Kon­junk­tur­flau­te und Öl­pest

Öl­markt, der im Wi­der­streit der Furcht vor ei­ner wirt­schaft­li­chen Ab­fla­chung und ei­nes tie­fe­ren An­ge­bots steht

Finanz und Wirtschaft - - AUF EINEN BLICK - ELI­SA­BETH TES­TER

Nach dem ve­ri­ta­blen Ab­sturz von Roh­öl im Mai – es ver­zeich­ne­te zeit­wei­lig ei­ne Ein­bus­se von 20% – ha­ben sich die No­tie­run­gen sta­bi­li­siert. Ein Fass der US-Sor­te West Te­xas In­ter­me­dia­te ( WTI) kos­te­te am Frei­tag­abend 72.23 $, das eu­ro­päi­sche Brent aus der Nord­see 72.94 $. Bei­de pen­del­ten im Wo­chen­ver­lauf zwi­schen 72 und 75 $. Das ent­spricht in et­wa den No­tie­run­gen der Jah­re 2006 und 2007, vor dem enor­men Ral­ly auf fast 150 $ im Som­mer 2008, und liegt in der Mit­te der Band­brei­te von 60 bis 85$ des ver­gan­ge­nen Jah­res. Wie geht es nun wei­ter?

Das Wirt­schafts­wachs­tum ist der wich­tigs­te Ein­fluss­fak­tor für die Öl­nach­fra­ge und be­stimmt so­mit mass­ge­bend den Preis. Kon­junk­tur­aus­sich­ten ver­mö­gen oft so­gar die fun­da­men­ta­len Zah­len zu An­ge­bot, Nach­fra­ge und La­ger­be­stand aus­ser Kraft zu set­zen und den Öl­markt von der Rea­li­tät der Ge­gen­wart ab­zu­kop­peln.

Kon­junk­tur­angst bremst

Nach­fra­ge­sei­tig spricht zur­zeit ei­ni­ges für ei­ne vor­läu­fig mo­de­ra­te Ent­wick­lung der Öl­prei­se. Der Ver­such der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank (EZB) und der Eu­ro­län­der, die Schul­den­kri­se in den Griff zu krie­gen, hat dem fa­ta­len Be­griff Li­qui­di­täts­ri­si­ko wie­der zu Ak­tua­li­tät ver­hol­fen. Das ist für al­le An­la­ge­klas­sen pu­res Gift, und ei­ne Ab­schwä­chung der Kon­sum-und Ge­schäfts­kre­dit­ver­ga­be könn­te den Auf­schwung emp­find­lich dämp­fen. Und auf die Schwel­len­län­der – al­len vor­an Chi­na – ist kein Ver­lass mehr: Ih­re Kon­junk­tur scheint sich zu ver­lang­sa­men, und ob sie den Welt­wirt­schafts­kar­ren wei­ter­hin so kräf­tig zu zie- hen ver­mö­gen, ist frag­lich. Fällt der Be­darf Chi­nas nach Roh­öl, schlägt sich das di­rekt und deut­lich in sin­ken­den Prei­sen nie­der.

Nach­fra­ge­dämp­fend wirkt auch der stär­ke­re Dol­lar re­spek­ti­ve der schwä­che­re Eu­ro: Das in Dol­lar ge­han­del­te Öl ist für die eu­ro­päi­schen Ab­neh­mer re­la­tiv teu­rer ge­wor­den. In Asi­en wirkt die­ser Ein­fluss schwä­cher, da die ent­spre­chen­den Wäh­run­gen meist sta­bil zum Dol­lar ge­hal­ten und vie­le Ge­schäf­te so­wie­so in der USWäh­rung ab­ge­wi­ckelt wer­den.

Das An­ge­bot lässt in der kur­zen Frist eben­falls kei­nen mas­si­ven Preis­an­stieg er­war­ten. Das Öl­kar­tell Opec ver­fügt über freie Ka­pa­zi­tä­ten, die Pro­duk­ti­on der Nicht-Opec-Län­der ist hö­her als er­war­tet, und die La­ger sind nach wie vor voll.

