Ei­ne zwei­te Chan­ce für Re­for­men

Ja­pans neu­er Re­gie­rungs­chef Nao­to Kan sucht ei­ne über­zeu­gen­de Wachs­tums­stra­te­gie – Kampf der De­fla­ti­on, aber wie?

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - MAR­TIN FRITZ,

Yen soll fal­len

Im Grun­de woll­te die De­mo­kra­ti­sche Par­tei (DPJ) die un­se­li­ge Tra­di­ti­on der kur­zen Amts­zei­ten von ja­pa­ni­schen Re­gie­run­gen be­en­den. Doch der letz­te Wo­che zu­rück­ge­tre­te­ne Pre­mier Yu­kio Ha­toyama er­wies sich am En­de als so in­kom­pe­tent und über­for­dert, dass er nur neun Mo­na­te nach sei­nem his­to­ri­schen Wahl­sieg über die dau­er­re­gie­ren­den Li­be­ral­de­mo­kra­ten vor­zei­tig das Hand­tuch wer­fen muss­te.

Mit sei­nem Nach­fol­ger Nao­to Kan er­hal­ten Ja­pans Re­for­mer ei­ne zwei­te Chan­ce. Der prag­ma­ti­sche Kan spricht nicht mehr von «Brü­der­lich­keit» in Ge­sell­schaft und Po­li­tik, son­dern räumt of­fen ein, dass nicht je­des Wahl­ver­spre­chen der har­ten öko­no­mi­schen Rea­li­tät stand­hal­ten wird. Als ers­ter Po­li­ti­ker in der DPJSpit­ze hat Kan das Ta­bu ge­bro­chen, vor der Ober­haus­wahl im Ju­li of­fen über hö­he­re Steu­ern zu re­den, auch wenn er nicht kon­kret wer­den woll­te. Ei­ni­ge Bro­ker­häu­ser spre­chen von ei­ner Kauf­ge­le­gen­heit an Ja­pans Bör­se: Kan be­für­wor­te ei­ne ul­tra­lo­cke­re Geld­po­li­tik und ei­nen schwa­chen Yen, was Au­to-und Elek­tro­nik­ti­teln zu­gu­te­kom­men soll­te. Doch das scheint ziem­lich kurz ge­dacht. Der­zeit ist der Yen als si­che­rer Ha­fen ge­fragt und wer­tet sich zum Eu­ro und zum Fran­ken auf. Ent­schei­den­der ist, ob Kan mit sei­nem «drit­ten Weg» in der Wirt­schafts­po­li­tik ein nach­hal­ti­ges Wachs­tum schaf­fen und da­durch die De­fla­ti­on über­win­den kann. Der 63-Jäh­ri­ge lehnt näm­lich mehr Wett­be­werb und De­re­gu­lie­rung ge­nau­so ab wie auf Pump fi­nan­zier­te Staats­aus­ga­ben zur Sti­mu­lie­rung der Wirt­schaft. Statt­des­sen will er mit hö­he­ren Steu­ern neue staat­li­che Jobs be­zah­len.

Das Kon­zept stammt von Yo­shiya­su Ono, Di­rek­tor des In­sti­tuts für So­zi­al-und Wirt­schafts­for­schung an der Uni­ver­si­tät Os­a­ka. Der 59-jäh­ri­ge Pro­fes­sor hat Kan in den letz­ten Mo­na­ten re­gel­mäs­sig Pri­vat- un­ter­richt in Öko­no­mie er­teilt, wäh­rend sich der Phy­si­ker und Pa­tent­an­walt als Fi­nanz­mi­nis­ter ein­ar­bei­te­te. Ono ver­tritt die The­se, die Wirt­schaft kön­ne die De­fla­ti­on nicht über­win­den, weil die Men­schen aus Angst um ih­ren Job nicht ge­nug kon­su­mier­ten. Da­her soll die Re­gie­rung die Steu­ern er­hö­hen und mit dem Geld Ar­beits­lo­se be­zah­len, die zum Bei­spiel im Kran­ken-und Pfle­ge­be­reich ar­bei­ten. Das schaf­fe Job­si­cher­heit, er­hö­he den Bin­nen­kon­sum und stop­pe den Preis­ver­fall.

