Eu­ro­land in der Kri­se

Die Ur­sa­che der Eu­ro­kri­se liegt in ei­ner über­eil­ten Er­wei­te­rung der EU. «Gut ge­meint, aber nicht un­be­dingt gut», könn­te das Fa­zit der bis­he­ri­gen Ex­pan­si­ons­po­li­tik der Uni­on sein. CURT GASTEYGER

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE - Dr. Curt Gasteyger, eme­ri­tier­ter Pro­fes­sor für in­ter­na­tio­na­le Be­zie­hun­gen am In­sti­tut Uni­ver­si­taire de Hau­tes Etu­des In­ter­na­tio­na­les, Genf.

M an er­in­nert sich: Vor ziem­lich ge­nau zehn Jah­ren be­fand sich die EU in Hoch­stim­mung. Mit Be­ginn des neu­en Jahr­tau­sends traf sie zwei fast schon re­vo­lu­tio­nä­re Ent­schei­de. Zu­nächst öff­ne­te sie sich hin zum für lan­ge Zeit ver­lo­ren ge­glaub­ten Mit­tel-Ost­eu­ro­pa und in Rich­tung Mit­tel­meer. So­dann tat sie den über­fäl­li­gen Schritt zu ei­nem Ver­fas­sungs­ver­trag – den spä­te­ren Ver­trag von Lis­s­a­bon. Ein sol­cher Dop­pel­schritt er­schien lo­gisch. Er be­stä­tig­te, was nach den Schre­cken des Zwei­ten Welt­kriegs die Be­für­wor­ter von Eu­ro­pas Ei­ni­gung stets als selbst­ver­ständ­lich an­ge­nom­men und auch ge­for­dert hat­ten: den kon­ti­nen­ta­len Zu­sam­men­schluss und da­mit die Si­che­rung von Frie­den und der Mög­lich­keit von wirt­schaft­li­cher Ent­wick­lung.

So ver­heis­sungs­voll die Vi­si­on, so holp­rig und lang­wie­rig er­wies sich ih­re Um­set­zung. Erst das En­de des vier­zig­jäh­ri­gen Kal­ten Krie­ges eb­ne­te den Weg zur schritt­wei­sen Um­ge­stal­tung der in Eu­ro­päi­sche Uni­on um­ge­tauf­ten Eu­ro­päi­schen Ge­mein­schaft. Grie­chen­lands St­un­de des Bei­tritts schlug be­reits 1981.

Ord­nungs­po­li­tisch über­dehnt

Es ent­behrt nicht der Iro­nie, dass sie an­ge­stos­sen wur­de von zwei der da­mals pro­mi­nen­tes­ten Eu­ro­pä­er: dem fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten Gis­card d’Esta­ing und dem deut­schen Bun­des­kanz­ler Helmut Schmidt. Bei­de stan­den an­läss­lich ei­nes Grie­chen­land­be­suchs auf der Akro­po­lis, gleich­sam Wie­ge und Sym­bol der De­mo­kra­tie. Sie wa­ren sich ei­nig, dass des­halb die­ses Land fast be­din­gungs­los zur Eu­ro­päi­schen Ge­mein­schaft ge­hö­re. Es wa­ren al­so mehr Emo­tio­nen als nüch­ter­nes wirt­schafts­po­li­ti­sches Kal­kül, die Grie­chen­land nach Brüssel brach­ten. Ähn­lich war es mit dem von Prä­si­dent Chi­rac ge­för­der­ten vor­zei­ti­gen und eben­falls über­stürz­ten EU-Bei­tritt Ru­mä­ni­ens und Bul­ga­ri­ens 2007.

