Spek­ta­ku­lä­res Luft­bal­lett

Akro­ba­ti­sche Sprün­ge, Street­dance und ei­ne ge­wal­ti­ge Licht­in­stal­la­ti­on: Die Com­pa­gnie Ur­bai­ne möch­te in der denk­mal­ge­schütz­ten Ra­pid-hal­le in der Lok­stadt den Gross­er­folg wie­der­ho­len, den die Show «ZUP» in Genf ge­fei­ert hat.

Der Landbote - - WINTERTHUR - Micha­el Graf

Die Hal­le Ra­pid im Suz­ler-are­al, wo kürz­lich noch das Mu­se­um Schaf­fen aus­stell­te, hat sich in das gröss­te Thea­ter der Stadt ver­wan­delt. Fast 1000 Sitz­plät­ze hat es auf der stei­len Tri­bü­ne, mehr als im Stadt­thea­ter. Die Büh­ne: weis­se Half­pipes, die seit­lich in schwin­deln­de Hö­hen an­stei­gen.

Hier wird die Kunst der Stras­se ze­le­briert: Auf Skate­boards, Roll­schu­hen, Bmx-ve­los und Kick­boards schla­gen die Darstel­ler der Schwer­kraft ein Schnipp­chen. Parkour-läu­fer zei­gen ih­re Tricks und Sprün­ge und Street­dan­cer set­zen die Mu­sik in Be­we­gung um. «ZUP – die sen­sa­tio­nel­le ur­ba­ne Show» steht auf den Wer­be­pla­ka­ten. Zu er­war­ten ist ein Bal­lett der Lüf­te – mit spek­ta­ku­lä­ren Vi­deo­pro­jek­tio­nen.

Re­gie führt ein Alt­meis­ter des Bal­letts. Ni­co­las Mu­sin war als Tän­zer und Cho­reo­graf an den gros­sen Opern­häu­sern en­ga­giert. Ein schlan­ker Mann, der An­dy War­hol äh­nelt und mit an­ste­cken­der Freu­de er­zählt. Zu­sam­men mit Mi­chel Gaud, ei­nem Gen­fer Un­ter­neh­mer, grün­de­te er 2015 die Com­pa­gnie Ur­bai­ne, die «ZUP» nun pro­du­ziert.

Gaud hat­te den Ska­tern im Gen­fer Plain­pa­lais-park zu­ge­schaut und war be­geis­tert von de­ren Ge­schick. Mit Mu­sin fand er den rich­ti­gen Part­ner, um die­ser «ur­ba­nen» Kunst ei­ne Büh­ne zu be­rei­ten. In Genf lös­te die Com­pa­gnie Ur­bai­ne die­se Auf­ga­be auf be­ste­chen­de Wei­se. Der Skate­park kam nicht ins Thea­ter, son­dern das Thea­ter zum Skate­park: Ein Teil der rie­si­gen An­la­ge wur­de mit ei­ner Zelt­kon­struk­ti­on über­dacht. Es klapp­te, «ZUP» wur­de zum Pu­bli­kums­ren­ner und al­le 20 Vor­stel­lun­gen im Herbst 2017 wa­ren aus­ver­kauft.

«Die Hal­le passt per­fekt»

In Win­ter­thur kommt nun ei­ne ex­tra an­ge­fer­tig­te «Rei­se­ver­si­on» zum Ein­satz – wei­te­re Gast­spie­le sind mög­lich, wenn das Kon­zept gut an­kommt. «Die Lo­ca­ti­on hier passt per­fekt», fin­det Do­mi­ni­que Lohm von der Agen­tur, wel­che die Show ver­mark­tet. «In sol­chen lee­ren In­dus­trie­hal­len wur­de in Ame­ri­ka Street­dance er­fun­den.»

Re­gis­seur Mu­sin lern­te die Ska­ter­und Hip-hop-sze­ne En­de der 1980er-jah­re ken­nen und war fas­zi­niert. Wäh­rend sie in den USA bald zum Ge­schäft wur­de, sei Ska­ten in Eu­ro­pa ei­ne Ge­gen­kul­tur der (vor-)städ­ti­schen Ju­gend ge­blie­ben, sagt er. Die Com­pa­gnie Ur­bai­ne trägt die­sem Spi­rit Rech­nung. Qua­si al­le der 21 Darstel­ler sei­en kei­ne pro­fes­sio­nel­len Ska­ter und Tän­zer, son­dern ein­fach jun­ge Leu­te am An­fang ih­rer Kar­rie­re, sagt Mu­sin.

Mu­sin nä­her­te sich über Mo­na­te der Ska­ter­sze­ne an. Was ihm auf­fiel: «Die Ska­ter trai­nie­ren ih­re Fi­gu­ren ganz ähn­lich, wie ich es als Bal­lett­tän­zer tat», sagt er. Schwie­ri­ger war es mit den Street­dan­cern. Sie sind ge­wohnt zu im­pro­vi­sie­ren und per­for­men am liebs­ten mit­ten im Pu­bli­kum. Die Welt der Büh­ne, Mus­ins Welt, ist ei­ne ganz an­de­re. Hier war er Über­set­zer.

Rei­se in die Gross­stadt­nacht

Apro­pos: Deutsch spricht kaum ei­ner der Ath­le­ten. Doch Spra­che kommt bei «ZUP» fast nicht zum Ein­satz. Die Ge­schich­te wird durch Be­we­gung, Mu­sik und Vi­deo­pro­jek­tio­nen er­zählt. Die bei Ta­ges­licht weis­sen Ram­pen ver­schmel­zen in ih­rem Licht zu ei­nem Büh­nen­bild, das mal Be­ton, dann Was­ser, dann lo­dern­des Feu­er scheint. Die Haupt­rol­le spielt ein Tän­zer, ein be­hü­te­ter Jüng­ling, der sich in ei­ne fas­zi­nie­ren­de und wil­de Frau ver­liebt, ei­ne Ama­zo­ne, die ihm ih­re Welt zeigt. Ge­mein­sam durch­strei­fen sie die pul­sie­ren­de Gross­stadt­nacht. «Ein Stück weit ist das mei­ne Ge­schich­te», sagt Mu­sin. «Mei­ne Frau Fer­nan­da ist Bra­si­lia­ne­rin. Sie nahm mich mit in die Fa­ve­las von Rio, und ich sah ei­ne Welt, die ich nicht für mög­lich ge­hal­ten hat­te. Sehr ge­fähr­lich, teils bru­tal – aber auch fas­zi­nie­rend.»

Bis die Show am Don­ners­tag Pre­mie­re fei­ert, ist noch viel zu pro­ben. Bis in die Nacht: Die denk­mal­ge­schütz­te Hal­le lässt sich näm­lich nicht ver­dun­keln, dar­um kön­nen die Vi­deo­ef­fek­te erst abends ge­übt wer­den. Doch Mu­sin ver­traut sei­nen jun­gen Darstel­lern. Und der Kraft sei­ner Ge­schich­te. Die Schau­spie­ler, die man in Genf ein­setz­te, lässt er weg. «Es braucht sie schlicht nicht.»

Fo­to: Marc Da­hin­den

Die Ska­ter­am­pe als Büh­ne: In der al­ten Lok-hal­le Ra­pid in­sze­niert Bal­lett-alt­meis­ter Ni­co­las Mu­sin (Mit­te) ei­ne Lie­bes­er­klä­rung an die «ur­ba­nen» Küns­te.

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