Fort­an ist der Eu­ro ein Sa­nie­rungs­ba­ro­me­ter

Ab­wer­tung und ho­he Ri­si­ko­prä­mi­en be­glei­ten die Re­gie­rungs­plä­ne zum De­fi­zit­ab­bau – In­halt­li­che Un­ter­schie­de – Deutsch­land, Nie­der­lan­de und Finn­land im Vor­teil

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - ANDRE­AS NEINHAUS

Die Gunst der St­un­de schlägt der­zeit für spar­wil­li­ge Fi­nanz­mi­nis­ter. Die Angst vor dem fi­nan­zi­el­len Kol­laps zwang be­reits die Par­la­men­te der ex­po­nier­tes­ten Län­der – Grie­chen­land, Por­tu­gal und Spa­ni­en –, Pro­gram­me für ei­nen De­fi­zit­ab­bau ab­zu­seg­nen. Al­lein Spa­ni­en ver­pflich­tet sich, 2010/11 ins­ge­samt 15 Mrd.€ ein­zu­spa­ren. En­de Mai leg­te Ita­li­ens Re­gie­rung ein um­fas­sen­de­res Pa­ket auf: In den kom­men­den zwei Jah­ren sol­len die fi­nan­zi­el­len Ver­pflich­tun­gen 24,9 Mrd.€ zu­rück­ge­fah­ren wer­den.

Den ehr­gei­zigs­ten Plan prä­sen­tier­te am Mon­tag die deut­sche Re­gie­rung. Über vier Jah­re hin­weg will sie mehr als 80 Mrd.€ ein­spa­ren. Ab 2011 soll der Mix aus Aus­ga­ben­sen­kun­gen und Ein­nah­men­er­hö­hun- gen je­des Jahr stei­gen und sich bis 2014 fast ver­drei­fa­chen (sie­he un­ten).

Sämt­li­che Mass­nah­men zie­len dar­auf ab, den schwe­ren Ver­trau­ens­ver­lust der in­ter­na­tio­na­len In­ves­to­ren in die So­li­di­tät der Eu­ro­päi­schen Wäh­rungs­uni­on (EWU) zu stop­pen. Das wur­de bis­her nicht er­reicht. Der Eu­ro fiel am Di­ens­tag auf 1.19 $/€ bzw. un­ter 1.38 Fr./€. Der Zin­s­auf­schlag ita­lie­ni­scher Staats­an­lei­hen zu deut­schen ist so gross wie nie seit Grün­dung der EWU. Das Ver­dikt der Fi­nanz­märk­te ist ein­deu­tig: Nicht Ab­sichts­er­klä­run­gen zäh­len, son­dern Fak­ten.

Zwei­fel an der Um­set­zung

Es be­ste­hen be­rech­tig­te Zwei­fel, ob je­des Land die Sa­nie­rung wie ge­plant ver­wirk­li­chen wird. Das be­trifft nicht nur den Um- fang des mehr­jäh­ri­gen De­fi­zit­ab­baus, son­dern eben­so den Weg, der be­schrit­ten wird. Bis­lang be­to­nen die Fi­nanz­mi­nis­ter, pri­mär Aus­ga­ben zu re­du­zie­ren und nur in ei­nem ge­rin­ge­ren Mas­se Steu­ern zu er­hö­hen. Sie hal­ten sich da­mit an ei­ne vom In­ter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds aus­ge­ge­be­ne Emp­feh­lung (vgl. FuW Nr. 39 vom 22. Mai, Sei­te 27). Das Bei­spiel Spa­ni­en, wo das Re­gie­rungs­la­ger sich im Par­la­ment mit nur ei­ner Stim­me Vor­sprung durch­setz­te, legt in­des of­fen, wie fra­gil der voll­mun­dig ver­kün­de­te Spar­kurs noch ist – nicht nur auf der ibe­ri­schen Halb­in­sel, wo am Di­ens­tag ein Ge­ne­ral­streik das Land lahm­leg­te, son­dern auch in Ita­li­en. Dort steht ein heik­ler Ab­stim­mungs­kampf in den Par­la­ments­kam­mern an, dem noch man­cher Pa­ra­graph des Re­gie­rungs­de­krets zum Op­fer fal­len dürf­te. Wie die ita­lie- ni­sche zeigt auch Deutsch­lands Re­gie­rungs­ko­ali­ti­on Ver­schleiss­er­schei­nun­gen.

An­ge­sichts des or­ga­ni­sier­ten öf­fent­li­chen Pro­tests la­viert sich Frank­reichs Fi­nanz­mi­nis­te­rin La­g­ar­de durch die Fi­nanz­mi­nis­tertref­fen mit Ap­pel­len zu Guns­ten des Sta­bi­li­täts­pakts und ei­ner eu­ro­päi­schen Wirt­schafts­re­gie­rung, oh­ne selbst ein ko­hä­ren­tes Spar­pro­gramm vor­ge­legt zu ha­ben. Prä­si­dent Sar­ko­zy spricht da­von, die Staats­aus­ga­ben für drei Jah­re ein­zu­frie­ren, aus­ge­nom­men Pen­sio­nen und Zins­zah­lun­gen. Pre­mier Fil­lon fasst ei­ne Aus­ga­ben­re­duk­ti­on von 10% in zehn Jah­ren ins Au­ge. Das er­in­nert an die Er­fah­rung mit lang­fris­ti­gen Kli­ma­zie­len, die an­fangs plau­si­bel er­schei­nen, aber am En­de nie er­reicht wer­den. Frank­reichs Vor­stös­se be­schrän­ken sich – an­ders als es der Sta­bi­li­täts­pakt und die Pro­gram­me der üb­ri­gen EWU-Staa­ten vor­se­hen – auf den Zen­tral­staat. Sie las­sen die üb­ri­gen de­fi­zi­tä­ren Ge­biets­kör­per­schaf­ten so­wie die So­zi­al­ver­si­che­run­gen aus. Den Fi­nanz­märk­ten soll­te das nicht ge­nü­gen.

