Pri­vat­sphä­re? Hört, hört!

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND -

Wie auf­ge­schreck­te Hüh­ner be­neh­men sich die­ser Ta­ge ei­ni­ge deut­sche Po­li­ti­ker, von der Link­s­par­tei, über die Grü­nen bis zur CSU. Man em­pört sich ge­nüss­lich. Die Aus­sen­mi­nis­ter der EU-Län­der ha­ben am Mon­tag die Kom­mis­si­on be­auf­tragt, mit den USA über ein Ab­kom­men zu ver­han­deln: Zwecks Ter­ror­be­kämp­fung soll Fahn­dern der USA in den Län­dern der EU der Zu­griff auf Bank­da­ten auch künf­tig er­laubt wer­den. Qua­si über Nacht scheint Deutsch­land nun Da­ten­schutz und Pri­vat­sphä­re sei­ner Bür­ger (neu) ent­deckt zu ha­ben. Kri­ti­ker fürch­ten, der Zu­griff der USFahn­der könn­te Per­sön­lich­keits­rech­te der Bank­kun­den ver­let­zen. Hört, hört! Bun­des­tags­prä­si­den­tin Pe­tra Pau von der Lin­ken spricht von «il­le­ga­ler Schnüf­fel­pra­xis» – was doch sehr amü­siert an­ge­sichts der aus­ge­wie­se­nen «le­ga­len» Schnüf­fel­pra­xis und -his­to­rie von de­ren Vor­gän­ger­par­tei (So­zia­lis­ti­sche Ein­heits­par­tei Deutsch­lands, SED aus DDR-Zei­ten). Bay­erns In­nen­mi­nis­ter Joa­chim Herr­mann (CSU) ahnt, das Ab­kom­men sei ein «schwer­wie­gen­der Ein­griff in die Pri­vat­sphä­re». Na so was aber auch… Jür­gen Trit­tin, Frak­ti­ons­chef der Grü­nen, hält es für voll­kom­men un­ver­hält­nis­mäs­sig und über­zo­gen, dass die Bank­da­ten oh­ne je­den Tat­ver­dacht über­mit­telt wer­den sol­len.

Hä? Man fühlt sich ins Deutsch­land des vo­ri­gen Jahr­hun­derts ver­setzt, mit lan­des­wei­ten Mas­sen­pro­tes­ten ge­gen die – ge­mes­sen an heu­ti­gen Rea­li­tä­ten harm­lo­sen – Volks­zäh­lun­gen. Doch nun ist es zu spät. Wer sei­ne ei­ge­nen Bür­ger im In-und Aus­land per­ma­nent durch­leuch­ten und kon­trol­lie­ren will, wer auch den letz­ten Rest an Bank­kun­den­ge­heim­nis kom­plett ab­schafft, kann sich jetzt nicht so auf­spie­len, wenn plötz­lich die Ame­ri­ka­ner kom­men und zwecks Ter­ror­be­kämp­fung das Glei­che tun wol­len!

Po­li­zei, Jus­tiz und Fi­nanz­äm­ter in Deutsch­land durch­leuch­ten die Ein­kom­mens­ver­hält­nis­se ih­rer Bür­ger im­mer häu­fi­ger: Im bis­he­ri­gen Jah­res­ver­lauf wur­den im In­land be­reits rund 60 000 Kon­to­da­ten ab­ge­ru­fen! Es ist nicht ein­mal si­cher, ob die be­trof­fe­nen Kon­to­in­ha­ber im Nach­hin­ein über das Vor­ge­hen in­for­miert wor­den sind. Bei ei­nem Drit­tel der Ab­fra­gen geht es da­bei üb­ri­gens nicht um Ter­ror oder or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät, son­dern um The­men wie Ein­kom­mens­steu­er, So­zi­al­hil­fe oder Aus­bil­dungs­för­de­rung. Scha­den­freu­de ist je­doch fehl am Platz, da­zu ist der glo­ba­le Trend zur Über­wa­chung des Bür­gers zu all­ge­gen­wär­tig. Und oh­ne­hin ist das Ge­schrei der Po­li­ti­ker in Deutsch­land wohl eher dem Ka­pi­tel Stim­men­kauf an­ge­sichts der Bun­des­tags­wahl im Sep­tem­ber zu­zu­schrei­ben als ei­ner ehr­li­chen Sor­ge um die Pri­vat­sphä­re der Bür­ger.

ADRI­AN BLUM über die Auf­re­gung um Da­ten­schutz und Bank­kon­ten in Deutsch­land

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