In der län­ge­ren Frist hin­ge­gen wer­den das struk­tu­rell knap­pe Öl auf der ei­nen und die stei­gen­de Welt­nach­fra­ge auf der an­de­ren Sei­te den Öl­preis in die Hö­he drü­cken. Dar­an wird auch die Ent­wick­lung en­er­gie­ef­fi­zi­en­ter und er­neu­er­ba­rer Tech­no­lo­gi­en noch wäh­rend vie­ler Jah­re nichts än­dern: Die Welt­wirt­schaft braucht Öl, und Öl kann nur lang­sam und in be­schränk­tem Um­fang sub­sti­tu­iert wer­den.

Den Preis­druck be­schleu­ni­gen dürf­te mit­tel­fris­tig auch die Ka­ta­stro­phe im Golf von Me­xi­ko. Die Öl­in­dus­trie hängt zu­neh­mend von nicht­kon­ven­tio­nel­len För­der­me­tho­den ab, wie Off­s­hore Dril­ling. Ein Mo­ra­to­ri­um für Tief­see­boh­run­gen und ver­schärf­te Si­cher­heits­vor­schrif­ten als Fol­ge der Öl­pest ver­teu­ern die Pro­duk­ti­on und ver­knap­pen das An­ge­bot zu­sätz­lich.

Ka­ta­stro­phe kos­tet

Das muss je­doch nicht schlecht sein. Die Öl­in­dus­trie muss­te noch sel­ten die von ihr ver­ur­sach­ten ex­ter­nen Ef­fek­te in­ter­na­li­sie­ren, sprich selbst be­rap­pen. All­zu lan­ge leb­te sie nach dem Mot­to: Die Ge­win­ne ge­hö­ren uns, die Um­welt­pro­ble­me sind für al­le da. Doch wie kann das ge­än­dert wer­den? Wie kön­nen Öl­för­de­rer da­zu ver­an­lasst wer­den, die höchst­mög­li­chen Si­cher­heits­stan­dards zu im­ple­men­tie­ren?

Der Zwang über ent­spre­chen­de Ge­set­ze ist ei­ne Mög­lich­keit. Weil die Wirt­schaft vom Öl ab­hän­gig ist und die In­ter­es­sen von Öl­in­dus­trie und Re­gie­run­gen eng ver­floch­ten sind, dürf­te ei­ne sol­che Ge­setz­ge­bung je­doch zahn­los aus­fal­len.

Die voll­um­fäng­li­che (Ein­zel-)Haf­tung für ver­ur­sach­te Schä­den könn­te die Bran­che in die rich­ti­ge Rich­tung len­ken. Ei­ne viel­ver­spre­chen­de Va­ri­an­te wä­re zu­dem, die Öl­mul­tis zur Aus­ga­be von Cat Bonds, al­so Ka­ta­stro­phen­an­lei­hen, zu ver­pflich­ten. Der Markt wür­de so­mit die Si­cher­heits­stan­dards der Un­ter­neh­men be­wer­ten. Die­se hät­ten ei­nen di­rek­ten An­reiz, si­cher zu för­dern, weil sie dann tiefere Prä­mi­en (Cou­pons) aus­rich­ten müss­ten.

Vi­el­leicht ge­nü­gen auch die enor­men Kos­ten, für die BP nun auf­kom­men muss, und der Image­ver­lust, dass die Öl­in­dus­trie ih­re Si­cher­heits­an­for­de­run­gen im ur­ei­gens­ten In­ter­es­se er­heb­lich ver­schärft. Das wä­re auch ei­ne gu­te Nach­richt für Mit­ar­bei­ter, Ak­tio­nä­re, Ob­li­ga­tio­nä­re und Zu­lie­fe­rer.

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