Deut­sche Off­s­hore-Parks kei­ne Selbst­läu­fer

Meer­wind­parks in der Nord­see ma­chen nur lang­sa­me Fort­schrit­te – Ho­he tech­ni­sche und fi­nan­zi­el­le Her­aus­for­de­run­gen – Schwei­zer be­tei­li­gen sich an mehr Pro­jek­ten

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - DIETEGEN MÜL­LER,

DIn un­ge­tes­te­ten Tie­fen

er Bau von Off­s­hore-Wind­kraft­an­la­gen ist wie ei­ne Rei­se zum Mond», scherzt Bernd De­har­de von Cux­ha­ven Steel Con­struc­tion (CSC), der für den Bau der Tri­pi­les ge­nann­ten Stütz­kreu­ze für Wind­parks auf ho­her See ver­ant­wort­lich ist. Die Her­aus­for­de­run­gen, de­nen sich die Bran­che mit der Mon­ta­ge in im­mer grös­se­ren Tie­fen des Mee­res stellt, sind in der Tat be­ein­dru­ckend.

Vor drei Jah­ren war nur ei­ne zum Meer hin ab­fal­len­de Gras-und Schot­ter­wüs­te, wo heu­te am Rand der nie­der­säch­si­schen Ha­fen­stadt Cux­ha­ven die gros­se CSCKon­struk­ti­ons­hal­le steht. Auf ei­nem be­to­nier­ten Platz vor der 250 Me­ter lan­gen, 50 Me­ter ho­hen und gut 125 Mio. € teu­ren Halle rei­hen sich gelb be­mal­te, et­wa 20 Me­ter ho­he Stütz­kreu­ze. Sie se­hen aus wie zu kurz ge­ra­te­ne Mon­dra­ke­ten aus ei­nem Co­mi­cbuch und war­ten dar­auf, auf ho­he See ge­schleppt zu wer­den. Dort sol­len sie der­einst je ei­ne 5-MW-Wind­an­la­ge tra­gen; die Mut­ter­ge­sell­schaft von CSC, der Wind­kraft­an­la­gen­bau­er und Pro­jek­tie­rer Bard, tüf­telt auch schon an 6,5-MW-Tur­bi­nen. Zum Ein­satz kom­men sol­len die An­la­gen im 400-MW-Park Bard Off­s­hore 1 (Oce­an Bree­ze), rund 100 Ki­lo­me­ter vor Bor­kum in der Nord­see. Ein zwei­tes 400-MW-Pro­jekt ( Ve­ja Ma­te) ist in Vor­be­rei­tung, ver­gan­ge­nen Herbst wur­den da­für drei Ban­ken mit der Or­ga­ni­sa­ti­on der Fi­nan­zie­rung man­da­tiert, seit­her gibt es nichts Neu­es. Bard Off­s­hore 1 soll 1,5 Mrd.€ kos­ten, 1 Mrd. hat Uni­credit 2009 zu­ge­sagt, Bard ruft nun schritt­wei­se Kre­dit­tran­chen ab. Auf die Fra­ge, ob Uni­credit die Fi­nan­zie­rung zu­rück­zie­hen könn­te, er­klärt ein Bard-Spre­cher: «Der Ver­trag wird er­füllt.»

Bei­de Parks sol­len in ei­ner Was­ser­tie­fe von 40 Me­tern mon­tiert wer­den. So tief ist bis­her kein an­de­rer Wind­park ge­baut wor­den. Der bis­her ein­zi­ge deut­sche Off­s­hore-Park in Be­trieb, Al­pha Ven­tus (60 MW), steht in 30 Me­tern Was­ser­tie­fe; er wird von ei­nem Kon­sor­ti­um der Ver­sor­ger Eon, Ewe und Vat­ten­fall ge­führt und ist of­fi­zi­el­ler Test­park der Bun­des. In Gross­bri­tan­ni­en und Dä­ne­mark, wo die Bau­fort­schrit­te ra­scher vor­an­ge­hen, ste­hen die Parks in seich­te­rem Ge­wäs­ser.

Die Bard-Pro­jek­te ha­ben Pio­nier­cha­rak­ter und wer­den im Er­folgs­fall weg­wei­send sein. Auch für die Bun­des­re­gie­rung, die auf Meer­wind­ener­gie setzt, um ih­re ehr­gei­zi­gen Zie­le für den An­teil er­neu­er­ba­rer Ener­gie an der Ener­gie­er­zeu­gung ein­zu­lö­sen. Bis­her sind 29 Wind­parks ge- neh­migt, mit ge­schätz­ter jähr­li­cher Er­zeu­gung von 19 bis 32 Te­ra­watt­stun­den.

