Ei­ly Ong

EI­LY ONG Die Ana­lys­tin des World Gold Coun­cil er­klärt, Gold ha­be sich vom Dol­lar-Hedge zur glo­ba­len Wäh­rung und An­la­ge ent­wi­ckelt

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE - IN­TER­VIEW: ELI­SA­BETH TES­TER UND PHIL­IP­PE BÉ­GUE­LIN

Die Ana­lys­tin des World Gold Coun­cil ist über­zeugt, dass Gold so­wohl für In­fla­ti­on als auch De­fla­ti­on gut ist.

Un­ter Öko­no­men wird de­bat­tiert, ob ge­gen­wär­tig In­fla­ti­on oder De­fla­ti­on die grös­se­re Ge­fahr dar­stel­le. In bei­den Fäl­len brin­ge Gold Sta­bi­li­tät ins Porte­feuille, er­klärt Ei­ly Ong, In­vest­ment Re­se­arch Ma­na­ger des World Gold Coun­cil ( WGC), der Lob­by­or­ga­ni­sa­ti­on der Gold­för­de­rer. Dort ist Ong seit dem ver­gan­ge­nen No­vem­ber, zu­vor ar­bei­te­te sie bei Cre­dit Suis­se im Roh­stoff­be­reich.

«Der WGC ist nicht ge­winn­ori­en­tiert. Er ana­ly­siert lang­fris­tig, zeigt Ri­si­ken auf und in­for­miert In­ves­to­ren, No­ten­ban­ken, die Schmuck­bran­che und die In­dus­trie», er­klärt Ong. 2003 war der WGC an der Lan­cie­rung des ers­ten ko­tier­ten Gold­fonds be­tei­ligt. Fi­nan­ziert wer­de er von den gröss­ten Gold­pro­du­zen­ten, die fast 60% des An­ge­bots auf den Markt brin­gen.

Ge­prägt wer­de der Gold­markt al­ler­dings von der Nach­fra­ge. Welt­weit ha­ben Mi­nen bis­lang 165600 Ton­nen ge­för­dert, 51% da­von ha­ben Gold­schmie­de zu Schmuck ver­ar­bei­tet, 18% wer­den als Bar­ren und Mün­zen von pri­va­ten In­ves­to­ren ge­la­gert – auch in­di­rekt in ko­tier­ten Fonds (Ex­ch­an­ge Tra­ded Funds, ETF). Die No­ten­ban­ken hal­ten 17%, und 14% sind an­der­wei­tig ver­ar­bei­tet.

Frau Ong, hat sich am Gold­markt ei­ne Bla­se ge­bil­det? Der Gold­preis wird von den Än­de­run­gen in der glo­ba­len Nach­fra­ge un­ter­stützt. In­ves­ti­tio­nen in Gold sind 2009 sprung­haft ge­stie­gen, vor al­lem in ko­tier­te und phy­sisch un­ter­leg­te Fonds, al­so Gold-ETF. Im ers­ten Quar­tal die­ses Jah­res leg­te der Zuf­luss ei­ne Ver­schnauf­pau­se ein. Statt­des­sen schnell­te der Be­darf der Schmuck­in­dus­trie in die Hö­he – vor al­lem in In­di­en, dem welt­gröss­ten Gold­schmuck­markt. Chi­nas Schmuck­bran­che wuchs wei­ter und ab­sor­bier­te im ers­ten Quar­tal 100 Ton­nen, das ist ein er­staun­li­cher Re­kord. In der Zwi­schen­zeit ha­ben die En­ga­ge­ments in Gold­fonds er­neut zu­ge­nom­men. Die Schmuck­bran­che hat al­ler­dings den gröss­ten Ein­fluss auf die welt­wei­te Nach­fra­ge und so­mit den Preis.

