Nut­zen der Un­gleich­heit

Ab­wei­chun­gen vom Gleich­heits­prin­zip wer­den als un­ge­recht emp­fun­den. Doch al­le Ver­su­che, mehr Ge­rech­tig­keit durch mehr Gleich­heit zu er­zwin­gen, sind ka­ta­stro­phal ge­schei­tert. RO­BERT NEF

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE - Ro­bert Nef prä­si­diert den Stif­tungs­rat des Li­be­ra­len In­sti­tuts und die Stif­tung für Abend­län­di­sche Ethik und Kul­tur.

Von Eu­gè­ne Io­nesco stammt der be­mer­kens­wer­te Rat, man soll­te die Men­schen leh­ren, we­ni­ger von Ge­rech­tig­keit und mehr von Nächs­ten­lie­be zu re­den. In der Po­li­tik ist dies ein ziem­lich hoff­nungs­lo­ses Un­ter­fan­gen. Gros­se Ein­kom­mens-und Ver­mö­gens­un­ter­schie­de ha­ben seit je­her nicht nur Neid ge­weckt, son­dern auch den Wunsch nach po­li­ti­schen Kor­rek­tur­mass­nah­men ge­nährt.

Wie viel Un­gleich­heit von ei­ner Mehr­heit noch als ge­recht emp­fun­den wird, ist ei­ne Fra­ge, die nicht nur die Po­li­tik be­schäf­tigt. Auch die Wis­sen­schaf­ten wid­men sich ihr, be­son­ders die Ju­ris­pru­denz und die Öko­no­mie, die trotz en­ger Be­zü­ge zwi­schen Recht und Wirt­schaft an ge­trenn­ten Fa­kul­tä­ten ge­lehrt und er­forscht wer­den. Em­pi­risch aus­ge­rich­te­te Öko­no­men er­lie­gen heu­te der Ver­su­chung, die Ge­rech­tig­keit mit ei­ner psy­cho­lo­gi­schen Be­find­lich­keit gleich­zu­set­zen, die sich an­hand von Be­ob­ach­tun­gen in Ver­su­chen wis­sen­schaft­lich er­mit­teln las­se.

Tat­säch­lich emp­fin­det in Ex­pe­ri­men­ten ei­ne Mehr­heit von Ver­suchs­per­so­nen Ab­wei­chun­gen vom Gleich­heits­prin­zip als un­ge­recht. Dar­aus wird ge­fol­gert, Ge­rech­tig­keit ent­ste­he dann, wenn je­dem Men­schen grund­sätz­lich das Glei­che zu­kom­me. Po­li­tik und Wirt­schaft ha­ben aus die­ser Sicht Hand in Hand da­für zu sor­gen, dass die Welt die­sem Ide­al­zu­stand im­mer nä­her kommt. Wenn aber ei­ne Wis­sen­schaft auf­grund sol­cher Be­ob­ach­tun­gen oh­ne Rück­sicht auf län­ger­fris­ti­ge Fol­gen vom Be­fund gleich den Fehl­schluss zur Emp­feh­lung zieht (oder auch nur sug­ge­riert), dies sei über all­ge­mein­ver­bind­li­che Ge­set­ze zu be­werk­stel­li­gen, über­schrei­tet sie ih­re Kom­pe­ten­zen.

Fa­ta­ler Mach­bar­keits­wahn

Na­tür­lich ge­steht je­der Em­pi­ri­ker ein, dass die Men­schen tat­säch­lich un­gleich sind. Die­se Un­gleich­heit wird bis zu ei­nem ge­wis­sen Grad auch to­le­riert. Aber ei­ne «ge­rech­te­re Po­li­tik» und ei­ne «ge­rech­te­re Öko­no­mie» sol­len für die Ver­klei­ne­rung der Un­ter­schie­de bzw. min­des­tens für mehr Chan­cen­gleich­heit sor­gen. Die­ses Pos­tu­lat ge­niesst von links bis rechts ho­hes An­se­hen, ob­wohl all­ge­mein an­er­kannt wird, dass die Start­be­din­gun­gen der In­di­vi­du­en un­gleich sind und selbst mit to­ta­li­tärs­ten Mass­nah­men nie voll­stän­dig aus­zu­glei­chen wä­ren.

