Ti­tel mit Zug­kraft

Bahn­in­dus­trie wächst auch in schwie­ri­gem Um­feld – Hu­ber+Suh­ner, Lem und Schaff­ner set­zen auf Chi­na – Vom Me­ga­trend In­fra­struk­tur pro­fi­tie­ren

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE - CHRIS­TOPH GISIGER

Die Schweiz hat im Bahn­ge­schäft mehr zu bie­ten als nur Stad­ler Rail. An der Bör­se fin­den sich ei­ni­ge Un­ter­neh­men, die vom Wachs­tum der Bran­che pro­fi­tie­ren.

W enn es um den Bau von Bah­nen geht, ist in der Schweiz meist von der pri­vat ge­hal­te­nen Stad­ler Rail die Re­de. Doch an der Bör­se gibt es auch ei­ne Hand­voll Un­ter­neh­men, die im Ge­schäft mit Roll­ma­te­ri­al mit­mi­schen. Sie pro­fi­tie­ren in der un­si­che­ren Wirt­schafts­la­ge vom ge­mäch­li­chen, da­für aber kon­stan­ten Wachs­tum ei­ner Bran­che, die kaum vom Kon­junk­tur­zy­klus ab­hän­gig ist.

Einst als Aus­laufmo­dell be­lä­chelt, gilt der Schie­nen­ver­kehr heu­te als mo­der­nes Trans­port­mit­tel mit Zu­kunft. Welt­weit soll er Gross­städ­te vom Stau be­frei­en und Wirt­schafts­zen­tren über Hoch­ge­schwin­dig­keits­stre­cken mit­ein­an­der ver­knüp­fen. Hin­zu kom­men ein wach­sen­des Um­welt­be­wusst­sein und der Zwang zu spar­sa­me­rem Ener­gie­ver­brauch. Vie­le Län­der set­zen mit dem je­wei­li­gen Kon­junk­tur­pro­gramm da­her auch auf die­ses In­fra­struk­tur­sys­tem, des­sen Treib­stoff­ef­fi­zi­enz im Ver­gleich zum Stras­sen­ver­kehr fünf-bis sechs­mal hö­her ist. Chi­na et­wa hat al­lein für sei­ne Bahn­in­dus­trie so viel Geld ge­spro­chen wie Ame­ri­ka für sei­ne Ban­ken.

Ehr­gei­zi­ge Aus­bau­plä­ne

Völ­lig ab­kop­peln von der Kon­junk­tur kann sich die Bahn­in­dus­trie je­doch nicht. Der hoch ver­schul­de­te grie­chi­sche Staats­be­trieb OSE bei­spiels­wei­se muss nun ei­nen har­ten Spar­kurs fah­ren, Stre­cken schlies­sen und die Mo­der­ni­sie­rungs­plä­ne stop­pen. Auch in Spa­ni­en, Por­tu­gal, Gross­bri­tan­ni­en und an­de­ren Staa­ten Eu­ro­pas könn­ten Bud­get­kür­zun­gen den Aus­bau des Bahn­ver­kehrs tan­gie­ren. Die Welt ist je­doch gross: In Nah­ost, Nord­afri­ka, In­di­en, Chi­na, Viet­nam, Aus­tra­li­en oder Bra­si­li­en wird wei­ter­hin in gros­sem Stil in­ves­tiert. In der Schweiz ha­ben die SBB Mit­te Mai ei­nen Gross­auf­trag für fast 1,9 Mrd. Fr.

Lem ren­tie­ren am meis­ten

High-Speed-Ge­schos­se ver­ge­ben. Viel von gros­sen Pro­jek­ten ge­spro­chen wird eben­so in den USA und Russ­land, doch ist bis­lang we­nig da­von kon­kret. Ins­ge­samt dürf­te der glo­ba­le Markt auf mitt­le­re Sicht so­mit wei­ter­hin zwi­schen 2,5 und 4% pro Jahr wach­sen, wie ei­ne um­fas­sen­de Stu­die des eu­ro­päi­schen Bran­chen­ver­bands Uni­fe er­gibt.

In schwie­ri­gen Zei­ten hilft das man­chem Schwei­zer Un­ter­neh­men. Rei­ne Bahn­her­stel­ler gibt es am Tableau der SIX Swiss Ex­ch­an­ge zwar kei­ne. Den­noch lässt sich das The­ma in be­grenz­tem Um­fang am hel­ve­ti­schen Ak­ti­en­markt spie­len. Ei­ne Schlüs­sel­po­si­ti­on als Zu­lie­fe­rer be­setzt ABB. Ob­schon die Ener­gie-und Au­to­ma­ti­ons­tech­nik­grup­pe kein Kom­plett­an­bie­ter mehr ist, lie­fert sie vom Mo­tor über den An­trieb bis hin zu den Trans- for­ma­to­ren fast al­le tech­ni­schen Kom­po­nen­ten und ex­pan­diert im zwei­stel­li­gen Pro­zent­be­reich. Wie Wind, Was­ser und neu Smart Grids wird der Markt für Bah­nen als stra­te­gi­sches Wachs­tums­feld be­ar­bei­tet, wo­zu ABB die Kräf­te über ein­zel­ne Di­vi­sio­nen hin­weg bün­delt. Ge­mes­sen am 2009 kon­zern­weit ver­buch­ten Auf­trags­ein­gang von über 30 Mrd. Fr. ist das Bah­nen­ge­schäft mit 1,2 Mrd. Fr. aber (noch) ei­ne klei­ne Ein­nah­me­quel­le.

