Der ame­ri­ka­ni­sche Pas­tor darf die Tür­kei ver­las­sen

Ein Ge­richt hebt nach zwei Jah­ren den Ar­rest ge­gen And­rew Brun­son auf. Zu­vor hat­ten die USA mas­siv Druck aus­ge­übt.

Der Landbote - - AUSLAND - Lui­sa See­ling

Ei­ni­ge Twit­ter-nut­zer glaub­ten schon vor­her zu wis­sen, wie der Ge­richts­ter­min in Iz­mir aus­ge­hen wür­de, zu­min­dest deu­te­ten sie eif­rig die Zei­chen. In drei Nach­rich­ten­sen­dun­gen ha­be ein re­gie­rungs­na­her Tv-sen­der zu­nächst die For­mu­lie­rung «Agent Pas­tor Brun­son vor Ge­richt» ge­wählt, dann «Pas­tor Brun­son» und schliess­lich nur noch «Brun­son vor Ge­richt». Die Schluss­fol­ge­rung der Twit­ter-ex­ege­ten: Der seit zwei Jah­ren in der Tür­kei fest­ge­hal­te­ne Ame­ri­ka­ner kom­me noch am Frei­tag frei – auf An­ord­nung von ganz oben, sonst hät­ten die Sen­der ja nicht be­reits ih­re Wort­wahl an­ge­passt.

Ob sich an ein paar Nach­rich­ten im Fern­se­hen die Vor­ga­ben der Mäch­ti­gen in der Tür­kei ab­le­sen las­sen, sei da­hin­ge­stellt. Mit ih­rer Pro­gno­se aber la­gen die Twit­ter-nut­zer rich­tig: Am spä­ten Nach­mit­tag ord­ne­te in Iz­mir das Ge­richt die Auf­he­bung des Haus­ar­rests und der Aus­rei­se­sper­re für den ame­ri­ka­ni­schen Pas­tor And­rew Brun­son an. Es ver­häng­te zwar ei­ne Haft­stra­fe von drei Jah­ren und ei­nem Mo­nat ge­gen den An­ge­klag­ten, we­gen der ab­ge­leis­te­ten Un­ter­su­chungs­haft und gu­ten Be­tra­gens müs­se er die Stra­fe aber nicht an­tre­ten. Brun­son, 50 Jah­re alt, Va­ter von drei Kin­dern, darf al­so in die USA zu­rück­keh­ren.

Ei­ne po­li­ti­sche Gei­sel

Der evan­ge­li­ka­le Geist­li­che stand seit Ju­li un­ter Haus­ar­rest, da­vor hat­te er mehr als an­dert­halb Jah­re im Ge­fäng­nis ge­ses­sen. Die tür­ki­sche Jus­tiz warf ihm vor, so­wohl mit der ver­bo­te­nen Kur­den­gue­ril­la PKK als auch mit der eben­falls als Ter­ror­grup­pe ge­äch­te­ten Gü­len-be­we­gung kon­spi­riert zu ha­ben. Ins­be­son­de­re sei er an den Vor­be­rei­tun­gen zum Putsch­ver­such im Ju­li 2016 be­tei­ligt ge­we­sen.

Brun­son hat die Vor­wür­fe stets zu­rück­ge­wie­sen. Be­ob­ach­ter hiel­ten das Ver­fah­ren für ei­ne Far­ce, Brun­son sei ei­ne po­li­ti­sche Gei­sel ge­we­sen. Am letz­ten Pro­zess­tag, so be­rich­ten Be­ob­ach­ter, kam es im Ge­richt zu gro­tes­ken Sze­nen: Zeu­gen ver­strick­ten sich in Wi­der­sprü­che, räum­ten ein, gar nichts zu wis­sen.

Der Fall And­rew Brun­son hat­te ei­ne mas­si­ve Kri­se zwi­schen den USA und der Tür­kei aus­ge­löst. Im Ju­li war, nach al­lem, was be­kannt ist, ei­ne Ab­spra­che zwi­schen Usprä­si­dent Do­nald Trump und dem tür­ki­schen Prä­si­den­ten Re­cep Tay­yip Er­do­gan ge­schei­tert. Laut Us-me­di­en hat­ten die bei­den

SStaats­chefs bei ei­nem Tref­fen wäh­rend des Na­to-gip­fels am 12. Ju­li in Brüs­sel ein Tausch­ge­schäft ver­ein­bart: Trump woll­te sich für die Frei­las­sung ei­ner tür­ki­schen Staats­bür­ge­rin in Is­ra­el ein­set­zen, Er­do­gan für Brun­son. Tat­säch­lich kam die in Is­ra­el in­haf­tier­te Tür­kin bald frei. In der Tür­kei aber wur­de Brun­son un­ter Haus­ar­rest ge­stellt, was Trump of­fen­bar nicht reich­te.

