«Ver­dammt, wenn sie’s tun . . .»

Der New Yor­ker Öko­no­mie­pro­fes­sor Nou­riel Rou­bi­ni sieht kei­nen ein­fa­chen Aus­weg für Eu­ro­pa

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - MD,

«Die süd­eu­ro­päi­schen Staa­ten so­wie Ir­land und Is­land ha­ben kei­ne Wahl mehr. Sie müs­sen spa­ren. Sie müs­sen sich ei­nem lan­gen, har­ten An­pas­sungs­pro­zess un­ter­zie­hen, der die Eu­ro­zo­ne mög­li­cher­wei­se wie­der in die Re­zes­si­on reis­sen wird. Aber die be­tref­fen­den Re­gie­run­gen ha­ben kei­ne Wahl mehr. Sie sind ver­dammt, wenn sie’s tun, und sie sind ver­dammt, wenn sie’s nicht tun.» Nou­riel Rou­bi­ni, Öko­no­mie­pro­fes­sor an der New York Uni­ver­si­ty und Au­tor des Bu­ches «Cri­sis Eco­no­mics», zeich­ne­te ver­gan­ge­ne Wo­che an ei­nem An­lass der Ver­mö­gens­ver­wal­tungs­ge­sell­schaft IJ Part­ners in Genf kein zu­ver­sicht­li­ches Bild zur wirt­schaft­li­chen La­ge in der Eu­ro­zo­ne. Das ein­zi­ge wich­ti­ge Land auf dem Kon­ti­nent, das jetzt nicht spa­ren dür­fe, son­dern die Kon­junk­tur sti­mu­lie­ren müs­se, sei Deutsch­land – was an­ge­sichts der ak­tu­el­len Nach­rich­ten aus Berlin al­ler­dings we­nig wahr­schein­lich er­scheint (vgl. Ar­ti­kel oben und links).

«Grie­chen­land ist in­sol­vent»

«Wir sind in der Pha­se zwei der glo­ba­len Fi­nanz­kri­se an­ge­langt», sag­te Rou­bi­ni. Die ers­te Pha­se be­traf den Pri­vat­sek­tor – vor al­lem Haus­be­sit­zer und Ban­ken –, der un­ter der Last sei­ner Schul­den ein­brach und von den Staa­ten auf die ei­ne oder an­de­re Art ge­ret­tet wer­den muss­te. Die zwei­te Pha­se be­tref­fe nun die Staa­ten selbst. «Der Bond­markt ist er­wacht. Er lässt die un­ge­hemm­te Ver­schul­dung der Staa­ten nicht mehr zu. Steu­er­er­hö­hun­gen und Aus­ga­ben­kür­zun­gen sind un­um­gäng­lich – bloss wird da­durch die Ge­samt­wirt­schaft wie­der ge­schwächt. Wir müs­sen, vor al­lem in Eu­ro­pa, bes­ten­falls mit ei­ner an­ämi­schen Er­ho­lung rech­nen.» Was Grie­chen­land be­trifft, warnt der Öko­nom, der in Istan­bul ge­bo­ren wur­de und haupt­säch­lich in Ita­li­en auf­wuchs, vor Il­lu­sio­nen: «Grie­chen­land ist in­sol­vent. Ei­ne Re­struk­tu­rie­rung der öf­fent­li­chen Schul­den ist un­um­gäng­lich. Die Fra­ge ist bloss noch, ob es recht­zei­tig und ge­ord­net ge­schieht oder ob es zum Kol­laps kommt.» Pa­kis­tan, die Ukrai­ne, Uru­gu­ay und die Do­mi­ni­ka­ni­sche Re­pu­blik hät­ten in den ver­gan­ge­nen Jah­ren vor­ge­macht, wie ei­ne or­dent­li­che Re­struk­tu­rie­rung ab­ge­wi­ckelt wer­den kann. Die al­ten Bonds wür­den in neue ge­wan­delt, die Lauf­zeit deut­lich er­streckt und der Cou­pon re­du­ziert. «Das gibt der Öf­fent­lich­keit die Il­lu­si­on, dass die Gläu­bi­ger kei­nen ‹Hair­cut› er­lei­den muss­ten», er­klär­te Rou­bi­ni. Selbst­ver­ständ­lich sei aber auch das nicht schmerz­los für die Gläu­bi­ger, denn der Ge­gen­warts­wert der grie­chi­schen Bonds wür­de mas­siv sin­ken.

Spa­ni­en und Por­tu­gal hält er noch nicht für in­sol­vent, aber viel Zeit blei­be den Re­gie­run­gen nicht mehr. Nur wenn sie glaub­haft mach­ten, dass sie ih­re Spar­pro­gram­me um­set­zen und ih­re Wirt­schaft re­struk­tu­rie­ren kön­nen, wer­de den bei­den Län­dern das Schick­sal Grie­chen­lands er­spart blei­ben. Be­son­ders Spa­ni­en be­rei­tet Rou­bi­ni Sor­gen. 20% Ar­beits­lo­sig­keit, die Ver­ar­bei­tung ei­ner ge­wal­ti­gen Im­mo­bi­li­en­bla­se und ei­ne im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich enorm ho­he pri­va­te Aus­land­ver­schul­dung sei­en At­tri­bu­te, die noch schlim­mer aus­sä­hen als in Grie­chen­land. «Ich fra­ge mich, ob der po­li­ti­sche Wil­le für har­te Re­for­men im Land auf­ge­bracht wird. Die Aus­schrei­tun­gen, wie wir sie aus Grie­chen­land ken­nen, könn­ten auch in Spa­ni­en bald zur Rea­li­tät wer­den.»

Fünf Jah­re Re­zes­si­on

Ein noch viel tie­fer grei­fen­des Pro­blem sei der­weil, dass die süd­eu­ro­päi­schen Län­der in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren schlicht­weg ih­re in­ter­na­tio­na­le Kon­kur­renz­fä­hig­keit ver­lo­ren hät­ten. «Die ge­win­nen sie nur zu­rück, wenn sie ei­ne lan­ge, zä­he De­fla­ti­on über sich er­ge­hen las­sen – und das wür­de für die be­tref­fen­den Län­der lo­cker fünf Jah­re Re­zes­si­on be­deu­ten», merk­te Rou­bi­ni an. Die an­de­re Al­ter­na­ti­ve sei ein Aus­stieg aus der Wäh­rungs­uni­on. Er ist der Mei­nung, der Eu­ro wer­de im nächs­ten Jahr zu pa­ri mit dem Dol­lar no­tie­ren. Zins­er­hö­hun­gen von den No­ten­ban­ken er­war­tet er für län­ge­re Zeit kei­ne. Die EZB müs­se ex­trem ex­pan­siv blei­ben, und von der US-No­ten­bank sei der ers­te Zins­schritt frü­hes­tens Mit­te 2011 zu er­war­ten, er­klär­te Rou­bi­ni.

Nou­riel Rou­bi­ni: «Eu­ro­pas ein­zi­ges Land, das jetzt nicht spa­ren darf, ist Deutsch­land.»

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