Mit die­sen mehr herz-als kopf­ge­steu­er­ten Er­wei­te­rungs­schrit­ten muss die EU seit­her le­ben. Ge­wiss: Sie ist im Um­fang ge­wach­sen, das hat dann und wann auch Vor­tei­le. Es ver­leiht der EU geo­gra­fi­sche Wei­te und ord­nungs­po­li­ti­sche Mit­ver­ant­wor­tung für nun­mehr 27 Mit­glied­staa­ten. Der Preis hier­für ist al­ler­dings ei­ne si­cher­heits-und ord­nungs­po­li­ti­sche Über­deh­nung. Er for­dert – wie die jüngs­ten Er­eig­nis­se zei­gen – zu­dem ei­ne fi­nanz-oder wäh­rungs­po­li­ti­sche So­li­da­ri­tät mit den über­schul­de­ten Uni­ons­part­nern. Der Fall Grie­chen­land zeigt, dass die Auf­nah­me neu­er Mit­glie­der nicht au­to­ma­tisch mehr Stär­ke, son­dern auch Ri­si­ken mit sich brin­gen kann. «Gut ge­meint, aber nicht un­be­dingt gut», könn­te die Schluss­fol­ge­rung aus der bis­he­ri­gen EU-Er­wei­te­rungs­po­li­tik lau­ten.

Man ist ver­sucht an­zu­fü­gen, dass ein sol­cher Schluss auch für die 1986 er­folg­te Auf­nah­me Spa­ni­ens und Por­tu­gals zu­tref­fen könn­te. Als ehe­ma­li­ge Gross-und Ko­lo­ni­al­mäch­te brin­gen sie ein an­de­res Ge­wicht auf die Waa­ge als ei­ni­ge ih­rer Vor­gän­ger und zu­mal Nach­fol­ger. Aber auch sie ge­hö­ren zu den der­zei­ti­gen Sor­gen­kin­dern, denn ih­re fi­nanz­po­li­ti­sche Zu­kunft ist vor­der­hand un­ge­wiss.

Ist da­mit die Lis­te mög­li­cher Pro­ble­me oder Kri­sen­her­de er­schöpft? Man zö­gert. Noch sel­ten war die Zahl der Fra­ge­zei­chen zum Ge­sund­heits­zu­stand des «Un­ter­neh-

Der in der der­zei­ti­gen Kri­se zu hö­ren­de Ruf nach ei­nem Marsch­halt ist bis­her ver­hallt.

CURT GASTEYGER

mens EU» so gross wie in den letz­ten Wo­chen und Mo­na­ten. Kri­sen gab und gibt es – wie an­ders­wo – im­mer. Nur fan­den die meis­ten von ih­nen in ei­ner Epo­che statt, in der ein schein­bar un­ge­stör­tes Wirt­schafts­wachs­tum Sta­bi­li­tät zu ge­währ­leis­ten schien und die Glo­ba­li­sie­rung in hoff­nungs­vol­len An­fän­gen steck­te.

Das Ver­trau­en in die ei­ge­ne Stär­ke und in die Vor­tei­le der Er­wei­te­rung bot we­nig An­lass oder Anstoss für Fra­gen nach grund­le­gen­den Re­for­men des Brüs­se­ler Rie­sen­ap­pa­rats oder den je­wei­li­gen Ge­sund­heits­zu­stand der Mit­glied­staa­ten. Da­bei hät­te – um nur den ekla­tan­tes­ten Fall zu nen­nen – die in as­tro­no­mi­sche Hö­hen stei­gen­de Ver­schul­dung von Eu­ro­pas «Zen­tral­macht» Deutsch­land die Alarm­glo­cken längst zum Klin­gen brin­gen sol­len. Nur eben: Das ver­füh­re­ri­sche Wort von «too big to fail» über­tön­te da und dort auf­kom­men­de Be­den­ken, ob es so wei­ter­ge­hen kön­ne.

