Die Haus­apo­the­ke wird teu­rer

100 Me­di­ka­men­te, die bis­her frei ver­käuf­lich wa­ren, sol­len nur noch ab­ge­ge­ben wer­den, wenn ein Arzt oder Apo­the­ker zu­stimmt. Das führt zu ho­hen Mehr­kos­ten für die Kon­su­men­ten oder die Kran­ken­kas­sen.

Der Landbote - - WIRTSCHAFT - Pa­trick Gries­ser

Die Sitz­nach­ba­rin im Tram hus­tet mit­leid­er­re­gend. Im Sbbwag­gon schnieft und schneuzt sich der Be­rufs­pend­ler Rich­tung Ar­beits­platz. All­tags­sze­nen in die­ser Jah­res­zeit, die den Griff in die Haus­apo­the­ke für vie­le selbst­ver­ständ­lich ma­chen. Doch Hus­ten­si­rup und Er­käl­tungs­mit­tel könn­ten künf­tig nicht mehr oh­ne wei­te­res in der Apo­the­ke er­hält­lich sein.

In Bun­des­bern geht bei Ge­sund­heits­po­li­ti­kern und Ver­bän­den die Sor­ge um, dass seit Jah­ren oh­ne Re­zept er­hält­li­che Me­di­ka­men­te als­bald nicht mehr frei ver­käuf­lich sein könn­ten. Die Kom­mis­si­on für so­zia­le Si­cher­heit und Ge­sund­heit greift das The­ma am kom­men­den Don­ners­tag in ei­ner An­hö­rung auf, wäh­rend der un­ter ane­rem das Heil­mit­tel­in­sti­tut Swiss­me­dic Re­de und Ant­wort ste­hen soll.

Ge­hei­me Lis­te

Der kon­kre­te An­lass: Swiss­me­dic hat ei­ne Lis­te von Me­di­ka­men­ten er­ar­bei­tet, die künf­tig nicht mehr oh­ne ei­ne Ver­schrei­bung durch ei­nen Arzt oder ei­ne zwin­gen­de Be­ra­tung und Do­ku­men­ta­ti­on durch ei­nen Apo­the­ker ab­ge­ge­ben wer­den dür­fen. Die bis­lang noch un­ver­öf­fent­lich­te Lis­te ist das Er­geb­nis ei­nes seit 2012 dau­ern­den Tau­zie­hens um die Neu­ord­nung der Me­di-ka­men­ten­land­schaft. Die­ses kommt am 1. Ja­nu­ar mit In­kraft­tre­ten des re­vi­dier­ten Heil­mit­tel­ge­set­zes zum Ab­schluss.

Die Über­ar­bei­tung des Ge­set­zes ist im Ge­sund­heits­we­sen als gros­se Chan­ce für ei­ne Li­be­ra­li­sie­rung ge­se­hen wor­den. Dank der Re­vi­si­on soll­te in Zu­kunft rund um die Arz­nei­mit­tel vie­les ein­fa­cher wer­den: Bei­spiels­wei­se sol­len in Zu­kunft über 500 Me­di­ka­men­te, die heu­te nur in ei­ner Apo­the­ke er­hält­lich sind, auch in Dro­ge­ri­en ver­kauft wer­den dür­fen. Die­se Idee er­hielt seit­her viel Lob in der Bran­che. Ein­spa­run­gen in Mil­lio­nen­hö­he ver­spre­chen sich die Ge­sund­heits­po­li­ti­ker durch ei­nen an­de­ren Schritt: Apo­the­ken kön­nen bei leich­ten Er­kran­kun­gen von Pa­ti­en­ten in Zu­kunft Me­di­ka­men­te ab­ge­ben, die bis­her ei­ner Re­zept­pflicht un­ter­lie­gen und da­her vom Arzt un­ter­schrie­ben wer­den müs­sen.

Fra­gen wirft al­ler­dings auf, dass laut den Plä­nen der Ge­sund­heits­be­hör­den in Bern gleich­zei­tig auch Me­di­ka­men­te an­ders ein­ge­stuft wer­den könn­ten, die bis­lang in Apo­the­ken frei ver­füg­bar wa­ren. Be­trof­fen sein dürf­ten Arz­nei­mit­tel, die dort je­des Jahr mil­lio­nen­fach über die The­ken gin­gen. Die Fol­ge ist, dass der Ver­kauf do­ku­men­tiert wer­den soll, wie Swiss­me­dic be­stä­tigt. Die neue Re­ge­lung soll dem­nach bei Arz­nei­mit­teln gel­ten, die ein er­heb­li­ches Miss­brauch­s­po­ten­zi­al auf­wei­sen oder we­gen Wech­sel­wir­kun­gen für Pa­ti­en­ten ge­fähr­lich wer­den könn­ten.

