Swiss­ness hält Ein­zug ins Fi­nanz­we­sen

Schwei­zer Buch­hal­tungs­stan­dard Swiss Gaap Fer er­lebt ein Come­back – IFRS für vie­le Schwei­zer Un­ter­neh­men zu auf­wen­dig – In­ter­na­tio­nal ist IFRS ein Muss

Finanz und Wirtschaft - - SCHWEIZ - CO­RI­NA DRACK

Swiss Gaap Fer – der schwei­ze­ri­sche Rech­nungs­le­gungs­stan­dard – kommt wie­der in Mo­de. Ver­gan­ge­ne Wo­che kün­dig­te der Sup­pen­her­stel­ler Hüg­li an, die­ses Jahr vom in­ter­na­tio­na­len Rech­nungs­le­gungs­stan­dard IFRS (In­ter­na­tio­nal Fi­nan­ci­al Re­porting Stan­dard) auf Swiss Gaap Fer zu wech­seln. Auch die Ho­tel­ket­te Sun­star hat ent­schie­den, die Jah­res­rech­nung per En­de April 2009 neu nach Swiss Gaap Fer zu er­stel­len. Sie wird En­de Au­gust pu­bli­ziert.

Die bei­den Schwei­zer KMU fol­gen da­mit Bos­sard, Gu­rit und Cham Pa­per, die die­sen Schritt be­reits vor ein paar Wo­chen an­ge­kün­digt ha­ben. Zu auf­wen­dig und zu kom­pli­ziert, lau­tet uni­so­no die Be­grün­dung. Sie al­le neh­men in Kauf, dass ih­re Ak­ti­en an der Schwei­zer Bör­se SIX statt im Main Stan­dard, der frü­her Haupt­seg­ment ge­nannt wur­de, im Do­mestic Stan­dard (frü­her Ne­bens­eg­ment) ge­han­delt wer­den. Ab­ge­se­hen da­von, dass Main et­was bes­ser tönt als Do­mestic, hat der Wech­sel kei­nen Ein­fluss auf den Ak­ti­en­han­del. Für Cham Pa­per bei­spiels­wei­se hat­te die Um­stel­lung kei­ne Ve­rän­de­run­gen im Ak­tio­na­ri­at zur Fol­ge. Der Pa­pier­her­stel­ler schätzt je­doch, al­lein durch den klei­ne­ren Rech­nungs­be­trag der Re­vi­si­ons­ge­sell­schaft 30000 Fr. pro Jahr spa­ren zu kön­nen.

IFRS – oder Ab­stieg

Vor vier Jah­ren gin­gen Schwei­zer Un­ter­neh­men den um­ge­kehr­ten Weg. Da­mals fand der gros­se Wech­sel von Swiss Gaap Fer zu IFRS statt. Der Grund: Ab dem Ge­schäfts­jahr 2005 ak­zep­tier­te die Schwei­zer Bör­se SIX am Main Stan­dard nur noch die Rech­nungs­le­gungs­stan­dards IFRS oder das US-Pen­dant US-Gaap. Wer nicht um­stell­te, wur­de ins da­ma­li­ge Ne­bens­eg­ment re­le­giert, was vie­le als Ab­stieg emp­fan­den. We­ni­ge hat­ten – wie Zehn­der und Conz­ze­ta – die Cou­ra­ge, sich dem Dik­tat nicht zu beu­gen.

Ei­ne Kurz­um­fra­ge un­ter mit­tel­gros­sen Schwei­zer Un­ter­neh­men zeigt, dass das Pen­del zu­rück­schwingt. Die meis­ten be­schäf­ti­gen sich mit der Fra­ge, ob der Nut­zen von IFRS die stei­gen­den Kos­ten noch recht­fer­ti­ge. Das Re­gel­werk ist in den ver­gan­ge­nen Jah­ren di­cker ge­wor­den und um­fasst in­zwi­schen knapp 2900 Sei­ten. Es hat sich mit Blick auf die be­ab­sich­tig­te Zu­sam­men­füh­rung dem ame­ri­ka­ni­schen Stan­dard US-Gaap an­ge­nä­hert – und der ist be­rüch­tigt da­für, dass zu je­dem Sach­ver­halt ei­ne Re­gel be­steht. Ge­plant ist, dass die US-Bör­sen­auf­sicht SEC in fünf Jah­ren IFRS als Stan­dard an der US-Bör­se ak­zep­tie­ren und/oder vor­schrei­ben wird (vgl. Gra­fik rechts). Bis da­hin müs­sen sich IFRS-An­wen­der auf wei­te­re neue Re­geln ge­fasst ma­chen.

Zu teu­er, zu kom­plex

Ein klei­nes Un­ter­neh­men muss mit min­des­tens 150 000 Fr. Mehr­kos­ten pro Jahr rech­nen, schätzt Patrick Eber­le, Do­zent am In­sti­tut für Fi­nanz­dienst­leis­tun­gen Zug. So viel kos­tet die Be­schäf­ti­gung ei­nes Ex­per­ten oder das Be­ra­tungs­ho­no­rar ei­ner ex­ter­nen Fach­per­son so­wie der Mehr­auf­wand der Re­vi­si­ons­ge­sell­schaft. Je grös­ser und kom­ple­xer das Ge­schäft, des­to hö­her die Mehr­kos­ten; sie kön­nen in die Mil­lio­nen ge­hen.

