«Wol­len Ener­gie-Haupt­stadt sein»

AMR AL-DAB­BAGH Der Chef der sau­di­schen In­ves­ti­ti­ons­be­hör­de SA­GIA er­hofft sich ne­ben staat­li­chen Aus­ga­ben auch pri­va­te Im­pul­se

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - IN­TER­VIEW: MICHAEL BACK­FISCH,

Das Kö­nig­reich Sau­di-Ara­bi­en schwimmt im Geld. Dank der rei­chen Öl­quel­len er­reicht der Ex­port­über­schuss Jahr für Jahr über 100 Mrd.$. Die Staats­rech­nung dürf­te im lau­fen­den und in den kom­men­den Jah­ren wie­der im Plus schlies­sen, ob­wohl die mas­si­ven Über­schüs­se von bis zu 32,6% im Spit­zen­jahr 2008 we­gen der ge­sun­ke­nen Öl­no­tie­run­gen wohl der Ver­gan­gen­heit an­ge­hö­ren. Die ho­he Li­qui­di­tät schafft Spiel­raum für um­fang­rei­che In­ves­ti­tio­nen. Amr Al-Dab­bagh, Chef der obers­ten sau­di­schen In­ves­ti­ti­ons­be­hör­de Sau­di Ara­bi­an Ge­ne­ral In­vest­ment Aut­ho­ri­ty (SA­GIA), er­klärt ge­gen­über «Fi­nanz und Wirt­schaft», wel­che Wirt­schafts­zwei­ge aus­ge­baut wer­den sol­len. Das Ge­spräch fand in der sau­di­schen Haupt­stadt Ri­ad statt.

Herr Al-Dab­bagh, die sau­di­sche Re­gie­rung will bis 2013 rund 400 Mrd.$ in die ein­hei­mi­sche Wirt­schaft ste­cken. Wel­che Sek­to­ren be­kom­men am meis­ten ab? Die Aus­ga­ben flies­sen in In­fra­struk­tur, Bil­dung und in das Ge­sund­heits­we­sen. Aber das ist nur ein Teil ei­nes ge­wal­ti­gen In­ves­ti­ti­ons­pro­gramms. Un­ser Ziel ist es, dass sau­di­sche und aus­län­di­sche Pri­vat­in­ves­to­ren bis 2020 rund 600 Mrd. $ an­le­gen. Im staat­li­chen Pa­ket sind 270 Mrd.$ für Elek­tri­zi­tät und Was­ser re­ser­viert. Wir wol­len un­se­re Strom­ka­pa­zi­tät von heu­te 30000 auf über 60 000 Me­ga­watt im Jahr 2020 ver­dop­peln. Dar­über hin­aus ha­ben wir uns vor­ge­nom­men, mehr An­la­gen zur Meer­was­ser­ent­sal­zung zu bau­en.

Wo­für sind die üb­ri­gen gut 300 Mrd.$ be­stimmt? 100 Mrd. sind für den Trans­port­sek­tor vor­ge­se­hen. Die meis­ten sau­di­schen Flugund See­hä­fen, Stras­sen und Au­to­bah­nen sind in den Sieb­zi­ger-und Acht­zi­ger­jah­ren er­stellt wor­den und müs­sen auf­ge­rüs­tet wer­den. Hin­zu kom­men neue Nord-Süd­und Ost-West-Tras­sen in un­se­rem na­tio­na­len Ei­sen­bahn­netz. Eben­falls 100 Mrd.$ ge­hen in wis­sens­ba­sier­te In­dus­tri­en wie die In­for­ma­ti­ons-und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gie. Schliess­lich sol­len noch ein­mal 100 Mrd.$ für den Auf­bau von vier mo­der­nen Wirt­schafts­städ­ten aus­ge­ge­ben wer­den, de­ren Fer­tig­stel­lung für 2025 vor­ge­se­hen ist. Die­se Städ­te bie­ten den al­ler­neus­ten Stand in der Wei­ter­ver­ar­bei­tung von pe­tro­che­mi­schen und Alu­mi­ni­um­pro­duk­ten so­wie im Fi­nan­zund Wis­sens­sek­tor.

Al-Dab­bagh: weil sie für Sau­di-Ara­bi­en ei­ne stra­te­gi­sche Be­deu­tung hat. Der Trans­port durch den Su­ez-Ka­nal zu den sau­di­schen Hä­fen am Per­si­schen Golf dau­ert heu­te sechs Ta­ge. Mit der Sau­di Land Bridge wür­de die­ser Zei­t­raum auf ei­nen Tag ver­kürzt.