Deut­lich wich­ti­ger ist der Markt für Hu­ber+Suh­ner. In der Ver­bin­dungs­tech­nik ist die Grup­pe hier welt­weit die Num­mer eins. Aus­ser der Ver­ka­be­lung der Bahn­wa­gen und Lo­ko­mo­ti­ven zäh­len zum Sor­ti­ment auch Pro­duk­te für die An­bin­dung an die Mo­bil­fun­kin­fra­struk­tur oder für Pas­sa­gier­in­for­ma­ti­ons­sys­te­me. Un­ter

hel­ve­ti­sche Kom­po­nen­ten­fer­ti­ger den Kun­den fin­den sich mit Bom­bar­dier, Sie­mens, Al­st­om und Stad­ler Rail die gros­sen eu­ro­päi­schen Zug­her­stel­ler. Hin­zu kom­men lo­ka­le An­bie­ter wie EDI Rail in Aus­tra­li­en und ver­mehrt auch chi­ne­si­sche Un­ter­neh­men. Zum Bei­spiel ist Hu­ber+Suh­ner in den Bau der neu­en Hoch­ge­schwin­dig­keits­stre­cke Schang­hai–Pe­king in­vol­viert. «Wir wach­sen im Markt für Bah­nen seit meh­re­ren Jah­ren weit über­durch­schnitt­lich, und er ist mit ei­nem An­teil von et­was über 20% am Ge­samt­um­satz ein ganz wich­ti­ges Stand­bein für un­ser Un­ter­neh­men», sagt Kon­zern­chef Urs Kauf­mann. Zu­dem sei es ei­nes der at­trak­tivs­ten Ab­satz­seg­men­te, weil An­wen­dun­gen aus al­len der drei Kern­tech­no­lo­gi­en (Nie­der-und Hoch­fre­quenz so­wie Fi­be­r­op­tik) zum Zug kom­men, er­gänzt er.

Vom Trend, dass in den neu­en Hig­htech-Zü­gen im­mer mehr Elek­tro­nik ein­ge­setzt wird, pro­fi­tie­ren auch Lem und Schaff­ner. Sie be­lie­fern nicht mehr nur eu­ro­päi­sche Her­stel­ler, son­dern längst auch asia­ti­sche wie Zhuz­hou Ti­mes oder Ro­tem. So hat Schaff­ner den Um­satz mit Bahnelek­tro­nik im ers­ten Se­mes­ter 2009/10 um rund 50% ge­stei­gert und er­wirt­schaf­tet mit die­sem Ge­schäft in­zwi­schen so­gar am meis­ten Ein­nah­men. «Wir wer­den hier in den kom­men­den fünf Jah­ren ro­bust wei­ter wach­sen, wo­bei ich mit Ra­ten von jähr­lich 10 bis 20% rech­ne», sagt CEO Alexander Ha­ge­mann. Schaff­ner hat sich auf in­te­grier­te Bau­tei­le von Um­rich­tern spe­zia­li­siert, die den Strom für den An­triebs­mo­tor nutz­bar ma­chen.

Qua­li­tät ist Trumpf

Hin­zu kommt, dass im­mer mehr Zü­ge in­ter­na­tio­nal ver­keh­ren. Weil die Strom­über­tra­gung von Land zu Land va­ri­iert, gibt es be­reits Lo­ko­mo­ti­ven mit drei voll­stän­dig un­ab­hän­gi­gen Elek­tro­nik­sys­te­men, wo­für es im­mer mehr Kom­po­nen­ten braucht. «Wie Last­wa­gen wer­den die Zü­ge heu­te auf ei­ner Spur pro­du­ziert. Die ein­zel­nen Mon­ta­ge­tei­le ste­hen da­bei schon be­reit und müs­sen nur noch ein­ge­baut wer­den», sagt Lem-Chef Paul Van Iseg­hem. Das Gen­fer Un­ter­neh­men hat sei­ne Wur­zeln im Ei­sen­bahn­markt und fer­tigt Kom­po­nen­ten zur Steue­rung von Mo­to­ren, Tü­ren und Kli­ma­an­la­gen. In den be­dien­ten Markt­seg­men­ten für Bahnelek­tro­nik be­an­sprucht es ei­nen An­teil von et­was un­ter 70%. Der Um­satz dürf­te sich wie im Fall von Schaff­ner auf ein Fünf­tel der ge­sam­ten Ein­nah­men be­lau­fen.

Zum Aus­bau der Bahn­in­fra­struk­tur braucht es eben­so neue Ge­lei­se. Hier kommt die In­dus­trie­grup­pe Sch­lat­ter ins Spiel, die spe­zi­ell auf den Schie­nen­bau aus­ge­leg­te Schweis­s­an­la­gen baut und da­mit jähr­lich ei­nen nied­ri­gen zwei­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­trag ver­dient. CEO Jost Si­grist ist über­zeugt, dass die­ses Ge­schäft 2010 wei­ter wach­sen wird. Ent­schei­dend ist auch hier, dass die Ma­te­ria­li­en lan­ge Zeit ex­tre­men Be­las­tun­gen stand­hal­ten müs­sen. Im zu­se­hends schär­fe­ren Wett­be­werb ist das Gü­te­sie­gel «Schwei­zer Qua­li­tät» da­her ei­ne wert­vol­le Trumpf­kar­te.

in der chi­ne­si­schen In­dus­trie­stadt Wu­han: Im­mer häu­fi­ger kom­men

zum Zug.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.