Aus dem Hell­dun­kel ge­leb­ter Zeit

Al­les, was in den letz­ten Jah­ren ent­stan­den ist, und noch mehr: Zum be­vor­ste­hen­den 90. Ge­burts­tag von Heinz Kel­ler la­den der Künst­ler und sei­ne Frau Syl­via zur Ate­lier­aus­stel­lung ein. Ei­ne von Le­ben und An­teil­neh­men er­füll­te Schau.

Der Landbote - - STADTKULTUR - Hel­mut Dworschak

Es ist im­mer wie­der die­ses ei­ne, das ei­nen beim An­blick der Wer­ke be­rührt: das zu­tiefst Mensch­li­che, das aus ih­nen spricht. Lei­se und un­auf­dring­lich, manch­mal lau­ter und for­dernd. Aber im­mer ist es da, noch im kleins­ten, bei­läu­fi­gen Blu­men­mo­tiv. Al­lem liegt Ge­se­he­nes und Er­fah­re­nes zu­grun­de, und zum Er­fah­re­nen ge­hört eben­so das Ge­le­se­ne, das bei der Lek­tü­re ei­nes Bu­ches Er­fah­re­ne – Heinz Kel­ler war schon im­mer ein gros­ser Le­ser. Das er­weist sich auch bei sei­ner jüngs­ten Pu­bli­ka­ti­on, die vor ei­ner Wo­che aus der Tau­fe ge­ho­ben wur­de: «In die­ser schwar­zen Zeit vol­ler Angst und Elend».

Ein dunk­les Werk

Es ist ein dunk­les Werk, ob­wohl der Pin­sel leicht über das hel­le Blatt zu glei­ten scheint. Je­der der acht Pin­sel­zeich­nun­gen in Schwarz ist das Zi­tat ei­nes Schrift­stel­lers bei­ge­sellt; knapp, drei Sät­ze, we­nig mehr. Al­f­red Dö­blin, Franz Wer­fel, Wolf­gang Lang­hoff oder Bo­ris Pas­ternak kom­men zu Wort, die Vä­ter­ge­ne­ra­ti­on al­so, die zwei Welt­krie­ge im Na­cken hat.

Die Zeich­nun­gen zei­gen «ty­pi­sche» Si­tua­tio­nen: Flücht­lin­ge un­ter­wegs, Men­schen, die ver­leum­den, Men­schen, die ver­leum­det wer­den, die ge­fan­gen sind, die schla­gen und ge­schla­gen

Hun­de und Kat­zen sei­en nicht so in­tel­li­gent, wie wir mein­ten, las ich die­se Wo­che in der Zei­tung. Ih­re In­tel­li­genz be­we­ge sich auf dem Ni­veau der Schild­krö­ten, hiess es in dem Be­richt, den ich nicht zu En­de las. Mei­ne täg­li­chen Be­geg­nun­gen mit mei­ner Kat­ze ha­ben seit­her ei­ne neue Fär­bung be­kom­men. Wenn sie mich an­blickt in der Er­war­tung, ge­füt­tert zu wer­den, den­ke ich jetzt: Du Schild­krö­te. Die­ser Um­gangs­ton, wenn man dem so sa­gen kann, ist für uns neu. Bis­her hielt ich sie für in­tel­li­gent, gera­de wenn sie mich schwei­gend an­blick­te. Ich weiss nicht, wie in­tel­li­gent Schild­krö­ten sind. Aus Zoo­be­su­chen, die schon lan­ge zu­rück­lie­gen, glau­be ich mich zu er­in­nern, dass sie stumpf­sin­nig glot­zen. Sie sind eben sehr gut dar­in, ih­re In­tel­li­genz zu ver­ber­gen.

Die Ein­gangs­sät­ze des Zei­tungs­be­richts lies­sen ver­mu­ten, dass die In­tel­li­genz der Schild­krö­ten, Hun­de und Kat­zen gera­de neu ge­mes­sen wur­de, von ei­nem For­scher­team, ver­mu­te ich. Mess­re­sul­ta­te sa­gen uns, wie es sich wirk­lich ver­hält, wäh­rend die An­nah­me, mei­ne Kat­ze sei in­tel­li­gent, nichts wei­ter ist als ei­ne sim­ple Mei­nung.

