Wenn man al­les wie durch ei­nen Ver­stär­ker wahr­nimmt

Sie kann schlecht mit so­zia­lem Stress um­ge­hen, hat star­ke Stim­mungs­schwan­kun­gen und zwei­felt oft an sich: Mag­da­le­na Rast ist «hoch­sen­si­bel» und will ei­ne Selbst­hil­fe­grup­pe grün­den. Be­trof­fe­ne spre­chen nicht von ei­ner Krank­heit, son­dern von ei­ner Cha­rak­ter

Der Landbote - - WINTERTHUR - De­bo­rah Stof­fel

Mag­da­le­na Rast ist hoch­sen­si­bel. Das weiss sie nun seit zwei Jah­ren. Da­mals war sie we­gen ei­ner De­pres­si­on in The­ra­pie und such­te im In­ter­net nach Er­klä­run­gen für ih­re Stim­mungs­schwan­kun­gen. Im Buch «Hoch­sen­si­bel das Le­ben meis­tern» hat sie sich dann wie­der­ge­fun­den. Ihr Freund ha­be das Buch vor ihr ge­le­sen und gleich meh­re­re «Aha-er­leb­nis­se» ge­habt, er­zählt sie. So ha­be er da­rin ei­ne Er­klä­rung für ihr oft zu ge­rin­ges Selbst­ver­trau­en vor­ge­fun­den und da­für, war­um ihr so­zia­le In­ter­ak­tio­nen oft zu viel wer­den.

Seit die­ser Zeit spricht Rast ihr Pro­blem gu­ten Freun­den ge­gen­über of­fen an. «Es ist ein­fa­cher, wenn ich das kom­mu­ni­zie­re», sagt sie. Na­tür­lich sei sie mit vie­len Vor­ur­tei­len kon­fron­tiert. «Ich se­he mei­ne Auf­ga­be auch da­rin, das Wis­sen zu ver­brei­ten, dass Hoch­sen­si­bi­li­tät kei­ne Krank­heit ist, son­dern ei­ne Cha­rak­ter­ei­gen­schaft.»

Auch mal ans Ok­to­ber­fest

Trifft man die jun­ge Frau, wird deut­lich, dass über Hoch­sen­si­bi­li­tät vie­le Vor­ur­tei­le ver­brei­tet sind. Rast drückt ei­nem zum Gruss fest die Hand und stellt sich mit ei­nem ge­win­nen­den Lä­cheln vor. Als Treff­punkt schlägt sie das Ti­bits vor – es gibt ru­hi­ge­re Or­te für ei­nen Kaf­fee. Dar­auf an­ge­spro­chen, lacht sie, senkt kurz den Blick und sagt dann: «Ein sol­cher Ort stresst mich nicht. Ich ge­he auch mal ans Ok­to­ber­fest. Was mir Mü­he macht, sind grös­se­re Grup­pen.»

Bei Mag­da­le­na Rast äus­sert sich die Hoch­sen­si­bi­li­tät vor al­lem im Zwi­schen­mensch­li­chen. Als Te­enager ha­be sie sich oft ge­fragt, was mit ihr falsch sei. War­um sie mit den Aus­sen­sei­tern und nicht mit den Be­lieb­tes­ten der Klas­se be­freun­det sei. Als ih­re Gross­mut­ter ge­stor­ben sei, hät­ten sich drei Freun­din­nen von ihr ab­ge­wen­det, weil sie mit ih­rer Trau­er nicht um­ge­hen konn­ten. «Sie woll­ten gut ge­laun­te Freun­de, die das Le­ben ea­sy neh­men.»

Rast zog sich zu­rück und kon­zen­trier­te sich auf die Schu­le. «Ich wur­de zum Stre­ber. Mei­ne Leis­tun­gen, die No­ten, konn­te ich kon­trol­lie­ren, im Ge­gen­satz zu den so­zia­len Be­zie­hun­gen.»

