Ed Yar­de­ni

FUW-SAMSTAGINTERVIEW ED YAR­DE­NI Grün­der und Chef­stra­te­ge von Yar­de­ni Re­se­arch, New York

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE - IN­TER­VIEW: JAN BAU­MANN,

Der Chef von Yar­de­ni Re­se­arch in New York sieht an Eu­ro­pas Ak­ti­en­märk­ten gu­te Kauf­ge­le­gen­hei­ten.

Kann er ver­hin­dert wer­den? Auf glo­ba­ler Ebe­ne geht den Re­gie­run­gen und den No­ten­ban­ken die Mu­ni­ti­on aus. Sie ha­ben die Leit­zin­sen be­reits auf na­he­zu null ge­senkt und durch Wert­schrif­ten­käu­fe Li­qui­di­tät ge­schaf­fen. Nun wächst we­gen der Schul­den­kri­se der Druck, den Staats­haus­halt in Ord­nung zu brin­gen. Das heisst, zu­sätz­li­che Kon­junk­tur­sti­mu­lie­rung kön­nen sich die Staa­ten kaum mehr leis­ten.

Herr Yar­de­ni, die US-No­ten­bank sagt, Eu­ro­pas Schul­den­kri­se wer­de die ame­ri­ka­ni­sche Wirt­schaft nur mar­gi­nal in Mit­lei­den­schaft zie­hen, so­fern sich die Fi­nanz­märk­te wei­ter sta­bi­li­sier­ten. Hält der Auf­schwung in den USA an? Der Rück­fall in die Re­zes­si­on wä­re ein De­sas­ter für die ge­sam­te Welt­wirt­schaft, nicht nur für die USA.

Dann bleibt al­so nur die Hoff­nung, dass der Auf­schwung oh­ne neue staat­li­che Sti­mu­lie­rung an­hält? Ja, Wachs­tum ist Vor­aus­set­zung da­für, dass die Un­ter­neh­men den Ge­winn stei­gern, ih­re Ka­pa­zi­tät aus­wei­ten und mehr Leu­te ein­stel­len. Nimmt die Be­schäf­ti­gung zu, kom­men wie­der mehr Steu­er­ein­nah­men her­ein, und die Staats­de­fi­zi­te kön­nen ein­fa­cher ab­ge­baut wer­den. Die Wirt­schafts­po­li­tik muss die­sen Weg ge­hen, ei­nen an­de­ren gibt es nicht.

Was stellt in den USA das gröss­te Kon­junk­tur­ri­si­ko dar? Der Im­mo­bi­li­en­markt bleibt die Schwach­stel­le. Zwar sind die Zin­sen in den USA sehr tief, nicht zu­letzt als Fol­ge des Schla­mas­sels in Eu­ro­pa. Trotz­dem harzt es am hie­si­gen Häu­ser­markt. Ein Grund da­für ist, dass die Steu­er­ver­güns­ti­gun­gen für den Ei­gen­hei­mer­werb aus­ge­lau­fen sind. Wer da­von pro­fi­tie­ren woll­te, hat die Chan­ce be­reits ge­nutzt. In der zwei­ten Jah­res­hälf­te dürf­te die Bau­ak­ti­vi­tät zu­rück­hal­tend sein und da­mit auch die Be­schäf­ti­gung im Bau­ge­wer­be.

Wo se­hen Sie sonst Schwach­stel­len? Ein wei­te­res Pro­blem ist, dass in Ame­ri­ka die Ge­mein­den und Glied­staa­ten spa­ren müs­sen und des­we­gen Leu­te ent­las­sen wer­den. Ins­ge­samt wird es für den Rest des Jah­res wohl we­ni­ger freund­li­che Kon­junk­tur­über­ra­schun­gen ge­ben als in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten. Auch dies gilt üb­ri­gens nicht nur für die USA. Über­all be­steht nun das Ri­si­ko man­geln­den Wachs­tums. Bis April sah die La­ge bes­ser aus als heu­te.

Was ist mit Chi­na – wür­gen die staat­li­chen Mass­nah­men zur Dämp­fung des Im­mo­bi­li­en­booms das Wachs­tum ab? Die chi­ne­si­schen Be­hör­den ge­ben sich al­le Mü­he, das zu ver­hin­dern und die La­ge un­ter Kon­trol­le zu hal­ten. Bis­lang wa­ren sie recht er­folg­reich. Zu­dem ist die Bin­nen­nach­fra­ge in Chi­na ro­bust. In die In­fra­struk­tur wird mas­siv in­ves­tiert, die Ur­ba­ni­sie­rung schrei­tet vor­an. Be­acht­li­che Dy­na­mik geht aus­ser­dem nicht nur von Chi­na aus, son­dern bei­spiels­wei­se auch von In­di­en und Bra­si­li­en.

