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Ame­ri­ka­ni­sche Be­schäf­ti­gungs­zah­len und Un­garn be­las­ten – News von Ro­che und No­var­tis

Finanz und Wirtschaft - - BÖRSE SCHWEIZ - THO­MAS WYSS

Schwa­che Ar­beits­markt­da­ten aus den USA, Ge­rüch­te, Un­garn wer­de als nächs­tes Land in Eu­ro­pa in ei­ne Kri­se schlit­tern, und Spe­ku­la­tio­nen, die fran­zö­si­sche Gross­bank So­cié­té Gé­né­ra­le sei mit ei­nem Ver­lust aus dem De­ri­vat­ge­schäft kon­fron­tiert, das al­les drück­te zum Wo­che­n­en­de auf die Kur­se. Dass der Eu­ro schwach und der Fran­ken (nach ei­nem Un­ter­bruch der In­ter­ven­tio­nen der Na­tio­nal­bank) stark war, konn­te der Stim­mung eben­falls nicht för­der­lich sein. Der SMI fiel am Frei­tag 1,9%; im Wo­chen­ver­gleich war es ein Mi­nus von 0,4% auf 6299.

Die neu­es­ten Da­ten zur Ar­beits­sta­tis­tik in den USA sind in der Tat durch­wach­sen. Die Ar­beits­lo­sen­quo­te fiel im Mai zwar auf 9,7%. Trotz­dem wur­den we­ni­ger Stel­len ge­schaf­fen als ver­mu­tet (431000 ge­gen­über 536 000). Zu­dem ent­fal­len 411000 An­stel­lun­gen auf tem­po­rä­re Ar­beits­kräf­te für die Volks­zäh­lung. In der Pri­vat­wirt­schaft wur­den nur 41 000 neue An­stel­lun­gen ver­zeich­net.

Kri­se als Hoff­nung

Die Zah­len mö­gen ein Fin­ger­zeit sein, dass die Wirt­schafts­er­ho­lung in den USA we­ni­ger so­lid ab­ge­stützt ist, als Op­ti­mis­ten ver­mu­ten. Al­ler­dings soll­te nicht über­se­hen wer­den, dass es we­ni­ger die Hoff­nung auf ei­nen Wirt­schafts­auf­schwung und mehr das billige Geld ist, das die Kur­se bis­lang sti­mu­lier­te.

So ge­se­hen wä­ren die neu­es­ten Da­ten aus den USA für Ak­ti­en­kur­se nicht aus­ge­spro­chen dra­ma­tisch. So­gar der Si­tua­ti­on in Un­garn kön­nen in ei­ner sol­chen Be­trach­tungs­wei­se po­si­ti­ve Sei­ten ab­ge­won­nen wer­den. Dass die un­ga­ri­sche Re­gie­rung mit­ge­teilt hat, der An­teil der Staats­ver­schul­dung am Brut­to­in­land­pro­dukt be­tra­ge 7,5 statt 3,8%, muss zwar Be­den­ken über die So­li­di­tät der Staa­ten schü­ren. Im­mer­hin kön­nen es sich die No­ten­ban­ken in ei­nem sol­chen Um­feld aber nicht leis­ten, ih­re lo­cke­re Geld­po­li­tik zu kor­ri­gie­ren. Und die­se Geld­schwem­me muss den Ak­ti­en­markt stüt­zen.

Be­we­gun­gen an der De­vi­sen­front kön­nen nicht spur­los am Markt vor­bei­ge­hen. Dass der Fran­ken am Frei­tag zum Eu­ro we­ni­ger als 1.40 Fr. no­tier­te, ist nicht zu igno­rie­ren. In ers­ten Re­ak­tio­nen wur­de die Be­we­gung da­mit be­grün­det, die Na­tio­nal­bank ha­be ih­re De­vi­sen­in­ter­ven­tio­nen zur Schwä­chung des Fran­kens kurz­fris­tig un­ter­bro­chen – um den Boys in London die Sa­che nicht all­zu ein­fach zu ma­chen. Aber trotz­dem: Zeigt der Fran­ken ge­gen­über dem Eu­ro nachhal- tig Stär­ke, so schmerzt das die Ex­port­in­dus­trie. Im­mer­hin deu­tet vie­les dar­auf hin, dass ei­ne sol­che Be­we­gung dem Fi­nanz­platz Schweiz för­der­lich ist. Wenn an der Bo­ni­tät des Eu­ros ge­zwei­felt wird und der Fran­ken zum Eu­ro fest ist, fliesst Geld in die Schweiz.

Zu be­ach­ten ist, dass die An­fäl­lig­keit der Schweiz und der Ban­ken für die Un­garnk­ri­se be­schränkt zu sein scheint, da der Car­ry Tra­de – die Un­garn fi­nan­zier­ten Hy­po­the­ken in Fran­ken – nicht mehr ak­tu­ell ist. Der Kurs­rück­schlag in UBS (– 5,1%) und Cre­dit Suis­se Group (–5%) kann auch ei­ne Kaufchance sein. Scha­de für Cre­dit Suis­se, dass die Über­nah­me des Asi­en­ge­schäfts von AIG durch die bri­ti­sche Pru­den­ti­al ge­platzt ist. Der Mil­li­ar­den­deal hät­te der CS als Le­ad Ad­vi­ser will­kom­me­ne Ein­nah­men ge­bracht. Trotz­dem steht die Gross­bank nicht mit lee­ren Hän­den da, ge­wis­se Ge­büh­ren muss Pru­den­ti­al auf je­den Fall zah­len. Der ein­zi­ge AIG-Ver­wal­tungs­rat, der den auf 30 Mrd.$ re­du­zier­ten Preis an­zu­neh­men be­reit war, war ge­mäss US-Zei­tungs­be­rich­ten CEO Ro­bert Ben­mo­sche, der gleich­zei­tig im Ver­wal­tungs­rat der CS sitzt.

