App­le wahrt Vor­macht­stel­lung

Ste­ve Jobs prä­sen­tiert das neue iPho­ne – Gros­se Über­ra­schun­gen blei­ben aus – Va­lo­ren wei­ter­hin at­trak­tiv

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE - FRANK HEI­NI­GER

Un­ter gros­sem Me­di­en­in­ter­es­se hat Ste­ve Jobs das neue iPho­ne vor­ge­stellt. Zwar blie­ben die re­vo­lu­tio­nä­ren Neue­run­gen aus. Trotz­dem dürf­te App­le im Smart­pho­ne-Markt die Aus­nah­me­stel­lung wah­ren. Die Ak­ti­en blei­ben at­trak­tiv.

Kaum Über­ra­schun­gen, aber ein grund­so­li­des Pro­dukt – so das Fa­zit, das sich an­ge­sichts der Prä­sen­ta­ti­on des neu­en iPho­nes an App­les Ent­wick­ler­kon­fe­renz ( WWDC) zie­hen lässt. Ste­ve Jobs sah das frei­lich an­ders. Un­be­schei­den wie eh und je er­klär­te der CEO, dass es sich beim neus­ten Wurf aus Cu­per­ti­no «um den gröss­ten Schritt han­delt, seit wir das al­ler­ers­te iPho­ne lan­ciert ha­ben».

Dass die Vor­füh­rung recht klei­ne Wel­len warf, dürf­te an zwei Fak­to­ren lie­gen: Ei­ner­seits hat­te ein im April an die Öf­fent­lich­keit ge­drun­ge­ner Pro­to­typ be­reits ei­ni­ge tech­ni­sche Neue­run­gen des iPho­nes of­fen­bart. An­de­rer­seits lie­gen die Er­war­tun­gen an App­le so hoch, dass al­les un­ter­halb des Prä­di­kats «re­vo­lu­tio­när» be­reits lei­se Ent­täu­schung aus­löst.

Das än­dert aber nichts dar­an, dass App­le ei­ne er­folg­rei­che Wei­ter­ent­wick­lung ge­lun­gen ist. «Zum Zeit­punkt der Aus­lie­fe­rung wird es das bes­te Smart­pho­ne auf dem Markt sein», ur­teil­te et­wa Tim Ba­ja­rin, Ana­lyst der IT-Con­sul­tants von Crea­ti­ve Stra­te­gies. In den USA und vier wei­te­ren Na­tio­nen wird das iPho­ne 4 be­reits am 24. Ju­ni in die Lä­den kom­men. Zu den wich­tigs­ten Ver­bes­se­run­gen zählt das deut­lich dün­ne­re Ge­häu­se. Dank des ei­gen­ent­wi­ckel­ten A4-Pro­zes­sors, der auch im iPad zum Ein­satz kommt, ar­bei­tet es zu­dem schnel­ler und en­er­gie­spa­ren­der. Ne­ben ei­nem schär­fe­ren Bild­schirm weist das Smart­pho­ne neu­er­dings ei­ne nach vor­ne ge­rich­te­te Ka­me­ra auf, die Vi­deo- kon­fe­ren­zen er­mög­licht – wenn vor­läu­fig auch nur mit an­de­ren iPho­ne-4-Nut­zern.

Nichts än­dert App­le an der ex­klu­si­ven Zu­sam­men­ar­beit mit AT&T: Wei­ter­hin ist die iPho­ne-Nut­zung in den USA an den Tele­com­rie­sen ge­bun­den, der we­gen schlech­ter Ver­bin­dungs­qua­li­tät ein zwei­fel­haf­tes Image be­sitzt. Ana­lys­ten und Kun­den hat­ten ge­hofft, App­le könn­te an der WWDC ein al­ter­na­ti­ves Mo­dell für das Ve­ri­zon-Netz­werk prä­sen­tie­ren.

Neue Wer­be­platt­form

Jobs mach­te zu­dem be­kannt, dass App­le An­fang Ju­li die Wer­be­platt­form iAd lan­ciert. Ex­ter­ne Ent­wick­ler von Ap­pli­ka­tio­nen (Apps) kön­nen da­mit Wer­bung in ih­re Pro­gram­me ein­flies­sen las­sen. Be­reits ha­ben nam­haf­te Kon­zer­ne wie Ge­ne­ral Elec- tric, Nis­san oder Ci­ti­group die Ab­sicht ge­äus­sert, Mar­ke­ting­dol­lar in Mil­lio­nen­hö­he zu in­ves­tie­ren. Da­mit wür­de App­le, die 40% an die­sen Wer­be­aus­ga­ben ab­schöpft, nicht nur ei­ne wei­te­re Ein­nah­me­quel­le er­schlies­sen. Auch dürf­te es mehr Ent­wick­ler an­lo­cken und da­mit die At­trak­ti­vi­tät des App­le-Kos­mos wei­ter er­hö­hen.