Und dann stürz­te die Li­ra ab

Der Us-prä­si­dent ver­häng­te Sank­tio­nen ge­gen zwei tür­ki­sche Mi­nis­ter und ord­ne­te die Ver­dopp­lung der Zöl­le auf Stahl- und Alu­mi­ni­um­im­por­te aus der Tür­kei

chon be­vor der ame­ri­ka­ni­sche Pas­tor And­rew Brun­son am Frei­tag zum vier­ten Mal in Iz­mir vor Ge­richt stand, gab es so vie­le Ge­rüch­te über ei­nen po­li­ti­schen De­al zwi­schen An­ka­ra und Wa­shing­ton, dass der Aus­gang des Ver­fah­rens kaum noch über­rascht.

In der Cau­sa Brun­son hat­ten zwar jetzt tür­ki­sche Rich­ter das letz­te Wort. Die Lö­sung des Fal­les, der das ame­ri­ka­nisch-tür­ki­sche Ver­hält­nis so schwer be­las­te­te, aber ist ein Sieg der Diplomatie – über die Ir­ra­tio­na­li­tät. Die Kos­ten für die wei­te­re In­haf­tie­rung des Pas­tors wur­den nach den Sank­tio­nen, die Us-prä­si­dent Do­nald Trump ver­häng­te, für die Tür­kei schlicht zu hoch.

Dass Brun­son ei­ne Art Gei­sel war, hat­te Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan im Sep­tem­ber 2017 selbst sug­ge­riert, als er ei­nen Aus- an. Die Mass­nah­men lies­sen den Wert der tür­ki­schen Li­ra ein­bre­chen, seit Jah­res­be­ginn hat sie ge­gen­über dem Dol­lar fast 40 Pro­zent an Wert ver­lo­ren.

An­ge­sichts der dra­ma­ti­schen Wirt­schafts­la­ge dürf­te in der Tür­kei das In­ter­es­se an ei­ner Bei­le­gung des Brun­son-streits hoch ge­we­sen sein. Der Us-sen­der NBC be­rich­te­te in der Nacht auf Frei­tag un­ter Be­ru­fung auf Re­gie­rungs­ver­tre­ter, auch dies­mal ha­be es ei­ne Ab­spra­che zwi­schen Wa­shing­ton und An­ka­ra ge­ge­ben. Die De­tails sei­en un­klar, die Ei­ni­gung be­inhal­te aber die Zu­sa­ge der USA, wirt­schaft­li­chen Druck von der Tür­kei zu neh­men. Das Weis­se Haus be­stä­tig­te das zu­nächst nicht.

Ei­ne ra­sche Rück­kehr zu freund­schaft­li­chen Be­zie­hun­gen zwi­schen den bei­den Län­dern ist aber nicht zu er­war­ten, da­für ist die Lis­te der Kon­flik­te zu lang: Im Sy­ri­en­krieg ver­fol­gen sie kon­trä­re In­ter­es­sen, auch im Um­gang mit Fe­thul­lah Gü­len, dem in den USA le­ben­den Ober­haupt der Gü­len-be­we­gung, sind sich An­ka­ra und Wa­shing­ton un­eins. Das Weis­se Haus er­in­ner­te dar­an, dass der Nasa-wis­sen­schaft­ler Ser­kan Göl­ge so­wie meh­re­re ein­hei­mi­sche An­ge­stell­te der Us­bot­schaft noch in der Tür­kei in Haft sit­zen. tausch vor­schlug: Brun­son ge­gen den Pre­di­ger Fe­thul­lah Gü­len, der im Us-exil lebt und von Er­do­gan für den ge­schei­ter­ten Mi­li­tär­putsch von 2016 ver­ant­wort­lich ge­macht wird. Wa­shing­ton stell­te klar, dass im Us­rechts­sys­tem kein Platz für sol­che Ge­schäf­te ist. Die Fra­ge ist aber den­noch: Was hat An­ka­ra be­kom­men für Brun­sons Frei­heit?

Am letz­ten Pro­zess­tag, kam es im Ge­richt zu gro­tes­ken Sze­nen: Zeu­gen ver­strick­ten sich in Wi­der­sprü­che, räum­ten ein, gar nichts zu wis­sen.

Die Tür­ken wür­den zum Bei­spiel ger­ne wei­ter Gas aus dem Iran im­por­tie­ren, frei von Us-sank­tio­nen, und es gibt wei­te­re Wün­sche.

Der Fall Brun­son war ein Kon­flikt, der so­zu­sa­gen im Schau­fens­ter stand. Da­hin­ter gibt es tie­fe­re Zer­würf­nis­se zwi­schen den bei­den Na­tio­nen, et­wa über die Po­li­tik in Sy­ri­en. Span­nungs­frei dürf­te das Ver­hält­nis zwi­schen Trump und Er­do­gan al­so nicht so­fort wie­der wer­den.

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