Die Kunst des Ver­ges­sens

Die ZSC Li­ons tref­fen heu­te aus­wärts auf den heim­schwa­chen HC Da­vos, bei dem der Ver­tei­di­ger Lu­kas Sto­op der sport­li­chen Kri­se trotzt – dank Va­ter­freu­den.

Der Landbote - - SPORT - Kris­ti­an Kapp, Da­vos

Viel­leicht ist es mitt­ler­wei­le so weit, viel­leicht pas­sier­te es gar, wäh­rend Lu­kas Sto­op ges­tern Abend in Am­bri spiel­te – bei Re­dak­ti­ons­schluss die­ser Aus­ga­be war das noch of­fen. Und wenn nicht, kann es sein, dass der 28Jäh­ri­ge heu­te im Heim­spiel ge­gen den ZSC flucht­ar­tig die Hal­le ver­lässt. Seit Ta­gen war­ten der Da­vo­ser Ver­tei­di­ger und Ehe­frau Gi­na auf die Ge­burt ih­res ers­ten Kin­des. Klar, dreh­te sich im Hau­se der Frisch­ver­mähl­ten zu­letzt we­nig um sport­li­che Tur­bu­len­zen des Re­kord­meis­ters.

Das war auch bes­ser so. Wenn Sto­op nach ei­ner der def­ti­gen Nie­der­la­gen (2:5, 0:7, 2:5, 3:7) in den Heim­spie­len nach Hau­se kam, ja, dann ha­be es im Kopf oft ro­tiert, sagt er. «Die Vor­freu­de, sie wur­de zum gu­ten Aus­gleich. Es tut gut, dass zu Hau­se et­was los ist.» Die not­wen­di­gen Vor­keh­run­gen sind auch bei Aus­wärts­spie­len längst ge­trof­fen, ein zu­sätz­li­ches Au­to ist stets vor Ort – für al­le Fäl­le. Nur ei­nen Wunsch hat­te Sto­op: Es soll nicht am nächs­ten Frei­tag so weit sein, wenn der HCD in Genf spie­len wird…

Nein, zur Ru­he kommt Sto­op nicht. Da half auch die Som­mer­pau­se nicht. Sei­ne sechs­te und letz­te Sai­son mit Klo­ten war zum sport­li­chen De­sas­ter ge­wor­den, mit dem Ab­stieg als Tief­punkt. Ein Er­leb­nis, das Sto­op lan­ge nicht mehr los­liess.

«Es war Selbst­zer­flei­schung»

Dass er zu den Klo­te­nern ge­hör­te, die früh wuss­ten, dass sie den Club ver­las­sen, half auch nicht. «Du spür­test, dass es Leu­te gab, die dach­ten, dass du nicht mehr al­les gibst», sagt Sto­op. Auch das ha­be ihn lan­ge be­schäf­tigt: «Ich frag­te mich, was ich hät­te bes­ser ma­chen kön­nen, es war wie Selbst­zer­flei­schung.» Mitt­ler­wei­le sei er mit sich im Rei­nen: «Ich ha­be das Ma­xi­mum aus mir ge­holt.» Er kön­ne nun sa­gen: «Ich kann nichts mehr än­dern, es be­ginnt für mich ein neu­es Ka­pi­tel.» Auch da half sein Um­feld: Hei­rat, Vor­freu­de aufs Ba­by.

In Da­vos be­ginnt ein neu­es Ka­pi­tel. Im Ort und im Club, zu dem er be­reits 2007 wech­sel­te. Da­mals hat­te es ein ju­ris­ti­sches Hick­hack ge­ge­ben. Der HCD muss­te we­gen Ab­wer­bens aus ei­nem lau­fen­den Ver­trag 200 000 Fran­ken Stra­fe zah­len an den ZSC, der ihn ger­ne be­hal­ten hät­te. Da­mals galt Sto­op als zwei­tes gros­ses Ver­tei­di­ger­ta­lent ne­ben Ro­man Jo­si. Es ist auch ein neu­es Ka­pi­tel nach der un­end­li­chen Sto­ry von Ver­let­zun­gen und Mal­heurs.

