«Der Vor­schlag be­kämpft al­len­falls das Sym­ptom, aber nicht die Ur­sa­che»

Der Landbote - - VORDERSEITE - Urs Ho­fer, Fdp-frak­ti­ons­prä­si­dent, Ge­mein­de­rat Win­ter­thur

Zu «Je­der Win­ter­thu­rer könn­te 11 000 Fran­ken ein­zah­len» Le­ser­brief vom 5. No­vem­ber

Im Le­ser­brief von Pe­ter Bachmann wird sug­ge­riert, der Gros­se Ge­mein­de­rat ha­be die Vor­la­ge des Stadt­ra­tes als zu streng be­ur­teilt und des­halb ab­ge­lehnt. Wei­ter schlägt er ei­ne frei­wil­li­ge Zah­lung des Steu­er­zah­lers an die Stadt­kas­se als Lö­sung zum Schul­den­pro­blem in Hö­he von 1,2 Mil­li­ar­den Fran­ken vor. Bei­des ver­kennt das ei­gent­li­che Pro­blem in grund­le­gen­der Art und Wei­se.

Der Gros­se Ge­mein­de­rat hat­te die ur­sprüng­li­che Vor­la­ge näm­lich pri­mär des­halb ab­ge­lehnt, weil sie den schlicht­weg un­prak­ti­ka­blen Me­cha­nis­mus ent­hielt, dass je­des Jahr aus­ge­gli­chen hät­te ge­stal­tet wer­den müs­sen. Den Un­sinn ei­ner sol­chen bloss ein­jäh­ri­gen Be­trach­tungs­wei­se kann man gut an fol­gen­dem kon­kre­tem Viel ist die­ser Ta­ge in Win­ter­thur über die Ver­schul­dung der Stadt zu hö­ren. Gross­pro­jek­te, wie das neue Po­li­zei­ge­bäu­de für über 80 Mil­lio­nen Fran­ken, lie­gen nicht al­le Jah­re drin. Um­so mehr freut man sich im Stadt­rat, wenn an­de­re zah­len. So be­dank­te sich Sp­stadt­rä­tin Chris­ta Mei­er am Don­ners­tag bei der ZHAW für den ge­plan­ten «Cam­pus T» – die Neu­ge­stal­tung der Hoch­schul­flä­chen an der Tech­ni­kum­stras­se. Win­ter­thur er­hält mit­ten in der Stadt ein neu­es Zhaw-herz­stück im Wert von ge­schätz­ten 180 bis 220 Mil­lio­nen Fran­ken. Die Rech­nung geht an den Kan­ton. Bei­spiel il­lus­trie­ren: Auf­grund ei­ner neu­en Ab­gren­zungs­re­ge­lung weist das Bud­get 2019 be­kannt­lich ei­nen Ver­lust von 42 Mil­lio­nen Fran­ken aus. Wür­de der ur­sprüng­li­che Me­cha­nis­mus An­wen­dung fin­den, so blie­be uns nichts an­de­res üb­rig, als in die­sem Jahr den Steu­er­fuss um 10–13 Pro­zent zu er­hö­hen. Aus­ser­dem bleibt im Fal­le von «ech­ten» Ab­schrei­bern bei ei­ner mehr­jäh­ri­gen Be­trach­tung aus­rei­chend Zeit, um auch auf der Aus­ga­ben­sei­te und nicht nur auf der Ein­nah­men­sei­te bei Be­darf kor­ri­gie­ren­de Mass­nah­men zu tref­fen. Wei­ter ist noch­mals zu un­ter­strei­chen, dass auch der Stadt­rat die neue Vor­la­ge zur An­nah­me emp­fiehlt.

Zwei­tens greift der Lö­sungs­vor­schlag viel zu kurz. Selbst wenn zahl­rei­che Steu­er­zah­ler zu ei­ner sol­chen frei­wil­li­gen Zah­lung be­reit wä­ren (was ich stark be­zweif­le), bleibt das struk­tu­rel­le Ver­schul­dungs­pro­blem der Stadt un­ver­än­dert. Ein Bei­spiel: Die Stadt rech­net für das Jahr 2022 im Mo­ment mit ei­nem De­fi­zit von 70,5 Mil­lio­nen Fran­ken (so­fern kein neu­er So­zi­al­las­ten­aus­gleich kommt). Der Schul­den­berg wächst oh­ne Schul­den­brem­se al­so im­mer wei­ter, und der Steu­er­zah­ler müss­te im­mer und im­mer wie­der «frei­wil­lig» in die Ta­sche grei­fen. Der Vor­schlag be­kämpft so­mit al­len­falls das Sym­ptom, aber nicht die Ur­sa­che. Ich wa­ge zu be­haup­ten, dass auch Herr Bachmann dann spä­tes­tens nach der zwei­ten sol­chen «frei­wil­li­gen» Leis­tung die For­de­rung auf­stel­len wür­de, dass man doch auch ein­mal ei­nen Blick auf die Aus­ga­ben wer­fen soll­te.

«Wir freu­en uns über die­ses Be­kennt­nis der ZHAW zu Win­ter­thur.» Chris­ta Mei­er, Stadt­rä­tin

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