Son­der­schul­fall über­for­dert Klein­ge­mein­de fi­nan­zi­ell

Ei­ne ein­zi­ge Ge­mein­de be­an­tragt beim Kan­ton für 2019 Geld un­ter dem Ti­tel «in­di­vi­du­el­le Son­der­las­ten»: Ad­li­kon im Wein­land. Die Kos­ten für ei­nen Son­der­schul­fall sind ihr zu viel.

Der Landbote - - ZÜRICH - Tho­mas Schra­ner

Nor­ma­ler­wei­se stellt je­weils ein hal­bes Dut­zend Ge­mein­den beim Kan­ton ei­nen An­trag für den Aus­gleich in­di­vi­du­el­ler Son­der­las­ten (Iso­la). Das sind fi­nan­zi­el­le Las­ten, für die es im Fi­nanz­aus­gleich kei­nen an­de­ren Aus­gleich­stopf gibt und die ei­ne Ge­mein­de nicht be­ein­flus­sen kann. Zum Bei­spiel vie­le So­zi­al­fäl­le oder Un­wet­ter­schä­den. Pro Jahr bud­ge­tiert der Kan­ton für Iso­la rund 10 Mil­lio­nen Fran­ken. Die­ses Jahr ist es an­ders: Nur ei­ne ein­zi­ge Ge­mein­de hat bis zum Ab­ga­be­ter­min En­de Au­gust ei­nen An­trag ge­stellt: Ad­li­kon bei An­del­fin­gen, ei­ne Klein­ge­mein­de mit 650 Ein­woh­nern.

Die Zu­rück­hal­tung der Ge­mein­den über­rascht, weil die­ses Jahr die Chan­cen, aus dem Iso­la­topf Geld zu er­hal­ten, grös­ser sind als auch schon. Dies hängt mit ei­nem Ent­scheid des Ver­wal­tungs­ge­richts vom letz­ten Som­mer zu­sam­men (sie­he Kas­ten). Die­ses gab in ei­nen Streit­fall zwi­schen Ge­mein­den und dem Kan­ton den Ge­mein­den recht. Der Kan­ton war bis jetzt ge­gen­über den an­trag­stel­len­den Ge­mein­den zu re­strik­tiv.

Iso­la ist ein fi­nan­zi­el­ler Not­na­gel. Und Ad­li­kon ei­ne Ge­mein­de, die ihn bis­her noch nie be­an­spruch­te. Sie be­nö­tigt laut An­ga­ben des kan­to­na­len Ge­mein­de­amts 322 000 Fran­ken für nächs­tes Jahr. Den gröss­ten Teil da­von braucht sie, um die Kos­ten für ei­nen ein­zi­gen Son­der­schul­fall zu be­glei­chen. Ein Schü­ler muss

«Über al­le Nich­ti­so­la-be­rei­che ge­se­hen weist Ad­li­kon im Ver­gleich zu den üb­ri­gen Ge­mein­den un­ter­durch­schnitt­li­che Kos­ten aus.» Andre­as Hra­chowy, Ge­mein­de­amt Kan­ton Zü­rich

ex­tern be­schult wer­den, weil we­der das Dorf noch die Nach­bar­schaft über ei­ne pas­sen­de Ein­rich­tung ver­fü­gen. An­de­re Zah­ler wie die In­va­li­den­ver­si­che­rung kom­men nicht in­fra­ge.

Min­dest­steu­er­fuss nö­tig

Um Iso­la be­zie­hen zu kön­nen, müs­sen ver­schie­de­ne Be­din­gun­gen er­füllt sein. Wie er­wähnt, kommt der Aus­gleich­stopf nur in Be­tracht, wenn al­le an­dern In­stru­men­te des Fi­nanz­aus­gleichs nicht grei­fen. Vor al­lem aber setzt der Be­zug von Iso­la ei­nen Min­dest­steu­er­fuss vor­aus: das 1,3-Fa­che des kan­to­na­len Durch­schnitts. Im Fal­le von Ad­li­kon wä­ren das für nächs­tes Jahr 130 Pro­zent, sie­ben Pro­zent mehr als der­zeit im grös­se­ren Dorf­teil (es gibt zwei Steu­er­füs­se in Ad­li­kon). Über das Ge­such aus Ad­li­kon wird sich in den nächs­ten Wo­chen ein fünf­köp­fi­ger Fach­bei­rat beu­gen, in wel­chem Po­li­ti­ker und Fach­leu­te sit­zen. Das Gre­mi­um ent­schei­det aber nicht, son­dern gibt bloss ei­ne Emp­feh­lung an das Ge­mein­de­amt ab.

Be­wil­ligt das Ge­mein­de­amt das Ge­such, er­hält Ad­li­kon vor­erst ei­ne Zu­si­che­rung, so­dass die Ge­mein­de mit dem Geld bud­ge­tie­ren kann. Nur: Stellt sich bei der de­fi­ni­ti­ven Ge­mein­de­rech­nung 2019 im Früh­ling 2020 her­aus, dass Ad­li­kon oh­ne Iso­la Ge­winn schreibt, muss die Ge­mein­de das Geld ganz oder teil­wei­se zu­rück­zah­len.

