Der Dol­lar sucht Halt

US-Va­lu­ta hat er­neut an Wert ein­ge­büsst – Ver­schie­de­ne Fak­to­ren wei­sen auf ei­ne Auf­wer­tung hin

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - RE­TO RESCALLI

Ist der US-Dol­lar end­lich an ei­nem Wen­de­punkt an­ge­kom­men? Sor­gen­voll be­trach­ten Wäh­rungs­spe­zia­lis­ten die seit März an­hal­ten­de Ent­wer­tung des Gre­en­back. Bin­nen rund drei­ein­halb Mo­na­ten hat der han­dels­ge­wich­te­te Dol­lar­index, der die US-Va­lu­ta an den Wäh­run­gen der wich­tigs­ten Han­dels­part­ner misst, mehr als 12% an Wert ein­ge­büsst. Der Wäh­rungs­korb steht nun wie­der auf dem Ni­veau von Jah­res­be­ginn. Ge­gen­steu­er ver­such­te am Wo­che­n­en­de US-No­ten­bank­chef Ben Bernan­ke zu ge­ben. An ei­ner Re­de in Kan­sas Ci­ty ver­tei­dig­te er die ag­gres­si­ven Mass­nah­men des Fed zur Be­kämp­fung der Fi­nanz­kri­se und be­kann­te sich zur Po­li­tik ei­nes star­ken Dol­lars. Die De­vi­sen­märk­te re­agier­ten un­be­ein­druckt: Nach ei­nem fes­te­ren Start büss­te der Dol­lar zum Wo­chen­start ge­gen­über den meis­ten Haupt­wäh­run­gen er­neut an Wert ein.

Wen­de über die Bör­se

Ei­ne Trend­wen­de ist kurz­fris­tig im Zu­ge ei­ner Bör­sen­kor­rek­tur in den USA re­spek­ti­ve in Asi­en denk­bar. In ei­nem sol­chen Sze­na­rio könn­te der Dol­lar von sei­nem Sta­tus als si­che­rer Ha­fen pro­fi­tie­ren. Da­durch wür­den die Ka­pi­tal­strö­me wie­der ver­mehrt in dol­lar­ba­sier­te Geld­markt­fonds um­ge­lei­tet. Von ei­ner sol­chen Ver­mö­gensum­schich­tung wä­ren – von sin­ken­den Roh­stoff-und Ak­ti­en­prei­sen ab­ge­se­hen – auch ten­den­zi­ell rück­läu­fi­ge US-Zin­sen so­wie ei­ne Ab­schwä­chung der Roh­stoff­wäh­run­gen zu er­war­ten. Letz­te­re zäh­len zu den Pro­fi­teu­ren der dies­jäh­ri­gen Dol­lar­schwä­che: Seit Jah­res­be­ginn ha­ben sich der süd­afri­ka­ni­sche Rand und der aus­tra­li­sche Dol­lar zum US-Dol­lar 23 re­spek­ti­ve 18% ver­teu­ert (vgl. Gra­fik).

Ei­ne von kor­ri­gie­ren­den Ak­ti­en­märk­ten aus­ge­lös­te Dol­lar­hausse wä­re je­doch bloss ei­ne tech­ni­sche Ge­gen­be­we­gung und da­mit vor­über­ge­hend. «Für ei­ne nach­hal­ti­ge Er­ho­lung muss zu­erst die In­land­nach­fra­ge und da­mit die Kon­junk­tur an­zie­hen», fol­gert Tho­mas Stol­per, Öko­nom von Gold­man Sachs. Er er­klärt, die seit dem Plat­zen der Dot­com-Bla­se 2001 an­hal­ten­de Dol­la­r­ent­wer­tung sei Aus­druck ei­nes ge­ne­rel­len Miss­trau­ens in die Wett­be­werbs­kraft der US-Volks­wirt­schaft. Erst in ei­nem et­was län­ger­fris­ti­gen Zeit­ab­schnitt von zwölf Mo­na­ten kön­ne in den USA mit ei­ner aus­rei­chen­den Kon­junk­tur­be­le­bung ge­rech­net wer­den, so­dass ei­ne fun­da­men­ta­le Dol­lar­auf­wer­tung ge­recht­fer­tigt sei. Vor­erst emp­fiehlt Stol­per wei­ter Eu­ro ge­gen Dol­lar zu tau­schen und setzt ein Drei­mo­nats­kurs­ziel von 1.45 €/$. Der­zeit kos­tet ein Dol­lar 1.43 €.

Ein schwa­cher Dol­lar ist zwar im in­ter­na­tio­na­len Wäh­rungs­ge­fü­ge ge­wöh­nungs­be­dürf­tig, aber für die US-Volks­wirt­schaft nicht par­tout schlecht. So er­höht ein güns­ti­ger Dol­lar auf dem Welt­markt die Kon­kur­renz­fä­hig­keit von Gü­tern, die in den USA pro­du­ziert wer­den. Zu­dem ver­rin­gert ein tie­fer Dol­lar­kurs den Wert der im­men­sen Aus­lands­schul­den. Da­vid Ro­sen­berg, Stra­te­ge des In­vest­ment­hau­ses Glus­kin Sheff in Toronto und frü­her Chef­öko­nom von Mer­rill Lynch, hält es da­her für mög­lich, dass die US-Re­gie­rung das letz­te, bis­her un­an­ge­tas­te­te geld­po­li­ti­sche Werk­zeug – den Dol­lar – doch noch für ih­re Zwe­cke nut­zen wird.