Dass App­le so ve­he­ment den Mo­bil­funk­be­reich for­ciert, hat sei­ne Be­rech­ti­gung: Der glo­ba­le Ab­satz von Smart­pho­nes dürf­te sich laut den Markt­for­schern iSupp­li bis 2014 von rund 250 Mio. (2010) auf über 500 Mio. Stück ver­dop­peln. Der­weil hat sich das iPho­ne kon­ti­nu­ier­lich zu App­les Haupt­um­satz­trä­ger ge­wan­delt (vgl. Gra­fik1). Im ab­ge­lau­fe­nen Quar­tal wur­den 8,8 Mio. Ein­hei­ten aus­ge­lie­fert – so vie­le wie noch nie zu­vor (vgl Gra­fik2). Gros­ses Wachs­tum er­hofft sich App­le auch in den Schwel­len­märk­ten: Im Raum Asi­en-Pa­zi­fik wur­de der iPho­neUm­satz ge­gen­über dem Vor­jahr um 474% ge­stei­gert. Dass trotz­dem nicht al­les rund läuft, be­weist Chi­na: Hier er­wies sich das im ver­gan­ge­nen Ok­to­ber lan­cier­te iPho­ne als La­den­hü­ter. Das ist für App­le in­so­fern ein Dorn im Au­ge, als das Reich der Mit­te mit sei­nen 780 Mio. Han­dy­nut­zern enor­mes Ab­satz­po­ten­zi­al birgt.

In Chi­na ein La­den­hü­ter

Für die­sen Miss­er­folg sind meh­re­re Fak­to­ren ver­ant­wort­lich: We­gen der ho­hen Kos­ten des Ori­gi­nals ha­ben sich vie­le Chi­ne­sen güns­ti­ge­re Grau­markt-Im­por­te oder Fäl­schun­gen be­schafft. Zu­dem wird das iPho­ne ex­klu­siv von Chi­na Uni­com ver­trie­ben, die laut ei­ner Markt­stu­die im Ge­gen­satz zu Chi­na Mo­bi­le sehr tie­fe Po­pu­la­ri­täts­wer­te ge­niesst. Zu­dem sind in Chi­na die (für das iPho­ne nicht an­ge­bo­te­nen) Pre­paid-Di­ens­te sehr be­liebt. Nun hat Chi­na Uni­com re­agiert und die Ver­kaufs­prei­se wie auch die Nut­zungs­ge­büh­ren ge­senkt. Mit Er­folg: Im Mai konn­ten die Ab­satz­zah­len ge­gen­über April – auf tie­fem Ni­veau – ver­dop­pelt wer­den.

In den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten ha­ben sich Stim­men ge­häuft, die vor ei­nem En­de des App­le-Hy­pes und ei­ner mög­li­chen Kor­rek­tur der Ak­ti­en war­nen. Ei­ne Ana­ly­se der Kenn­zah­len lässt aber auf wei­te­res Kur­s­po­ten­zi­al schlies­sen: Das auf die ver­gan­ge­nen vier Quar­ta­le be­rech­ne­te KGV ( Trai­ling P/E) be­wer­tet App­le mit 22 – was deut­lich un­ter dem lang­jäh­ri­gen Schnitt liegt. Für das im Sep­tem­ber en­den­de Fis­kal­jahr 2010 be­trägt die Ge­winn­schät­zung 13.22 $ pro Ak­tie. Das ent­spricht ei­nem KGV von 19. Da­mit sind die Va­lo­ren güns­ti­ger als wäh­rend des ge­sam­ten zwei­ten Halb­jah­res 2009. Lang­fris­tig wird App­le aber wie­der mehr leis­ten müs­sen, als nur die be­ste­hen­den Pro­duk­te zu ver­bes­sern.

Un­ter den Au­gen von Ent­wick­lern, Jour­na­lis­ten und Fans hat App­le-Chef Ste­ve Jobs in San Fran­cis­co das neue iPho­ne vor­ge­stellt.

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