Wes­halb ist die Schmuck­in­dus­trie so wich­tig? Die in­di­schen Kon­su­men­ten re­agie­ren emp­find­lich auf Preis­be­we­gun­gen. Schwankt der Gold­preis in Ru­pi­en und zeigt der Trend nach oben, hal­ten sie sich zu­rück. Im ver­gan­ge­nen Quar­tal ha­ben sie Der An­teil von Gold an der glo­ba­len Ver­mö­gens­al­lo­ka­ti­on be­trägt nur 0,58%. Vie­le Ver­mö­gens­ver­wal­ter hat­ten in ih­ren Man­da­ten bis­lang nicht die Be­fug­nis, in Gold zu in­ves­tie­ren, es wa­ren auch kei­ne Re­fe­ren­zin­di­zes vor­han­den. Nun än­dert sich das. Un­si­cher­heit in Be­zug auf das Wirt­schafts­wachs­tum und die Ent­wick­lung der Wäh­run­gen ist die Fol­ge der Fi­nanz­kri­se. Die­ses Um­feld ist für Gold güns­tig, es hat sich zur in­ter­na­tio­na­len Wäh­rung ent­wi­ckelt.

Gold­preis und Dol­larkurs be­we­gen sich er­fah­rungs­ge­mäss ent­ge­gen­ge­setzt, doch seit ei­ni­gen Mo­na­ten ist die Kor­re­la­ti­on po­si­tiv. Wo­rin liegt der Grund da­für? Die Kor­re­la­ti­on war nie sehr aus­ge­prägt, aber sie hat sich tat­säch­lich ver­än­dert. Frü­her wur­de Gold in die Hö­he ge­trie­ben, wenn der Dol­lar schwach war, und um­ge­kehrt. Das war in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten nicht mehr der Fall, Gold wird nicht mehr nur als Ab­si­che­rungs­in­stru­ment für den Dol­lar be­trach­tet, son­dern gilt als glo­ba­le Wäh­rung und An­la­ge. Die­se Ve­rän­de­rung zeigt auch die Un­si­cher­heit in Be­zug auf die künf­ti­ge Ent­wick­lung des Dol­lars.

Für die Schmuck­in­dus­trie ist der Gold­preis in Ru­pi­en wich­tig. Ha­ben die Wäh­run­gen nicht nach wie vor ei­nen wich­ti­gen Ein­fluss auf den Gold­markt? In­di­ens Kon­su­men­ten re­agie­ren zwar auf den Kurs der Ru­pie, aber an­de­re Fak­to­ren sind wich­ti­ger: Die in­di­sche Zen­tral­bank hat im No­vem­ber vom In­ter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds Gold ge­kauft. Da­mit hat sie ein wich­ti­ges Si­gnal ge­setzt und die Wahr­neh­mung von Gold als si­che­re An­la­ge ge­stei­gert. Der in­di­sche Kon­su­ment, wie auch An­le­ger welt­weit, be­trach­tet Gold in­zwi­schen als Ver­si­che­rungs­po­li­ce.

So­wohl in In­di­en als auch in Chi­na ist Golds­pa­ren tra­di­tio­nell ver­brei­tet. Wes­halb ist die Pro-Kopf-Nach­fra­ge in Chi­na viel tie­fer, ob­schon das in­di­vi­du­el­le Ein­kom­men mehr als dop­pelt so hoch ist? Ver­ant­wort­lich da­für ist die un­ter­schied­li­che Re­gu­lie­rung. Der in­di­sche Gold­markt wur­de 1992 li­be­ra­li­siert, der chi­ne­si­sche erst rund zehn Jah­re spä­ter. Die Shang­hai Gold Ex­ch­an­ge ist seit 2005 in Be­trieb. Der chi­ne­si­sche Markt ent­wi­ckelt sich je­doch enorm schnell.

Wie re­agiert die An­ge­bots­sei­te? Der Gold­markt wird haupt­säch­lich von Nach­fra­ge­kom­po­nen­ten do­mi­niert. Es ist je­doch er­sicht­lich, dass das An­ge­bot schon seit län­ge­rem trotz hö­he­rer Prei­se ab­nimmt. Das Re­cy­cling – die An­ge­bots­kom­po­nen­te, die am schnells­ten re­agie­ren kann – hat im ers­ten Quar­tal deut­lich ab­ge­nom­men, was er­staun­lich ist. Nach der stei­gen­den Wie­der­ver­wer­tung im letz­ten Jahr braucht der Markt nun an­schei­nend ei­nen deut­lich hö­he­ren Preis für schwie­ri­ger re­zy­klier­ba­res Gold.