Jetzt hat das all­zu früh in den Eu­ro-Ver­bund ein­ge­brach­te Grie­chen­land ge­zeigt, wie sehr ge­gen­sei­ti­ge Ab­hän­gig­kei­ten und der dar­aus wach­sen­de Zwang zur So­li­da­ri­tät al­le be­tei­lig­ten Part­ner zur Kas­se zwingt. Zu­gleich wird auch deut­lich, wie gross selbst nach Jah­ren ge­mein­sa­mer Mit­glied­schaft die Un­ter­schie­de in po­li­ti­scher Denk­wei­se, fi­nanz­po­li­ti­scher Dis­zi­plin und wirt­schaft­li­chem Leis­tungs­ver­mö­gen sind. Die­se recht er­nüch­tern­de Er­kennt­nis müss­te zu ei­nem Marsch­halt in der Er­wei­te­rungs­po­li­tik füh­ren. Die Fra­ge nach de­ren Wünsch-und vor al­lem Mach­bar­keit wird in Brüssel ge­wiss dann und wann ge­stellt. Aber sie wird fast im­mer mit ei­nem Ja be­ant­wor­tet. So steht be­reits Kroa­ti­en im EU-Vor­zim­mer, Ma­ze­do­ni­en dürf­te fol­gen. Der in der der­zei­ti­gen Kri­se zu hö­ren­de Ruf nach ei­ner Denk­pau­se ist bis­her ver­hallt. So soll, ob be­rech­tigt oder nicht, auch Est­land den Eu­ro be­kom­men (vgl. Sei­te 30). Da­bei kann die zen­tra­le Fra­ge der­zeit nur lau­ten, ob die EU in ih­rer jet­zi­gen Ver­fas­sung in der La­ge und fä­hig ist, die in den nächs­ten Jah­ren un­fehl­bar auf sie zu­kom­men­den welt-, wäh­rungs­und si­cher­heits­po­li­ti­schen Her­aus­for­de­run­gen oh­ne all­zu gros­se in­ne­re Zer­würf­nis­se, Kri­sen oder Ab­spal­tun­gen zu be­ste­hen und zu über­ste­hen.

Wer sich mit sol­chen oder ähn­li­chen Fra­gen kon­fron­tiert sieht, wird wahr­schein­lich mit der Ant­wort zö­gern, zu- min­dest im ers­ten Durch­gang. Denn jen­seits der er­wähn­ten Auf­nah­me neu­er Mit­glie­der ver­fügt die EU mit der­zeit 27 Mit­glie­dern und ei­nem in sei­nen Kom­pe­ten­zen be­grenz­ten, aber fi­nan­zi­ell gut do­tier­ten Par­la­ment über we­nig Spiel­raum für sub­stan­zi­el­le Re­for­men. Der Lis­s­a­bon­ner Ver­trag setzt hier en­ge Gren­zen. Ähn­li­ches gilt – wie die letz­ten Wo­chen ge­zeigt ha­ben – für ei­ne von man­cher Sei­te ge­for­der­te Stär­kung der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank.

Re­for­men sind über­fäl­lig

An­ge­sichts ei­ner sol­chen, vi­el­leicht all­zu kri­ti­schen Be­stan­des­auf­nah­me von Zu­stand und Zu­kunft der EU fin­det sich vi­el­leicht Trost in der la­pi­da­ren Fest­stel­lung, der­zu­fol­ge die Uni­on im­mer noch bes­ser ist als ein in über­hol­ten na­tio­na­len Ri­va­li­tä­ten und im glo­ba­len Wett­be­werb zer­strit­te­ner Kon­ti­nent.

Dar­an schliesst sich die schon ur­al­te Fra­ge nach der Wünsch­bar-oder der Un­ver­meid­bar­keit ei­ner schwei­ze­ri­schen EU-Mit­glied­schaft an. Da­zu blei­ben die Mei­nun­gen bis auf wei­te­res ge­teilt. Selbst die Be­für­wor­ter ei­nes EU-Bei­tritts ha­ben es der­zeit schwer, über­zeu­gen­de Ar­gu­men­te zu fin­den. Ge­gen­wär­tig – und wohl noch für ei­ni­ge Zeit – ist die EU hin­rei­chend mit sich selbst und mit dem Ge­sund­heits­zu­stand vie­ler ih­rer Mit­glie­der be­schäf­tigt. In ei­nem an­de­ren, we­nig er­freu­li­chem Sinn gilt das al­ler­dings auch für die Schweiz.

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