Die Ja­pa­ni­sie­rung Eu­ro­pas

Par­al­le­len zu Ja­pan gibt es mehr, als ei­nem lieb ist: Ban­ken- und Kon­junk­tur­schwä­che, Tief­zin­sen, Wäh­rungs­tur­bu­lenz, Haus­halts­kri­se und – was noch fol­gen könn­te – De­fla­ti­on. HELMUT BE­CKER

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE -

Vor dem Hin­ter­grund der Hor­ror­mel­dun­gen von Schul­den­ber­gen al­ler­or­ten darf es kaum ver­wun­dern, dass Re­gie­run­gen, No­ten­ban­ken, die Fi­nanz­wirt­schaft und die An­le­ger Pa­nik­re­ak­tio­nen zei­gen. Seit die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank (EZB) im gros­sen Stil Staats­an­lei­hen Grie­chen­lands und an­de­rer süd­eu­ro­päi­scher Eu­ro­län­der kauft und der Eu­ro trotz gi­gan­ti­scher Bürg­schaf­ten für über­schul­de­te Mit­glied­staa­ten schwä­chelt, geht in Eu­ro­pa das Ge­spenst staat­lich or­ches­trier­ter In­fla­ti­on als des an­geb­lich ein­zi­gen Aus­wegs aus der Schul­den­fal­le um. Gold­preis­boom, Li­qui­di­täts­eng­päs­se am In­ter­ban­ken­markt und die Flucht in Dol­lar, Yen und Fran­ken sind Sym­pto­me ei­ner Ka­pi­tu­la­ti­on vor den Schul­den­ber­gen und ih­ren künf­ti­gen Ver­hee­run­gen der Welt­wirt­schaft.

Tat­säch­lich sind die Schul­den auch eta­blier­ter In­dus­trie­staa­ten seit Aus­bruch der Fi­nanz­kri­se ex­plo­diert. Sie ha­ben die Bo­ni­tät auch von Län­dern lä­diert, die sich aus po­li­ti­schen Rück­sich­ten noch ei­nes Triple-A-Ra­tings er­freu­en, so­dass die EZB dem schlech­ten Vor­bild der No­ten­ban­ken der USA, Gross­bri­tan­ni­ens und Ja­pans ge­folgt ist und selbst vor Ram­schan­lei­hen nicht zu­rück­schreckt. Wer die Staats­schul­den der USA, die ge­ra­de 13 Bio. $ über­schrit­ten ha­ben, mit de­nen von Ja­pan (883 Bio. Yen) und der Eu­ro­zo­ne (7 Bio. €) ad­diert, blickt auf ein Schul­den­mas­siv von um­ge­rech­net rund 31 Bio. $, des­sen Be­die­nung auch zum ge­gen­wär­tig re­kord­tie­fen Zins­ni­veau Fis­kal­pa­ra­ly­se und In­fla­ti­ons­druck sug­ge­riert.

Wachs­tum in Fra­ge ge­stellt

Die Fis­k­alex­zes­se mit wirt­schaft­li­chem Auf­schwung zu recht­fer­ti­gen, hat Scha­den ge­nom­men. Er über­lebt fast nur noch als Ex­port­wachs­tum, was ei­nen Ab­wer­tungs­wett­lauf aus­löst, der wie­der­um in den be­trof­fe­nen Wirt­schafts­räu­men die In­fla­ti­ons­angst nährt – nicht nur im Eu­ro­land, son­dern auch in Chi­na, dem (zwei­fel­haf­ten) Hoff­nungs­trä­ger der Welt­wirt­schaft. War­um soll­te Pe­king sei­nem Be­sitz von US-Staats­an­lei­hen von 895 Mrd.$ (En­de 2001 wa­ren es erst 79 Mrd.$) oder 11,9% al­ler nicht von staat­li­chen In­sti­tu­tio­nen der USA ge­hal­te­nen Tre­a­su­ries wei­te­re Mil­li­ar­den hin­zu­fü­gen, wenn nicht zur Stüt­zung des Dol­lars ge­gen­über dem Yuan? Aus eben die­sem Grund hält Chi­na auch dem schwa­chen Eu­ro die Stan­ge.

