Fran­ken­re­kord

DE­VI­SEN Un­garn ge­rät ins Schuss­feld – Est­land ei­nen Schritt nä­her an EWU-Mit­glied­schaft

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE - ANDRE­AS NEINHAUS

Ein neu­er Ab­ga­be­druck auf den Eu­ro sorg­te am Frei­tag da­für, dass sich der Fran­ken so sehr fes­tig­te wie nie zu­vor. Die Ge­rüch­te lie­fen heiss. Die Na­tio­nal­bank griff für ein­mal nicht so­fort kor­ri­gie­rend in das Ge­sche­hen ein.

Die Fran­ken­stär­ke ist nicht leicht ein­zu­däm­men. Am Frei­tag wer­te­te sich der Eu­ro zu­nächst bis 1,4048 Fr./€ ab, am frü­hen Nach­mit­tag rutsch­te der Kurs gar auf 1,3865 Fr./€. So tief war er noch nie ge­le­gen. Kurz dar­auf rap­pel­te er sich im­mer­hin über 1.39 Fr./€ auf. Für die Schwei­ze­ri­sche Na­tio­nal­bank (SNB) bil­de­ten 1.40 Fr./€ bis­her die Schmerz­gren­ze. Vor zwei Wo­chen hat­te sie den Wech­sel­kurs von die­sem Ni­veau via De­vi­sen­markt­in­ter­ven­tio­nen auf über 1.44 Fr./€ ge­hievt. Die Wir­kung ver­puff­te al­ler­dings in den nach­fol­gen­den Ta­gen. Am Frei­tag hielt sie sich mit Eu­ro­käu­fen zu­rück und liess den Kurs­rutsch zu.

Wie üb­lich kom­men­tier­te die SNB die Kurs­be­we­gung nicht. Am Markt wur­den meh­re­re Ge­rüch­te ge­han­delt, die für die Eu­ro­schwä­che ver­ant­wort­lich sei­en, u. a. Be­rich­te über Ver­lus­te der Gross­bank So­cié­té Gé­né­ra­le mit De­ri­va­ten und Ver­mu­tun­gen über an­geb­li­che Zah­lungs­schwie­rig­kei­ten Un­garns. Der Vi­ze­prä­si­dent der Fi­desz-Par­tei, die die neue Re­gie­rung stellt, hat­te Un­garns La­ge pro­vo­ka­tiv mit der Grie­chen­lands ver­gli­chen.

Das Land ist je­doch nicht Mit­glied der Eu­ro­zo­ne und hat be­reits seit län­ge­rem bi­la­te­ra­le Kre­di­te mit dem In­ter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds und der EU über 20 Mrd. € lau­fen, die es zu­letzt nicht mehr voll­stän­dig in An­spruch neh­men muss­te. Der Forint schwäch­te sich auf 286.76 Ft./€ bzw. 205.61 Ft./Fr. ab. Rund ei­ne hal­be St­un­de nach dem Tau­cher zum Fran­ken rutsch­te der Eu­ro auch ge­gen­über dem Dol­lar tie­fer. Er sank auf 1,2017 $/€.

Wie die Kon­junk­tur­for­schungs­stel­le der ETH Zü­rich Kof in ih­rem am Don­ners­tag er­schie­ne­nen Bul­le­tin auf­zeigt, fan­den die um­fang­reichs­ten De­vi­sen­markt­in­ter­ven­tio­nen der SNB bis­her im April statt. Die Da­ten zum Mai hat die SNB noch nicht ver­öf­fent­licht, aber sie dürf­ten kaum dar­un­ter­lie­gen. Die De­vi­sen­re­ser­ven ha­ben den Re­kord von 153 Mrd. Fr. er­reicht.

Ein En­de der Re­ser­vean­häu­fung ist nach Mei­nung der Kof nicht ab­zu­se­hen. Die Fra­ge nach der Mo­ti­va­ti­on die­ser ris­kan­ten wäh­rungs­po­li­ti­schen Stra­te­gie wird im­mer drän­gen­der. Ge­mäss Kof «war von An­fang an klar, dass die ein­sei­ti­ge Wech­sel­kurs­stra­te­gie nicht von Dau­er sein wird». Wäh­rend die Zürcher Wis­sen­schaft­ler die Ent­las­tung des hel­ve­ti­schen Ex­port­sek­tors via Fran­ken­kurs­pfle­ge als na­he­lie­gen­des Ziel ver­ste­hen, ar­gu­men­tie­ren sie dar­über hin­aus mit der Ab­sicht der SNB, De­fla­ti­ons­ri­si­ken als Fol­ge ei­ner zu kräf­ti­gen Auf­wer­tung zu ver­hin­dern.

Ob das stra­te­gi­sche Ziel tat­säch­lich al­lein die In­ter­ven­ti­ons­po­li­tik er­klärt, muss be­zwei­felt wer­den. Viel­mehr schei­nen die Wäh­rungs­hü­ter zu­neh­mend auf die schwie­ri­ge Markt­rea­li­tät zu re­agie­ren, die den Eu­ro je nach Nach­rich­ten­la­ge im Zu­sam­men­hang mit der Staats­schul­den­kri­se in Eu­ro­pa ins Wan­ken bringt. SNB-Vi­ze Tho­mas Jor­dan be­ton­te nicht zu­fäl­lig vor we­ni­gen Wo­chen in ei­nem Re­fe­rat die «enorm vo­la­ti­le Re­ak­ti­on der Fi­nanz­märk­te auf Nach­rich­ten über Lö­sun­gen zur Sta­bi­li­sie­run­gen des Eu­ros».