Was das Welt­wirt­schafts­wachs­tum an­geht, schei­nen Sie op­ti­mis­ti­scher zu sein als mit Blick auf die US-Kon­junk­tur. Ja, die Emer­ging Mar­kets be­fin­den sich seit den Neun­zi­ger­jah­ren in ei­nem lang­fris­ti­gen Boom. Die Kre­dit­kri­se war ei­ne

Stra­te­ge Ed Yar­de­ni. Stö­rung, hat die­sen Auf­hol­pro­zess aber nicht ge­stoppt. In den auf­stre­ben­den Volks­wirt­schaf­ten lebt ei­ne meh­re­re Mil­li­ar­den gros­se Be­völ­ke­rung, die den glei­chen Le­bens­stan­dard an­strebt, wie ihn die knapp ei­ne Mil­li­ar­de Leu­te im hoch ent­wi­ckel­ten Wes­ten seit lan­gem ge­niesst.

Sie ha­ben vom Schla­mas­sel in Eu­ro­pa ge­spro­chen. Wird der Eu­ro zum Dol­lar wei­ter an Wert ver­lie­ren? Die Zen­tral­ban­ken sind auf dem De­vi­sen­markt ak­tiv und ver­su­chen, die Tal­fahrt des Eu­ros in Gren­zen zu hal­ten. Zu­dem ist die Eu­ro­schwä­che für die Ex­port­wirt­schaft auf den Welt­märk­ten ein Vor­teil. Es gibt ei­nen Punkt, an dem die wech­sel­kurs­be­ding­te Ver­güns­ti­gung der Aus­fuh­ren aus dem Eu­ro­raum die in­ter­na­tio­na­le Wett­be­werbs­fä­hig­keit Eu­ro­pas der­art ver­bes­sert, dass Wirt­schaft und Wäh­rung wie­der fes­ten Bo­den un­ter die Füs­se be­kom­men. Ich glau­be, die Wäh­rungs­uni­on wird die­se schwie­ri­ge Zeit über­ste­hen.

Eu­ro­kri­ti­ker ar­gu­men­tie­ren, die Ein­heits­wäh­rung lei­de an ei­nem Kon­struk­ti­ons­feh­ler. Oh­ne ein­heit­li­che Fis­kal­po­li­tik blei­be das Pro­jekt ge­fähr­det. Die Ar­chi­tek­ten der Ein­heits­wäh­rung wa­ren sich des Pro­blems be­wusst. Die Fra­ge ist, ob es der EU ge­lingt, ein­zel­ne Mit­glie­der zu mehr fis­ka­li­scher Dis­zi­plin zu be­we­gen. Das heisst doch nicht, dass po­li­tisch gleich ein ver­ei­nig­tes Eu­ro­pa ge­schaf­fen wer­den muss.

Wird der Eu­ro so weit nach­las­sen, dass ein Dol­lar nur noch ei­nen Eu­ro kos­tet? Ich zäh­le nicht zu den Eu­ro­skep­ti­kern und hal­te das für un­wahr­schein­lich. Mir scheint, die Leu­te re­den zu viel über die­ses Pa­ri­täts­sze­na­rio. In mir weckt das den Im­puls des Con­tra­ri­an, der mit sei­ner Mei­nung da­ge­gen­hält.

Sie ha­ben ei­ne Lis­te von acht­zehn Punk­ten zu­sam­men­ge­stellt, die für den Bör­sen­ver­lauf ent­schei­dend sind. Sie be­ginnt mit Eu­ro­pa, geht über Chi­na, die Span­nun­gen zwi­schen Nord-und Süd­ko­rea und die US-Steu­er­po­li­tik bis zur Öl­pest im Golf von Me­xi­ko. Müs­sen al­le Punk­te ge­klärt wer­den, be­vor die Bör­se wie­der rich­tig an Fahrt ge­winnt? Bis En­de Som­mer wird die Vo­la­ti­li­tät an den Märk­ten er­höht blei­ben. Die Pro­ble­me sind den An­le­gern be­kannt, doch nie­mand weiss auf all die­se Fra­gen ei­ne Ant­wort. Auch ich nicht. Die Un­si­cher­heit ist gross.

Ge­mes­sen an den üb­li­chen In­di­ka­to­ren ist die In­ves­to­ren­lau­ne im Kel­ler. Weckt das Ih­ren Kau­finstinkt als Con­tra­ri­an? Nicht wirk­lich. Ich er­war­te ei­ne Seit­wärts­be­we­gung an der Bör­se. Die Stim­mung schwankt zwi­schen Angst und Pa­nik. Das ist ei­ne schlech­te Vor­aus­set­zung für ei­nen kla­ren Auf­wärts­trend an der Bör­se.

