Fi­nanz­platz­sie­ger Asi­en?

Sin­ga­pur und Hong­kong, Asi­ens füh­ren­de Ban­ken­plät­ze, ge­hen ge­stärkt aus der Fi­nanz­kri­se her­vor. Das heisst je­doch nicht, dass der Fi­nanz­platz Schweiz auf ver­lo­re­nem Pos­ten stün­de. ERNST HERB

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE -

Der Wohl­stand in den asia­ti­schen Schwel­len­län­dern und mit ihm das Pri­va­te Ban­king wach­sen schnel­ler als in an­de­ren Welt­re­gio­nen. Der 2009 von Mer­rill Lynch und Cap Ge­mi­ni pu­bli­zier­te World We­alth Re­port kommt zum Schluss, dass die kom­bi­nier­ten Ver­mö­gen rei­cher Asia­ten be­reits 2013 grös­ser sein wer­den als die der wohl­ha­ben­den Nord­ame­ri­ka­ner. Ge­mäss die­sen Pro­gno­sen wer­den die in Asi­en ver­wal­te­ten Ver­mö­gen pro Jahr durch­schnitt­lich mehr als 10% wach­sen. Da­mit ist dem Fi­nanz­platz Schweiz, der im Pri­va­te Ban­king lan­ge Zeit un­be­strit­ten an der Spit­ze stand, ernst­haf­te Kon­kur­renz er­wach­sen.

Wäh­rend im Wes­ten der­zeit re­gu­la­to­ri­sche Un­wäg­bar­kei­ten vor­herr­schen, ist Asi­en heu­te wirt­schaft­lich und po­li­tisch weit sta­bi­ler als vor zehn Jah­ren. Da­mit gibt es für Asia­ten we­ni­ger An­lass, ih­re Er­spar­nis­se in We­st­eu­ro­pa oder Nord­ame­ri­ka in Si­cher­heit zu brin­gen. Doch auch wenn Ban­ken­plät­ze an­ders­wo Markt­an­tei­le ver­lie­ren, heisst das nicht, dass in Eu­ro­pa und in Nord­ame­ri­ka kei­ne asia­ti­schen Gel­der mehr ver­bucht wer­den. Da­von ab­ge­se­hen sind ver­schie­de­ne Schwei­zer Ban­ken, nicht nur die gros­sen zwei, in Asi­en prä­sent und da sehr er­folg­reich.

Schweiz kaum ein The­ma

Der fern­öst­li­che Wirt­schafts­raum ist als Gan­zes sta­bi­ler ge­wor­den, aber Asi­ens ei­ge­ne, nur et­was mehr als zehn Jah­re zu­rück­lie­gen­de Wirt­schafts-und Fi­nanz­markt­kri­se bleibt tief in der kol­lek­ti­ven Er­in­ne­rung der Asia­ten ver­an­kert. Auch hat die Kri­se am US-Im­mo­bi­li­en­markt, in de­ren Fol­ge das Ban­ken­sys­tem gan­zer Län­der an den Rand des Ab­grunds ge­stos­sen wur­de, die mit ei­ner zu gros­sen geo­gra­fi­schen Ver­mö­gens­kon­zen­tra­ti­on ver­bun­de­nen Ri­si­ken ans Ta­ges­licht ge­bracht.

Das in der Schweiz, in Lich­ten­stein und Lu­xem­burg auf­ge­weich­te Bank­ge­heim­nis ist aus die­ser Sicht für asia­ti­sche Kun­den we­ni­ger wich­tig. In den lo­ka­len Me­di­en wird dar­über be­rich­tet, das The­ma schlägt aber kei­ne ho­hen Wel­len. Ein Grund da­für ist, dass Hong­kong und Sin­ga­pur zum Schutz der Pri­vat­sphä­re der Bür­ger zwar ein Bank­ge­heim­nis ken­nen, doch for­mal­ju­ris­tisch nie ei­nen Un­ter­schied zwi­schen Steu­er­hin­ter­zie­hung und Steu­er­be­trug ge­macht ha­ben.