Ähn­lich mo­ti­viert zeigt sich Ja­pan mit 766 Mrd.$ Tre­a­su­ries. So­lan­ge Chi­ne­sen und Ja­pa­ner, die ge­mein­sam 22% der nicht von ame­ri­ka­ni­schen Staats­adres­sen ge­hal­te­nen Tre­a­su­ries von 7545 Mrd. $ be­sit­zen, den Dol­lar stüt­zen und die Dol­lar­zin­sen tief hal­ten, kann Washington wie jüngst am G-20-Gip­fel in Süd- ko­rea ei­ne an­ti­zy­kli­sche Haus­halts­po­li­tik pro­pa­gie­ren. In Eu­ro­pa hin­ge­gen dik­tiert der De­vi­sen­markt fis­ka­li­schen Spar­kurs – wie in Ja­pan, wo die Staats­ver­schul­dung in­zwi­schen das Sie­ben­fa­che des jähr­li­chen Steu­er­auf­kom­mens er­reicht hat. Fis­kal­pa­ra­ly­se, Ab­wer­tungs­ängs­te, Re­zes­si­ons­sor­gen und das (ver­meint­li­che) Ge­spenst von In­fla­ti­on oder Stag­fla­ti­on bil­den ei­nen Gift­cock­tail, der Eu­ro­land rui­nie­ren könn­te.

Aus ja­pa­ni­scher Per­spek­ti­ve und mit den Kri­sen­er­fah­run­gen des In­sel­reichs be­trach­tet, ist zu­min­dest die In­fla­ti­ons­hys­te­rie auf ab­seh­ba­re Sicht un­be­grün­det. Ei­ne ex­pan­si­ve an­ti­zy­kli­sche Kon­junk­tur­po­li­tik und ein Jahr­zehnt bil­ligs­ter und fast un­be­grenz­ter Li­qui­di­tät, von den USA un­ter dem Ru­brum Quan­ti­ta­ti­ve Ea­sing sug­ge­riert, ha­ben es in Ja­pan nicht ver­hin­dert, dass das Land noch im­mer in der De­fla­ti­ons­spi­ra­le steckt.

Die­se Leh­ren aus dem ja­pa­ni­schen Lei­dens­weg, der di­rekt in die Über­schul­dung der öf­fent­li­chen Haus­hal­te ge­führt hat, ha­ben die USA und die EU-Län­der in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren igno­riert. Da­bei la­gen die Par­al­le­len zur Ent­wick­lung in Ja­pan seit 1991 auf der Hand: Nach dem Plat­zen der gro­tes­ken Im­mo­bi­li­en­bla­se folg­te ei­ne sys­te­mi­sche Kri­se der Fi­nanz­wirt­schaft mit Not­fu­sio­nen des Ban­ken­ap­pa­rats un­ter staat­li­cher Be­tei­li­gung und dem Bank­rott von sechs Le­bens­ver­si­che­run­gen, ge­folgt von Kon­junk­tur­flau­te, Bör­sen­baisse, Yen­kri­se und Desta­bi­li­sie­rung des Ar­beits­mark­tes.

Mit der ul­tra­lo­cke­ren Geld­po­li­tik war den mul­ti­plen Pro­ble­men nicht zu be­geg­nen. Li­qui­di­tät zum Null­ta­rif wirk­te fa­tal und kon­tra­pro­duk­tiv. Denn der un­er­läss­li­che Ab­bau in­dus­tri­el­ler Über­ka­pa­zi­tät wur­de ver­zö­gert und wies da­mit den Weg in die De­fla­ti­ons­spi­ra­le. Gleich­zei­tig wur­de die öf­fent­li­che Hand zu drei­zehn Kon­junk­tur­pro­gram­men für 130 Bio. Yen (heu­te 1625 Mrd. Fr.) ani­miert, was der Wirt­schaft we­nig half, aber die Haus­halts­kri­se in Gang setz­te.

