«Sie ha­ben ei­ne Stun­de ge­re­det, und ich ver­ste­he im­mer noch nicht, wo­rum es geht»

Wie ge­winnt man Ju­gend­li­che für Po­li­tik? Der Ver­ein Dis­cuss it ver­sucht es mit Po­di­en an Kan­tons­und Be­rufs­schu­len. Ein Au­gen­schein im Büel­rain.

Der Landbote - - WINTERTHUR - Mir­jam Fon­ti

«Herz­li­chen Dank, dass Sie so zahl­reich ge­kom­men sind», sagt der grü­ne Kan­tons­rat Mar­tin Neu­komm zur Be­grüs­sung. Mur­ren schlägt ihm ent­ge­gen. «Ah, Sie sind nicht frei­wil­lig da?», fragt er nach. Nein, das Po­di­um ge­hört für die rund 300 Schü­le­rin­nen und Schü­ler der Kan­tons­schu­le Büel­rain zum Un­ter­richt. Und man spürt: Nicht al­le freu­en sich, dass sie sich in der nächs­ten Stun­de mit der Selbst­be­stim­mungs­in­itia­ti­ve be­fas­sen müs­sen. Doch für Pro­rek­tor Pe­ter Lau­ten­schla­ger ist klar: «Auch wenn vie­le von Ih­nen noch nicht ab­stim­men kön­nen: Es ist un­ser Ziel, dass Sie sich ei­ne Mei­nung bil­den kön­nen und ei­ne Mit­re­de­kom­pe­tenz ent­wi­ckeln.» Zu­dem er­lau­be das Po­di­um ei­nen Blick hin­ter die Ku­lis­sen. «Be­ob­ach­ten Sie, wie dis­ku­tiert wird. Geht es fair von­stat­ten, wird die Re­de­zeit gleich­mäs­sig ver­teilt?»

Schwie­ri­ge Auf­ga­be

Mo­de­riert wird der An­lass von Ni­co­las So­lentha­ler, ei­nem ehe­ma­li­gen Büel­rain-schü­ler und Mit­glied der Or­ga­ni­sa­to­rin Dis­cuss it (sie­he Kas­ten). Er hat wohl die schwie­rigs­te Auf­ga­be, wie sich im Ver­lauf der Stun­de zei­gen wird. Ihm ob­liegt es, die Dis­ku­tie­ren­den zu bän­di­gen. Auf der Pro-sei­te ste­hen Mau­ro Tue­na (Na­tio­nal­rat SVP) und Sa­mu­el Hof­mann (Jung­frei­sinn), auf der Geg­ner­sei­te tre­ten Mar­tin Neu­kom (Kan­tons­rat Grü­ne) und Pris­ca Kol­ler (Kan­tons­rä­tin FDP) an.

Pris­ca Kol­ler ge­lingt es schon in der Vor­stel­lungs­run­de, die jun­gen Leu­te für sich ein­zu­neh­men. «Wenn ich das Kan­ti­ge­bäu­de se­he, kom­men mir vor al­lem vie­le lan­ge, läs­si­ge Par­tys in den Sinn, die wir hier ge­fei­ert ha­ben.» Sie ern­tet Ap­plaus. Die nüch­ter­ne Vor­stel­lung der Män­ner ver­mag we­ni­ger zu be­geis­tern.

Dann gehts los. Die vier strei­ten über Völ­ker­recht und Ver­fas­sungs­recht, zwin­gen­de Be­stim­mun­gen, Aus­nah­men und Wi­der­sprü­che, und vor al­lem Tue­na und Neu­kom fal­len sich da­bei im­mer wie­der ins Wort. Die Dis­kus­si­on wird chao­tisch. Schon bald ha­ben die ers­ten Schü­ler und Schü­le­rin­nen ihr Han­dy ge­zückt. Ent­we­der das The­ma in­ter­es­siert sie nicht, oder sie ha­ben be­reits den Fa­den ver­lo­ren. Mo­de­ra­tor So­lentha­ler ver­sucht im­mer wie­der ver­zwei­felt, die Po­di­ums­teil­neh­mer da­zu zu brin­gen, sich ge­gen­sei­tig aus­re­den zu las­sen und tat­säch­lich auf die ge­stell­ten Fra­gen zu ant­wor­ten. «Wir ver­lie­ren uns in De­tails», mo­niert er mehr als ein­mal.

Die Ju­gend­li­chen schei­nen sich fast stär­ker für das Wie der Dis­kus­si­on als für das Was zu in­ter­es­sie­ren. «Hast du ge­se­hen, der macht die ge­nau glei­chen Hand­be­we­gun­gen wie Blo­cher», stellt ei­ner mit Blick auf Tue­na fest. Und zwei Mäd­chen fin­den: «Es ist ein­fach nicht sym­pa­thisch, wenn ei­ner im­mer drein­re­det.»

Bleibt al­les un­klar

Schliess­lich kommt es zur Fra­ge­run­de, die Ju­gend­li­chen kön­nen sich ein­brin­gen. Ein Schü­ler sagt: «Sie ha­ben jetzt ei­ne Stun­de ge­re­det, und ich ver­ste­he im­mer noch nicht, wo­rum es ge­nau geht. Kön­nen Sie sa­gen, was sich kon­kret än­dern wür­de bei An­nah­me der In­itia­ti­ve?» Tue­na nimmt ei­nen An­lauf: «Wenn ein Volks­ent­scheid durch­kommt, wür­de er künf­tig auch so um­ge­setzt.» Pris­ca Kol­ler sieht das als Geg­ne­rin ganz an­ders. «Gä­be es ein Ja, wür­de un­ser Ver­hält­nis zum Aus­land lei­den und letzt­lich un­ser Wohl­stand sin­ken.»

Ein an­de­rer Schü­ler will al­le Wi­der­sprü­che auf­zäh­len, die ihm in der Ar­gu­men­ta­ti­on der Be­für­wor­ter auf­ge­fal­len sind. Er kommt in ei­nen rich­ti­gen Rausch und muss letzt­lich vom Mo­de­ra­tor un­ter­bro­chen wer­den. «Wir ha­ben es jetzt ver­stan­den.» Die Mit­schü­ler tau­schen pein­lich be­rühr­te Bli­cke.

Die Ju­gend­li­chen sa­gen Nein

Auch wenn wohl man­che die Selbst­be­stim­mungs­in­itia­ti­ve selbst nach dem Po­di­um noch nicht ganz ver­ste­hen, konn­ten sie zu­min­dest mit­er­le­ben, mit welch har­ten Ban­da­gen in der Po­li­tik ge­kämpft wird.

Zum Schluss will der Mo­de­ra­tor wis­sen, wie die jun­gen Leu­te denn ab­stim­men wür­den, wenn sie könn­ten. Nur gera­de zwei Dut­zend wür­den ein Ja ein­le­gen, die gros­se Mehr­heit kann sich mit der In­itia­ti­ve nicht an­freun­den.

Fo­to: Mir­jam Fon­ti

Die 2.­ und 3.­Kläss­ler der Kan­tons­schu­le Büel­rain be­ob­ach­ten, wie die Po­li­ti­ke­rin­nen und Po­li­ti­ker sich ver­bal du­el­lie­ren.

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