Doch Bard Off­s­hore 1 ist von kost­spie­li­gen Ver­zö­ge­run­gen be­trof­fen. Im In­ne­ren der Kon­struk­ti­ons­hal­le in Cux­ha­ven wird mit we­ni­ger Schich­ten als auch schon ge­ar­bei­tet. In der Halle wer­den aus Stahl­roh­ren von Zu­lie­fe­rern wie Dil­lin­ger Hüt­te Stütz­kreu­ze zu­sam­men­ge­schweisst; für ei­nes braucht es vier Ta­ge. Aber weil das von Bard für die End­mon­ta­ge auf See ei­gens kon­zi­pier­te Er­rich­t­er­schiff Wind Lift I nicht recht­zei­tig ein­satz­be­reit war – und jetzt we­gen ei­nes Scha­dens schon wie­der in der Werft liegt –, stau­en sich die fer­ti­gen Stüt­zen auf dem Vor­platz; ihr Wert be­trägt wohl ei­ne drei­stel­li­ge Mil­lio­nen­sum­me. Erst fünf Tri­pi­les sind bis­her auf See ge­setzt wor­den, bis Mit­te 2011 soll der Park aber wie ge­plant fer­tig sein, heisst es.

So lang wie ein A340 breit

Pro­duk­ti­ons­lei­ter De­har­de de­mons­triert an ei­nem Tri­pi­le an Land, wie die Ser­vice­mit­ar­bei­ter der­einst die War­tung ei­ner An- la­ge vor­neh­men sol­len. Was an Land nur über ei­ne He­be­büh­ne geht, soll auf ho­her See über ein Spe­zi­al­schiff ge­sche­hen – ein so ge­nann­ter Dop­pel­rumpf­ten­der wird am Stütz­kreuz an­set­zen. Via Ser­vice­platt­form lässt sich durch ei­ne Lu­ke das In­ne­re des Stütz­kreu­zes be­tre­ten. Die Di­men­sio­nen im In­nern sind über­ra­schend gross.

Es lässt sich er­ah­nen, wie es aus­se­hen wird, wenn spä­ter der Turm auf­ge­setzt ist. Mit Lift oder Lei­ter las­sen sich dann die 90 Me­ter Hö­hen­un­ter­schied zur Spit­ze über­win­den, wo die Gon­del der An­la­ge mit 60 Me­ter lan­gen Ro­tor­blät­tern – die Spann­wei­te ei­nes Air­bus 340 – ist. Für das Set­zen ei­nes Stütz­kreu­zes plant De­har­de gut zwei Ta­ge, wei­te­re zwei Ta­ge wer­den für die In­stal­la­ti­on des Turms, der Gon­del und der Ro­to­ren be­nö­tigt. Die Mon­ta­ge der Blät­ter ist schwie­rig, darf es doch nicht zu stark we­hen.

Ver­füg­bar­keit ent­schei­dend

Ei­ne ho­he Ver­füg­bar­keit der An­la­gen ist für Her­stel­ler und In­ves­to­ren wich­tig – für Bard Off­s­hore 1 fun­gie­ren di­ver­se Stadt­wer­ke und Ge­mein­den (so die Stadt Win­ter­thur, vgl. rechts) als Ka­pi­tal­ge­ber. Ihr In­ter­es­se ist es, dass die An­la­ge mög­lichst we­nig still steht. «Wind­rei­che­re La­gen brin­gen auch mehr Schä­den mit sich», sagt je­doch Jens Ass­heu­er, Ge­schäfts­füh­rer des Off­s­hore-Pro­jek­tie­rers Wind MW. Dra­ma­ti­sie­ren will er aber nicht: «Wenn zehn von acht­zig An­la­gen aus­ge­fal­len sind, muss das ver­kraft­bar sein.» Ser­vice­ka­pa­zi­tät muss stän­dig ver­füg­bar sein, und dar­an ha­pert es: «Die Bran­che glaub­te an­fangs, auf be­ste­hen­de Schif­fe, die von der Gas-und Öl­in­dus­trie ge­char­tert sind, zu­rück­grei­fen zu kön­nen – ein Irr­tum.»

Bard ga­ran­tiert ei­ne Ver­füg­bar­keit von 96%. Aus­fäl­le we­gen tech­ni­scher Män­gel wer­den so gut es geht über Ver­si­che­run­gen oder Ga­ran­ti­en aus­ge­schlos­sen. Das Ge­schäft be­lebt sich. Die Al­li­anz be­treibt be­reits ein ei­ge­nes Wind­kraft­prüf­zen­trum. Auch Wett­be­wer­ber se­hen Chan­cen, bau­en Teams aus und su­chen die Nä­he zu kre­dit­ge­ben­den Ban­ken, um ins Ge­schäft zu kom­men.

Oh­ne Geld läuft nichts. Die vom Deutsch-Rus­sen Arn­golt Bek­ker ge­grün­de­te Bard be­schäf­tigt tau­send Mit­ar­bei­ter und hat sich nun Ga­me­sa ins Boot ge­holt. Dem­ge­gen­über ist Wind MW ein Zwerg, doch am Pro­jekt Meer­wind hat sich der US-Fi­nanz­in­ves­tor Blacks­to­ne be­tei­ligt. Ass­heu­er ist si­cher, nicht nur die Fi­nan­zen im Griff zu ha­ben, son­dern auch die Tech­nik: «Der 400-MW-Park wird 2013 ans Netz ge­hen.» Dann erst winkt die lu­kra­ti­ve, erst 2008 er­höh­te Ein­spei­se­ver­gü­tung.

20 Me­ter hoch und 450 Ton­nen schwer sind die von Bard ent­wi­ckel­ten Stahl-Stütz­kreu­ze.

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