Hus­ten­si­rup et­wa mit dem Wirk­stoff Co­de­in könn­te nicht mehr frei in der Apo­the­ke ver­füg­bar sein, sa­gen Bran­chen­ken­ner, son­dern wür­de nur nach ei­ner Prü­fung von Per­so­na­li­en an Pa­ti­en­ten ab­ge­ge­ben wer­den. Kon­kre­te An­ga­ben, wel­che Me­di­ka­men­te be­trof­fen sind, will Swiss­me­dic erst nach der An­hö­rung am kom­men­den Don­ners­tag ma­chen.

Ba­bet­te Sigg-frank, die ge­schäfts­füh­ren­de Prä­si­den­tin des Schwei­ze­ri­schen Kon­su­men­ten­fo­rums, be­fürch­tet ei­nen gros­sen or­ga­ni­sa­to­ri­schen Mehr­auf­wand oh­ne er­kenn­ba­ren Nut­zen: «Bis­lang ist noch of­fen, wie solch ein Sys­tem über­haupt aus­se­hen könn­te. Wenn ich bei ei­nem ein­fa­chen Hus­ten zu­erst zum Arzt ge­hen muss, um ein Re­zept zu be­kom­men, ist das sehr auf­wen­dig. Ge­nau das Glei­che gilt, wenn der Apo­the­ker erst ei­ne Do­ku­men­ta­ti­on aus­fül­len muss, be­vor ich mein Er­käl­tungs­mit­tel be­kom­me.» Sigg-frank hin­ter­fragt auch die Wirk­sam­keit ei­ner sol­chen Über­prü­fung, da die Me­di­ka­men­te vom sel­ben Pa­ti­en­ten mehr­fach in ver­schie­de­nen Apo­the­ken ge­kauft wer­den könn­ten.

Die Er­fas­sung dürf­te Kos­ten er­zeu­gen: Der fi­nan­zi­el­le Auf­wand da­für und die Ver­wal­tung der Kun­den­da­ten könn­te in drei­stel­li­ger Mil­lio­nen­hö­he lie­gen, sagt der phar­ma­na­he Bas­ler Svpna­tio­nal­rat Se­bas­ti­an Freh­ner in sei­ner In­ter­pel­la­ti­on. Das sind Zah­len, die von der Ver­ei­ni­gung Phar­ma­fir­men in der Schweiz ge­stützt wer­den. De­ren Schät­zun­gen be­lau­fen sich auf mög­li­che Mehr­kos­ten zwi­schen 80 und 300 Mil­lio­nen Fran­ken, wie de­ren Prä­si­dent Mar­cel Platt­ner sagt.

Kas­sen war­nen vor Kos­ten

Swiss­me­dic geht der­zeit von rund 100 Me­di­ka­men­ten aus, die be­trof­fen sein könn­ten. «Die­se Pro­duk­te sind seit Jahr­zehn­ten in Apo­the­ken er­hält­lich. Es exis­tiert kein Ge­fähr­dungs­po­ten­zi­al», sagt Platt­ner, des­sen Ver­ei­ni­gung zu­sätz­li­che Preis­ver­hand­lun­gen mit den Phar­ma­un­ter­neh­men be­fürch­tet, wenn die Kos­ten im Ge­sund­heits­we­sen durch die neue Pra­xis an­stei­gen soll­ten.

Beim Kran­ken­kas­sen­ver­band San­té­su­is­se rech­net man durch das neue Sys­tem eben­falls mit Mehr­kos­ten in noch un­be­kann­ter Hö­he, wie Spre­cher Chris­to­phe Ka­empf sagt. Der Bun­des­rat er­war­tet hin­ge­gen als Fol­ge der Neu­re­ge­lung kei­ne Zu­satz­kos­ten. Er rech­net die Er­spar­nis­se ge­gen, die sich durch den Weg­fall ei­ner ärzt­li­chen Kon­sul­ta­ti­on er­ge­ben wer­den, wenn die Rol­le der Apo­the­ker auf­ge­wer­tet wird, wie aus sei­ner Ant­wort an Na­tio­nal­rat Freh­ner von En­de Sep­tem­ber her­vor­geht. Ein Ar­gu­ment, das der Po­li­ti­ker in sei­ner da­nach ein­ge­reich­ten In­ter­pel­la­ti­on nicht gel­ten las­sen will. Schliess­lich sei die Grund­idee der Re­vi­si­on des Heil­mit­tel­ge­set­zes ja ei­ne an­de­re ge­we­sen: Es ge­he nicht dar­um, Kos­ten zu ver­la­gern, son­dern die­se zu sen­ken.

Die noch nicht ver­öf­fent­lich­te Lis­te der Me­di­ka­men­te ist das Er­geb­nis ei­nes jah­re­lan­gen Tau­zie­hens.

Fo­to: Keysto­ne

Apo­the­ken sol­len künf­tig et­wa Hus­ten­si­rup nur noch nach der Über­prü­fung ih­rer Kun­den ab­ge­ben.

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