No­var­tis muss Pa­tent­klip­pe be­wäl­ti­gen

2011 bis 2015 häuft sich Ablauf von Pa­ten­ten – Ab­hil­fe durch Aus­rich­tung auf Hoch­preis­seg­ment – Al­con-Über­nah­me als Puf­fer – Ak­ti­en un­ter­be­wer­tet

Finanz und Wirtschaft - - SCHWEIZ - ANDRE­AS MEI­ER

Die güns­ti­ge Beur­tei­lung des Me­di­ka­men­ten­kan­di­da­ten Gi­le­nia, des ers­ten ora­len Mul­ti­ple-Sk­le­ro­sePrä­pa­rats, durch ein vor­be­ra­ten­des Ex­per­ten­gre­mi­um der US-Me­di­ka­men­ten­zu­las­sungs­be­hör­de FDA war mehr als bloss ei­ne freu­di­ge Nach­richt für No­var­tis. Der Bas­ler Phar­ma-, Ge­ne­ri­ka-, Impf­stoff-und bald Au­gen­heil­mit­tel-Kon­zern braucht drin­gend Nach­schub in sei­ner Phar­mapa­let­te, denn in den nächs­ten Jah­ren wird der Pa­tent­schutz wich­ti­ger Um­satz-und Ge­winn­trä­ger aus­lau­fen.

Zwei Drit­tel ge­fähr­det

2011 (Eu­ro­pa) und 2012 (USA) wird das um­satz­gröss­te Prä­pa­rat von No­var­tis, der Blut­druck­sen­ker Dio­van (6 Mrd.$ Um­satz), Kon­kur­renz durch Nach­ah­merme­di­ka­men­te er­hal­ten. Das Brust­krebs­mit­tel Fe­ma­ra (1,3 Mrd.$) wird 2011 pa­tent­frei, wäh­rend das Kno­chen­krebs­mit­tel Zo­me­ta (1,5 Mrd.$) bald durch ein, wie Test­da­ten zei­gen, ef­fek­ti­ve­res Mit­tel von Kon­kur­rent Am­gen un­ter Druck ge­ra­ten dürf­te. Zu­dem läuft auch in die­sem Fall der Pa­tent­schutz spä­tes­tens 2013 aus.

Das Krebs­mit­tel Gli­vec ist noch bis 2015 ge­schützt, dann wird der heu­te zweit­gröss­te Um­satz­brin­ger (3,9 Mrd.$) eben­falls Ge­ne­ri­kakon­kur­renz aus­ge­setzt sein. Ge­mäss ei­ner Stu­die der Be­ren­berg Bank sind in den nächs­ten fünf Jah­ren rund zwei Drit­tel des Phar­ma­um­sat­zes von 28,5 Mrd.$ des Bas­ler Kon­zerns vom Ablauf von Pa­ten­ten be­trof­fen.

Der Weg­fall des Pa­tent­schut­zes ist für Phar­ma­kon­zer­ne ein ge­wohn­tes Phä­no­men. No­var­tis hat das in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zu spü­ren be­kom­men. So ha­ben et­wa die Prä­pa­ra­te La­mi­sil, Lot­rel, Trilep­tal und Fam­vir 2006 bzw. 2007 den Pa­tent­schutz ver­lo­ren. De­ren kom­bi­nier­ter Um­satz ist von 2,6 Mrd.$ im Jahr 2006 auf noch gut 500 Mio. $ im Jahr 2008 ge­fal­len. Den­noch ist der Phar­ma­um­satz des Kon­zerns in die­ser Zeit von 22,6 auf 26,3 Mrd.$ (+17%) ge­stie­gen. Ein Ur­alt-Me­di­ka­ment, Vol­ta­ren, fun­giert gar im­mer noch un­ter den zehn Um­satz­spit­zen­rei­tern, ob­wohl der Pa­tent­schutz schon vor bald zwan­zig Jah­ren ab­ge­lau­fen ist. Das Wachs­tum be­ste­hen­der Prä­pa­ra­te, Preis­er­hö­hun­gen so­wie neue Me­di­ka­men­te konn­ten den Aus­fall folg­lich über­kom­pen­sie­ren.

Auch wer­den wo im­mer mög­lich neue Arz­nei­en in der Re­gel mit hö­he­ren Prei­sen ver­kauft als äl­te­re. Am bes­ten durch­set­zen las­sen sich ho­he Prei­se für Prä­pa­ra­te ge­gen schwe­re, kaum be­han­del­ba­re Krank­hei­ten. Nur so war es mög­lich, dass No­var­tis mit dem Krebs­mit­tel Gli­vec mitt­ler­wei­le ge­gen 4 Mrd. $ Um­satz er­zie­len kann. Gli­vec wirkt sehr ef­fek­tiv ge­gen ei­ne Blut­krebs­art, die al­ler­dings sel­ten ist. Auch das neue MS-Prä­pa­rat Gi­le­nia dürf­te von ei­nem ho­hen Ver­kaufs­preis pro­fi­tie­ren. Die jetzt gän­gi­gen MS-Me­di­ka­men­te kos­ten pro Jahr et­wa 30000$ – Gi­le­nia wird mit Si­cher­heit teu­rer sein. Zum Ver­gleich: Ei­ne Jah­res­do­sis pa­tent­ge­schütz­ter Blut­druck-oder Cho­le­ste­rin­sen­ker der neu­es­ten Ge­ne­ra­ti­on kos­tet rund 1000 $.