Nach Ab­schluss der kauf­män­ni­schen Leh­re und der Be­rufs­ma­tu­ra wur­de sie Flug­be­glei­te­rin. Von aus­sen – wie­der ei­ne Wahl, die man von ei­ner Hoch­sen­si­blen nicht er­war­ten wür­de. «Ich ha­be es gleich­zei­tig ge­hasst und ge­liebt», sagt Rast. Mit den Team­kol­le­gen ha­be sie es sehr gut ge­habt, un­ter ih­nen Freun­de ge­fun­den. Aber die Re­ak­tio­nen der Pas­sa­gie­re sei­en ihr zu na­he ge­gan­gen, sie ha­be sie per­sön­lich ge­nom­men. «Manch­mal sind mir auf dem Nach­hau­se­weg im Zug die Trä­nen nur run­ter­ge­lau­fen», sagt sie. Sie hät­te in die­sen Mo­men­ten am liebs­ten gleich ge­kün­digt. Für ih­re Kün­di­gung nach zwei Jah­ren in die­sem Som­mer hät­ten dann die un­re­gel­mäs­si­gen Ar­beits­zei­ten den Aus­schlag ge­ge­ben, die sie nicht mehr er­trug. «Trotz­dem ver­mis­se ich es jetzt.»

Von Freun­den ge­trennt

Vor kur­zem hat Rast ein Stu­di­um an der ZHAW be­gon­nen. Sich ge­gen­über Neu­em zu öff­nen, kos­te sie viel Ener­gie, sagt sie. Doch sie se­he es, im Ge­gen­satz zu frü­her, als sie neue Si­tua­tio­nen vor al­lem stress­ten, als Chan­ce. «Ich sa­ge mir: So vie­le Mög­lich­kei­ten, neue Freun­de zu fin­den.» Sie schaf­fe es jetzt, sich von Men­schen ab­zu­gren­zen, die, wie sie sagt, «nicht zu mir pas­sen». Von Freun­den, die nicht ver­läss­lich wa­ren, hat sie sich ge­trennt. «Mit

«Manch­mal sind mir auf dem Nach­hau­se­weg im Zug die Trä­nen nur so run­ter­ge­lau­fen.» Mag­da­le­na Rast

ei­nem Brief, da kann ich mir bes­ser über­le­gen, was ich sa­gen möch­te.»

Sie ha­be ge­lernt, Men­schen, die ähn­lich ti­cken, die zu ihr pas­sen, zu er­ken­nen, sagt Rast. Und sie ha­be Stra­te­gi­en ent­wi­ckelt, um mit der Hoch­sen­si­bi­li­tät um­zu­ge­hen. «Ich woh­ne seit kur­zem in mei­ner ei­ge­nen Woh­nung, das ist mei­ne Oa­se, wo­hin ich mich zu­rück­zie­he.» Sie nimmt sich Zeit für sich selbst, spielt Kla­vier, hört Mu­sik. Oder sie be­treibt Sport: Po­le­dance – ei­ne Art Gym­nas­tik an der Stan­ge. «Ich ha­be ge­merkt, dass mich ein star­ker Kör­per auch per­sön­lich stark macht», sagt Rast.

Ei­ne pri­va­te Ver­pflich­tung soll nun noch hin­zu­kom­men. Rast will in Win­ter­thur ei­ne Selbst­hil­fe­grup­pe grün­den. Be­reits gibt es zwei sol­che Grup­pen, die ak­tu­ell voll sind, wie das Selbst­hil­fe­zen­trum Win­ter­thur be­stä­tigt. Die Idee Rasts ist es, jun­ge Men­schen an­zu­spre­chen. «Es lohnt sich, sich früh da­mit aus­ein­an­der­zu­set­zen», sagt sie.

Fo­to: Nat­ha­lie Gui­nand

Hoch­sen­si­bi­li­tät sei kei­ne Krank­heit, son­dern ei­ne Cha­rak­ter­ei­gen­schaft, sagt Mag­da­le­na Rast.

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