Dreh-und An­gel­punkt des ge­schei­ter­ten Kri­sen­ma­nage­ments in Tokio war die sys­te­mi­sche Ban­ken­kri­se. Vi­el­leicht hat die Öff­nung al­ler Li­qui­di­täts­schleu­sen Schlim­me­res ver­hü­tet. Aber als Aus­weg aus dem ge­samt­wirt­schaft­li­chen Nie­der­gang hat sie ver­sagt. Trotz Geld­schwem­me ha­ben Ja­pans Ban­ken zwi­schen 1995 und 2004 ih­re Kre­dit­sum­me um 20% oder 90 Bio. Yen (1125 Mrd. Fr.) re­du­ziert, so­dass die lo­cke­re Geld­po­li­tik die Re­al­wirt­schaft nie er­reich­te. Die De­fla­ti­on zwang die ge­sam­te In­dus­trie zum Ab­bau von Fremd­ka­pi­tal und Über­ka­pa­zi­tä­ten in der Grös­sen­ord­nung von 30%. Be­ob­ach­ter in Tokio er­klä­ren die laue Wir­kung der geld­po­li­ti­schen Lo­cke­rungs­or­gie und der ver­zwei­fel­ten an­ti­zy­kli­schen Fis­kal­po­li­tik mit dem Hin­weis auf die «Bi­lanz­re­zes­si­on». Un­ab­hän­gig vom Kri­sen­ma­na­ge- ment der öf­fent­li­chen Hand kann­ten Un­ter­neh­men und Kon­su­men­ten nur das Ge­sund­schrump­fen.

Geld­po­li­tik am Li­mit

Be­son­ders ver­häng­nis­voll war die an­hal­ten­de Null­zins­po­li­tik für die Bin­nen­nach­fra­ge, brach­te sie doch die Spa­rer um ei­ne mi­ni­ma­le Ren­di­te. In der De­fla­ti­on war die Hoff­nung auf Gut­ha­ben­auf­lö­sung zwecks Kon­sum ei­ne Il­lu­si­on. Noch heu­te, nach Ab­schluss der ge­samt­wirt­schaft­li­chen Sa­nie­rung Ja­pans, über­ra­gen die Ein­la­gen bei Ban­ken das Kre­dit­vo­lu­men um 120 Bio. Yen oder 1,5 Bio. Fr.

Hier en­den die Par­al­le­len zwi­schen Ja­pans lan­gem Sie­chen und der Kri­sen­len­kung der USA und der EU. Denn Ja­pan hat­te auch in den dun­kels­ten Jah­ren ne­ben ei­ner leis­tungs­star­ken Ex­port­wirt­schaft ein gi­gan­ti­sches pri­va­tes Net­to­fi­nanz­ver­mö­gen, was man we­der den USA noch der gros­sen Mehr­heit der EULän­der at­tes­tie­ren kann. Nip­pons Wirt­schaft wächst wie­der, aber nach wie vor fehlt den Un­ter­neh­men die Kraft zu Preis­er­hö­hun­gen – mit an­de­ren Wor­ten: Die De­fla­ti­on ist noch nicht ge­bannt.

Nach den ja­pa­ni­schen Er­fah­run­gen liegt es na­he, dass die USA und die EUStaa­ten der Ge­fahr ei­ner de­fla­to­ri­schen Ent­wick­lung viel nä­her ste­hen als der In­fla­ti­on. Schul­den­ber­ge und De­vi­sen­märk­te dik­tie­ren öf­fent­li­che Kauf­kraft­ab­schöp­fung – das deu­tet auf hö­he­re Steu­ern, aber nicht auf stei­gen­de Ein­kom­men hin. Die öf­fent­li­chen Pro­tes­te be­wir­ken so­zia­le Span­nun­gen, von de­nen Ja­pan ver­schont ge­blie­ben ist. So ge­se­hen wä­re ei­ne «Ja­pa­ni­sie­rung» Eu­ro­pas und der USA fast ei­ne be­ru­hi­gen­de Per­spek­ti­ve auf ei­nem län­ge­ren Lei­dens­weg.

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