Wie wohl in die­sem Fall die In­tel­li­genz ge­mes­sen wur­de? Die wer­den, die al­lein sind mit sich. Und der al­te Mann zu Be­ginn, ein we­nig Hi­ob, ein we­nig ver­lo­re­ner Jün­ger, die Hän­de zum Ge­bet ge­fal­tet: Be­denkt er vi­el­leicht Dö­blins Wort, das am En­de von «In die­ser schwar­zen Zeit» steht? Je­nes «un­ge­heu­re Jen­seits», das «Jen­seits al­ler Vor­stell­bar­keit, das wir mit der Sil­be ‹Gott› be­zeich­nen»?

Der al­te Mann trägt Zü­ge von Heinz Kel­ler selbst. Der schreibt im Vor­wort, das mit ei­nem wört­li­chen Echo auf Hein­rich Hei­nes Ge­dicht «Nacht­ge­dan­ken» be­ginnt: «Denk ich an all das Elend, die Völ­ker, die Men­schen, die Tag und Nacht ge­plagt wer­den, auf dem gan­zen Erd­ball, so bin ich um den Schlaf ge­bracht.» Sei­nen Nacht­bil­dern, den «Lei­den­den welt­weit», hat der Künst­ler in der neu­en Pu­bli­ka­ti­on Gestalt ver­lie­hen.

Aus Lie­be zu den Men­schen

«Denk ich an all das Elend, die Völ­ker, die Men­schen, die Tag und Nacht ge­plagt wer­den, auf dem gan­zen Erd­ball, so bin ich um den Schlaf ge­bracht.» Heinz Kel­ler

Das hat er schon im­mer ge­tan: dem, was ihn um­treibt, was ihn im Gu­ten wie im Bö­sen be­rührt, Gestalt zu ver­lei­hen. Kel­ler, der üb­ri­gens kein Pes­si­mist ist, ist seit je von ei­ner gros­sen Lie­be zu den Men­schen ge­tra­gen, be­son­ders zu de­nen, die an­ders sind, de­nen es nicht so gut geht. Da­von kann man sich in der gros­sen Ate­lier­aus­stel­lung über­zeu­gen, die ihm Mar­kus und Bar­ba­ra Kel­ler zum 90. Ge­burts­tag am 29. No­vem­ber ein­ge­rich­tet ha­ben.

Rund 80 Wer­ke hän­gen an den Wän­den, vie­le dar­un­ter sind erst in den letz­ten Jah­ren ent­stan­den. Zu­sam­men mit den in Map­pen und Stän­dern prä­sen­tier­ten Blät­tern mö­gen es 400 sein: Kunst aus 60 Jah­ren, schwarz und weiss in Holz ge­schnit­ten, aber auch in Far­be, so wie die seit den Neun­zi­gern mit bis zu sie­ben Plat­ten ge­druck­ten Holz­schnit­te, die al­lein schon durch ih­ren Farb­zau­ber be­ste­chen. Auch der Aqua­rell­künst­ler kommt nicht zu kurz und nicht der Zeich­ner, der je­den zu mes­sen­den Din­ge muss­ten zu­erst auf ei­nen Nen­ner ge­bracht wer­den. Was ha­ben Kat­zen und Schild­krö­ten ge­mein­sam? Sie ha­ben ei­nen Kopf und vier Bei­ne. Und sie ha­ben Bes­se­res zu tun, als sich mit Be­wei­sen ih­rer In­tel­li­genz zu über­bie­ten. Mehr fällt mir da­zu gera­de nicht ein.

Bei der In­tel­li­genz han­delt es sich um ei­ne Fä­hig­keit, die sich erst dann zeigt, wenn sie aus­ge­übt wird. Kurz, die Tie­re muss­ten ver­mut­lich Auf­ga­ben lö­sen, und da­für gab es Punk­te. Noch mehr Punk­te gab es ver­mut­lich, wenn die Tie­re im Ver­lauf der Pro­ze­dur ihr Ver­hal­ten an­pass­ten sei­ner Holz­schnit­te mi­nu­ti­ös vor­be­rei­tet und nichts dem Zu­fall über­lässt. Die Be­su­cher kön­nen sich an­hand von Ent­wurfs­zeich­nun­gen da­von über­zeu­gen.