Wohl wur­de auch von die­sen zwei Ban­ken­plät­zen als Fol­ge des in­ter­na­tio­na­len Drucks Be­reit­schaft be­kun­det, im Rah­men von mitt­ler­wei­le be­reits ge­schlos­se­nen oder in Vor­be­rei­tung ste­hen­den Dop­pel­be­steue­rungs­ab­kom­men den grenz­über­schrei­ten­den In­for­ma­ti­ons­aus­tausch in gut be­grün­de­ten Fäl­len zu ver­bes­sern. Doch es fällt ins Ge­wicht, dass die Kon­zes­sio­nen von der ei­ge­nen Be­völ­ke­rung nicht als aus­sen­po­li­ti­sche Nie­der­la­ge wahr­ge­nom­men wer­den. Die Auf­wei­chung des Bank­ge­heim­nis­ses selbst in Sin­ga­pur und Hong­kong hat auch des­halb nicht für Auf­se­hen ge­sorgt, weil die meis­ten Staa­ten der Re­gi­on den Staats­haus­halt im Griff ha­ben und da­mit die Steu­er­be­hör­den we­nig In­ter­es­se an den Bank­kon­ten ih­rer Bür­ger im In-und Aus­land ha­ben.

Nicht zu­letzt des­halb sind asia­ti­sche Ban­ken­plät­ze für Kun­den aus den west­li­chen In­dus­trie­staa­ten at­trak­tiv. Es lie­gen zwar kei­ne ge­nau­en An­ga­ben über die geo­gra­fi­sche Her­kunft des Neu­geld­zu­flus-

Hong­kong und Sin­ga­pur ha­ben for­mal­ju­ris­tisch nie ei­nen Un­ter­schied zwi­schen Steu­er­hin­ter­zie­hung und -be­trug ge­macht.

ERNST HERB

ses vor. Doch ge­mäss im­mer wie­der zu hö­ren­den Zah­len ent­fal­len 6 bis 7% der En­de 2009 in Sin­ga­pur und Hong­kong ver­wal­te­ten Ver­mö­gen von 700 Mrd.$ auf wohl­ha­ben­de Eu­ro­pä­er und Ame­ri­ka­ner. Gros­ses Auf­he­ben über die­sen Kun­den­kreis mag kaum je­mand ma­chen – und das, ob­wohl Hong­kong dank dem Ve­to von Pe­king nie auf der OECD-Lis­te un­ko­ope­ra­ti­ver Steu­er­pa­ra­die­se stand oder wie Sin­ga­pur als Fol­ge ge­setz­li­cher Än­de­run­gen spä­ter da­von ge­stri­chen wur­de.

Bei­de Städ­te sind im Be­griff, mit ei­ner Rei­he von Staa­ten Dop­pel­be­steue­rungs­ab­kom­men ab­zu­schlies­sen oder neu zu ver­han­deln. Ein Ab­kom­men könn­te al­ler­dings im Fall der USA oder Deutsch­lands schei­tern, falls sich zei­gen soll­te, dass we­gen sol­cher Ver­ein­ba­run­gen durch ei­ne Ver­le­gung von Wohn-oder Un­ter­neh­mens­sitz in grös­se­rem Aus­mass Ver­mö­gen in die­se steu­er­lich at­trak­ti­ven asia­ti­schen Stand­or­te ab­flies­sen soll­ten. Da­mit ist auch in die­sem Punkt das Bank­ge­heim­nis ähn­lich wie in um­ge­kehr­ter Rich­tung von se­kun­dä­rer Be­deu­tung.

