So scha­det Re­gu­lie­rung dem An­le­ger

Ge­schich­te lehrt, dass Staa­ten Ban­ken re­gel­mäs­sig für po­li­ti­sche Zwe­cke in­stru­men­ta­li­sie­ren

Finanz und Wirtschaft - - OBLIGATIONEN - Kurt Hess

Da die Ban­ken vie­ler Staa­ten Hil­fe und Ga­ran­ti­en der öf­fent­li­chen Hand be­an­spru­chen muss­ten, sind welt­weit Mass­nah­men zu ei­ner stren­ge­ren Re­gu­lie­rung des Fi­nanz­sys­tems ein­ge­lei­tet wor­den. Al­ler­dings wird oft ver­ges­sen, dass sol­che ­Re­gu­lie­run­gen in der Ge­schich­te schon mehr­fach ge­tes­tet wur­den, meist mit un­be­ab­sich­tig­ten Ne­ben­wir­kun­gen.

Wenn z. B. ge­wis­se Schuld­ner we­gen stren­ge­rer Ei­gen­ka­pi­tal­vor­schrif­ten kei­ne Bank­dar­le­hen mehr zu ei­nem er­schwing­li­chen Zins fin­den, wei­chen sie auf al­ter­na­ti­ve Fi­nan­zie­rungs­quel­len auf, im schlimms­ten Fall auf die Schat­ten­wirt­schaft. Ein­schrän­kun­gen für Ban­ken ha­ben re­gel­mäs­sig zur Be­vor­tei­lung an­de­rer Mit­be­wer­ber ge­führt, die nicht den glei­chen Re­strik­tio­nen un­ter­la­gen und ver­gleich­ba­re Di­enst­leis­tun­gen kos­ten­güns­ti­ger an­bie­ten konn­ten. Das Wachs­tum der Hedge-Funds-In­dus­trie ist da­für ein klas­si­sches Bei­spiel. Die­se In­ves­ti­ti­ons­ve­hi­kel sind re­la­tiv un­re­gu­liert, weil ih­re An­la­gen – zu­min­des­tens theo­re­tisch – nicht bei schutz­be­dürf­ti­gen Klein­an­le­gern pla­ziert wer­den dür­fen. Hedge Funds kön­nen so­mit An­la­ge­stra­te­gi­en mit ge­rin­ge­rer Ei­gen­ka­pi­tal­un­ter­le­gung im­ple­men­tie­ren und ge­nies­sen ei­nen Kon­kur­renz­vor­teil.

Fäl­schen, zwin­gen, ver­zer­ren

Auch für den An­le­ger könn­te die zu­neh­men­de Re­gu­lie­rungs­dich­te mit­tel-und lang­fris­tig sehr un­an­ge­neh­me Fol­gen ­ha­ben. Oft wer­den stren­ge Re­geln und Kon­troll­in­stru­men­te durch den Staat zweck­ent­frem­det, v. a. wenn er sich in fi­nan­zi­el­len Nö­ten be­fin­det.

Wäh­rend der Zwi­schen­kriegs­zeit sa­hen sich et­li­che eu­ro­päi­sche Län­der aus­ser­stan­de, ih­re durch Kriegs-und Wie­der­auf­bau­kos­ten auf­ge­bläh­ten Staats­schul­den zu re­fi­nan­zie­ren. Der ty­pi­sche Aus­ weg be­stand dar­in, sich vo­r­erst ein­mal bei der Zen­tral­bank zu be­die­nen, wo­bei im Fall von Frank­reich die Sta­tis­ti­ken si­cher­heits­hal­ber ge­fälscht wur­den, um die­se Tat­sa­che vor den In­ves­to­ren zu ver­ber­gen. Ein­mal auf­ge­deckt, führ­te das zum Sturz der Re­gie­rung im Jahr 1925. Grie­chen­land scheint da jüngst ganz ähn­lich mit Sta­tis­ti­ken um­ge­gan­gen zu sein.