Fol­gen für die Kon­junk­tur

We­gen all die­ser Un­wäg­bar­kei­ten sind Pro­gno­sen über die Fol­gen für das Wirt­schafts­wachs­tum in Eu­ro­pa vo­r­erst Spe­ku­la­ti­on. Der Spar­kurs dämpft den Kon­junk­tur­aus­blick für 2011 aber merk­lich. Die Aus­sicht auf ei­ne mehr­jäh­ri­ge re­strik­ti­ve Fis­kal­po­li­tik wird im zwei­ten Halb­jahr die Ver­brau­cher­stim­mung ein­trü­ben. Der Brems­ef­fekt wird um­so grös­ser, je mehr die Fi­nanz­mi­nis­ter am En­de das Heil in der Er­hö­hung von Steu­ern und Ab­ga­ben su­chen. Vor al­lem Ge­mein­den und Re­gio­nen könn­ten in deut­lich grös­se­rem Um­fang da­zu ge­zwun­gen sein, als bis­her be­kannt ist. In Gross­bri­tan­ni­en wird ei­ne Her­auf­set­zung der Mehr­wert­steu­er und der Ka­pi­tal­er­trags­steu­er dis­ku­tiert. Das Bud­get prä­sen­tiert die Re­gie­rungs­ko­ali­ti­on in zwei Wo­chen.

Sinkt die Kauf­kraft der Be­völ­ke­rung und lahmt das Wirt­schafts­wachs­tum, tre­ten die re­al­wirt­schaft­li­chen Di­ver­gen­zen in­ner­halb der Wäh­rungs­uni­on stär­ker her­vor. Die Lohn­stück­kos­ten ha­ben sich über die Jah­re hin­weg weit aus­ein­an­der be­wegt. Sie sind in Spa­ni­en und Por­tu­gal und Grie­chen­land kräf­tig ge­stie­gen, was künf­tig zu­sätz­li­che Ein­kom­mens­ein­bus­sen na­he­legt, die die dor­ti­ge Wirt­schaft be­las­ten wer­den. Auch Ita­li­ens La­ge ist schwie­rig. Deutsch­lands und Frank­reichs Un­ter­neh­men sind da­ge­gen kos­ten­mäs­sig am kon­kur­renz­fä­higs­ten.

Zu­sam­men mit den Nie­der­lan­den und Finn­land soll­te Deutsch­land zu­dem mehr als an­de­re von der Eu­ro­schwä­che pro­fi­tie­ren. Die­se Län­der ex­por­tie­ren Wa­ren und Di­ens­te im Ge­gen­wert von rund 30% des je­wei­li­gen Brut­to­in­land­pro­dukts aus­ser­halb der EWU. Sie ver­fü­gen da­mit über ei­nen Dämp­fer, um ei­nen Ab­sturz der Bin­nen­nach­fra­ge ab­zu­fe­dern. Zum Ver­gleich: Frank­reich und Ita­li­en sind här­ter ge­pols­tert und brin­gen es nur auf 15%.

Die Eu­ro­grup­pe spiel­te am Mon­tag den Wert­ver­lust der Ge­mein­schafts­wäh­rung her­un­ter. Sie ver­ab­schie­de­te ein Ver­fah­ren für den Sta­bi­li­täts­pakt, das Brüssel er­mög­licht, frü­her Ein­blick in die na­tio­na­le Bud­get­pla­nung zu neh­men, und sie seg­ne­te den Bei­tritt Est­lands, des 17. EWUMit­glieds, per 1. Ja­nu­ar 2011 ab (vgl. letz­te Aus­ga­be, Sei­te 6). Die Tal­fahrt des Eu­ros ist da­mit aber nicht ge­stoppt. Der Mix aus ei­ner re­strik­ti­ven Fis­kal­po­li­tik und ei­ner lo­cke­ren Geld­po­li­tik for­ciert er­fah­rungs­ge­mäss ei­ne Wäh­rungs­ab­wer­tung. Dar­über hin­aus hat sich der Eu­ro zu­letzt zu ei­nem Barometer für die Sor­ge über die staat­li­che Ver­schul­dung in Eu­ro­pa ent­wi­ckelt. Da­mit er sich wie­der fes­tigt, müs­sen zu­nächst Sa­nie­rungs­er­fol­ge sicht­bar wer­den. Das kann al­ler­dings lan­ge dau­ern.

Ge­mein­sam für den Eu­ro: der Vor­sit­zen­de der Eu­ro­grup­pe Je­an-Clau­de Juncker (r.) und IWF-Chef Do­mi­ni­que Strauss-Kahn.

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