«Al­le war­ten, bis du sagst, du bist schwan­ger»

Der Landbote - - THEMA - Auf­ge­zeich­net von Li­sa Ae­schli­mann

Den kon­kre­ten Plan, Kin­der zu be­kom­men, hat­ten wir kurz nach un­se­rer Hoch­zeit. Das war vor gut zwei Jah­ren, wir wa­ren bei­de 27. Wir sind schon über zehn Jah­re zu­sam­men, und für uns war im­mer klar, dass wir ir­gend­wann ei­ne Fa­mi­lie grün­den möch­ten. Ein Le­ben oh­ne Kin­der wä­re für uns un­vor­stell­bar. Nach­dem wir es ein Jahr lang er­folg­los ver­sucht hat­ten, gin­gen wir in die Kin­der­wunsch­be­hand­lung in Win­ter­thur. Ich hat­te gera­de be­gon­nen, hier als Ärz­tin zu ar­bei­ten.

Zu­erst ha­ben wir es mit ei­ner Hor­mon­the­ra­pie ver­sucht. Das be­deu­tet: Hor­mons­prit­zen in der ers­ten Zy­klus­hälf­te, da­nach Pro­ges­te­ron-ta­blet­ten. Pro Mo­nat hat­te ich drei Ul­tra­schall­ter­mi­ne, um den Ei­sprung zu be­stim­men. Gleich­zei­tig ha­ben wir es zwei­mal mit ei­ner so­ge­nann­ten In­se­mi­na­ti­on ver­sucht, ei­ner künst­li­chen Be­sa­mung, aber das hat auch nicht ge­klappt. Wäh­rend­des­sen ha­ben wir ab­ge­klärt, ob es ei­nen Grund gibt für un­se­re Kin­der­lo­sig­keit: Sind vi­el­leicht die Ei­lei­ter zu, ist das Sper­ma schlecht, oder liegt es an den Ei­zel­len? Al­le Re­sul­ta­te wa­ren gut, wir wis­sen bis heu­te nicht, woran es ge­le­gen hat. Nach ei­nem Jahr oh­ne Er­folg muss­ten wir uns Al­ter­na­ti­ven über­le­gen.

Wir ha­ben ei­nen Mo­nat über­legt und uns dann für ei­ne künst­li­che Be­f­ruch­tung ent­schie­den. Das ist noch­mals auf­wen­di­ger. Ich muss­te mir je­den Abend um zehn Uhr ei­ne Sprit­ze in den Bauch set­zen. Die Sprit­zen dür­fen nicht zu warm ge­la­gert wer­den, was im Som­mer ein Pro­blem war. Die Me­di­ka­men­te sind sehr teu­er, und die Be­hand­lung wird nicht von der Kran­ken­kas­se über­nom­men. Bis zum Ei­sprung setzt man et­wa 10 Sprit­zen, das merkt man, die Eier­stö­cke sind gross, der Bauch ge­schwol­len. Ge­nau 36 Stun­den nach dem Ei­sprung muss man un­ter ei­ner Kurz­nar­ko­se die Ei­zel­len ent­neh­men. Die­se wer­den dann mit dem Sper­ma des Part­ners noch am sel­ben Tag im La­bor zu­sam­men­ge­bracht. Fünf Ta­ge spä­ter weiss man, ob und wie vie­le Ei­zel­len über­lebt ha­ben, und kann sich ei­nen Em­bryo ein­set­zen las­sen. Das be­deu­tet aber noch lan­ge nicht, dass es ge­klappt hat! Ist man jung und ge­sund, lie­gen die Chan­cen bei 50 Pro­zent. Vie­le Paa­re müs­sen es mehr­mals ver­su­chen.

In den letz­ten zwölf Mo­na­ten ha­be ich mir et­wa 110 Sprit­zen set­zen müs­sen und war min­des­tens 30-mal im Ul­tra­schall. Zum Glück ha­be ich die Hor­mo­ne gut ver­tra­gen. Trotz­dem war das al­les sehr an­stren­gend. Je­den Mo­nat die Ent­täu­schung, dass es wie­der nicht funk­tio­niert hat, ist hart. Ich war dann je­weils ein paar Ta­ge nie­der­ge­schla­gen, hat­te bald wie­der Hoff­nung für den nächs­ten Mo­nat und wur­de wie­der ent­täuscht. Die vie­len Ter­mi­ne mit ei­nem vol­len Ar­beits­pen­sum zu ver­ein­ba­ren, ist schwie­rig. Die Sprech­stun­den um sie­ben Uhr mor­gens sind prak­tisch. Dass ich Schicht ar­bei­te, mach­te es auch ein­fa­cher. Aber die Ter­mi­ne kann man oft nicht frei wäh­len, es gibt teil­wei­se Zeit­fens­ter von nur ei­nem Tag.

Auf der Ar­beit ha­be ich nicht ge­sagt, dass ich in ei­ner Kin­der­wunsch­be­hand­lung bin. Sonst ist im­mer der Druck von den Kol­le­gen da: Al­le war­ten dar­auf, bis ich sa­ge, dass ich schwan­ger bin. Das hät­te mich noch mehr ge­stresst. Und auch für die Ver­län­ge­rung mei­nes be­fris­te­ten Ar­beits­ver­tra­ges wä­re es wohl nicht von Vor­teil ge­we­sen. Un­se­ren engs­ten Freun­den ha­ben wir es schon nach ein paar Mo­na­ten ver­geb­li­chen Hof­fens ge­sagt, da­mit die­ser Druck nicht noch grös­ser wird. Nicht dass sie mich stän­dig be­ob­ach­ten: Trinkt sie jetzt Al­ko­hol oder nicht? Die meis­ten re­agier­ten sehr gut. Ver­ein­zelt kam die Ant­wort: «Jetzt darfst du dich ein­fach nicht stres­sen las­sen.» Das konn­te ich nicht hö­ren!

