Ar­beits­mo­del­le ge­sucht

De­mo­gra­fi­sche Al­te­rung kon­tras­tiert mit kul­tu­rel­ler Ver­jün­gung

Finanz und Wirtschaft - - SCHWEIZ - GER­TRUD BOLLIER,

En­de Mai lud die IV-Stel­lenkon­fe­renz zur Plen­ar­ta­gung «50 plus» nach So­lo­thurn. Er­war­ten liess der Ti­tel et­was über die Wei­ter­ent­wick­lung der 1960 in Kraft ge­setz­ten In­va­li­den­ver­si­che­rung, d. h. zur sechs­ten IV-Re­vi­si­on. Doch ge­meint wa­ren de­mo­gra­fi­sche Al­te­rung und ge­sell­schaft­li­che Dy­na­mik.

Par­al­lel zur Al­te­rung voll­zog und voll­zieht sich ein wirt­schaft­li­cher Struk­tur­wan­del. Zwi­schen 1960 und 2006 stieg der An­teil der im Di­enst­leis­tungs­sek­tor Ar­bei­ten­den von knapp 40 auf über 73%. Der Trend zur Ter­tia­li­sie­rung ver­lief Hand in Hand mit Ve­rän­de­run­gen der Bil­dungs­struk­tur. Heu­te sind auch äl­te­re Er­werbs­tä­ti­ge bes­ser aus­ge­bil­det als vor we­ni­gen Jahr­zehn­ten. Die Al­ters­struk­tur der Er­werbs­tä­ti­gen va­ri­iert je nach Wirt­schafts­zweig. Gut ver­tre­ten wa­ren 50-bis 64-jäh­ri­ge Er­werbs­tä­ti­ge 2007 in der öf­fent­li­chen Ver­wal­tung (35%), im Un­ter­richts­we­sen (29) so­wie im Ge­sund­heits-und So­zi­al­we­sen (27). Dem­ge­gen­über war ihr An­teil im Gast­ge­wer­be (17%) so­wie Kre­dit-und Ver­si­che­rungs­be­reich (20) ge­ring.

Wenn Kun­den mehr wis­sen

Zu be­ach­ten ist, dass nicht nur die Er­werbs­tä­ti­gen, son­dern auch die Kun­den äl­ter wer­den (mit mehr Mar­ke­tin­gre­sis­tenz). Künf­tig wird die Er­fah­rung der Kund­schaft oft das Wis­sen der Be­leg­schaft über­stei­gen. Par­al­lel zur Al­te­rung lässt sich ei­ne kul­tu­rel­le Ver­jün­gung fest­stel­len – das sub­jek­ti­ve und chro­no­lo­gi­sche Ren­ten­al­ter klaf­fen um fünf­zehn bis zwan­zig Jah­re aus­ein­an­der –, wie der So­zio­lo­ge François Höpf­lin­ger, vor Au­gen führ­te. Al­ters­nach­mit­ta­ge wer­den in der Re­gel ab dem 86. Al­ters­jahr be­sucht, zu­vor sind die Leu­te in der Frei­wil­li­gen­ar­beit (wo­zu auch die Al­ten­be­treu­ung zählt) en­ga­giert.

Die­se Än­de­run­gen muss die Per­so­nal­po­li­tik der Un­ter­neh­men be­ach­ten, um die be­trieb­li­che Al­ters­po­li­tik als Wett­be­werbs­vor­teil zu nut­zen. Für die Ein­füh­rung von Lauf­bahn­mo­del­len «50 plus» ist ein men­ta­ler Wan­del nö­tig. Tra­di­tio­nel­le Kar­rie­re­we­ge zu ver­las­sen scheint schwer zu fal­len. Das Kon­zept ei­ner Bo­gen­kar­rie­re zeigt, dass sich mit dem Le­bens­al­ter die Schwer­punk­te der ei­ge­nen Wer­te und Mo­ti­ve so­wie des Kom­pe­tenz­pro­fils ver­än­dern kön­nen. Da­bei ver­lau­fen die per­sön­li­che und die lauf­bahn­be­zo­ge­ne Ent­wick­lung in­di­vi­du­ell un­ter­schied­lich.