Wäh­rend der Re­al­wert der Ob­li­ga­tio­nen durch die Geld­ent­wer­tung da­hin­schmolz, zwan­gen an­de­re Staa­ten die mehr­heit­lich ein­hei­mi­schen Ob­li­ga­tio­nä­re, ih­re Ti­tel in Pa­pie­re oh­ne markt­ge­rech­te Ver­zin­sung zu wan­deln. In Ita­li­en wur­den 1926 Staats­pa­pie­re zwangs­wei­se in «Lit­to­rio»-Bonds um­ge­tauscht, die so­fort 20% an Wert ver­lo­ren. In Por­tu­gal be­dien­te sich der Staat der Zen­tral­bank, in­dem er ih­re Sil­ber­re­ser­ven un­ter Markt­wert über­nahm und da­nach ver­äus­ser­te. Zu­dem wur­den stren­ge­re De­vi­sen­vor­schrif­ten ein­ge­führt und die lo­ka­len In­ha­ber von in Pfund de­no­mi­nier­ten Staats­an­lei­hen mit Zin­sen in Lo­kal­wäh­rung ab­ge­speist. Die ein­drück­lichs­te Ge­schich­te lie­fert Deutsch­land, des­sen Staats­schul­den­ra­te seit 1830 nie mehr oh­ne Re­struk­tu­rie­rung kon­so­li­diert wer­den konn­te.

Je en­ger die Fi­nanz­in­sti­tu­te an der Lei­ne des Staa­tes sind, um­so bes­ser kann man sie für po­li­ti­sche Zwe­cke in­stru­men­ta­li­sie­ren. So wa­ren (und sind in ei­ni­gen Fäl­len bis in die jüngs­te Zeit) Quo­ten zur Kre­dit­ver­ga­be an be­stimm­te In­dus­trie­sek­to­ren gang und gä­be. Gibt man Ban­ken im­mer de­tail­lier­te­re Stan­dards zur Ri­si­ko­ge­wich­tung von Ak­ti­ven vor, wie es zur ­Be­rech­nung des mi­ni­mal er­for­der­li­chen Ei­gen­ka­pi­tals ge­schieht, be­ein­flusst man die Kre­dit­ver­ga­be an die Wirt­schaft. Es be­steht so­mit die Ge­fahr, dass ge­wis­se Sek­to­ren mit gros­sem Ein­fluss im Stan­dard­set­zungs­pro­zess (z. B. Ei­gen­heim­be­sit­zer oder öf­fent­lich-recht­li­che Schuld­ner) be­ vor­zugt zu Kre­di­ten kom­men, was zu Ver­zer­run­gen im Markt füh­ren kann.

Stren­ge­re Li­qui­di­täts­vor­schrif­ten für Fi­nanz­in­sti­tu­te wer­den un­ter dem Ein­druck der Kri­se meist be­grüsst. His­to­risch wur­den ver­gleich­ba­re Vor­schrif­ten von über­schul­de­ten Staa­ten al­ler­dings auch zur För­de­rung des Ab­sat­zes ei­ge­ner Schuld­ti­tel ein­ge­setzt. In Neu­see­land wa­ren bis in die Acht­zi­ger­jah­re Re­geln in Kraft, wo­nach Ban­ken ei­nen Teil ih­rer Ak­ti­ven in Form ein­hei­mi­scher Staats­pa­pie­re zu hal­ten hat­ten. Bei den füh­ren­den grie­chi­schen Ban­ken stellt man heu­te Be­stän­de an grie­chi­schen Staats­an­lei­hen fest, die das Ak­ti­en­ka­pi­tal bei wei­tem über­stei­gen.

Wäh­ler wich­ti­ger als In­ves­tor

Der An­le­ger muss al­so sein Au­gen­merk auf sol­che un­ge­sun­den re­gu­la­to­ri­schen Ten­den­zen rich­ten. Wenn Re­gie­run­gen ih­re Wäh­ler­schaft bei der Stan­ge hal­ten müs­sen, ha­ben An­le­ger näm­lich ein klei­ne­res Ge­wicht. Der Ein­fluss der Staa­ten auf die Ak­teu­re im Fi­nanz­sys­tem wird zu­neh­men. Be­trof­fen sind auch die Ra­tin­ga­gen­tu­ren, die ins Schuss­feld der Re­gu­la­to­ren ge­ra­ten sind.

In den USA ha­ben An­fang April Moo­dy’s und Fitch die Ra­tings lo­ka­ler und ­re­gio­na­ler Re­gie­rungs­schuld­ner ge­ne­rell ei­ne bis drei Stu­fen er­höht. Die «Re­ka­li­brie­rung» wur­de da­mit be­grün­det, man wol­le die Ein­stu­fun­gen mit de­nen von Un­ter­neh­mens-und in­ter­na­tio­na­len An­lei­hen ver­gleich­bar ma­chen. Es ist wahr­schein­li­cher, dass die Agen­tu­ren dem sanf­ten Druck der Po­li­tik nach­ge­ge­ben ha­ben. Echt un­ab­hän­gi­ges Re­se­arch, ge­ra­de im Be­reich Bo­ni­tät, wird für In­ves­to­ren künf­tig be­son­ders wich­tig sein.

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