Sie ha­ben sich 2004 vor­ge­nom­men, Sau­di-Ara­bi­en in die Grup­pe der zehn wett­be­werbs­fä­higs­ten Län­der zu ka­ta­pul­tie­ren. Im Sep­tem­ber kommt der neus­te Welt­bank-Be­richt zu dem The­ma her­aus. Wer­den Sie Ihr Ziel er­rei­chen? Wir sind ziem­lich op­ti­mis­tisch. Wir ha­ben ja be­reits ei­ne be­ein­dru­cken­de Wegstre­cke zu­rück­ge­legt. 2005 be­fand sich Sau­di-Ara­bi­en noch auf Platz 67. 2005 lan­de­ten wir auf Rang 38, 2006 auf Rang 23, 2007 auf Rang 16 und 2009 auf Rang 13.

Mit wel­chen Mass­nah­men wol­len Sie die Wett­be­werbs­fä­hig­keit Sau­di-Ara­bi­ens ver­bes­sern? Hin­ter der nächs­ten Stu­fe steckt die For­mel 60-24-7. Wir wol­len je­den Ser­vice der Re­gie­rung in höchs­tens 60 Mi­nu­ten an­bie­ten. Er soll 24 St­un­den lang an sie­ben Ta­gen die Wo­che ver­füg­bar sein.

Ei­ni­ge aus­län­di­sche Un­ter­neh­men be­kla­gen sich, die Ein­ho­lung von Li­zen­zen und Ge­neh­mi­gun­gen in Sau­di-Ara­bi­en be­an­spru­che zum Teil sehr viel Zeit. Wie wol­len Sie Ab­hil­fe schaf­fen? Ich den­ke, die Zah­len der Welt­bank spre­chen für sich. Was aber noch wich­ti­ger ist: Bei den aus­län­di­schen Di­rekt­in­ves­ti­tio­nen lie­gen wir nach An­ga­ben der Uno-Or­ga­ni­sa­ti­on Unc­tad mit 38,2 Mrd. $ auf Platz 14. Da­mit ha­ben wir erst­mals Ja­pan über­holt und auch Volks­wirt­schaf­ten wie die Tür­kei und Süd­afri­ka hin­ter uns ge­las­sen. Wir sind die Num­mer eins im Na­hen Os­ten und in Nord­afri­ka und ran­gie­ren vor al­len an­de­ren ara­bi­schen Län­dern.

Wie al­le Staa­ten auf der Ara­bi­schen Halb­in­sel treibt Sau­di-Ara­bi­en die Di­ver­si­fi­zie­rung sei­ner Volks­wirt­schaft mit Nach­druck vor­an. Was sind für Sie die Leit­plan­ken auf die­sem Kurs? Wir kon­zen­trie­ren uns in ers­ter Li­nie auf In­ves­ti­tio­nen. Nur so kön­nen wir die Her­aus­for­de­rung der Ar­beits­lo­sig­keit an­pa­cken und ein Wirt­schafts­wachs­tum er­zeu­gen, das zwei­mal so hoch ist wie die Zu­nah­me der Be­völ­ke­rung. Da­bei ge­hen wir aber nicht nach dem Giess­kan­nen­prin­zip

Was steht an ers­ter Stel­le? Wir ha­ben das Ziel, die Ener­gie-Haupt­stadt der Welt und ei­ne Dreh­schei­be zwi­schen Ost und West zu wer­den. Um die­sen An­spruch her­um bau­en wir un­se­re stra­te­gi­schen Ge­schäfts­fel­der Ener­gie, Trans­port und Lo­gis­tik so­wie wis­sens­ba­sier­te In­dus­tri­en. Heu­te sind wir zwar die Öl-Haupt­stadt der Welt, aber noch nicht die Ener­gie-Haupt­stadt. Hier­zu müs­sen wir erst noch die gan­ze Wert­schöp­fungs­ket­te im Ener­gie­be­reich ent­wi­ckeln, et­wa die Ver­fei­ne­rung von pe­tro­che­mi­schen Pro­duk­ten. Dar­über hin­aus müs­sen wir en­er­gie­in­ten­si­ve In­dus­tri­en auf­bau­en, die den Vor­teil un­se­rer Bo­den­schät­ze nut­zen – zum Bei­spiel Bau­xit für die Alu­mi­ni­um­pro­duk­ti­on oder Phos­pha­te für die Dün­ge­mit­telher­stel­lung.

En­de 2009 hat Öl­mi­nis­ter Ali Al-Nai­mi an­ge­kün­digt, dass Sau­di-Ara­bi­en in fünf­zehn Jah­ren mehr So­lar­ener­gie pro­du­zie­re und ex­por­tie­re als fos­si­le Ener­gi­en. Ist die Atom­ener­gie für die sau­di­sche Wirt­schaft im End­ef­fekt nicht doch wich­ti­ger als Son­nen­en­er­gie? Nein, wir fo­kus­sie­ren uns auf den Aus­bau er­neu­er­ba­rer Ener­gi­en, haupt­säch­lich auf So­lar­quel­len. Ganz ein­fach des­halb, weil Sau­di-Ara­bi­en mit 365 Son­nen­ta­gen im Jahr ge­seg­net ist.

Ziel ist, dass bis 2020 Pri­vat­in­ves­to­ren 600 Mrd. $ in Sau­di-Ara­bi­en an­le­gen.

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