Mar­cel Oer­tig, Ave­nir Con­sul­ting, un­ter­streicht, dass es ei­ne kla­re Hal­tung der Ge­schäfts­lei­tung braucht, um Mit­ar­bei­ter in der zwei­ten Lauf­bahn­hälf­te, die ei­ne be­ruf­li­che Ve­rän­de­rung wol­len, zu un­ter­stüt­zen. Ar­beits­zeit­mo­del­le sind zu hin­ter­fra­gen, Al­ters­teil­zeit, Teil-Al­ters­rück­tritt mit frei­wil­li­ger Vor­sor­ge sind The­men, die of­fen und trans­pa­rent kom­mu­ni­ziert wer­den müs­sen.

Tho­mas Daum, Di­rek­tor des Ar­beit­ge­ber­ver­bands, führ­te vor Au­gen, dass mit der struk­tu­rel­len Al­te­rung ei­ne sol­che des Aus­bil­dungs­wis­sens ein­her­geht. Je we­ni­ger Jun­ge, d. h. Stu­di­en-und Lehr­ab­gän­ger, in ei­nen Be­trieb kom­men, um­so we­ni­ger neue Er­kennt­nis­se flies­sen ein, was zu we­ni­ger In­no­va­ti­on führt.

In der Schweiz wie auch im kul­tur­na­hen Aus­land zeich­net sich län­ger­fris­tig ei­ne Ver­knap­pung der qua­li­fi­zier­ten Ar­beits­kräf­te ab. Wäh­rend ein­fa­che stan­dar­di­sier­te, orts­un­ge­bun­de­ne Tä­tig­kei­ten im­mer we­ni­ger nach­ge­fragt wer­den, steigt der Be­darf an fach­ge­rech­ten Di­enst­leis­tun­gen und nach wert­schöp­fungs­star­ken, dif­fe­ren­zier­ten Ak­ti­vi­tä­ten mit hö­he­ren Qua­li­fi­ka­tio­nen.

Der Wett­be­werb um Pfle­ge-und Be­treu­ungs­per­so­nal und an­de­re qua­li­fi­zier­te Ar­beits­kräf­te wird zu­neh­men, eben­so die Mi­gra­ti­ons­ab­hän­gig­keit. Die Nut­zung der Ge­ne­ra­ti­on «50 plus» ist für die Ar­beit­ge­ber ei­ne stra­te­gi­sche Not­wen­dig­keit. Da­zu bei­tra­gen müs­sen Ar­beit­ge­ber, Ar­beit­neh­mer und die Ge­sell­schaft. «Wer die­ser Her­aus­for­de­rung aus­weicht», un­ter­streicht Daum, «wird als Ar­beit­ge­ber ver­lie­ren.» Die Po­li­tik ist nun ge­for­dert, die recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen zu schaf­fen.

«Lie­ber IV als So­zi­al­hil­fe»

Der neue Prä­si­dent der IV-Stel­lenkon­fe­renz, Je­an-Phil­ip­pe Rueg­ger, gab zu be­den­ken, dass sich auch die IV-Stel­len dem de­mo­gra­fi­schen Wan­del stel­len müs­sen. Mit der vier­ten und fünf­ten IV-Re­vi­si­on konn­te die Me­di­zi­na­li­sie­rung zum Glück zu­rück­ge­drängt wer­den. Doch für ei­ne bes­se­re In­te­gra­ti­on der äl­te­ren Men­schen gibt es noch im­mer viel zu tun.

Mit dem Hin­weis zur Me­di­zi­na­li­sie­rung schloss er auch den Rei­gen der Re­fe­ra­te, der vom Fri­bour­ger Rechts­pro­fes­sor Er­win Mu­rer er­öff­net wur­de. «Vie­le äl­te­re Men­schen sind lie­ber krank in der In­va­li­den­ver­si­che­rung als ge­sund in der So­zi­al­hil­fe», lau­te­te Mu­rers pro­vo­ka­ti­ve The­se. Durch die Me­di­zi­na­li­sie­rung der (Lang­zeit-)Ar­beits­lo­sig­keit kön­nen Men­schen ihr Ge­sicht be­wah­ren. Wer aber erst ein­mal auf ei­ne IV-Ren­te hofft, kehrt kaum an den Ar­beits­platz zu­rück.

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