Was wirk­lich schwie­rig war, ist, wenn gu­te Freun­din­nen schwan­ger wur­den, nach­dem sie es zwei oder drei Mo­na­te pro­biert hat­ten. Das pas­sier­te mehr­mals. Und je län­ger das so ging, des­to schwie­ri­ger wur­de es. Dann gra­tu­lierst du trotz­dem, sagst «Oh, cool!» und denkst selbst: «Nicht schon wie­der je­mand!»

Mei­nen El­tern ha­ben wir es erst kurz vor der künst­li­chen Be­f­ruch­tung er­zählt. Ich woll­te den Druck nicht noch stei­gern. Ich wich bei ih­rem Nach­fra­gen im­mer aus bei den ent­spre­chen­den Fra­gen und brach­te die Aus­re­de, ich be­fän­de mich ja noch in Aus­bil­dung. Dass man bei uns kei­ne Ur­sa­che ge­fun­den hat, hat mich sehr be­las­tet. Mit ei­nem Er­geb­nis hät­te ich mich im­mer­hin ab­fin­den kön­nen. Mein Mann war da lo­cke­rer, er hät­te noch län­ger ge­war­tet, vor al­lem vor der künst­li­chen Be­f­ruch­tung. Ich hat­te mehr Zeit­druck, vor al­lem auch, weil ich ein­mal mehr als ein Kind möch­te. Zu Be­zie­hungs­pro­ble­men kam es des­halb aber nicht. Schwie­rig war ein­zig der ge­tim­te Sex wäh­rend der Hor­mon­be­hand­lung. Je nach­dem hat­te ich Spät­dienst, kam erst nach Mit­ter­nacht nach Hau­se, war to­tal mü­de und wuss­te: Jetzt müs­sen wir Ge­schlechts­ver­kehr ha­ben, oder sonst war es wie­der für nichts.

Vor­be­hal­te ge­gen­über un­se­rer Kin­der­wunsch­be­hand­lung hat­ten un­se­re Freun­de nicht. Ei­ni­ge wa­ren er­staunt, dass es auch in un­se­rem Al­ter schon Un­frucht­bar­keit gibt. Aber klar, man liest die klas­si­schen Ar­gu­men­te ge­gen künst­li­che Be­f­ruch­tung im­mer wie­der: Man sol­le nicht künst­lich ein­grei­fen, das sei Schick­sal. Das ist wirk­lich ein doo­fes Ar­gu­ment! Wenn man mit 45 Brust­krebs be­kommt, dann woll­te Gott oder das Schick­sal vi­el­leicht, dass man mit 46 stirbt. Aber das nimmt man auch nicht so ein­fach hin.

Künst­li­che Be­f­ruch­tung ist teu­er. 7500 Fran­ken ha­ben wir für ei­ne Be­hand­lung be­zahlt. Wir ha­ben das Glück, dass wir bei­de gut ver­die­nen. Mein Mann ar­bei­tet bei ei­ner Ver­si­che­rung in Zü­rich. In Deutsch­land wird die künst­li­che Be­f­ruch­tung von der Kran­ken­kas­se über­nom­men, in der Schweiz nicht. Ich fin­de es un­ge­recht, wenn das ge­wis­sen Men­schen den Zu­gang ver­un­mög­licht.

Wir ha­ben uns auch Al­ter­na­ti­ven über­legt, ei­ne da­von war die Ad­op­ti­on. Ich ha­be mich da­mit be­fasst, al­les da­zu re­cher­chiert. Ad­op­ti­on ist um ei­ni­ges kom­pli­zier­ter als die künst­li­che Be­f­ruch­tung, es gibt im­mer we­ni­ger Kin­der, die frei­ge­ge­ben wer­den, es geht län­ger und ist teu­rer. Der ad­mi­nis­tra­ti­ve Auf­wand ist zu­dem ge­wal­tig. Wenn ge­wis­se Leu­te sa­gen, man sol­le doch lie­ber ar­me, afri­ka­ni­sche Kin­der ad­op­tie­ren als sich von der Ärz­tin hel­fen las­sen, macht mich das wü­tend. Die­se Leu­te ha­ben sich ein­fach noch nie dar­über in­for­miert!

Im Au­gust ha­ben wir schliess­lich die künst­li­che Be­f­ruch­tung durch­ge­führt, und es hat beim ers­ten Mal di­rekt funk­tio­niert. Das war ein echt schö­nes Ge­fühl, auch wenn ich zu­erst noch die Angst hat­te, das Kind zu ver­lie­ren. Im April 2019 ist es so weit. Bald wis­sen wir auch, ob es ein Jun­ge oder ein Mäd­chen wird. Na­men­s­ide­en ha­be ich schon, die ver­ra­te ich aber nicht.

Fo­to: Ste­ve Zug­schwerdt

2016 wur­de je­des fünf­zigs­te Kind in der Schweiz mit­hil­fe von künst­li­cher Be­f­ruch­tung ge­zeugt.

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