Phar­ma­bran­che sucht Heil in Asi­en

An­teil von Schwel­len­län­dern am Me­di­ka­men­ten­ab­satz steigt bis 2020 von 20 auf 40% – Has­ti­ger Po­si­ti­ons­be­zug west­li­cher Kon­zer­ne

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - DO­MI­NIK FELD­GES

Wenn es um Schwel­len­län­der geht, ge­rät Da­ni­el Va­sel­la, Ver­wal­tungs­rats­prä­si­dent des Bas­ler Phar­ma­kon­zerns No­var­tis, ins Schwär­men. Im Ge­schäfts­be­richt zum ver­gan­ge­nen Jahr schreibt er, die für 2010 pro­gnos­ti­zier­te Zu­nah­me der Me­di­ka­men­ten­nach­fra­ge in Emer­ging Mar­kets (Em­Ma) be­tra­ge 12 bis 14%, und «die­ses Wachs­tums­tem­po dürf­te in den kom­men­den Jah­ren an­hal­ten».

Eu­ro­pa – USA – Asi­en

Die Be­geis­te­rung des obers­ten No­var­tisVer­tre­ters für Schwel­len­län­der wird von Kon­kur­ren­ten ge­teilt. Fast uni­so­no er­klä­ren Top­ma­na­ger der Phar­main­dus­trie, die Zu­kunft der Bran­che lie­ge in Em­Ma. Wäh­rend sich vor zwan­zig Jah­ren die Ge­wich­te von Eu­ro­pa in die USA ver­scho­ben, ist nun, wie Va­sel­la hin­zu­fügt, vor al­lem Asi­en an der Rei­he, im Phar­ma­ge­schäft über­durch­schnitt­lich zu wach­sen.

Dass Schwel­len­län­der ei­nen gros­sen Nach­hol­be­darf ha­ben, liegt auf der Hand. Bis­her wer­den ge­mäss dem auf die Phar­ma­bran­che spe­zia­li­sier­ten Markt­for­schungs­un­ter­neh­men IMS He­alth fast drei Vier­tel des Um­sat­zes mit Me­di­ka­men­ten in den USA, We­st­eu­ro­pa und Ja­pan er­zielt. Al­ler­dings le­ben dort nur rund 15% der Welt­be­völ­ke­rung. Die vier gröss­ten Schwel­len­län­der Chi­na, In­di­en, Bra­si­li­en und Russ­land so­wie Me­xi­ko, die Tür­kei und Süd­ko­rea stel­len 50% der Erd­be­woh­ner. Vom welt­wei­ten Phar­ma­um­satz ent­fal­len aber erst 10% auf die­se sie­ben wachs­tums­star­ken Staa­ten.

Ge­mäss Schät­zun­gen von IMS, auf die sich un­ter an­de­rem auch No­var­tis be­zieht, wird der An­teil al­ler Em­Ma am Me­di­ka­men­ten­ab­satz von der­zeit knapp 20% bis 2015 auf über 30% und bis 2020 auf fast 40% stei­gen. In zehn Jah­ren wä­re der Phar­ma­markt in Schwel­len­län­dern da­mit fast gleich gross wie heu­te die USA und We­st­eu­ro­pa zu­sam­men, wo et­was we­ni­ger als 500 Mrd.$ er­wirt­schaf­tet wer­den.

Der ra­san­te Auf­stieg der Em­Ma er­klärt sich mit ei­nem rasch wach­sen­den ProKopf-Ein­kom­men, das me­di­zi­ni­sche Be­hand­lun­gen für im­mer mehr Men­schen er­schwing­lich macht. Weil sich auch die Le­bens-und Er­näh­rungs­ge­wohn­hei­ten an den Wes­ten an­nä­hern, neh­men zu­dem als bis­her ty­pisch west­lich emp­fun­de­ne Ge­sund­heits­pro­ble­me wie Dia­be­tes und Blut­hoch­druck zu. Ein wei­te­rer Wachs- tums­trei­ber ist der Aus­bau des öf­fent­li­chen Ge­sund­heits­sys­tems in den Schwel­len­län­dern. Wie No­var­tis in ei­nem ei­gens den Wachs­tums­chan­cen in Em­Ma ge­wid­me­ten Ka­pi­tel des Ge­schäfts­be­richts fest­hält, wur­de bei­spiels­wei­se in der Tür­kei die Zahl der staat­lich Kran­ken­ver­si­cher­ten seit 2004 von 43 auf 60 Mio. aus­ge­wei­tet. Pa­ti­en­ten neh­men er­fah­rungs­ge­mäss mehr und teu­re­re Me­di­ka­men­te ein, wenn sie sie nicht selbst be­rap­pen müs­sen.

