Die EZB hält sich be­deckt

Al­le Hand­lungs­op­tio­nen sol­len of­fen blei­ben – Leit­zins­ni­veau be­stä­tigt – Kein Hin­weis auf ei­ne Straf­fung – En­de der Pfand­brief­käu­fe?

Finanz und Wirtschaft - - AUSLAND - ANDRE­AS NEINHAUS

Die Me­di­en­kon­fe­ren­zen der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank (EZB) im An­schluss an die mo­nat­li­che geld­po­li­ti­sche Sit­zung sind in­ter­na­tio­nal ein Uni­kum. Sie er­lau­ben, mehr über die Mo­ti­ve und Ab­sich­ten der Be­hör­de zu er­fah­ren, die die Zin­sen und das Geld­an­ge­bot in den sech­zehn Eu­ro­staa­ten fest­legt. An­de­re No­ten­ban­ken las­sen sich nicht so tief in die Kar­ten bli­cken. Am Don­ners­tag hielt sich al­ler­dings auch der EZB-Chef be­deckt. Ein­zel­hei­ten zu den bren­nen­den The­men An­lei­hen­käu­fe, Li­qui­di­täts­steue­rung und Gren­zen von No­te­in­sät­zen lie­fer­te er kei­ne. Den boh­ren­den Fra­gen der Jour­na­lis­ten wich er mit dem Ver­weis auf das Com­mu­ni­qué aus. Je­an-Clau­de Tri­chet gab zu ver­ste­hen, dass sich der EZBRat al­le Op­tio­nen of­fen­hal­ten möch­te.

Be­für­wor­ter die­ser Stra­te­gie ar­gu­men­tie­ren, die EZB kön­ne nur dann wirk­sam auf künf­ti­ge Kri­sen re­agie­ren, wenn sie sich im Vor­aus nicht fest­le­ge. Skep­ti­ker wer­fen der In­sti­tu­ti­on in­des vor, zu sehr dem Prag­ma­tis­mus zu frö­nen und die Prin­zi­pi­en zu ver­nach­läs­si­gen. Bei­de Ar­gu­men­te ha­ben et­was für sich. Aber Prin­zi­pi­en­treue und Glaub­wür­dig­keit sind in der Ver­trau­ens­kri­se, in der sich die Wäh­rungs­uni­on be­fin­det, obers­tes Ge­bot. Tri­chet selbst un­ter­strich es, als er auf das un­ver­rück­ba­re Ziel ver­wies, im Eu­ro­raum Preis­sta­bi­li­tät – sprich: ei­ne In­fla­ti­ons­ra­te von knapp un­ter 2% – zu ga­ran­tie­ren. In dem Punkt sei die EZB un­fle­xi­bel.

Die Pro­gno­se der Be­hör­de für 2011 wur­de ei­ne Idee ver­schlech­tert. Er­war­tet wird ein Wachs­tum des rea­len Brut­to­in­land­pro­dukts (BIP) von 1,2% (Mit­tel des Pro­gno­se­rah­mens von 0,2 bis 2,2%), statt wie bis­her von 1,5%. 2010 soll es zwi­schen 0,7 und 1,3% (Mit­te: 1%) lie­gen (vgl. Ta­bel­le). Die EZB er­war­tet al­so nur ei­ne mo­de­ra­te Er­ho­lung. Die Dif­fe­ren­zen zwi­schen den Eu­rolän­dern wür­den zu­neh­men. Die In­fla­ti­on blei­be ver­hal­ten, was auch das schwa­che Geld-und Kre­dit­wachs­tum na­he­le­ge. Da­her än­der­te die EZB das Leit­zins­ni­veau nicht.

Eu­ro bleibt la­bil

Der zen­tra­le Leit­zins (Haupt­re­fi­nan­zie­rungs­satz) be­trägt 1% – und wird es wohl noch lan­ge blei­ben. Wie die Bank of En­g­land, die glei­chen­tags eben­falls ei­ne Null­run­de be­schloss und die Ba­se Ra­te auf 0,5% be­hielt, sen­den die meis­ten No­ten­ban­ken kei­ne Si­gna­le, um die Märk­te auf ei­ne all­fäl­li­ge Zins­er­hö­hung ein­zu­stim­men. Auch US-Zen­tral­bank­prä­si­dent Ben Bernan­ke ver­mied es am Mitt­woch vor dem Kon­gress, ei­ne Er­hö­hung des seit an­dert­halb Jah­ren zwi­schen 0 und 0,25% ex­trem tief ge­hal­te­nen Ziel­sat­zes für Fed Funds in Aus­sicht zu stel­len. Da­bei er­war­tet das Fed 2010/11 ein be­acht­li­ches Wirt­schafts­wachs­tum von 3,5%.

