ABB will Chlo­ri­de

MAN SPRICHT VOM Über­nah­me­an­ge­bot an Chlo­ri­de Group aus Gross­bri­tan­ni­en für 1,4 Mrd. Fr.

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE - DO­MI­NIK FELD­GES UND MAN­FRED RÖSCH

Der Ener­gie-und Au­to­ma­ti­ons­tech­nik­kon­zern ABB will ins Ge­schäft mit un­ter­bre­chungs­frei­er Strom­ver­sor­gung ein­stei­gen und bie­tet für die bri­ti­sche Chlo­ri­de Group.

Mit Chlo­ri­de Group ist ABB auf ei­ne Per­le im bri­ti­schen In­dus­trie­sek­tor ge­stos­sen. Das Ma­nage­ment von Chlo­ri­de ge­niesst in Lon­do­ner In­ves­to­ren­krei­sen ei­nen ex­zel­len­ten Ruf. Al­ler­dings sind Chlo­ri­des Rei­ze nicht nur ABB auf­ge­fal­len, die pro Ak­tie 325 p in bar bie­tet, was ei­nen Ge­samt­preis von 864 Mio. £ (rund 1,45 Mrd. Fr.) er­gibt. Seit län­ge­rem be­müht sich der US-Kon­kur­rent Emer­son um ei­ne Über­nah­me. Die Ame­ri­ka­ner bo­ten zu­letzt En­de April 275 p je Ak­tie, nach­dem sie vor dem Aus­bruch der Re­zes­si­on 2008 be­reits ein­mal 255 p und dann 270 p of­fe­riert hat­ten – je­doch stets vom Chlo­ri­de-Ma­nage­ment ab­ge­wie­sen wur­den. Das An­ge­bot von ABB emp­fiehlt der Ver­wal­tungs­rat von Chlo­ri­de Group nun zur An­nah­me.

Dass Chlo­ri­de auf ei­nen hö­he­ren Preis pocht, ist ver­ständ­lich. Das Un­ter­neh­men ist auf Lö­sun­gen zur un­ter­bre­chungs­frei­en Strom­ver­sor­gung (USV) von Spi­tä­lern, Ein­kaufs­zen­tren, Da­ten­zen­tra­len von Ban­ken (für ABB neue Märk­te) so­wie Ener­gie und In­fra­struk­tur spe­zia­li­siert. Es ge­lang ihm, in den ver­gan­ge­nen Jah­ren trotz Wirt­schafts­kri­se Um­satz und Ge­winn kon­ti­nu­ier­lich zu stei­gern. Seit 2006 wur­de der Um­satz um fast 90% auf 336 Mio.£ (rund 560 Mio. Fr.) er­höht und der Ge­winn vor Steu­ern auf 29,9 Mio.£ ver­dop­pelt.

Von Eu­ro­pa in die Welt

Vor Aus­bruch der Re­zes­si­on wuchs Chlo­ri­de jähr­lich 20% und im­mer­hin re­spek­ta­ble 3% im ver­gan­ge­nen Jahr. Die Bi­lanz der Ge­sell­schaft ist so­li­de, und Chlo­ri­des Aus­sich­ten sind un­ver­än­dert gut. En­de Mai wur­de mit den Zah­len für 2009/10 (per 31. März) ein re­kord­ho­her Auf­trags­be­stand von 160 Mio. £ aus­ge­wie­sen (+16%). Chlo­ri­de, die rund 2500 Be­schäf­tig­te zählt, pro­fi­tiert von der wach­sen­den Di­gi­ta­li­sie­rung der Wirt­schaft, die ei­ne lü­cken­lo­se Strom­ver­sor­gung un­er­läss­lich macht. Das Un­ter­neh­men ist ge­mes­sen am Um­satz je­doch zu rund zwei Drit­tel auf Eu­ro­pa aus­ge­rich­tet.

Just hier­in be­steht aus der Sicht von ABB er­heb­li­ches Ent­wick­lungs­po­ten­zi­al: Der Kon­zern er­hält un­ter­des­sen mehr als die Hälf­te der Auf­trä­ge aus Emer­ging Mar­kets und wür­de al­les dar­an set­zen, Chlo­ri­des Ge­schäft auf sei­ner glo­ba­len Platt­form aus­zu­deh­nen. Für ABB-CEO Joe Ho­gan ist die­ser De­al ei­ne «Wachs­tums­ak­qui­si­ti­on», wo­bei ge­wis­se Kos­ten­syn­er­gi­en im Ein­kauf eben­falls mög­lich wä­ren.