Der ho­he Auf­wand ist nur ein Kri­tik­punkt. Wei­te­re Ar­gu­men­te da­ge­gen sind das Re­pu­ta­ti­ons­ri­si­ko, falls der Stan­dard un­ab­sicht­lich ver­letzt wird, so­wie die ge­for­der­te Trans­pa­renz: Ab dem Ge­schäfts­jahr 2009 ver­langt die SIX die Seg­ment­be­richt­er­stat­tung für IFRS-Ab­schlüs­se. Vor al­lem klei­ne Un­ter­neh­men be­fürch­ten ei­nen Wett­be­werbs­nach­teil ge­gen­über ih­ren Kon­kur­ren­ten, die kei­nen so stren­gen Of­fen­le­gungs­pflich­ten un­ter­lie­gen. Da­zu kommt, dass ge­wis­se un­ter­neh­me­ri­sche Ent­schei­de un­ge­ahn­te Fol­gen für die Jah­res­rech­nung ha­ben; bei­spiels­wei­se hat der Kauf ei­nes aus­län­di­schen Un­ter­neh­mens Im­pli­ka­tio­nen auf die Be­rech­nung der Pen­si­ons­kas­sen­ver­pflich­tung.

Är­ger­nis IAS 19

Über­haupt ist der Stan­dard IAS 19, der die Pen­si­ons­kas­sen­ver­pflich­tun­gen re­gelt, ein Är­ger­nis für die Schwei­zer Fi­nanz­chefs. Bei­spiels­wei­se hat der Ma­schi­nen­bau­er Mi­kron nach IFRS ei­ne Un­ter­de­ckung sei­ner Pen­si­ons­kas­se, nach Swiss Gaap Fer wä­re es je­doch ei­ne Über­de­ckung. Das schaf­fe stän­di­gen Er­klä­rungs­be­darf, mo­niert Mi­kron-Fi­nanz­chef Andre­as Mo­ser. Mi­kron ge­hört zu den Un­ter­neh­men, die ei­nen Wech­sel auf Swiss Gaap Fer der­zeit prü­fen – ent­schie­den sei je­doch noch nichts. Auch Orell Füss­li über­legt sich ei­ne Rück­kehr zum lo­ka­len Swiss Gaap Fer. IFRS wür­de 30 bis 50% hö­he­re Kos­ten ver­ur­sa­chen, sagt Fi­nanz­chef Jo­han­nes Ca- prez. Für den Ma­schi­nen­bau­er Sch­lat­ter ist es zwar (noch) kein The­ma, es wird aber lau­fend über­prüft, ob das Kos­tenNut­zen-Ver­hält­nis noch aus­ge­wo­gen ist. Auch im Hau­se Schaff­ner wird dis­ku­tiert, al­ler­dings ist auch dort ei­ne Ent­schei­dung in wei­ter Fer­ne.

Ein Grund für die IFRS-An­wen­dung ist vor al­lem die in­ter­na­tio­na­le Ver­gleich­bar­keit. IFRS kann sinn­voll sein, wenn in­ter­na­tio­na­le In­ves­to­ren an­ge­spro­chen wer­den sol­len. Der Kup­fer­pro­du­zent Swiss­me­tal hat­te mit die­ser Ab­sicht ei­nen Wech­sel auf IFRS ins Au­ge ge­fasst, den Plan aber we­gen zu ho­her Kos­ten fal­len­ge­las­sen. Auch wenn die Ak­ti­vi­tä­ten im Aus­land zahl­reich sind, kann die Be­richt­er­stat­tung nach dem in­ter­na­tio­nal be­kann­ten IFRS von Vor­teil sein, wenn et­wa für aus­län­di­sche Toch­ter­ge­sell­schaf­ten Fi­nanz­chefs vor Ort re­kru­tiert oder mit aus­län­di­schen Ban­ken Kre­dit­ver­hand­lun­gen ge­führt wer­den müs­sen.

Für Un­ter­neh­men, die auf die Schweiz aus­ge­rich­tet sind und de­ren Bör­sen­ka­pi­ta­li­sie­rung oh­ne­hin zu klein für in­sti­tu­tio­nel­le In­ves­to­ren aus dem Aus­land ist, bie­tet Swiss Gaap Fer mit dem mo­du­la­ren Auf­bau und den auf schwei­ze­ri­sche Ge­ge­ben­hei­ten zu­ge­schnit­te­nen Stan­dards ei­ne idea­le Al­ter­na­ti­ve. Lie­ber ei­nen kor­rekt er­stell­ten Ab­schluss nach Swiss Gaap Fer als ei­nen man­gel­haf­ten IFRS, lau­tet der Te­nor an der Schwei­zer Bör­se SIX. Dass auch pro- fes­sio­nel­le In­ves­to­ren bis­wei­len den Nut­zen von IFRS hin­ter­fra­gen, zeigt die Re­ak­ti­on auf die Um­stel­lung des KMU Mey­er Bur­ger von Swiss Gaap Fer auf IFRS: Der Bro­ker Hel­vea be­dau­ert den Wech­sel und weist dar­auf hin, dass die zu­neh­men­de Kom­ple­xi­tät des IFRSStan­dards von zwei­fel­haf­tem Nut­zen für die An­le­ger sei.

Swiss­ness ist seit En­de der Neun­zi­ger­jah­re in. Auch die Fi­nanz­ab­tei­lun­gen der Schwei­zer KMU be­sin­nen sich wie­der auf den Schwei­zer Buch­hal­tungs­stan­dard.

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