Aber es geht nur am Ran­de um die Kon­junk­tur. No­ten­ban­kiers kon­zen­trie­ren ih­re ge­sam­te Auf­merk­sam­keit auf die un­be­re­chen­ba­ren Ge­gen­win­de, die von den An­lei­hen-, In­ter­ban­ken-und De­vi­sen­märk­ten kom­men. Tri­chet gab am Don­ners­tag zu ver­ste­hen, dass die Kri­se noch nicht aus­ge­stan­den ist. In die­sem Sin­ne soll­ten An­le­ger auch die plötz­li­che Er­ho­lung des Eu­ros be­ur­tei­len. Er sprang Don­ners­tag über 1.21 $/€. Aber es han­del­te sich um ein iso­lier­tes Phä­no­men: Zum Fran­ken, Pfund und Yen fes­tig­te sich die Wäh­rung kaum (vgl. Gra­fik). Am Frei­tag wur­de 1 € zu 1,3815 Fr. ge­han­delt.

Die Kom­bi­na­ti­on aus ei­ner re­strik­ti­ven Fis­kal­po­li­tik der Re­gie­rung und ei­ner lo­cke­ren Geld­po­li­tik der No­ten­bank las­tet er­fah­rungs­ge­mäss auf dem Kurs ei­ner Wäh­rung. Im Fal­le des Eu­ros, der Leit­wäh­rung des Kon­ti­nents, kommt er­schwe­rend hin­zu, dass nir­gend­wo die Sor­ge über die Bo­ni­tät von Staa­ten so gross ist wie in Eu­ro­pa. Ei­ne Ent­span­nung zeich­net sich nicht ab. Die­se Wo­che muss­te Bul­ga­ri­en – kein Eu­ro­mit­glied, aber als EU-Staat am EZB-Ka­pi­tal be­tei­ligt – Fehl­schät­zun­gen in der Staats­ver­schul­dung ein­ge­ste­hen. Statt 2 be­trug die Net­to­kre­dit­auf­nah­me letz­tes Jahr 3,8% des BIP. Ei­ne De­le­ga­ti­on der Sta­tis­tik­be­hör­de Eu­ro­s­tat flog dar­auf­hin ei­lends nach So­fia.

Mehr Li­qui­di­tät für Ban­ken

Die EZB be­ab­sich­tigt, die Nach­fra­ge nach Li­qui­di­tät wei­ter­hin un­be­grenzt zu be­frie­di­gen. Zu­sätz­lich zu den ein­wö­chi­gen Ge­schäf­ten wird sie am letz­ten Mitt­woch der Mo­na­te Ju­li, Au­gust und Sep­tem­ber je­weils ei­nen Drei­mo­nats­ten­der zur Ver­fü­gung stel­len. Es war die ein­zi­ge Neu­ig­keit in Sa­chen un­kon­ven­tio­nel­le geld­po­li­ti- sche Mass­nah­men, mit der der EZB-Rat am Don­ners­tag auf­war­te­te. An­ders als in der Fra­ge der An­lei­hen­käu­fe fäll­te der Zen­tral­bank­rat die­sen Be­schluss im­mer­hin ein­stim­mig. Vor al­lem die Deut­sche Bun­des­bank (Bu­ba) hat­te in den letz­ten Wo­chen das Bond­kauf­pro­gramm kri­ti­siert, mit dem Markt­stö­run­gen kor­ri­giert wer­den sol­len. Tri­chet ging am Don­ners­tag vor den Me­di­en zwar nicht so weit, Bu­ba-Chef Axel Weber of­fen zu mass­re­geln, aber er­in­ner­te dar­an, dass nur der Ent­scheid des Zen­tral­bank­rats zäh­le.

Seit dem Be­ginn vor ei­nem Mo­nat hat die EZB von Wo­che zu Wo­che we­ni­ger An­lei­hen auf­ge­kauft. Die Vo­lu­men san­ken von 16 auf 6 Mrd. €. Der Be­darf ein­zu­grei­fen ist of­fen­bar ge­schwun­den. Ist die La­ge we­ni­ger akut, oder wirkt We­bers Kri­tik? Dar­über, wel­che (Staats-)An­lei­hen sie er­wirbt, schweigt sich die EZB aus. Auch die zu­sam­men mit dem Fed und an­de­ren No­ten­ban­ken or­ga­ni­sier­ten Dol­lar­s­waps wer­den von den Ge­schäfts­ban­ken kaum in An­spruch ge­nom­men. Tri­chet be­grüss­te die Ent­wick­lung als Zei­chen der Ent­span­nung, lei­te­te dar­aus aber kei­nen Be­darf ab, die Ope­ra­tio­nen ein­zu­stel­len.

In Sa­chen Pfand­brief­auf­käu­fe scheint das die EZB in­des vor­zu­ha­ben. Das im Ju­ni 2009 lan­cier­te 60 Mrd. € schwe­re Pro­gramm en­det die­sen Mo­nat. Am Don­ners­tag wur­de nicht ver­spro­chen, es zu ver­län­gern. Ge­lingt der Über­gang zu ei­nem in­ter­ven­ti­ons­frei­en Pfand­brief­markt rei­bungs­los, könn­te sich die EZB auch über­le­gen, das in die Kri­tik ge­ra­te­ne all­ge­mei­ne Bond­pro­gramm zu stop­pen, zu­mal die in der Eu­ro­grup­pe ver­ein­ten Re­gie­run­gen noch die­sen Mo­nat den Ga­ran­tie­fonds für in Markt­tur­bu­len­zen ge­ra­te­ne Eu­ro­staa­ten in Gang set­zen wer­den.

Pro­gno­se für die Eu­ro­zo­ne

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