Hö­her be­wer­tet wur­den Sa­ra­sin (+2,8%) und Von­to­bel (+1,6%), und zwar aus der Über­le­gung her­aus, die Ban­ken soll­ten über­durch­schnitt­lich vom Neu­geld­zu­fluss aus Eu­ro­pa pro­fi­tie­ren.

Übers Wo­che­n­en­de fin­det der welt­weit be­deu­tends­te Fach­kon­gress für On­ko­lo­gie statt. Ro­che (GS +1,6%)und No­var­tis (–0,1%) wer­den Da­ten von Me­di­ka­men­ten­tests vor­le­gen und dis­ku­tie­ren. Bahn­bre­chen­de Neu­ig­kei­ten wer­den kei­ne er­war­tet. Ro­che mel­de­te im Vor­feld, bis 2013 soll­ten bis zu fünf neue Krebs­prä­pa­ra­te zur Zu­las­sung an­ge­mel­det wer­den. Er­wei­te­run­gen der In­di­ka­ti­on be­ste­hen­der Mit­tel (et­wa Ava­s­tin) sind nicht ent­hal­ten. Ro­che muss­te aber auch ei­ne Lymph­krebs­stu­die stop­pen, in der zu ei­ner Me­di­ka­ti­on von Ri­tu­x­an ver­bun­den mit ei­nem Che­mo­the­ra­peu­ti­kum noch Ava­s­tin ver­ab­reicht wor­den war. Die Ne­ben­wir­kun­gen wa­ren grös­ser als der Nut­zen.

Ga­le­ni­ca (+2,1%) mel­de­te, dass Stu­di­en mit dem ur­sprüng­lich als Trans­plan­ta­ti­ons­me­di­ka­ment ver­wen­de­ten Cell­cept (ein Ro­che-Me­di­ka­ment; Ga­le­ni­ca hält die Rech­te für In­di­ka­tio­nen im Au­to­im­mun­be­reich) im Ein­satz ge­gen Lu­pus Ne­phri­tis (chro­ni­sche Nie­ren­krank­heit) güns­tig ver­lau­fen sei­en. Cell­cept hat al­ler­dings in den USA be­reits den Pa­tent­schutz ver­lo­ren, wes­halb Cell­cept-Ei­gen­tü­mer Ro­che nun ver­su­chen müss­te, ei­ne Zu­las­sung für den Wirk­stoff spe­zi­fisch ge­gen Lu­pus Ne­phri­tis zu er­rei­chen (da­mit ver­bun­den wä­re wohl Kon­kur­renz­schutz). Ob das ge­schieht und ob ein Kon­kur­renz­schutz (vor Ge­ne­ri­ka) durch­zu­set­zen wä­re, ist noch nicht ab­zu­se­hen. In frü­he­ren, leicht an­ders ge­stal­te­ten Stu­di­en hat­te der Wirk­stoff ge­gen die­sel­be Krank­heit kei­ne Wir­kung ge­zeigt. Cell­cept wird schon heu­te in be­deu­ten­dem Um­fang zur Be­hand­lung von Lu­pus Ne­phri­tis ein­ge­setzt.

Adec­co lei­den

Ri­che­mont (+2,1%) mel­de­te den Ab­schluss der Ak­qui­si­ti­on von Net-à-Por­ter. Der Lu­xus­gü­ter­her­stel­ler hält nun 93% des On­li­ne­shops für De­si­gner­klei­der (120 Mio. £ Um­satz 2009). Er wird als ei­gen­stän­di­ge Ge­schäfts­ein­heit ge­führt.

Im Vor­feld des In­ves­to­ren­ta­ges am kom­men­den Di­ens­tag in Düsseldorf er­hol­ten sich SHL Tele­me­di­ci­ne (+7,5%) über­durch­schnitt­lich. An der Ta­gung wird ei­ne Ak­tua­li­sie­rung zur Stra­te­gie und zu den Ex­pan­si­ons­plä­nen in En­g­land er­war­tet.

Mit Blick auf die neus­ten Zah­len aus den USA schwä­cher wa­ren Adec­co (–4,4%). Die USA sind der zweit­wich­tigs­te Markt. Das Ge­schäft mit tem­po­rä­ren An­ge­stell­ten läuft aber wie­der gut. Un­ter­neh­men, die ih­re Um­bau­mass­nah­men ab­ge­schlos­sen ha­ben, sind häu­fig knapp an Per­so­nal. Be­vor sie Mit­ar­bei­ter fest an­stel­len, be­hel­fen sie sich mit Zeit­ar­bei­tern.

Der An­bie­ter von GPS-Na­vi­ga­ti­ons­elek­tro­nik U-Blox (Ak­ti­en –3,5%) prä­sen­tier­te ein neu­es Sys­tem, das den Emp­fang von Sa­tel­li­ten­si­gna­len und Sensor­da­ten des Fahr­zeugs auch in Tun­nels er­laubt. Deut­sche Au­to­mo­bil­bau­er wür­den das Sys­tem be­reits ver­wen­den. We­gen des schwa­chen Bör­sen­um­felds wur­den an­fäng­li­che Kurs­a­van­cen aus­ra­diert.

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