An­geb­lich lässt sich aber der Ide­al­zu­stand der «so­zia­len Ge­rech­tig­keit» mit den Me­tho­den der em­pi­ri­schen Wis­sen­schaft im­mer bes­ser er­for­schen. Selbst ein noch be­schränk­tes Wis­sen kann und soll aus die­ser Sicht in Zu­kunft auf glo­ba­ler Ebe­ne zu «mehr Ge­rech­tig­keit für al­le» füh­ren. Die So­zi­al­wis­sen­schaft Öko­no­mie möch­te nicht nur em­pi­risch er­for­schen, was ge­ne­rell glück­lich macht, son­dern auch was ge­ne­rell als «ge­recht» emp­fun­den wird.

Die­ser An­spruch ist ver­mes­sen. Ge­rech­tig­keit ist ein ethi­sches und po­li­ti­sches Pos­tu­lat, das sich nicht di­rekt aus em­pi­ri­schen Be­fun­den ab­lei­ten lässt. Selbst der auf den ers­ten Blick ein­fühl­ba­re Wunsch, we­nigs­tens die je­weils noch ge­recht­fer­tig­te Band­brei­te an Un­gleich­hei­ten sei all­ge­mein­ver­bind­lich fest­zu­le­gen, be­ruht nä­her be­trach­tet auf ei­nem ver­häng­nis­vol­len Er­kenn­bar­keits-und Mach­bar­keits­wahn. Der blin­de Glau­be an die wis­sen­schaft­li­che Er­forsch­bar­keit und Er-

Der An­spruch, man kön­ne em­pi­risch er­for­schen, was ge­ne­rell glück­lich ma­che und was ge­recht sei, ist ver­mes­sen.

-RO­BERT NEF

kenn­bar­keit und dar­an, dass sich durch all­ge­mein­gül­ti­ge Zwangs­vor­schrif­ten ei­ne ge­rech­te­re Ge­sell­schaft und Wirt­schaft po­li­tisch rea­li­sie­ren lässt, ist zu­tiefst frag­wür­dig. Er bleibt den Wert­vor­stel­lun­gen des 19. Jahr­hun­derts ver­haf­tet, die im 20. zu to­ta­li­tä­ren po­li­ti­schen Gross­ex­pe­ri­men­ten ge­führt ha­ben, die man als ka­ta­stro­phal miss­lun­gen be­zeich­nen kann.

Karl Marx hat in An­leh­nung an die Saint-Si­mo­nis­ten die kom­mu­nis­ti­sche Ver­tei­lungs­ge­rech­tig­keit wie folgt de­fi­niert: «Je­der nach sei­nen Fä­hig­kei­ten, je­dem nach sei­nen Be­dürf­nis­sen.» Das leuch­tet auf den ers­ten Blick ein und scheint die The­se zu wi­der­le­gen, Mar­xis­ten be­ab­sich­tig­ten ei­ne to­ta­le Ni­vel­lie­rung und ei­ne ra­di­ka­le Gleich­ma­che­rei der Ge­sell­schaft. Aber wer ist in der La­ge, mensch­li­che Fä­hig­kei­ten all­ge­mein­gül­tig und ob­jek­tiv mess­bar und ver­gleich­bar zu ma­chen, und wer un­ter­schei­det ob­jek­tiv zwi­schen an­ge­mes­se­nen und über­ris­se­nen Be­dürf­nis­sen? Die Wis­sen­schaft, die Po­li­tik auf­grund des Mehr­heits­prin­zips oder eben doch bes­ser der Markt, z. B. bei den Löh­nen der Ar­beits­markt?

