Miss­trau­en steigt

An­ge­spann­te Fi­nan­zie­rungs­si­tua­ti­on – Li­qui­di­täts­zu­sa­gen der EZB will­kom­men – Neue Li­qui­di­täts­vor­schrif­ten füh­ren zu ho­hem Ka­pi­tal­be­darf – Sek­tor mei­den

Finanz und Wirtschaft - - VORDERSEITE - CLIFFORD PADEVIT,

Hö­he­re Zin­sen für ge­gen­sei­ti­ge Aus­lei­hun­gen wei­sen dar­auf hin, dass der Fi­nan­zie­rungs­stress für eu­ro­päi­sche Ban­ken wie­der wächst. Grund sind Ri­si­ken, aus­ge­hend von Staats­an­lei­hen.

PStruk­tu­rel­les Pro­blem

es­si­mis­ten wür­den be­haup­ten, die nächs­te Li­qui­di­täts­kri­se ste­he be­vor. Ganz so schlimm wie nach dem Un­ter­gang der In­vest­ment­bank Leh­man Bro­thers ist die La­ge der­zeit nicht. Aber die Fi­nan­zie­rungs­si­tua­ti­on eu­ro­päi­scher Ban­ken hat sich in den letz­ten Wo­chen zu­se­hends ver­schlech­tert.

Grund sind die Ri­si­ken, aus­ge­hend von den Staats­schuld­nern in Eu­ro­pa. Denn Ban­ken hal­ten gros­se Tei­le ih­rer li­qui­den Mit­tel in Staats­an­lei­hen und möch­ten die­se als Si­cher­heit hin­ter­le­gen, um an Geld zu kom­men. Zu­dem er­hö­hen die Spar­pa­ke­te das Ri­si­ko, dass die Kon­junk­tur­er­ho­lung ab­ge­würgt wird, was wie­der­um zu Kre­dit­aus­fäl­len füh­ren wür­de. In den Ak­ti­en­kur­sen wird die­se Be­sorg­nis re­flek­tiert. Bank­ti­tel ge­hö­ren zu den schlech­tes­ten Ak­ti­en im lau­fen­den Jahr (vgl. Gra­fik ganz links).

Be­son­ders spa­ni­sche Ban­ken sind der­zeit im Fo­kus (vgl. Text un­ten). Der Chair­man der spa­ni­schen Bank BBVA, Fran­cis­co Gon­za­lez, goss Öl ins Feu­er, als er am Mon­tag sag­te, wenn schon der spa­ni­sche Staat Fi­nanz­schwie­rig­kei­ten ha­be, dann sei­en die Pro­ble­me im Pri­vat­sek­tor noch schlim­mer. «Für ei­nen Gross­teil der Un­ter­neh­men und Fi­nanz­häu­ser sind die in­ter­na­tio­na­len Ka­pi­tal­märk­te ge­schlos­sen», füg­te Gon­za­les hin­zu.

Das ge­stie­ge­ne Miss­trau­en lässt sich im jüngs­ten An­stieg des Li­bor und des Eu­ri­bor ab­le­sen, dem Zins, zu dem sich Ban­ken ge­gen­sei­tig Geld aus­lei­hen (vgl. zwei­te Gra­fik von links). Ein wei­te­res Si­gnal für das ge­gen­sei­ti­ge Miss­trau­en ist der An­stieg der bei der Eu­ro­päi­schen Zen­tral­bank (EZB) ge­park­ten Gel­der auf ein neu­es Höchst An­fang Wo­che. Und selbst im Markt für län­ger­fris­ti­ge Schuld­ver­schrei­bun­gen ste­hen Ban­ken an. Denn an ih­rer Fä­hig­keit, den Kre­dit voll­stän­dig zu­rück­zu­be­zah­len, wird ver­mehrt ge­zwei­felt, ge­mes­sen an den Kre­dit­ver­si­che­rungs­prä­mi­en (vgl. zwei­te Gra­fik von rechts). Eu­ro­pas Ban­ken sind auf den funk­tio­nie­ren­den Ka­pi­tal­markt an­ge­wie­sen, mehr als et­wa die Kon­kur­ren­ten in Ja­pan, aber we­ni­ger als in den USA. US-Ban­ken neh­men am Markt je­doch im Ver­hält­nis mehr lang­fris­ti­ge Schul­den auf, wie ei­ne Un­ter­su­chung von Ci­ti­group zeigt. In Eu­ro­pa stam­men rund 40% der Fi­nan­zie­rung vom Ka­pi­tal­markt. Im Schnitt wird ein Drit­tel der Bi­lanz kurz­fris­tig fi­nan­ziert (vgl. Bal­ken­gra­fik), das heisst mit Kre­di­ten, de­ren Lauf­zeit we­ni­ger als ein Jahr be­trägt. Nicht un­be­rech­tigt ist die Kri­tik, Eu­ro­pas Ban­ken hät­ten ein struk­tu­rel­les Pro­blem.

