Ei­ne Frau, die be­wegt

Pris­ka Ron­ca­to möch­te die Freu­de an der Be­we­gung wei­ter­ge­ben. Die Sport­päd­ago­gin hat in Seuzach ih­re ei­ge­ne Be­we­gungs­schu­le. Sie war ei­ne der ers­ten.

Der Landbote - - REGION - Ele­na Wil­li

Ei­ne Bal­le­ri­na-fi­gur steht im Ba­de­zim­mer von Pris­ka Ron­ca­to. «Das ist ein Ge­schenk ei­ner be­freun­de­ten ukrai­ni­schen Tän­ze­rin», sagt die Sport­päd­ago­gin. In den vie­len Jah­ren als Sport­leh­re­rin hat sie in­ter­na­tio­na­le Kon­tak­te ge­knüpft, ein­mal durf­te sie die Schweiz so­gar an ei­ner Olym­pia­de ver­tre­ten.

In Seuzach hat sich die eins­ti­ge Wein­fel­de­rin ei­ne ei­ge­ne Be­we­gungs­schu­le auf­ge­baut, die nun 40 Jah­re be­steht. «Da­mals wa­ren wir nur vier im Raum Win­ter­thur.» Als sie 1973 Tanz und Be­we­gung un­ter­rich­te­te, gab es aus­ser ihr nur drei wei­te­re Lehr­per­so­nen in die­sem Be­reich in der Um­ge­bung.

«Sie war ei­ne Pio­nie­rin»

Ob­wohl sie selbst ei­ne der Ers­ten war, hat Pris­ka Ron­ca­to ihr per­sön­li­ches Vor­bild: ih­re Mut­ter. «Sie war ei­ne Pio­nie­rin.» Schon als Ron­ca­to noch ein klei­nes Mäd­chen war, ha­be die Mut­ter Gym­nas­tik un­ter­rich­tet. «Ich er­in­ne­re mich gut, wie ich als 10Jäh­ri­ge je­weils das Wohn­zim­mer aus­räu­men muss­te, da­mit die schwan­ge­ren Frau­en Platz zum Sport­ma­chen hat­ten», sagt sie und ges­ti­ku­liert da­bei aus­schwei­fend mit ih­ren Hän­den. Wie spä­ter die Toch­ter, gab auch die Mut­ter da­mals Ge­burts­vor­be­rei­tungs­kur­se.

Schon als Kind war die Sport­päd­ago­gin sport­lich un­ter­wegs. «Ich bin im­mer ger­ne Ski ge­fah­ren und hat­te Bal­lett­un­ter­richt.» Als es dann um die Aus­bil­dung ging, hat­te sich die Mut­ter be­reits vor ihr in­for­miert: «Sie war be­geis­tert von der Me­dau-schu­le in Co­burg.» So kam es, dass die jun­ge Frau als ein­zi­ge Schwei­ze­rin ins deut­sche Sport­in­ter­nat ging und dort wäh­rend drei­ein­halb Jah­ren zur Sport­päd­ago­gin aus­ge­bil­det wur­de. «Da­mals hät­te ich nie ge­dacht, dass ich das mein Le­ben lang ma­chen wür­de.»

Im­mer das La­chen be­hal­ten

Ein Le­ben oh­ne ih­re Be­we­gungs­schu­le in Seuzach kann sich die 66-Jäh­ri­ge heu­te nicht mehr vor­stel­len: «Ich weiss nicht, wie gut es mir ge­hen wür­de, wenn ich all die­se Men­schen nicht mehr je­de Wo­che se­hen könn­te.»

Ih­re Schü­ler ge­ben Pris­ka Ron­ca­to Halt. Mit 50 hat man bei ihr

«Mir geht es dar­um, dass ich mei­ne Schü­ler auch kor­ri­gie­ren kann.» Pris­ka Ron­ca­to

Blut­krebs dia­gnos­ti­ziert. «Ich bin wohl ein klei­nes Wun­der für die Ärz­te», sagt sie und zuckt mit den Schul­tern. Seit 16 Jah­ren lebt sie mit der Dia­gno­se, und das er­staun­lich gut. Trotz der Krank­heit wol­le sie im­mer po­si­tiv blei­ben und die Freu­de am Le­ben be­hal­ten. «Zum Glück kann ich die Angst vor dem Krebs im­mer wie­der auf die Sei­te schie­ben.»

Das po­si­ti­ve Den­ken ha­be sie auch von ih­rer Mut­ter vor­ge­lebt be­kom­men. «Ich bin prak­tisch al­lei­ne mit ihr auf­ge­wach­sen.» Die bei­den äl­te­ren Ge­schwis­ter wa­ren schon aus­ge­zo­gen, und ihr Va­ter leb­te in Spa­ni­en.

