Das gros­se Fest kann be­gin­nen

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND -

Der Count­down ist fast ge­schafft. Am Frei­tag wird in Süd­afri­ka das gröss­te Fuss­ball­fest der Welt an­ge­pfif­fen – zum ers­ten Mal auf afri­ka­ni­schem Bo­den. Trotz der welt­wei­ten Wirt­schafts­kri­se, trotz Be­su­cher­zah­len, die weit hin­ter den Er­war­tun­gen lie­gen, und trotz der kom­mer­zi­el­len Ty­ran­nei der Fi­fa, die ih­re Mar­ken­rech­te gna­den­los schützt, war­tet ein gan­zes Land vol­ler Un­ge­duld auf den gros­sen Mo­ment – und trägt stolz das knall­gel­be Tri­kot sei­ner Ki­cker, hin­ter de­nen sich die Na­ti­on nun ge­sam­melt hat.

Die Bafa­nas kön­nen den Zu­spruch brau­chen: In den letz­ten Jah­ren sind sie bis auf Rang 83 der Fi­fa-Welt­rang­lis­te ab­ge­rutscht und nun kras­ser Aus­sen­sei­ter. Den­noch sind die Hoff­nun­gen rie­sen­gross, die sich mit dem Team und der WM im ei­ge­nen Land ver­bin­den. Al­le Pro­ble­me soll das Fuss­ball­fest auf ein­mal lö­sen; die Kri­mi­na­li­tät und tie­fe Ar­mut, die gros­sen so­zia­len Un­ter­schie­de, die ho­he Ar­beits­lo­sig­keit und am bes­ten auch die Aids-Epi­de­mie.

Die Süd­afri­ka­ner sind je­den­falls mäch­tig stolz, dass ab Frei­tag die Welt vier Wo­chen lang auf den Sü­den Afri­kas schaut. Stolz, aber auch et­was ängst­lich, weil nie­mand weiss, was das Land er­war­tet. Schliess­lich hat es ei­ne Ver­an­stal­tung von der Grös­se ei­ner Fussball-WM in Afri­ka noch nie ge­ge­ben. Die vie­len Skep­ti­ker sind zwar nicht ver­stummt, aber lei­ser ge­wor­den. Al­len Un­ken­ru­fen zum Trotz sind der Schnell­zug Gau­train und die Sta­di­en pünkt­lich fer­tig ge­wor­den – und atem­be­rau­bend schön. Vor al­lem die Are­nen in Jo­han­nes­burg, Kap­stadt und Dur­ban sind ei­ne in Stahl und Be­ton ge­meis­sel­te Er­klä­rung der Ka­pre­pu­blik, sich mit den Ver­an­stal­tern frü­he­rer Tur­nie­re er­folg­reich mes­sen zu kön­nen.

Es gä­be vie­le Grün­de, sich über die (di­rekt) in die WM ge­steck­ten 40 Mrd. Rand (rund 6 Mrd. Fr) zu mo­kie­ren. Die Fra­ge ist nur, ob sie an­ders­wo ef­fek­ti­ver ge­we­sen wä­ren. Be­reits jetzt leis­tet sich Süd­afri­ka ei­nen der gröss­ten So­zi­al­etats, oh­ne dass dies den Ein­woh­nern viel nut­zen wür­de, zu­mal die Re­gie­rung ih­re ei­ge­nen Vor­ga­ben fast nie er­füllt. Über die Hälf­te al­ler süd­afri­ka­ni­schen Stadt­ver­wal­tun­gen ist in­zwi­schen kol­la­biert und nicht mehr in der La­ge, den Bür­gern auch nur ein­fachs­te Di­enst­leis­tun­gen zu bie­ten. Im Ge­gen­satz da­zu hat der Vor­lauf zur WM ein­drucks­voll ge­zeigt, zu wel­cher Leis­tung das Land mit ei­ner ech­ten Zu­sam­men­ar­beit von Staat und Pri­vat­sek­tor fä­hig wä­re.

Ein neu­es Image für Süd­afri­ka, ja für den gan­zen Kon­ti­nent – es ist ein ehr­gei­zi­ges Ziel, und es gibt vie­le Grün­de, den zur Schau ge­stell­ten Op­ti­mis­mus zu hin­ter­fra­gen. Doch wer die Lei­den­schaft und Le­ben­slust der Men­schen am Kap kennt, spürt ir­gend­wie, dass es hier, an­ders als in Deutsch­land vor vier Jah­ren, wirk­lich um mehr geht.

aus Kap­stadt zum Kick­off der Fussball-WM

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