Die­sem scheint man im­mer we­ni­ger zu­zu­trau­en. Man glaubt, die ge­rech­te un­te­re Gren­ze der Min­dest­löh­ne und die ge­rech­te obe­re Gren­ze der Ma­xi­mal­löh­ne zu ken­nen und nor­mie­ren zu kön­nen. Gibt es hier ei­nen neu­en For­schungs-und Pla­nungs­be­darf? Die quan­ti­fi­zie­ren­de em­pi­ri­sche So­zi­al­for­schung un­ter­nimmt Schrit­te da­hin, und ein zu­neh­mend ver­staat­lich­tes und bü­ro­kra­ti­sier­tes Er­zie­hungs-und Bil­dungs­we­sen ist be­strebt, Fä­hig­kei­ten und Be­dürf­nis­se nach dem neu­es­ten Stand der For­schung mess­bar, ver­gleich­bar und ver­wert­bar zu ma­chen. Die Rechts­wis­sen­schaft hat schon früh das Will­kür­ver­bot und den Grund­satz der Gleich­be­hand­lung prä­zi­siert: Glei­ches ist gleich zu be­han­deln und Un­glei­ches nach Mass­ga­be sei­ner Un­gleich­heit un­gleich.

Die­se «Mass­ga­ben» her­aus­zu­fin­den, ist ei­ne Kunst, die auf dem Wol­len und Kön­nen und nicht auf dem Wis­sen auf­baut. Im Cor­pus Iu­ris des ost­rö­mi­schen Kai­sers Jus­ti­ni­an sind Recht und Ge­rech­tig­keit wie folgt um­schrie­ben: «Das Recht ist die Kunst des Gu­ten und Ge­rech­ten… Ge­rech­tig­keit ist der un­wan­del­ba­re und dau­er­haf­te Wil­le, je­dem sein Recht zu ge­wäh­ren. Die Re­geln des Rechts sind die fol­gen­den: ehr­bar le­ben, an­de­re nicht ver­let­zen, je­dem das Sei­ne zu­bil­li­gen.»

Wer ni­vel­liert, macht al­le arm

Die For­mel, man müs­se «Un­glei­ches nach Mass­ga­be sei­ner Un­gleich­heit un­gleich be­han­deln», kann durch ei­ne schreck­li­che Ver­ein­fa­chung auf das be­lieb­te Schlag­wort «je­dem das Sei­ne» re­du­ziert wer­den. Es hat im Lauf der Welt­ge­schich­te viel Un­heil ge­stif­tet und stand als zy­ni­sche Be­grüs­sung am Ein­gangs­tor zum Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Bu­chen­wald. Ei­ne Mehr­heit der Ame­ri­ka­ner glaubt gar ge­mäss Um­fra­gen, der Grund­satz ste­he in ih­rer Ver­fas­sung.

Um wis­sen­schaft­lich fun­diert je­ne Un­gleich­be­hand­lung (nach Mass­ga­be der je­weils tat­säch­lich ge­ge­be­nen und idea­ler­wei­se to­le­ra­blen Un­gleich­heit) durch­zu­füh­ren, müss­te man un­ver­rück­bar wis­sen, wie viel das je­weils Mei­ne, das mir zu­steht, und das je­weils Sei­ne, das je­dem zu­kommt, tat­säch­lich aus­macht. Was da­bei her­aus­kä­me, ist nach den Vor­stel­lun­gen em­pi­risch for­schen­der Ver­hal­tens­öko­no­men «mehr Ge­rech­tig­keit». So sim­pel ist der Weg zu «mehr Wohl­stand für al­le» je­doch nicht.

Gleich­ma­che­rei ni­vel­liert ei­ne Ge­sell­schaft auch öko­no­misch nach un­ten. Die Ba­sis von mehr Wohl­stand für al­le ist der mög­lichst freie Tausch zwi­schen Un­glei­chen. Es gilt die Tat­sa­che zu ak­zep­tie­ren, dass bis­her je­der Ver­such kläg­lich ge­schei­tert ist, die Welt durch mehr Gleich­heit «ge­rech­ter» zu ma­chen und gleich­zei­tig den Wohl­stand al­ler zu meh­ren.

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