Denn je kür­zer die Fi­nan­zie­rungs­frist, des­to hö­her das Ri­si­ko, in ei­nen Eng­pass zu ge­ra­ten. In Eu­ro­pa sticht Bar­clays als je­ne Bank her­aus, die am meis­ten kurz­fris­ti­ge Ver­pflich­tun­gen hat (51% der Ver­pflich­tun­gen). Bei den meis­ten grös­se­ren Ban­ken, die über ei­ne In­vest­ment­bank ver­fü­gen (UBS, Cre­dit Suis­se, Roy­al Bank of Scot­land, BNP, So­cié­té Gé­né­ra­le), liegt der An­teil zwi­schen 30 und 40%. Klas­si­sche Kre­dit­ban­ken ver­fü­gen über tiefere Quo­ten. Sie wer­den des­halb als si­che­rer ein­ge­stuft, weil sie zu­dem über hö­he­re Quo­ten von Kun­den­ein­la­gen ver­fü­gen, die als lang­fris­ti­ge Re­fi­nan­zie­rungs­quel­le gel­ten.

Trotz der Ve­r­un­si­che­rung: Meh­re­re Bank­ana­lys­ten deu­ten die Stress­si­gna­le im kurz­fris­ti­gen Geld­markt als noch nicht gra­vie­rend. Zum Bei­spiel wur­den neue Dol­lar/Eu­ro-Swaps der Zen­tral­ban­ken kaum be­nutzt. Zu­dem stellt die EZB wei­ter­hin mas­sen­haft Li­qui­di­tät be­reit, und nimmt das Aus­lau­fen der Zwölf­mo­nats­Li­qui­di­täts-Sprit­ze En­de Ju­ni nicht als An­lass, die Zü­gel der Geld­po­li­tik an­zu­zie­hen. Der Cre­dit-Suis­se-Ana­lyst Jo­na­than Pier­ce rap­por­tier­te aus Ge­sprä­chen mit den bri­ti­schen Ban­ken, sie ver­füg­ten über ge­nü­gend Li­qui­di­tät. Aus­ser­dem rei­chen die Mit­tel heu­te län­ger als da­mals im Herbst 2008. Bar­clays und Lloyds Ban­king ga­ben zu­dem an, den Gross­teil des Be­darfs an lang­fris­ti­ger Fi­nan­zie­rung für 2010 ge­si­chert zu ha­ben.

Stren­ge Li­qui­di­täts­re­geln

In die­sem Um­feld ha­ben es die Än­de­run­gen, wie sie im Rah­men des Re­gel­werks Ba­sel III ge­plant sind, schwer. Denn die Um­set­zung der Vor­schrif­ten zur Li­qui­di­tät, mit der die Re­gu­la­to­ren die Ab­stim­mung von Fris­ten für Ver­pflich­tun­gen und Gut­ha­ben ver­bes­sern wol­len, wür­de be­deu­ten, dass die Ban­ken in Eu­ro­pa je nach Schät­zung 2000 bis 3000 Mrd. € an zu­sätz­li­chen lang­fris­ti­gen, teu­re­ren Mit­teln auf­neh­men müss­ten. Si­mon Sa­mu­els von Bar­clays Ca­pi­tal re­sü­mier­te an ei­ner Te­le­fon­kon­fe­renz am Mon­tag: «Die Li­qui­di­täts­vor­schrif­ten sind viel be­deu­ten­der als die Ka­pi­tal­er­for­der­nis­se».

Kaum ei­ne Bank wür­de der­zeit die neu­en Re­geln für die lang­fris­ti­ge Fi­nan­zie­rung (Net Sta­ble Fun­ding Ra­tio, NSFR) er­fül­len. Die Be­rech­nun­gen der Bank­ana­lys­ten von Cre­dit Suis­se und Bar­clays an­hand der Bi­lan­zen für 2009 ge­hen zwar aus­ein­an­der, was auf In­ter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum hin­deu­tet. Ban­ken, die aber am obe­ren En­de er­schei­nen, al­so ge­mäss NFSR so­li­de fi­nan­ziert, sind HSBC, Stan­dard Char­te­red, Santan­der, Deut­sche Bank, UBS und Cre­dit Suis­se. Ei­ne grös­se­re Lü­cke wei­sen dem­nach RBS, Lloyds Ban­king und die fran­zö­si­schen Ban­ken BNP und So­cié­té Gé­né­ra­le aus.

In Pa­nik aus­zu­bre­chen ist nicht an­ge­zeigt, auch wenn der Stress im Bank­sys­tem zu­rück­ge­kehrt ist. Was die neu­en Li­qui­di­täts­vor­schrif­ten an­geht, so er­war­ten die Ban­ken von den Re­gu­la­to­ren sanf­te­re Re­geln. Die Un­si­cher­heit je­den­falls wird im Bank­seg­ment an­hal­ten; von En­ga­ge­ments ist vor­läu­fig ab­zu­ra­ten.

Der Ver­trau­ens­ver­lust der Ban­ken un­ter­ein­an­der weckt Er­in­ne­run­gen an die Li­qui­di­täts­not nach dem Kol­laps von Leh­man Bro­thers.

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