Die Ver­schie­bung der Kräf­te­ver­hält­nis­se in den Ab­satz­märk­ten zwingt Phar­ma­un­ter­neh­men zum Han­deln. Ab­bas Hus­sain, Em­Ma-Chef des bri­ti­schen An­bie­ters Gla­xo Smith Kli­ne, sag­te ge­gen­über der Nach­rich­ten­agen­tur Bloom­berg, dass die nächs­ten acht Quar­ta­le dar­über ent­schei­den wür­den, wer wo wel­che Ter­ri­to­ri­en be­set­zen wer­de. Gla­xo re­agier­te ver­gleichs­wei­se früh und ging vor ei­nem Jahr mit dem in­di­schen Ge­ne­ri­ka­her­stel­ler Dr Red­dy’s ei­ne stra­te­gi­sche Al­li­anz ein. Die Bri­ten er­hiel­ten da­durch das Recht, über hun­dert Me­di­ka­men­te der In­der in di­ver­sen Schwel­len­län­dern zu ver­kau­fen. Ein Jahr zu­vor wur­de ein zwei- ter gros­ser in­di­scher Ge­ne­ri­ka­her­stel­ler, Ran­ba­xy, für 4,6 Mrd.$ vom ja­pa­ni­schen Kon­kur­ren­ten Daiichi San­kyo über­nom­men. Der fran­zö­si­sche Phar­ma­kon­zern Sa­no­fi-Aven­tis er­warb 2009 in In­di­en San­tha Bio­tech­nics so­wie den tsche­chi­schen Ge­ne­ri­kaan­bie­ter Zen­ti­va.

Auf­ge­wacht sind auch die Ame­ri­ka­ner. En­de Mai wur­de be­kannt, dass Ab­bott La­bo­ra­to­ries für 3,7 Mrd.$ vom in­di­schen Kon­glo­me­rat Pi­ra­mal die Ge­ne­ri­kas­par­te ak­qui­rie­ren wer­de. Das welt­gröss­te Bio­tech-Un­ter­neh­men Am­gen hat ex­pli­zit er­klärt, nach Kauf­ob­jek­ten aus­ser­halb der USA und Eu­ro­pas Aus­schau zu hal­ten. Fast al­le Phar­ma­kon­zer­ne sind zu­dem da­mit be­schäf­tigt, in Schwel­len­län­dern den Ver­trieb und nicht sel­ten auch For­schung und Ent­wick­lung aus­zu­bau­en.

Im­pul­se nicht über­be­wer­ten

Um in Em­Ma Er­folg zu ha­ben, ist ein brei­tes Pro­dukt­porte­feuille von Vor­teil. Von staat­li­cher Sei­te be­son­ders ge­för­dert wird die Nach­fra­ge nach Imp­fun­gen, was An­bie­ter wie Gla­xo, Sa­no­fi und No­var­tis be-

wachs­tums­träch­ti­gen Impf­ge­schäft güns­tigt. Sie al­le ver­fü­gen über ei­ne gros­se Impf­spar­te. Das Bro­ker­haus Hel­vea weist zu­dem auf die star­ke Stel­lung von Sa­no­fi in der Dia­be­tes­be­hand­lung hin. Der bri­tisch-schwe­di­sche Wett­be­wer­ber As­tra Ze­ne­ca bie­tet mit Cres­tor ein be­währ­tes Mit­tel zur Be­kämp­fung über­höh­ter Cho­le­ste­rin­wer­te an – ein Pro­blem, das sich er­näh­rungs­be­dingt auch in Schwel­len­län­dern aus­brei­tet.

Trotz al­ler Zu­ver­sicht sind die Im­pul­se, die Em­Ma der Phar­main­dus­trie ver­lei­hen, nicht über­zu­be­wer­ten. Sie dürf­ten in den kom­men­den Jah­ren le­dig­lich da­für sor­gen, dass das welt­wei­te Bran­chen­wachs­tum nicht wei­ter ab­nimmt (vgl. Gra­fik). Der Ver­lust des Pa­tent­schut­zes für ei­ne gros­se An­zahl von um­satz­star­ken Me­di­ka­men­ten in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten und Eu­ro­pa wird zu­sam­men mit von Re­gie­run­gen ver­ord­ne­ten Preis­kür­zun­gen die Me­di­ka­men­tenher­stel­ler wei­ter­hin her­aus­for­dern (vgl. FuW Nr. 42 vom 2. Ju­ni). In­so­fern dürf­ten Phar­maak­ti­en so bald auch nicht auf das deut­lich hö­he­re Be­wer­tungs­ni­veau der wachs­tums­star­ken Neun­zi­ger­jah­re zu­rück­fin­den.

No­var­tis, Gla­xo und Sa­no­fi sind im

gut po­si­tio­niert.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.