Wird BP über­le­ben?

MAN SPRICHT VON der Furcht, der bri­ti­sche Öl­mul­ti könn­te die Ka­ta­stro­phe im Golf von Me­xi­ko nicht über­le­ben

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE - MARK DITT­LI

Der Un­ter­neh­mens­wert des Öl­mul­tis ist seit dem Un­glück im Golf von Me­xi­ko um 80 Mrd. $ ge­sun­ken. An den Märk­ten wächst die Ner­vo­si­tät, die Schät­zun­gen zur Scha­den­sum­me stei­gen. Wie ge­fähr­det ist BP? Bi­lanz und Cash­flow spre­chen da­für, dass der Kon­zern über­le­ben wird.

Der Druck auf BP nimmt zu. Am Don­ners­tag fiel der Ak­ti­en­kurs des bri­ti­schen Öl­mul­tis auf den tiefs­ten Stand seit vier­zehn Jah­ren. Seit dem Un­ter­gang der För­der­platt­form Deep­wa­ter Ho­ri­zon En­de April ist BPs Un­ter­neh­mens­wert um 80 Mrd.$ ge­sun­ken. Die Bonds des Kon­zerns no­tie­ren na­he­zu auf Junk-Ni­veau. An den Märk­ten zir­ku­lier­te da und dort die Be­fürch­tung, BP könn­te für sei­ne US-Ak­ti­vi­tä­ten Gläu­bi­ger­schutz be­an­tra­gen. Die Ka­ta­stro­phe er­hitzt zu­neh­mend auch in Washington die Ge­mü­ter. Prä­si­dent Oba­ma sag­te, BP-Chef To­ny Hay­ward ge­hö­re ent­las­sen. Kon­gress­mit­glie­der for­der­ten den BP-Ver­wal­tungs­rat auf, die Di­vi­den­de zu strei­chen. Die neue bri­ti­sche Re­gie­rung un­ter Pre­mier Da­vid Ca­me­ron sah sich am Frei­tag ge­zwun­gen, BP ge­gen die rhe­to­ri­schen Atta­cken aus Washington zu ver­tei­di­gen. Das Öl spru­delt der­weil wei­ter aus dem Leck in den Tie­fen des Golfs von Me­xi­ko.

Aus Sicht der Fi­nanz­märk­te in­ter­es­siert der­zeit nur noch ei­ne Fra­ge: Kann BP die dro­hen­den Kos­ten stem­men? Wird der Kon­zern die Ka­ta­stro­phe über­le­ben?

So­li­der Cash­flow

Erst­mals seit dem Un­glück schei­nen sich die Märk­te ernst­haft mit dem Sze­na­rio ei­nes un­gu­ten En­des für BP zu be­fas­sen. Der Preis für Cre­dit De­fault Swaps (CDS) schnell­te in den ver­gan­ge­nen Ta­gen in die Hö­he. Am Don­ners­tag lag die Prä­mie auf 476 Ba­sis­punk­ten – das be­deu­tet, es kos­tet 476 000 $ pro Jahr, um BP-Bonds im Nenn­wert von 10 Mio. $ über fünf Jah­re ge­gen Aus­fall zu ver­si­chern (vgl. Gra­fik). Zu­dem nahm die CDS-Kur­ve ab dem 7. Ju­ni ei­ne in­ver­se Struk­tur an, was sug­ge­riert, dass BP am Markt bal­di­ge Fi­nan­zie­rungs­pro­ble­me zu­ge­traut wer­den. Doch wie rea­lis­tisch ist das Sze­na­rio ei­nes Bank­rotts?