Im April ha­ben Sie den S&P 500 per En­de Jahr auf 1350 klet­tern se­hen. Sind Sie im­mer noch so zu­ver­sicht­lich? Wahr­schein­lich ist eher ein Jah­res­schluss­wert in der Grös­sen­ord­nung von 1200. Es ge­nügt nicht, dass die Ge­winn­schät­zun­gen der Ana­lys­ten vor­teil­haft sind. Die In­ves­to­ren müs­sen dar­an glau­ben und be­reit sein, für mehr Ge­winn auch mehr zu zah­len. Der­zeit ist die Be­wer­tung in­des zu­rück­hal­tend. 1350 im S&P 500 se­hen wir vor die­sem Hin­ter­grund wohl erst im nächs­ten Jahr.

Sind die Ana­lys­ten­schät­zun­gen an­ge­mes­sen oder eher zu hoch? Für das Jahr 2011 rech­nen die Ana­lys­ten im Schnitt mit knapp 100$ Ge­winn je Ak­tie im S&P 500. Soll­ten sich die Schät­zun­gen bis En­de 2010 auf die­sem ho­hen Ni­veau hal­ten, wür­de ein In­dex­schluss­stand von 1200 im De­zem­ber die für 2011 er­war­te­ten Ge­win­ne le­dig­lich zwölf­mal ent­hal­ten.

Das wä­re dann ei­ne aus­ge­spro­chen mo­de­ra­te Be­wer­tung. Kor­rekt, doch liegt das Ri­si­ko dar­in, dass die Ge­winn­schät­zun­gen bis De­zem­ber nach un­ten kor­ri­giert wer­den.

Soll­ten die An­le­ger zu­kau­fen oder ab­war­ten mit Ak­ti­en­en­ga­ge­ments? Es be­steht kein Grund zur Ei­le. Ver­mut­lich kom­men noch ei­ni­ge Bör­sen­tau­cher. Die In­ves­to­ren soll­ten in die­sem un­si­che­ren, schwan­kungs­an­fäl­li­gen Um­feld auf die Fun­da­men­tal­da­ten ein­zel­ner Un­ter­neh­men ach­ten. Qua­li­tät hat den Vor­rang. Ich ra­te Ih­nen, kau­fen Sie Ak­ti­en von Ge­sell­schaf­ten, de­ren Ge­schäfts­mo­dell Sie über­zeugt, und en­ga­gie­ren Sie sich lang­fris­tig. An­dern­falls wird die Vo­la­ti­li­tät des Ge­samt­mark­tes Ih­re Ner­ven zer­rei­ben.

In wel­chen Sek­to­ren sind sol­che Ge­sell­schaf­ten mit ei­nem viel­ver­spre­chen­den Ge­schäfts­mo­dell an­ge­sie­delt? Ich fa­vo­ri­sie­re nach wie vor die Sek­to­ren Tech­no­lo­gie und In­dus­trie. Die Tech-und In­dus­trie­un­ter­neh­men sind über­durch­schnitt­lich stark der glo­ba­len Wirt­schaft aus­ge­setzt und pro­fi­tie­ren vom Wachs­tum in den Emer­ging Mar­kets. Das macht sie be­son­ders at­trak­tiv.

Wür­den Sie eher US-Ak­ti­en kau­fen oder sich stär­ker in Eu­ro­pa en­ga­gie­ren? Kauf­ge­le­gen­hei­ten se­he ich vor al­lem in Eu­ro­pa. Dort be­kom­men die In­ves­to­ren ge­gen­wär­tig mehr fürs Geld. Es fin­den sich eu­ro­päi­sche Ak­ti­en­an­la­gen von aus­ge­zeich­ne­ter Qua­li­tät. Und der schwa­che Eu­ro spielt Eu­ro­pas Ex­port­wirt­schaft eben­falls in die Hän­de. Auch hier gilt es wie­der­um, die Ti­tel der­je­ni­gen Un­ter­neh­men her­aus­zu­pi­cken, die am Wachs­tum in Asi­en, Latein­ame­ri­ka und in den üb­ri­gen Emer­ging Mar­kets teil­ha­ben. Nach ein­zel­nen Ti­t­el­emp­feh­lun­gen müs­sen Sie mich nicht fra­gen, das ist nicht mein Res­sort. Das Un­be­ha­gen über den an­hal­ten­den Wert­ver­lust der Ge­mein­schafts­wäh­rung steigt. Vor al­lem in Län­dern, die zu­vor über ei­ne star­ke, sta­bi­le Wäh­rung ver­füg­ten, ist die Angst vor ei­nem Kol­laps des Eu­ros ver­brei­tet. In Deutsch­land zum Bei­spiel möch­ten im­mer mehr Men­schen die D-Mark zu­rück. Wie be­ur­tei­len Sie es, wird schon bald die D-Mark wie­der ein­ge­führt? ER­WAR­TEN SIE EI­NE WIE­DER­EIN­FÜH­RUNG DER D-MARK?

«Ich fa­vo­ri­sie­re die Sek­to­ren Tech­no­lo­gie und In­dus­trie», sagt

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