Auch da­von, dass die Pin­sel­zeich­nun­gen, wie sie die neue Pu­bli­ka­ti­on ent­hält und an­de­re als Va­ria­tio­nen äl­te­rer Holz­schnit­te

Hun­den sagt man zwar an­de­res nach, aber das liegt an den Ki­no­fil­men mit schein­bar in­tel­li­gen­ten Hun­den, die in Wahr­heit mit­tels per­fi­der Me­tho­den ab­ge­rich­tet wur­den. Den Schild­krö­ten sieht man das Be­har­rungs­ver­mö­gen ja deut­lich an, und Kat­zen gel­ten als ei­gen­sin­nig, was man auch als man­geln­de Fle­xi­bi­li­tät, ja Stur­heit aus­le­gen könn­te. Stur­heit ist na­tür­lich nicht in­tel­li­gent, Fle­xi­bi­li­tät ist in­tel­li­gent. Die Fä­hig­keit, nicht zu zer­bre­chen. Sich zu ver­bie­gen, wenn wech­seln­de Ver­hält­nis­se es er­for­dern. Und dar­an auch noch Spass zu ha­ben.

Mo­der­ne Ar­beit­neh­mer sind fle­xi­bel, sie pas­sen sich an. Wohn­ort: Chur. Ar­beits­ort: Ba­sel. Wun­der­bar, im Zug kann man le­sen. Und wan­dern, wenn die Blät­ter trei­ben, lan­ge Brie­fe schrei­ben – nein, das nicht, für Spa­zier­gän­ge im Wald und für hand­ge­schrie­be­ne Brie­fe reicht die Zeit nicht, aber man kann un­ter­wegs schon mal die Mails che­cken und ein paar Te­le­fo­na­te mit wich­ti­gen Kun­den füh­ren, dann ist das ab­ge­hakt. Die Zeit im Bü­ro wird zur Krea­tiv­zeit, an den Wän­den hän­gen, nicht Aus­druck ei­nes letz­ten Spät­wer­kes sind, weil dem nicht mehr ge­sun­den Künst­ler die auch kör­per­lich an­stren­gen­de Ar­beit als Holz­schnei­der im­mer schwe­rer fällt. Das «Zeich­ne­ri­sche» tritt näm­lich schon in viel frü­he­ren Holz­schnit­ten auf, be­son­ders in­spi­riert vom Ide­en­aus­tausch in der Be­geg­nungs­zo­ne. So et­wa sieht ei­ne ver­brei­te­te Form der In­tel­li­genz heu­te aus: Sie passt sich an und macht das Bes­te dar­aus. Evo­lu­ti­ons­psy­cho­lo­gen dürf­ten ein sol­ches Ver­hal­ten als hoch­wer­tig ein­stu­fen.

Die Schild­krö­te als In­tel­li­genz­for­sche­rin wür­de In­tel­li­genz ver­mut­lich ganz an­ders mes­sen als der fle­xi­ble Bü­ro­mensch. Schild­krö­te: Das macht man jetzt so, echt? Bes­ser erst mal ab­war­ten, was dar­aus wird. Wenn die das in hun­dert Jah­ren im­mer noch be­haup­ten, wer­den wir so­fort ge­eig­ne­te Mass­nah­men er­grei­fen.

Der Ver­dacht ist nicht un­be­grün­det, dass die For­scher vor­ein­ge­nom­men wa­ren. Nicht nur der All­tags­ver­stand, auch die Wis­sen­schaft geht von An­nah­men aus; oft be­kommt sie sie ge­lie­fert vom gera­de herr­schen­den Zeit­geist. Und der will mes­sen. Und er will den fle­xi­blen Men­schen. So fle­xi­bel wie der Schreib­tisch­mensch ist mei­ne Kat­ze nicht. Aber sie ist zum Bei­spiel sehr be­weg­lich, ver­mut­lich so­gar be­we­gungs­in­tel­li­gent. Sie könn­te auf je­den fah­ren­den Zug auf­sprin­gen und je­dem Trend hin­ter­her­hech­ten, tut es aber nicht. War­um denn nicht? Sie schweigt. in den 80er-jah­ren: Da ha­ben die Li­ni­en das Sa­gen, und schwar­ze Flä­chen feh­len fast völ­lig.

Un­ver­wech­sel­bar

So viel­sei­tig Heinz Kel­lers Oeu­vre mit all sei­nen ganz ge­wöhn­li­chen und auch dar­um be­son­de­ren Men­schen ist, mit sei­nen na­hen Heinz Kel­ler: Holz­schnit­te, Aqua­rel­le, Zeich­nun­gen. Ate­lier Sto­cke­mer­berg­stras­se 7, bis 25. 11., je­weils Do bis So, 15 bis 18 Uhr.

Fo­to: PD

Heinz Kel­ler: «Der Dreh­or­gel­mann von As­co­na», Holz­schnitt, 2018.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.