Auf Roo­se­velts Spu­ren?

Ro­sen­berg stützt sei­ne An­nah­me auf Par­al­le­len zur Gros­sen De­pres­si­on in den Dreis­si­ger­jah­ren. Die da­mals von US-Prä­si­dent Fran­klin D. Roo­se­velt ver­an­lass­te Dol­la­r­ent­wer­tung sei der wohl er­folg­reichs­te Schritt in der Kri­sen­be­wäl­ti­gung ge­we­sen. Roo­se­velt liess den Dol­lar zum Gold um 40% ab­wer­ten und fi­xier­te an­schlies­send den Preis auf 35$ pro Un­ze.

Trotz Ro­sen­bergs Dol­lar­pes­si­mis­mus gibt es über ei­nen län­ge­ren Zei­t­raum be- trach­tet ei­ni­ge ge­wich­ti­ge Fak­to­ren, die für ei­nen sich wie­der ver­teu­ern­den Dol­lar spre­chen. Wich­tigs­tes Ar­gu­ment ist ne­ben dem all­seits pro­gnos­ti­zier­ten Re­zes­si­ons­en­de das schrump­fen­de Leis­tungs­bi­lanz­de­fi­zit der USA: Es ist im ers­ten Quar­tal als Fol­ge des rück­läu­fi­gen Im­ports auf 101 Mrd.$ re­spek­ti­ve 4,5% des Brut­to­in­land­pro­dukts (BIP) zu­rück­ge­kom­men. In ab­so­lu­ten Zah­len aus­ge­drückt ent­spricht das ei­ner Ab­nah­me von mehr als 53 Mrd. $. In frü­he­ren Kon­junk­tur­zy­klen hat­te ein mar­kan­ter Rück­gang des Leis­tungs­bi­lanz­de­fi­zits je­weils ei­ne Dol­lar­auf­wer­tung aus­ge­löst. Die Zah­len zum zwei­ten Quar­tal wer­den am Frei­tag pu­bli­ziert. Öko­no­men er­war­ten ein sich er­neut ver­rin­gern­des Leis­tungs­bi­lanz­de­fi­zit.

Ja­pan und Chi­na stüt­zen

Der rück­läu­fi­ge Kon­sum der US-Ver­brau­cher, der sich un­ter an­de­rem an­hand der deut­lich ge­stie­ge­nen Spar­quo­te mes­sen lässt, spie­gelt sich auch in Chi­nas Han­dels­bi­lanz. Im Mai ist der Über­schuss erst­mals seit 2005 auf knapp 7 Mrd.$ ge­schrumpft. Im Ver­gleich zu den Spit­zen­zei­ten muss Pe­king nun rund 34 Mrd.$ we­ni­ger De­vi­sen­re­ser­ven ge­winn­brin­gend an­le­gen. Bis­her ist ein Gross­teil die­ser Zu­satz­li­qui­di­tät in US-Staats­an­lei­hen ge­flos­sen – mit dem Re­sul­tat, dass Chi­na im ver­gan­ge­nen Jahr zum gröss­ten Gläu­bi­ger­land der Ver­ei­nig­ten Staa­ten auf­ge­stie­gen ist. Das sich ab­zeich­nen­de neue, we­sent­lich ge­rin­ge­re Un­gleich­ge­wicht zwi­schen die­sen bei­den Län­dern wird den Zustrom einst­wei­len brem­sen und den auf Chi­na las­ten­den Druck, die Dol­la­rab­hän­gig­keit zu re­du­zie­ren, et­was lin­dern.

In ei­nem ähn­li­chen Di­lem­ma steckt Ja­pan. Das un­ter ei­ner Ex­port­flau­te lei­den­de In­sel­reich ist nach Chi­na der zweit­gröss­te Be­sit­zer ame­ri­ka­ni­scher Staats­an­lei­hen. Ähn­lich wie in Pe­king wird in To­kio über ei­ne Um­schich­tung der Dol­lar­re­ser­ven de­bat­tiert. Kein In­ter­es­se an ei­nem sol­chen Schritt – und das ist gut für den Gre­en­back – hat nun of­fen­bar die De­mo­kra­ti­sche Par­tei, die in den für 30. Au­gust an­be­raum­ten Un­ter­haus­wah­len als Sie­ger ge­han­delt wird. Die lang­jäh­ri­ge Op­po­si­ti­ons­par­tei liess am Mon­tag ver­lau­ten, sie sä­he kei­ne Not­wen­dig­keit, die ja­pa­ni­schen De­vi­sen­re­ser­ven zu di­ver­si­fi­zie­ren.

Der Dol­lar hat schon bes­se­re Zei­ten er­lebt. Die US-Va­lu­ta ab­schrei­ben ist aber nicht rat­sam.

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