Die Sin­ga­pu­rer und die Hong­kon­ger Ban­ken, die be­reits vor der Fi­nanz­kri­se um grös­se­re Trans­pa­renz be­müht wa­ren, bie­ten für Schwarz­geld­jä­ger so oder so kaum ei­ne An­griffs­flä­che. Of­fi­zi­ell gilt die De­vi­se, dass bei grös­se­ren Be­trä­gen nur Gel­der an­ge­nom­men wer­den, die schon im of­fi­zi­el­len Fi­nanz­fluss sind. Bei­de Fi­nanz­plät­ze sind aber von Nach­barn um­ge­ben, in de­nen wie in Chi­na, In­do­ne­si­en und auf den Phil­ip­pi­nen Cash nach wie vor Kö­nig ist. Da­mit gibt es in der Re­gi­on Zehn­tau­sen­de von we­nig oder nicht re­gu­lier­ten Im­mo­bi­li­en-, Ak­ti­en-und Kunst­mak­lern, über die Geld in den of­fi­zi­el­len Kreis­lauf ge­langt. In ei­ner Re­gi­on, in der Mil­lio­nen von Men­schen kein Bank­kon­to be­sit­zen, wird sich an die­ser kul­tu­rell tief ver­wur­zel­ten Pra­xis nicht so schnell et­was än­dern. Doch Sin­ga­pur und Hong­kong wer­ben auch des­halb nur zu­rück­hal­tend für ihr Off­s­hore Ban­king, weil sich das Um­feld rasch ver­schlech­tern kann.

In Hong­kong wer­den in gros­sem Um­fang Ver­mö­gen rei­cher Fest­land­chi­ne­sen ver­wal­tet. So­lan­ge der Wirt­schafts­boom in Chi­na an­hält und das Land fast in Li­qui­di­tät er­trinkt, in­ter­es­siert sich Pe­king wohl nicht gross für die Her­kunft die­ser Gel­der. Falls Chi­na in Zu­kunft je­doch ei­nen län­ge- ren zy­kli­schen Ab­schwung durch­lau­fen soll­te und da­mit auch die öf­fent­li­chen Fi­nan­zen in Schief­la­ge ge­ra­ten soll­ten, könn­te Hong­kong un­ter den Druck Pe­kings ge­ra­ten, In­for­ma­tio­nen über chi­ne­si­sche Kon­to­in­ha­ber her­aus­zu­rü­cken.

Mit Sta­bi­li­tät zum Er­folg

Sin­ga­pur ist als sou­ve­rä­ner Staat vor ei­nem sol­chen di­rek­ten Zu­griff von aussen bes­ser ge­schützt. Das nicht zu­letzt, weil es für die USA wie für Chi­na ein wich­ti­ger stra­te­gi­scher Part­ner in Süd­ost­asi­en ist. Geo­stra­te­gi­sche In­ter­es­sen sind für Washington und Pe­king ge­wich­ti­ger als fis­kal­po­li­ti­sches Kal­kül. In­do­ne­si­en wie­der­um, das den wich­tigs­ten aus­län­di­schen Kun­den­stamm der Sin­ga­pu­rer Ban­ken stellt, schaut vor al­lem nach in­nen. Tei­le der re­gie­ren­den po­li­ti­schen und der sie un­ter­stüt­zen­den wirt­schaft­li­chen Eli­te wis­sen zu­dem die Vor­tei­le ei­nes Off­s­hore-Ban­ken­plat­zes zu schät­zen.

Das Bei­spiel der Schweiz hat der Sin­ga­pu­rer wie der Hong­kon­ger Re­gie­rung und Fi­nanz­in­dus­trie vor Au­gen ge­führt, dass das aussen-, in­nen-und wirt­schafts­po­li­ti­sche Um­feld nicht sta­tisch ist und ge­ge­be­nen­falls selbst gu­te Nach­barn und Wirt­schafts­part­ner ver­sucht sein kön­nen, ih­re In­ter­es­sen ag­gres­siv durch­zu­set­zen. Die bei­den Ban­ken­plät­ze wis­sen, dass nicht – wie in der Schweiz lan­ge Zeit üb­lich – laut pro­pa­gier­te Re­kord­zah­len über ver­wal­te­te Ver­mö­gen und ein ver­meint­lich in St­ein ge­meis­sel­tes Bank­ge­heim­nis der Schlüs­sel zum Er­folg im Pri­vat­ban­ken­ge­schäft sind, son­dern po­li­ti­sche Sta­bi­li­tät, ei­ne sta­bi­le Wäh­rung, ein ver­läss­li­ches Rechts­sys­tem, ein gu­tes aus­sen­po­li­ti­sches Sen­so­ri­um und nicht zu­letzt Dis­kre­ti­on.

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