünd­lich), wo­mit sich die Ka­pa­zi­tät prak­tisch hal­biert.

We­ni­ger Steig, mehr Töss­feld

Stos­send für die An­woh­ner ist, dass Stadt­bus bei fast al­len an­de­ren Li­ni­en Ver­bes­se­run­gen ein­führt, wie neue Früh- und/oder Spät­ver­bin­dun­gen (sie­he In­fo­box). Die Stei­ge­mer füh­len sich – ein­mal mehr – stief­müt­ter­lich be­han­delt, ja ab­ge­hängt. «Stadt­bus hat die flä­chen­de­cken­den Ver­bes­se­run­gen gross an­ge­kün­digt. Na­tür­lich sind wir da­von aus­ge­gan­gen, dass auch wir pro­fi­tie­ren wer­den. Statt­des­sen ist das Ge­gen­teil pas­siert», sagt Clau­dia Man­ci­ni vom Steig-fo­rum, in dem sich die An­woh­ner or­ga­ni­siert ha­ben.

Der 11er wird aus Kos­ten­grün­den auf­ge­ho­ben, da­mit im zen­tral ge­le­ge­nen Töss­feld die Bus­se häu­fi­ger und län­ger ver­keh­ren kön­nen. Für die Steig mit ih­ren rund 840 Be­woh­nern blei­be das An­ge­bot auch mit dem neu­en Fahr­plan «ad­äquat», meint Stadt­bus. «Das se­hen wir de­fi­ni­tiv an­ders», sagt Man­ci­ni.

Ei­ne In­fo­ver­an­stal­tung hielt Stadt­bus erst vor ei­nem Mo­nat ab, nach­dem der Quar­tier­ver­ein Dätt­nau-steig ei­ne sol­che ex­pli­zit ver­langt hat­te. Dort stell­ten sich, wie bei den stadt­weit an­de- ren acht An­läs­sen, die An­ge­bots­pla­ner von Stadt­bus den Fra­gen der An­woh­ner. Das sei zwar gut an­ge­kom­men, konn­te den Quar­tier­ver­ein aber nicht da­von ab­hal­ten, sich in je ei­nem Brief mit ge­sam­mel­ten Un­ter­schrif­ten der An­woh­ner an Stadt­bus-di­rek­tor Tho­mas Nie­der­öst und Stadt­prä­si­dent Micha­el Künz­le (CVP) zu wen­den. Da­rin be­män­gelt die Ver­eins­prä­si­den­tin Re­na­ta Tschu­di, dass die Ver­bin­dun­gen ab­näh­men, über­füll­te Bus­se und da­mit (noch) mehr Ver­spä­tun­gen droh­ten.

Ge­fähr­li­che Que­rung

Zu­dem fürch­te man um die Si­cher­heit der jüngs­ten Fahr­gäs­te. Weil die Hal­te­stel­le Steig nicht mehr als End­hal­te­stel­le die­ne und der 660er stadt­aus­wärts nur am Stras­sen­rand hal­te, müss­ten Schü­le­rin­nen und Schü­ler künf­tig die viel be­fah­re­ne Steig­stras­se über­que­ren.

Die Steig ist ein Fa­mi­li­en­quar­tier mit ho­hem Aus­län­der­an­teil und ei­ner ho­hen so­zia­len Be­las­tung. Me­di­al kam das Quar­tier über­re­gio­nal ins Ge­re­de, weil sich vor vier Jah­ren zwei min­der­jäh­ri­ge Ge­schwis­ter in den Ji­had nach Sy­ri­en ab­ge­setzt hat­ten. Die Stadt ver­folgt in ih­rem «So­zi­al­mo­ni­to­ring» die Ent­wick­lung die­ses «Lu­pen­quar­tiers» seit ein paar Jah­ren ge­nau­er. Be­reits 2012 hat­te der Stadt­rat ei­ne So­zi­al­raum­ana­ly­se in Auf­trag ge­ge­ben, um zu eru­ie­ren, wie sich die Steig bes­ser ins Quar­tier- und Stadt­le­ben in­te­grie­ren lies­se.

In­zwi­schen tut sich et­was. Ge­ra­de in die­sem Jahr ging of­fen­bar ein spür­ba­rer Ruck durch das Quar­tier, an­ge­stos­sen durch klei­ne Fes­te, ei­nen Floh­markt oder ein Fuss­ball­tur­nier, bei dem selbst zwei Stadt­rä­te auf­lie­fen. Auch die städ­ti­sche Quar­tier­ent­wick­lung ist mit ei­ner Mit­ar­bei­te­rin vor Ort wie­der prä­sent. «Um­so mehr ir­ri­tiert hat uns dann die Nach­richt, dass der 11er ge­stri­chen wird», sagt Man­ci­ni.

Im All­tag be­schäf­ti­gen die Stei­ge­mer seit Jah­ren vor al­lem zwei Pro­ble­me: Sperr­müll­ber­ge am Stras­sen­rand und das Park­platz­cha­os. «An­ge­sichts der all­sei­ti­gen Be­mü­hun­gen, die Steig bes­ser zu in­te­grie­ren und das Park­platz­pro­blem zu ent­schär­fen, möch­ten wir Stadt­bus bit­ten, die Bu­s­an­bin­dung der Steig zu ver­bes­sern, statt zu ver­schlech­tern», mahnt Tschu­di im Brief an den Stadt­bus-di­rek­tor.

Hof­fen auf 2020

Doch der Fahr­plan steht. Min­des­tens ein Jahr müs­sen die Stei­ge­mer nun mit dem 660er Vor­lieb neh­men oder die 340 Me­ter bis zur nächs­ten Sta­ti­on zu­rück­le­gen, wo der 5er bald frü­her und bis Be­triebs­en­de al­le 15 Mi­nu­ten fährt. Hof­fen dür­fen die Stei­ge­mer auf den Fahr­plan 2020, gül­tig ab En­de 2019. Nach den Re­ak­tio­nen aus dem Quar­tier wird man ge­mäss Stadt­bus-spre­cher Re­to Ab­der­hal­den «ver­tieft prü­fen», ob dort Ver­bes­se­run­gen für die Steig mög­lich sei­en. Fakt ist, dass der Kos­ten­de­ckungs­grad beim 11er mit knapp 30 Pro­zent ver­gleichs­wei­se tief ist (Stand 2013; 5er: 47 Pro­zent).

Sich früh­zei­tig ein­brin­gen

Beim Quar­tier Dätt­nau-steig ist man nun je­den­falls ge­warnt. «Wir wer­den beim nächs­ten Mal die Ge­le­gen­heit auf je­den Fall nut­zen und uns recht­zei­tig ein­brin­gen», sagt Tschu­di. Mög­lich ist dies im so­ge­nann­ten Fahr­plan­ver­fah­ren. Die neu­en Plä­ne lie­gen je­weils zwei Wo­chen öf­fent­lich auf. In die­ser Frist ha­ben die Be­woh­ner Zeit, ih­re An­lie­gen bei der Stadt zu de­po­nie­ren, die spä­ter an der re­gio­na­len Ver­kehrs­kon­fe­renz dis­ku­tiert wer­den.

Fo­to: Nat­ha­lie Gui­nand

Der 11er ver­kehrt künf­tig nicht mehr, die Stei­ge­mer müs­sen auf die Li­nie 660 um­stei­gen.

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