«Es sieht gut aus für Ad­li­kon», sagt Andre­as Hra­chowy, stell­ver­tre­ten­der Ab­tei­lungs­lei­ter beim Ge­mein­de­amt. Der Grund für sei­ne Zu­ver­sicht: Die Ge­mein­de ge­he spar­sam mit ih­ren Mit­teln um. «Über al­le Nicht-iso­la-be­rei­che ge­se­hen, weist Ad­li­kon im Ver­gleich zu den üb­ri­gen Ge­mein­den un­ter­durch­schnitt­li­che Kos­ten aus», sagt Hra­chowy.

Ad­li­kon vor heis­sem Ent­scheid

Die ent­schei­den­de Hür­de, um an Iso­la zu kom­men, muss die Ge­mein­de folg­lich sel­ber neh­men. An der kom­men­den Bud­get­ge­mein­de­ver­samm­lung müss­te sie ei­ner sie­ben­pro­zen­ti­gen Steu­er­fuss­er­hö­hung zu­stim­men. «Das wird span­nend», meint Fi­nanz­vor­ste­her Wer­ner Wenk. Die Svp-hoch­burg Ad­li­kon wür­de bei ei­nem Ja zu den Ge­mein­den mit den höchs­ten Steu­er­füs­sen vor­stos­sen.

Der Kos­ten­schub we­gen ei­nes ein­zi­gen Son­der­schul­fal­les sorg­te schon an der letz­ten Ver­samm­lung der Pri­mar­schul­ge­mein­de vom Ju­ni für Stirn­run­zeln und Miss­mut. Der Schul­prä­si­dent be­zif­fer­te die Kos­ten des Ein­zel­fal­les auf rund 150 000 Fran­ken – ein Hau­fen Geld für ei­ne Mi­ni­ge­mein­de. Der Be­trag ent­spricht 15 Steu­er­pro­zent, wie ein Bür­ger an der Ver­samm­lung vor­rech­ne­te.

Gros­ses Ter­ri­to­ri­um

De­tails zum Son­der­schul­fall will die Ge­mein­de nicht preis­ge­ben – aus Grün­den des Per­sön­lich­keits­schut­zes. Fi­nanz­vor­ste­her Wenk be­stä­tigt aber, dass «ein grös­se­rer Teil» des be­an­trag­ten Iso­la-be­tra­ges von 322 000 Fran­ken für den Son­der­schul­fall be­stimmt ist. Die üb­ri­gen in­di­vi­du­el­len Son­der­las­ten von Ad­li­kon hän­gen laut dem Fi­nanz­vor­ste­her mit dem Ter­ri­to­ri­um Ad­li­kons zu­sam­men. Die gross­flä­chi­ge Ge­mein­de mit we­nig Ein­woh­nern setzt sich aus drei ver­streu­ten Wei­lern zu­sam­men. Al­lein dar­aus er­ge­ben sich ho­he Pro­kopf-kos­ten bei­spiels­wei­se für den Stras­sen­un­ter­halt.

Pro­blem­lö­sung: Fu­si­on

Ad­li­kon ist ein Bei­spiel da­für, wie we­nig es braucht, dass ei­ne Klein­ge­mein­de we­gen ei­nes Ein­zel­falls oder Ein­zel­er­eig­nis­ses fi­nan­zi­ell an den An­schlag kommt oder über­for­dert ist. Ei­ne Lö­sung für sol­che Fäl­le ist die Fu­si­on, weil sich so Ein­zel­fall­kos­ten bes­ser ver­tei­len. Im Wein­land sind die Wei­chen be­reits ge­stellt: Im Früh­ling ha­ben die sechs Ge­mein­den Ad­li­kon, An­del­fin­gen, Klein­an­del­fin­gen, Heng­gart, Hum­li­kon und Thal­heim ein Gross­fu­si­ons­pro­jekt ge­star­tet. Bis zur Fu­si­on dürf­te es aber 2022 wer­den.

Die di­ver­sen ge­lun­ge­nen Ge­mein­de­fu­sio­nen der letz­ten Jah­re im Kan­ton Zü­rich sind ein Grund, wes­halb die Zahl der Iso­la be­an­tra­gen­den Ge­mein­den ge­sun­ken ist. Der­zeit ha­ben noch drei Ge­mein­den aus dem ver­gan­ge­nen Jahr ei­ne Zu­si­che­rung für Iso­la in den Hän­den: Hüt­ten, Ma­schwan­den und Wild­berg. Ob es dort tat­säch­lich Geld gibt, hängt vom de­fi­ni­ti­ven Er­geb­nis der Jah­res­rech­nung 2018 ab. Der wich­tigs­te Grund aber, wes­halb die Zahl der Iso­la-in­ter­es­sen­ten im­mer klein bleibt, ist der Min­dest­steu­er­fuss. Er wirkt ab­schre­ckend.

Fo­to: Jo­han­na Boss­art

Um Geld vom Kan­ton für Iso­la zu er­hal­ten, muss Ad­li­kon den Steu­er­fuss um sie­ben Pro­zent er­hö­hen.

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