Teu­re Me­di­ka­men­te ge­gen sel­te­ne, schwer­wie­gen­de Krank­hei­ten – das ist denn auch die Stra­te­gie, die vie­le Phar­ma­kon­zer­ne der­zeit ver­fol­gen. Da­mit soll der pa­tent­be­ding­te Weg­fall äl­te­rer Prä­pa­ra­te nicht bloss kom­pen­siert, son­dern es soll Um­satz­wachs­tum ge­ne­riert wer­den. Auch No­var­tis ver­folgt die­sen An­satz, ver­sucht aber je­weils auch, Nach­fol­ge­prä­pa­ra­te für je­ne, die den Pa­tent­schutz ver­lie­ren, auf­zu­glei­sen. Für Dio­van et­wa wur­de vor rund zwei Jah­ren Tek­tur­na lan­ciert, für Gli­vec steckt das Zweit­ge­ne­ra­tio­nen­prä­pa­rat Ta­si­gna in der Ent­wick­lung. Bei­de Prä­pa­ra­te schei­nen al­ler­dings nur ei­ne ge­ring­fü­gig bes­se­re Wir­kung zu zei­gen. Sie wei­sen da­her ge­rin­ge­res Um­satz­po­ten­zi­al auf als ih­re Vor­gän­ger, aber sie tra­gen den­noch zur Ab­fe­de­rung des pa­tent­be­ding­ten Um­satz­rück­gangs bei.

So­li­de Pi­pe­line

Des­halb ist Gi­le­nia zen­tral zur Über­brü­ckung der ab 2012 spür­bar wer­den­den Pa­tent­klip­pe. Gi­le­nia könn­te ge­mäss Ana­lys­ten­schät­zun­gen ei­nen Um­satz von zwi­schen 2 und 3,5 Mrd. $ auf die Waa­ge brin­gen. Ins­ge­samt hat No­var­tis 145 Me­di­ka­men­ten­kan­di­da­ten in der Ent­wick­lungs­pipe­line. Vie­le pei­len nur klei­ne In­di­ka­tio­nen an oder es sind An­wen­dungs­aus­deh­nun­gen (be­ste­hen­de Prä­pa­ra­te, die ge­gen zu­sätz­li­che Krank­hei­ten ge­tes­tet wer­den). Doch sind auch ge­wich­ti­ge Krebs­prä­pa­ra­te dar­un­ter, et­wa Afi­ni­tor, das ge­gen ver­schie­de­ne Tu­mor­ar­ten ge­tes­tet wird, oder ASA404, für das Er­pro­bun­gen ge­gen Lun­gen-und Brust­krebs lau­fen.

Schwel­len­län­der-Schub

Un­ab­hän­gig von der Ein­füh­rung neu­er Prä­pa­ra­te wird No­var­tis Wachs­tums­schub aus den Schwel­len­län­dern er­hal­ten. Dort (in Bra­si­li­en, Chi­na, Russ­land, Süd­ko­rea und der Tür­kei) wur­de 2009 be­reits 8,9% des Phar­ma­um­sat­zes er­zielt; schon 2012 soll der An­teil 20% be­tra­gen.

Auch die Impf­stoff-Di­vi­si­on (die nicht dem Phar­ma­ge­schäft zu­ge­rech­net wird) dürf­te mit dem neu­en Vak­zin ge­gen Me­nin­gi­tis ei­nen Mil­li­ar­den­sel­ler im Porte­feuille hal­ten. Die Pan­de­mie­um­sät­ze da­ge­gen sind zu un­be­re­chen­bar, als dass sie ei­ne Vo­lu­men­pro­gno­se loh­nen.

So­dann steht im kom­men­den Herbst der Voll­zug der Über­nah­me des Au­gen­heil­mit­tel­kon­zerns Al­con an. Dies be­schert den Bas­lern wei­te­re rund 7 Mrd.$ an Um- satz, der dank ge­rin­ger Fi­nan­zie­rungs­kos­ten zu ver­tret­ba­ren Be­din­gun­gen (Kauf­preis knapp 50 Mrd. $) er­wor­ben wird. In Sa­chen Al­con steht noch die Ei­ni­gung mit den un­ab­hän­gi­gen Al­con-Ver­wal­tungs­rä­ten aus. Auch die Ge­ne­ri­ka-Di­vi­si­on San­doz kann ei­nen (klei­nen) Teil der Pa­ten­t­aus­fäl­le kom­pen­sie­ren. Ins­ge­samt ist No­var­tis gut ge­rüs­tet, den Pa­ten­t­aus­fall der nächs­ten Jah­re zu meis­tern, mög­li­cher­wei­se gar oh­ne nen­nens­wer­ten Um­satz-und Margendruck.

Das Kurs-Ge­winn-Ver­hält­nis 11 spie­gelt dies zu we­nig. Zwar wird der Spar­druck von po­li­ti­scher Sei­te auf die Phar­ma­bran­che an­hal­ten, doch wird er do­siert blei­ben, weil Ge­sund­heit ein kost­ba­res Gut ist, das auf In­no­va­ti­on an­ge­wie­sen ist. Die­se kommt (auch) von der Phar­main­dus­trie – doch nur dann, wenn sie sich fi­nan­zi­ell lohnt. Phar­ma ge­hört mit KGV von 8 bis 12 und ho­hen Di­vi­den­den­ren­di­ten zu den am Ak­ti­en­markt am stärks­ten un­ter­schätz­ten Sek­to­ren. Kurs­rück­schlä­ge soll­ten ge­ra­de auch in No­var­tis zum Zu­kauf ge­nutzt wer­den.

Ge­die­ge­ner Stil­mix: Der No­var­tis-Cam­pus in Ba­sel soll die Er­for­schung neu­er Me­di­ka­men­te för­dern.

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