Es geht nicht um De­fla­ti­on

Ein In­diz da­für, dass das De­fla­ti­ons­ar­gu­ment an Ge­wicht ver­liert – im­mer­hin wächst die Schwei­zer Wirt­schaft seit drei Quar­ta­len wie­der –, ist die seit De­zem­ber ver­folg­te Pra­xis der SNB, das Wech­sel­kurs­ni­veau, ab dem kor­ri­gie­rend ein­ge­grif­fen wird, ste­tig tie­fer zu set­zen: von 1.50 auf 1.46 auf 1.43, zu­letzt auf 1.40 Fr./€. Der Schwei­zer Wirt­schaft kann nach Ein­schät­zung der SNB so viel Auf­wer­tung zu­ge­mu-

Rea­les Brut­to­in­land­pro­dukt tet wer­den. Es spricht viel da­für, dass die SNB künf­tig noch tiefere Eu­ro­kur­se dul­den wird. Die Kurs­be­we­gung am Frei­tag be­stä­tigt das.

Eu­ro­pas wirt­schaft­li­che Er­ho­lung ver­läuft schlep­pend. Wie Eu­ro­s­tat am Frei­tag mel­de­te, hat sich das Brut­to­in­land­pro­dukt (BIP) der Eu­ro­zo­ne im ers­ten Quar­tal nur 0,2% zur Vor­pe­ri­ode er­höht. Es lag 0,6% über dem Ni­veau der ent­spre­chen­den Vor­jah­res­pe­ri­ode. Die Schweiz ex­pan­dier­te dop­pelt so stark: 0,4 bzw. 1,7%. Ent­täu­schend schnit­ten Deutsch­land und Frank­reich ab, de­ren Quar­tals-BIP im ers­ten Vier­tel­jahr kaum noch zum Vor­quar­tal zu­leg­te (vgl. Ta­bel­le). Auch die­se Er­kennt­nis spricht nicht ge­ra­de für ei­nen fes­te­ren Eu­ro. Gold­man Sachs zeigt sich den­noch zu­ver­sicht­lich. Die an­ge­kün­dig­ten Ein­spa­run­gen von Re­gie­run­gen re­du­zier­ten das Wachs­tum im Eu­ro­raum 2010 bis 2012 nur 0,1 bis 0,3 Pro­zent­punk­te, rech­net die Bank vor. Das sei ver­kraft­bar.

Die Fi­nanz­mi­nis­ter und No­ten­bank­prä­si­den­ten der G-20-Staa­ten – zu de­nen die Schweiz nicht zählt – tref­fen sich bis Sams­tag in Süd­ko­rea, um den Gip­fel vom 26. und 27. Ju­ni in To­ron­to vor­zu­be­rei­ten. Der Vor­schlag, ei­ne in­ter­na­tio­na­le Ban­ken­ab­ga­be ein­zu­füh­ren, be­fin­det sich auf der Trak­tan­den­lis­te. Der Lei­ter des Aus­schus­ses für den G-20-Gip­fel mein­te je­doch, ei­ne Ei­ni­gung über die Steu­er sei nicht vor En­de des Jah­res zu er­war­ten. Die USA und Deutsch­land be­für­wor­ten sie, Ka­na­da und Aus­tra­li­en leh­nen sie ab.

Im Aus­land ver­schul­det

Est­lands Bei­tritt zur Eu­ro­päi­schen Wäh­rungs­uni­on EWU An­fang 2011 wird im­mer si­che­rer. Die EU-Fi­nanz­mi­nis­ter pla­nen, am Di­ens­tag grü­nes Licht für den Bei­tritt zu ge­ben – ei­nen Mo­nat frü­her, als der No­ten­bank­prä­si­dent Est­lands im Mai in Aus­sicht ge­stellt hat­te. Da­nach fehlt nur noch die Zu­stim­mung der EU-Staats-und Re­gie­rungs­chefs am Rats­tref­fen Mit­te des Mo­nats. Sie ist so gut wie si­cher. Est­land er­füllt al­le Kon­ver­genz­kri­te­ri­en des Maas­trich­ter Ver­trags in punc­to Staats­fi­nan­zen, In­fla­ti­on und Wech­sel­kurs­sta­bi­li­tät.

Al­ler­dings er­hält die Eu­ro­zo­ne mit ih­rem 17. Mit­glied ein wei­te­res Land mit ei­ner sehr ho­hen, vor al­lem pri­va­ten Aus­lands­ver­schul­dung. Sie be­trug nach Schät­zung der est­ni­schen Zen­tral­bank 2009 127% des BIP. Der Um­rech­nungs­kurs der Kro­ne zum Eu­ro steht schon fest: die der­zei­ti­ge Pa­ri­tät des Cur­ren­cy Bo­ard mit dem Eu­ro, 15,6466 est. Kr./€.

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