Bis­lang war ABB in der un­ter­bre­chungs­frei­en Strom­ver­sor­gung, ei­nem Markt von un­ge­fähr 8 Mrd.$ Vo­lu­men, nicht tä­tig, son­dern kauf­te die ent­spre­chen­den Kom­po­nen­ten je­weils zu, un­ter an­de­ren von Chlo­ri­de. Mit der Über­nah­me wür­de ABB die be­ste­hen­den Kom­pe­ten­zen als Sys­tem­an­bie­ter ver­tie­fen. Das Ge­schäft soll in die Di­vi­si­on In­dus­trie­au­to­ma­ti­on und An­trie­be in­te­griert wer­den. Die stra­te­gi­sche Lo­gik von ABB, über Zu­käu­fe geo­gra­fi­sche oder tech­ni­sche Lü­cken zu schlies­sen, wird auch hier ein­ge­hal­ten. Zu­dem er­wirt­schaf­tet Chlo­ri­de gut ein Drit­tel des Um­sat­zes mit Di­enst­leis­tun­gen; ABB will das Ser­vice­ge­schäft for­cie­ren.

Emer­son über­bie­ten

Emer­son wie­der­um ist im USV-Markt (das von Chlo­ri­de be­ar­bei­te­te Seg­ment Mit­te­lund Hoch­span­nung wächst um die 8% jähr­lich) be­reits ak­tiv, eben­so Schnei­der (Frank­reich), die 2006 auf die­sem Feld Ame­ri­can Po­wer Con­ver­si­on über­nahm, und Ea­ton (USA). ABB geht al­so ei­nen ähn­li­chen Weg wie Kon­kur­ren­ten. Im Kampf um die Über­nah­me von Chlo­ri­de könn­te ge­ra­de da­her das letz­te Wort noch nicht ge­spro­chen sein. Chlo­ri­de avan­cier­ten am Di­ens­tag 19,4% auf 344,5 p und über­stie­gen da­mit den von ABB ge­bo­te­nen Preis um 6%. Bis­her wur­den im Markt 340 p als obe­re Li­mi­te ge­nannt. Emer­son kün­dig­te an, wei­te­re Schritt zu prü­fen, und könn­te sich al­len­falls zu ei­nem hö­he­ren An­ge­bot durch­rin­gen. Joe Ho­gan wie­der­um be­zeich­net die 325 p als gu­tes An­ge­bot – und schliesst nichts aus.

Ein Bie­ter­kampf un­ter zwei­en (oder so­gar noch mehr?) ist theo­re­tisch mög­lich. Al­ler­dings hat ABB die Lat­te hoch ge­legt. Die Of­fer­te be­wer­tet Chlo­ri­de zum 2,6fa­chen des Um­sat­zes (der Markt­wert von ABB ent­spricht dem an­dert­halb­fa­chen Um­satz). Cre­dit Suis­se be­rech­net ein Mul­ti­ple von 17 mal Ebit­da, das Kurs-Ge­win­nVer­hält­nis 2011 ist et­wa 25. Die 325 p stel­len ei­ne Prä­mie von 55% dar, ge­mes­sen am Kurs vor der Emer­son-Of­fer­te. Aus­län­di­sche Käu­fer wer­den in Gross­bri­tan­ni­en durch die Re­gie­rung nicht be­hin­dert, doch der freie Markt­zu­gang hat sei­nen Preis: ( Teu­re) Über­nah­me­kämp­fe ge­hö­ren am Lon­do­ner Ak­ti­en­markt zum Ge­schäft.

Die Trans­ak­ti­on ent­spricht den Er­trags­kri­te­ri­en (Re­turn on In­vest­ment) von ABB und soll ab 2011 den Ge­winn pro Ak­tie des Kon­zerns stei­gern. Mit dem Ab­schluss wird im vier­ten Quar­tal ge­rech­net.

ABB hat in den ver­gan­ge­nen Wo­chen gleich mehr­fach «zu­ge­schla­gen». Am 5. Mai gab der Kon­zern den Kauf des ame­ri­ka­ni­schen Soft­ware­hau­ses Ven­tyx für 1 Mrd.$ be­kannt. Am 17. Mai folg­te, qua­si als Ak­qui­si­ti­on nach in­nen, ein An­ge­bot an die Pu­bli­kums­ak­tio­nä­re von ABB In­dia: Das Mut­ter­haus will sei­nen An­teil von 52 auf 75% auf­sto­cken und stellt da­für rund 970 Mio. $ be­reit. Ver­gan­ge­ne Wo­che schliess­lich kam ei­ne klei­ne­re Ar­ron­die­rung in der Mess­tech­nik hin­zu (50 Mio. $ Um­satz).

Schliess­lich wird die be­vor­ste­hen­de Nenn­wert­rück­zah­lung rund 1,1 Mrd. Fr. kos­ten. Per En­de des ers­ten Quar­tals hat­te ABB 7,1 Mrd. $ Net­to­cash aus­ge­wie­sen und im ers­ten Quar­tal wur­den 427 Mio. $ Cash­flow er­ar­bei­tet. Die ak­tu­el­len Aus­ga­ben für ex­ter­nes Wachs­tum schrän­ken die stra­te­gi­sche Be­weg­lich­keit nicht ein, auch grös­se­re Bro­cken als Chlo­ri­de sind wei­ter­hin mög­lich. Die­se Ak­qui­si­ti­ons­kraft ist ei­nes der we­sent­li­chen An­la­ge­ar­gu­men­te, die für ABB spre­chen.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.