Wie­so ist der Gold­preis nach dem Leh­man-Kol­laps im Sep­tem­ber 2008 ge­gen 700 $ ge­fal­len? Gold wur­de dank sei­ner ho­hen Li­qui­di­tät ver­kauft, um flüs­si­ge Mit­tel zu er­hal­ten, da In­ves­to­ren im Port­fo­lio Nach­schuss­for­de­run­gen be­frie­di­gen muss­ten. An­de­re An­la­ge­klas­sen, die Ein­bus­sen von 60 bis 90% er­lit­ten, wa­ren fast voll­stän­dig il­li­quid. Der Gold­markt ist auch in Kri­sen­zei­ten li­quid.

Gibt es dem­nach kei­ne Evi­denz, dass No­ten­ban­ken in­ter­ve­niert ha­ben? Die Ver­kaufs­sta­tis­ti­ken der Zen­tral­ban­ken zei­gen ei­ne er­höh­te Ak­ti­vi­tät im zwei­ten und im drit­ten Quar­tal 2007, aber we­ni­ger Ver­käu­fe im Jahr 2008.

Wel­che Rol­le wer­den die Zen­tral­ban­ken künf­tig spie­len? Das ist schwie­rig vor­aus­zu­sa­gen. Sie neh­men ein Re­ba­lan­cing ih­rer De­vi­sen­re­ser­ven auf­grund wirt­schafts-und geld­po­li­ti­scher Über­le­gun­gen vor. Die Gold­re­ser­ven der asia­ti­schen No­ten­ban­ken sind trotz den jüngs­ten Käu­fen äus­serst ge­ring. Ent­schei­den sie sich für ei­ne Auf­sto­ckung, wird das ei­nen Ein­fluss auf den Gold­preis ha­ben. Chi­nas Zen­tral­bank kauft al­ler­dings auch di­rekt von lo­ka­len Pro­du­zen­ten und in lo­ka­ler Wäh­rung, was für sie äus­serst vor­teil­haft ist. Asia­ti­sche Län­der und Schwel­len­län­der wei­sen po­si­ti­ve Leis­tungs­bi­lan­zen auf. Die Re­ser­ven wer­den meist in Dol­lar oder Eu­ro ge­hal­ten, da ist Gold ei­ne gu­te Di­ver­si­fi­ka­ti­on. Eben­falls ei­ne Tat­sa­che ist, dass die west­li­chen Zen­tral­ban­ken nicht mehr ver­kau­fen.

Als Kauf­ar­gu­ment für Gold wird oft sei­ne Funk­ti­on als In­fla­ti­ons­schutz ge­nannt. Das öko­no­mi­sche Um­feld ist zur­zeit aber de­fla­tio­när. Im in­fla­tio­nä­ren Um­feld ten­diert Gold zu ei­ner Out­per­for­mance. Es ist aber auch als De­fla­ti­ons­an­la­ge ge­eig­net: Es ge­währ­leis­tet ei­ne Ka­pi­tal­er­hal­tung und ist ein si­che­rer Ha­fen. Für die meis­ten Län­der ist es schwie­rig, den Weg aus der Re­zes­si­on zu fin­den. In­fla­ti­on als Fol­ge der Ver­schul­dung wird ein The­ma sein. Da die Sti­mu­lus­pa­ke­te je­doch nur die Nach­fra­ge un­ter­stüt­zen, liegt, wenn sie aus­lau­fen, auch ei­ne De­fla­ti­on im Be­reich des Mög­li­chen. Gold ist für bei­de Si­tua­tio­nen ge­eig­net.

Was sind die Ri­si­ken von Gold­an­la­gen? Er­holt sich die Welt­wirt­schaft an­hal­tend und kräf­tig, wird Gold als An­la­ge­klas­se nicht mehr so stark nach­ge­fragt wer­den. Da­für wer­den der in­dus­tri­el­le Be­darf und die Schmuck­nach­fra­ge zu­neh­men. Nach den Avan­cen der letz­ten Mo­na­te be­steht auch das Ri­si­ko von Ge­winn­mit­nah­men.

Der WGC macht kei­ne An­la­ge­emp­feh­lun­gen. Wel­che Form der Gold­an­la­ge fa­vo­ri­sie­ren Sie persönlich? Gold­schmuck!

Ei­ly Ong: «Der Gold­markt ist auch in Kri­sen­zei­ten li­quid.»

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