Je­doch läuft auch die­ser An­satz dar­auf hin­aus, dass die Staats­aus­ga­ben wach­sen. Ja­pans Grund­pro­blem be­steht aber dar­in, dass der Staat schon heu­te der wich­tigs­te Mo­tor der Wirt­schaft ist und da­bei weit über sei­ne Ver­hält­nis­se lebt. Ein­nah­men aus hö­he­ren Steu­ern wer­den ge­braucht, um die Et­at­lü­cke zu schlies­sen und kom­men­de Ge­sund­heits-und Ren­ten­ver­pflich­tun­gen zu fi­nan­zie­ren.

Zu­dem hat die De­mo­kra­ti­sche Par­tei ver­spro­chen, nächs­tes Jahr das Kin­der­geld zu ver­dop­peln und den Bau­ern ein Grund­ein­kom­men zu be­zah­len. Al­lein das Kin­der­geld wür­de 5 Bio. Yen (63 Mrd. Fr.) jähr­lich ver­schlin­gen. Bis­her ist nicht zu er­ken­nen, wie der neue Pre­mier aus die­ser Sack­gas­se her­aus­kom­men will. Das Han­deln sei­ner Re­gie­rung dürf­te da­her in ers­ter Li­nie vom Sach­zwang der ho­hen Staats­schul­den be­stimmt wer­den. Ja­pans Wirt­schafts­po­li­tik wird sich da­durch end- lich stär­ker an der Rea­li­tät ori­en­tie­ren. Der neue Fi­nanz­mi­nis­ter Yo­shi­hi­ko No­da ver­ficht ei­ne stren­ge­re Haus­halts­dis­zi­plin und ei­ne stär­ke­re Be­kämp­fung der De­fla­ti­on durch die Bank von Ja­pan. «Wir wol­len die Sa­nie­rung des Haus­halts auf den Weg brin­gen», kün­dig­te er an. Wie Kan plä­diert No­da für ge­de­ckel­te Neu­ver­schul­dung von jähr­lich 44,3 Bio. Yen (561 Mrd. Fr.). Die Hür­den für neue Aus­ga­ben sei­en sehr hoch.

Schul­den­ab­bau zwin­gend

Noch im Ju­ni will die neue Re­gie­rung ih­re Stra­te­gie für ein jähr­li­ches Wachs­tum von 3% kon­kre­ti­sie­ren. Da­bei wird sie auch ei­nen gro­ben Rah­men für den Schul­den­ab­bau und die Steu­ern vor­le­gen. Die Ra­tin­ga­gen­tu­ren wol­len von dem Plan ih­re bis­he­ri­gen Bo­ni­täts­no­ten für Ja­pan ab­hän­gig ma­chen. Doch die DPJ wird ih­re In­hal­te mehr auf die Ober­haus­wahl im Ju­li aus­rich­ten, um die er­war­te­te Nie­der­la­ge zu be­gren­zen und vi­el­leicht so­gar ab­zu­wen­den. Vom Er­geb­nis der Ab­stim­mung hän­gen wie­der­um die Sta­bi­li­tät der Ko­ali­ti­on und ih­re Re­gie­rungs­fä­hig­keit ab.

Vor­sich­ti­ge Kauf­wil­li­ge von In­dex­fonds für Nik­kei oder To­pix war­ten da­her zu­nächst die neue Wachs­tums­stra­te­gie und den Wahl­aus­gang ab. Oh­ne­hin ist durch die deut­li­che Auf­wer­tung des Yens das Wäh­rungs­ri­si­ko zu­letzt ge­wach­sen.

Nao­to Kan muss die Wirt­schaft stär­ken, spricht aber auch von hö­he­ren Steu­ern.

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