Wie im­mer ist in Fi­nanz­fra­gen Nüch­tern­heit an­ge­bracht. Nach al­len ver­füg­ba­ren In­for­ma­tio­nen be­sitzt BP ei­ne so­li­de Bi­lanz und reich­lich frei­en Cash­flow, um zu über­le­ben. Das Ver­hält­nis der Net­to­schul­den zum ge­sam­ten ein­ge­setz­ten Ka­pi­tal be­trägt der­zeit 19% und liegt un­ter dem von BP an­vi­sier­ten Ziel­wert von 20 bis 30%. Ge­mäss ei­ner Stu­die von So­cié­té Gé­né­ra­le (SocGen) könn­te BP neue Schul­den von fast 20 Mrd.$ auf­neh­men, be­vor der Ziel­wert von 30% über­schrit­ten wür­de. Die Ana­lys­ten von Gold­man Sachs und Mor­gan St­an­ley trau­en BP im lau­fen­den Jahr zu­dem knapp 30 Mrd.$ ope­ra­ti­ven Cash­flow zu, ge­folgt – je nach Ent­wick­lung des Öl­prei­ses – von bis zu 40 Mrd. $ in 2011 und 2012 (vgl. Gra­fik). Die Ka­pi­tal­in­ves­ti­tio­nen be­we­gen sich um 20 bis 22 Mrd.$ pro Jahr, wor­aus ein frei­er Cash­flow von 10 Mrd.$ oder mehr re­sul­tiert.

Die gros­se Fra­ge ist frei­lich, wie hoch die von BP zu be­rap­pen­den Kos­ten sind und über wel­chen Zei­t­raum sie an­fal­len. Hier drif­ten die Schät­zun­gen weit aus­ein­an­der. SocGen rech­net mit 12 Mrd.$ Ge­samt­kos­ten. Die Ana­lys­ten von Bank of Ame­ri­ca Mer­rill Lynch ver­an­schla­gen Kos­ten von 28 Mrd.$. Mi­che­le del­la Vi­gna von Gold­man Sachs rech­net mit 36 Mrd. $, warnt je­doch da­vor, dass die Sum­me im schlimms­ten Fall auf 60 bis 70 Mrd. $ stei­gen könn­te. Di­rek­te Kos­ten für Auf­räum­ar­bei­ten dürf­ten bis En­de Jahr ge­mäss Kon­sens­schät­zung 6 Mrd. $ ver­schlin­gen – ein Be­trag, den BP pro­blem­los soll­te be­glei­chen kön­nen. Ein gros­ser Teil der rest­li­chen Kos­ten ent­fällt auf Bus­sen, Ver­gleichs­zah­lun­gen und ver­lo­re­ne Sam­mel­kla­gen, wo­bei die­se er­fah­rungs­ge­mäss über Jah­re ab­ge­stot­tert wer­den.

Die Furcht, BP müs­se das ge­sam­te USGe­schäft un­ter Gläu­bi­ger­schutz stel­len, er­scheint nach ak­tu­el­lem Kennt­nis­stand we­nig rea­lis­tisch. Das wä­re nach Mei­nung der meis­ten Ana­lys­ten frü­hes­tens dann ei­ne Op­ti­on, wenn die Kos­ten 90 bis 100 Mrd.$ über­stei­gen. Nicht zu ver­ges­sen ist, dass BP in den USA 22800 An­ge­stell­te be­schäf­tigt und ge­mäss Da­ten von SocGen 40% der Ak­tio­nä­re Ame­ri­ka­ner sind.

Di­vi­den­de kos­tet 10,5 Mrd. $

Die drän­gends­te Fra­ge für Ak­tio­nä­re ist, ob BP die Di­vi­den­de streicht. Die Aus­schüt­tung «ver­schlingt» 10,5 Mrd.$ Cash­flow pro Jahr. Gold­man-Ana­lyst Del­la Vi­gna geht da­von aus, dass die Di­vi­den­de für zwei Quar­ta­le ge­stri­chen wird, was 5 Mrd.$ spa­ren wür­de. Der Ver­wal­tungs­rat will spä­tes­tens am 27. Ju­li in­for­mie­ren. Es dürf­te nicht über­ra­schen, wenn die Di­vi­den­de tem­po­rär aus­ge­setzt wird.

Aus In­ves­to­ren­sicht fällt es schwer, die Bonds und Ak­ti­en von BP mit gu­tem Ge­wis­sen zum Kauf zu emp­feh­len. Der fi­nan­zi­el­le so­wie der Ima­ge­scha­den ist ge­wal­tig. Doch die Wahr­schein­lich­keit ist gross, dass am Markt die La­ge ge­gen­wär­tig all­zu schwarz ge­se­hen wird.

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