Als Pris­ka Ron­ca­to 20 Jah­re alt war, ver­lor sie ihr gros­ses Vor­bild. Auch sie war an Krebs er­krankt. «Es war hart, ei­ne so gros­se Stüt­ze zu ver­lie­ren.»

Da­durch war die jun­ge Frau nach ih­rer Aus­bil­dung ge­zwun­gen, ihr ei­ge­nes Geld zu ver­die­nen. «Manch­mal ist es gar nicht so schlecht, wenn man ein­fach muss.» Bei der Fir­ma Sul­zer hat sie das Lehr­lings­tur­nen ge­lei­tet.

Ne­ben­bei hat sie sich wei­ter­ge­bil­det: «Ich ha­be Kur­se zur Ge­burts­vor­be­rei­tung und zur Rück­bil­dung ge­macht.»

«Ae­ro­bic ist nicht mein Ding»

Al­le Kur­se der Sport­päd­ago­gin sind dank ih­rer Wei­ter­bil­dun­gen durch Kran­ken­kas­sen an­er­kannt. «Es ist mir wich­tig, dass ich fun­dier­tes Wis­sen wei­ter­ge­ben kann.» Als Ae­ro­bic in den 80er-jah­ren zum Trend wur­de, schloss sich Pris­ka Ron­ca­to der Be­we­gung nicht an. «Ae­ro­bic ist nicht mein Ding.» Um das zu un­ter­rich­ten, be­su­chen man­che le­dig­lich kur­ze Wo­chen­end­kur­se. «Mir geht es dar­um, dass ich mei­ne Schü­ler auch kor­ri­gie­ren kann.» Wenn je­mand ein Rü­cken­lei­den hat, dann wol­le sie dem­je­ni­gen die rich­ti­gen Be­we­gun­gen zei­gen kön­nen. «In ei­ner Ae­ro­bic-stun­de mit über 20 Schü­lern ist es ein­fach nicht mög­lich, auf je­den ein­zu­ge­hen.»

Die Ge­sund­heit spielt ei­ne gros­se Rol­le in ih­rem All­tag. Es wird frisch ge­kocht. Ihr Part­ner Hans-pe­ter Ma­thes zer­klei­nert gera­de Lauch und Kar­tof­feln fürs Mit­tag­es­sen. «Wir ach­ten dar­auf, dass es re­gio­na­le Zu­ta­ten sind.»

Der re­for­mier­te Pfar­rer von Seuzach und die Gym­nas­tik- und Tanz­leh­re­rin ha­ben sich 2004 bei ei­nem Neu­jahrs­apé­ro ken­nen ge­lernt. Da­mals sei Ma­thes zu ihr ge­kom­men und ha­be sich da­für ent­schul­digt, dass die Kir­che im­mer noch kein Tanz­pro­jekt mit ihr rea­li­siert ha­be. Wor­auf Ron­ca­to ent­geg­ne­te: «Was ha­ben Sie denn mit der Kir­che zu tun?» Da­bei ver­fällt sie in herz­haf­tes La­chen und kramt da­bei ein wei­te­res Er­in­ne­rungs­stück her­vor.

Für die Schweiz bei Olym­pia

An­läss­lich des 40-jäh­ri­gen Be­ste­hens ih­rer Schu­le hat Ron­ca­to ein di­ckes Fo­to­al­bum zu­sam­men­ge­stellt. Zu je­dem Bild könn­te die drei­fa­che Mut­ter und Gross­mut­ter st­un­den­lang er­zäh­len. Ein High­light wa­ren die Olym­pi­schen Spie­le 1972 in München. «Ich durf­te zu­vor­derst mit dem Schild der Schweiz lau­fen.» Da­nach war sie als Hos­tess da­bei.

Ei­ne schlan­ke, gross ge­wach­se­ne jun­ge Frau läuft vor ei­nem Trupp aus Sport­lern. Hin­ter ihr der Fah­nen­trä­ger. Der Blick der da­mals 20-Jäh­ri­gen ist wie ge­bannt auf das Schild mit der Auf­schrift «Schweiz» ge­rich­tet. «Lus­tig, wie kon­zen­triert ich da­bei war. Ich war schon sehr ner­vös.»

Selbst woll­te sie aber nie Spit­zen­sport­le­rin wer­den. «Da­für war mir die Fa­mi­lie zu wich­tig.» Doch sie hat­te das Glück, ei­ne Un­ter­stüt­zung im Haus­halt zu ha­ben. «Zwei Wo­chen nach der Ge­burt mei­ner Kin­der stand ich je­weils wie­der in der Turn­hal­le und ha­be un­ter­rich­tet.»

Fo­to: Marc Da­hin­den

Pris­ka Ron­ca­to fühlt sich auch beim Po­sie­ren für Fo­tos am wohls­ten, wenn sie in Be­we­gung ist.

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