Gibt es ei­nen grös­se­ren Pech­vo­gel im Schwei­zer Eis­ho­ckey als Sto­op? Kaum. Wäh­rend sei­ner ers­ten Zeit in Da­vos gab es kaum ei­nen Teil an Sto­ops Kör­per, der nicht in Mit­lei­den­schaft ge­zo­gen oder ope­riert wur­de. Di­ver­se Aus­fäl­le gab es vor al­lem we­gen Hüft- und Schul­ter­pro­ble­men. Und als er 2012 nach dem Wech­sel nach Klo­ten die Sor­gen end­lich hin­ter sich zu ha­ben schien, 2013 erst­mals ei­ne Sai­son prak­tisch durch­spie­len konn­te, kam sein ex­tre­mes Jahr.

Die Kris­tall­teil­chen im Ohr

Die Oto­ko­ni­en, ein Tau­sends­tel ei­nes Mil­li­me­ters klei­ne Kris­tall­teil­chen, auch Ohr­stein­chen ge­nannt, die die räum­li­che Ori­en­tie­rung er­mög­li­chen, wur­den nach ei­nem Check ge­gen Sto­ops Kopf zer­trüm­mert und ge­lang-ten in die Bo­gen­gän­ge des Gleich­ge­wichts­or­gans. Dies lös­te Fal­sch­mel­dun­gen ans Ge­hirn aus, mit ver­hee­ren­den Fol­gen: Zur Ge­hirn­er­schüt­te­rung ka­men Schwin­del, Seh­stö­run­gen, ge­ne­rel­les Un­wohl­sein, Hör­pro­ble­me – mo­na­te­lang.

Wenn er heu­te von ex­tre­men Ge­schich­ten von Spie­lern hö­re, die an Fol­gen von Ge­hirn­er­schüt­te­run­gen lei­den, kön­ne er mit­füh­len, sagt Sto­op. «Wo­bei ich die­se Sto­rys gar nicht mehr le­sen will. Ich will mich nicht mehr an sol­che Din­ge er­in­nern. Es ist vor­bei, es geht vor­wärts.» Sagt es und klopft auf den Holz­tisch im Da­vo­ser Club­lo­kal – der Wunsch sei ihm ge­währt. Es gibt ja ge­nug über Sto­ops zwei­te Kar­rie­re in Da­vos zu sa­gen.

«Nicht ver­gleich­bar»

Die­se scheint naht­los an den sport­li­chen Miss­er­folg in Klo­ten an­zu­knüp­fen. Sto­op legt ve­he­ment sein Ve­to ein: «Das lässt sich nicht ver­glei­chen.» In Klo­ten ha­be die Mann­schaft mit vie­len Ne­ben­schau­plät­zen wie fi­nan­zi­el­len Pro­ble­men zu kämp­fen ge­habt, in Da­vos kön­ne sich das Team auf das We­sent­li­che kon­zen­trie­ren.

Die sehr jun­ge Mann­schaft, die da­durch er­folg­te Sys­tem­um­stel­lung, all das sei­en Grün­de für ex­tre­me Leis­tungs­schwan­kun­gen, sagt Sto­op: «Wir hat­ten ja auch gu­te Spie­le.» Die Ru­he, mit der er von der Über­zeu­gung er­zählt, in Da­vos wür­den wie­der bes­se­re Zei­ten be­vor­ste­hen, sie ist be­mer­kens­wert. Viel­leicht hat Sto­op in den letz­ten Jah­ren ein­fach zu viel er­lebt, um sich noch ver­rückt ma­chen zu las­sen.

Fo­to: Keystone

Es soll wie­der auf­wärts ge­hen: Lu­kas Sto­ops neu­er An­lauf in Da­vos.

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