Heis­se Kar­tof­fel

Finanz und Wirtschaft - - BÖRSEN NEW YORK - FH

In vie­len Bran­chen zählt Ver­trau­ens­wür­dig­keit zu den gröss­ten Tu­gen­den, die ein Un­ter­neh­men be­sit­zen kann. Dies gilt be­son­ders für die Fi­nanz­in­dus­trie: Hier kann ein ram­po­nier­tes Image die Kun­den­be­zie­hun­gen lan­ge Zeit be­las­ten. Dies muss­te auch Va­lue Li­ne (Nas­daq VA­LU, 17.44 $ am Mon­tag, 174 Mio. $ Markt­ka­pi­ta­li­sie­rung) schmerz­haft er­fah­ren. Der re­nom­mier­te US-An­le­ger­ser­vice, der sich selbst als «ver­trau­ens­wür­digs­ter Na­me im In­vest­ment­re­se­arch» be­zeich­net, wur­de im No­vem­ber 2009 von der SEC ver­ur­teilt. Die Bör­sen­auf­sicht kam zum Schluss, Va­lue Li­ne ha­be für Fonds­trans­ak­tio­nen über­höh­te Ge­büh­ren be­rech­net. Da­mit sei­en die Fonds­an­le­ger zwi­schen 1986 und 2004 um über 24 Mio. $ ge­prellt wor­den.

Die Be­hör­de be­leg­te das Un­ter­neh­men mit ei­ner Stra­fe von 43 Mio. $. Auch das Ma­nage­ment kam nicht un­ge­scho­ren da­von: CEO und Haupt­ak­tio­nä­rin Je­an Butt­ner wur­de zur Zah­lung von 1 Mio. $ ver­ur­teilt. Gleich­zei­tig muss­te sie al­le ope­ra­ti­ven Äm­ter nie­der­le­gen.

Ei­ne Iko­ne ver­liert den Glanz

Die­ser Schand­fleck wird noch lan­ge auf dem Kon­zern las­ten, der bis­lang in In­ves­to­ren­krei­sen ei­nen ex­zel­len­ten Ruf ge­noss. Be­reits 1931 wur­de die Ge­sell­schaft von Ar­nold Bern­hard, dem Sohn eu­ro­päi­scher Im­mi­gran­ten, ge­grün­det. Zu Be­ginn der Acht­zi­ger­jah­re wur­de sie un­ter dem Na­men Va­lue Li­ne re­or­ga­ni­siert und 1983 an die Bör­se ge­bracht. Nach dem Tod von Bern­hard über­nahm 1988 sei­ne Toch­ter Je­an Butt­ner die Füh­rung. Die als pin­ge­li­ge Au­to­kra­tin ver­schrie­ne Butt­ner woll­te den Sta­tus quo wah­ren – und ver­schlief wich­ti­ge Trends. We­der wur­de ex­pan­diert noch ei­nem der di­ver­sen Über­nah­me­an­ge­bo­te (et­wa durch den US-Bro­ker Charles Schwab) zu­ge­stimmt.

Den Gross­teil des Um­sat­zes er­zielt das Un­ter­neh­men, das rund 200 Mit­ar­bei­ter be­schäf­tigt, mit der Pu­bli­ka­ti­on von Rat­ge­bern für Ak­ti­en­an­la­gen. Das be­kann­tes­te Pro­dukt ist die re­gel­mäs­sig er­schei­nen­de «Va­lue Li­ne In­vest­ment Sur­vey», die be­reits von US-In­ves­to­ren­le­gen­de War­ren Buf­fett Lob er­hielt. Ei­ne wei­te­re Ein­nah­me­quel­le sind Ma­nage­ment­ge­büh­ren der ei­ge­nen Fonds. Zur­zeit hat Va­lue Li­ne vier­zehn Ve­hi­kel mit ei­nem Ge­samt­ver­mö­gen von 2,3 Mrd.$ un­ter Ver­wal­tung – wo­bei die 2009 auf­ge­deck­ten Be­trugs­fäl­le nicht ge­ra­de für An­le­ger­ver­trau­en ge­sorgt ha­ben.

Butt­ner als gröss­tes Ri­si­ko

Die Va­lo­ren Va­lue Li­ne sind in­zwi­schen auf ein lang­jäh­ri­ges Tiefst zu­rück­ge­fal­len. Be­reits ha­ben sich Stim­men ge­mel­det, die we­gen des mo­de­ra­ten KGV von 12 zum Ein­stieg ra­ten. Doch von ei­ner In­ves­ti­ti­on ist ab­zu­se­hen. Ope­ra­tiv steht das tra­di­tio­nel­le Ge­schäft mit An­la­ge­tipps durch das In­ter­net und kos­ten­lo­se Hil­fe­fo­ren un­ter Druck. Auch ist die Zahl frei han­del­ba­rer Ti­tel sehr ge­ring.

Das gröss­te Ri­si­ko ist je­doch die streit­ba­re Butt­ner selbst, die 86,5% des Ak­ti­en­ka­pi­tals hält: Laut SEC-Ur­teil muss sie sich bis No­vem­ber vom Pa­ket tren­nen oder es in ei­nem Trust un­ter­brin­gen, über den sie kei­ne di­rek­te Kon­trol­le ha­ben darf. Ob­wohl das Un­ter­neh­men nach Zah­lung der SEC-Stra­fe ei­ne Net­to­li­qui­di­tät von nur noch 14 Mio. $ auf­wies, ent­schied sich das Ma­nage­ment, ei­ne Son­der­di­vi­den­de von 30 Mio. $ aus­zu­schüt­ten – mit Butt­ner als gröss­ter Nutz­nies­se­rin. Es scheint fast, als ver­su­che Butt­ner aus der «Zi­tro­ne» Va­lue Li­ne noch die letz­ten Trop­fen raus­zu­pres­sen. In­so­fern sind die Va­lo­ren nicht als heisser Ak­ti­en­tipp zu se­hen – son­dern als heis­se Kar­tof­fel, an der sich In­ves­to­ren die Fin­ger ver­bren­nen kön­nen.

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